Cornelia
Jentzsch: Während der Vorbereitung
auf unser Gespräch mußteich feststellen, Grau unterliegt
nicht nur als Farbe, sondern auch als Thema einer gewissen Diffusion.
Etwas Weitläufiges, Indifferentes, Zerstreutes scheint dem
Grau in jeder Hinsicht anhaftend zu sein. Wie bist Du auf das
Thema gekommen? Es gibt ja immer zwei Möglichkeiten, entweder
durch eine Initialzündung oder in einem allmählichen
Prozeß.
Aris Fioretos: Anfang der neunziger
Jahre verbrachte ich ein Jahr am Getty Center for the History
of Art and the Humanities, einem Forschungsinstitut in Kalifornien.
Zur gleichen Zeit gab es dort noch einen zweiten literarischen
fellow, William Gass, der damals gerade sein Buch über
den „Faschismus des Herzens“, wie er es nannte, beendete,
jenes Werk, das ein paar Jahre später als The Tunnel
erschien. Ziemlich bald fanden wir uns im Gespräch. Ich hatte
Gass bis dahin nur dem Namen nach gekannt und suchte in der Bibliothek
zunächst nach seinen Werken. Darunter fand ich ein kleines,
1975 geschriebenes Buch, das On Being Blue hieß.
Das Werk, dessen Titel sich auf englisch so angenehm im Mund wölbt,
spricht von ,blau‘ oder ,melancholisch sein‘. Es ist
eine idiosynkratische Meditation über eine Farbe und ihre
Bedeutung in der Literatur. Mich hat diese kurze, aber weitreichende
Untersuchung, in der Gass ,blaue‘ Schreibweisen von Joyce
bis Rilke, von Gertrude Stein bis John Fowles nachspürt,
sofort angezogen.
An einer Stelle kommt er auf
Beckett zu sprechen. Am Anfang von Molloy befindet sich
Becketts Romanfigur am Strand, wo er sechzehn sogenannte „Saugsteine“
aufsammelt. Molloy versucht ein System zu erfinden, mit dem er
die Steine auf seine vier Taschen aufteilen und sie zudem noch
durch den Mund zirkulieren lassen kann. Dabei will er jeden Stein
gleichviele Male und gleichlang im Mund behalten. Doch wie kann
er in der Dunkelheit am Strand sicher sein, daß es immer
ein neuer Stein ist, den er in den Mund legt? Wie kann er sich
davon überzeugen, daß alle Steine gleichmäßig
behandelt werden? Es ist die für Beckett typische Schilderung
eines lauernden cartesianischen Wahnsinns. Nach einigen tollkühnen
Buchseiten gibt Molloy seine Bemühungen auf und wirft die
Steine angeekelt fort. Gass hebt diese Passage heraus, um seine
Vorstellung von einem blauen Autor und einem sehr blauen Text
zu exemplifizieren. Für mich ist diese Stelle indes immer
grau gewesen, wie auch Beckett in meinen Augen stets ein grauer
Autor gewesen ist – durchaus im guten Sinne des Wortes.
Minimale Variationen innerhalb eines formal strengen Schemas:
was könnte grauer sein? Ich wollte verstehen, warum wir dieselbe
Stelle, denselben Autor so unterschiedlich sahen. Erst fing ich
an, Gass einen Brief zu schreiben. Er wurde jedoch immer umfangreicher,
so daß ich am Ende ein Traktat verfaßt hatte, das
ich ihm und unseren Kollegen in Kalifornien vorlas. Aus diesem
Text entstand schließlich Den grå boken,
das 1994 erstmals in Schweden und als The Gray Book 1999
in amerikanischer Übersetzung veröffentlicht wurde.
Jentzsch: Wußtest Du zu diesem Zeitpunkt,
daß Grau und Blau etymologisch einen identischen Ursprung
besitzen? Beide entwickelten sich aus der gleichen Ausgangsbedeutung
heraus.
Fioretos: Ich erinnere mich nicht mehr genau.
Wahrscheinlich erfuhr ich es erst im Laufe der Arbeit. Bei Gass
steht die blaue Farbe für ein sensualisiertes, erotisiertes,
sogar sexualisiertes Schreiben. Früher wurde „verbotene“
Literatur übrigens häufig mit Blau verbunden. Es geht
ihm um die Liebe zur und in der Sprache. Als
Symbol dafür könnte man den Füllfederhalter heranziehen.
Seine blaue Tinte kann immer nachgefüllt werden, seine Schrift
bleibt permanent. Dementsprechend steht der Füllfederhalter
gleichzeitig für das Prinzip der Sättigung, also des
Gedächtnisses, und des Beständigen, also des Ewigen.
Dazu wollte ich ein Gegenstück finden. Nach einer Weile stieß
ich auf den Bleistift, den ich die ganze Zeit in der Hand hielt.
Im Gegensatz zum Füllfederhalter ist er endlich. Er wird
immer kleiner, bis er schließlich so winzig ist, das man
ihn fortwerfen muß. Auch seine Schrift bleibt nicht beständig,
sondern kann ausradiert werden – wobei das Geschriebene
auf dem Papier phantomhaft überlebt. Man kann eine Bleistiftspur
ja kaum wirklich entfernen. Mit anderen Worten: Der Bleistift
steht für Endlichkeit und einen gewissen Umgang mit dem Vergessen,
was ihn für mich nicht zuletzt dem Menschen sehr ähnlich
machte.
Jentzsch: Du hast viele verschiedene Autoren
in deinem Buch zu Wort kommen lassen, Beckett vor allem, Getrude
Stein...
Fioretos: Der Text beginnt mit Homer, dem Kronzeugen
unserer Literatur. Aber auch Autoren wie Eustache Duchamps, ein
Dichter des 14. Jahrhunderts, Edward Young und Klopstock werden
eingeladen, um auszusagen. Die Hauptepoche, in der ich Indizien
finde, ist allerdings die Zeit nach der Romantik: Wordsworth,
Poe, Baudelaire, Valèry, Rilke, Dickinson, Arp, Bataille,
Nabokov, der schwedische Dichter Gunnar Ekelöf... Lauter
literarische Rezidivisten! Das Buch hat mich viel Zeit in Bibliotheken
gekostet. Heute kann man die Zitate wahrscheinlich binnen weniger
Stunden mit Hilfe von Suchmaschinen finden. Aber ob das dem philologischen
Trüffelschwein dieselbe Freude bei der Entdeckung eines Fundstückes
bereitet?
Jentzsch: Wie bist Du Beckett auf seiner grauen
Spur gefolgt?
Fioretos: Die Struktur des Buches war ursprünglich
so geplant, daß jedes Kapitel einen „Saugstein“
symbolisieren – sozusagen eine Mundmeditation sein –
sollte. In der amerikanischen Ausgabe habe ich das geändert,
und statt dessen die Finger einer Hand als Organisationsprinzip
genommen. Dafür gab es gewisse Gründe. Dementsprechend
ist die Einleitung der Daumen, gefolgt von vier Fingerübungen.
In beiden Ausgaben versuchen die einzelnen Kapitel die Elemente
und ihren Bezug zur Farbe Grau auszulegen – aber etwas anders
als herkömmlich. Statt Wasser wird von Tränen, statt
Feuer von Rauch, statt Erde von Staub bzw. Kieseln, statt Luft
von Wolken gesprochen. Alles Übergangserscheinungen, womit
ich dem Temporären deutlicher Gestalt geben wollte.
Bei Beckett fand ich, daß
er Grau immer wieder als die Farbe der menschlichen Existenz schlechthin
beschworen hat. Grau steht bei ihm nicht bloß für ennui
oder für Indifferenz, sondern erscheint als die Farbe einer
unendlichen Vielfalt. Das Leben mag trübe sein, bleibt jedoch
unerschöpflich nuanciert. An einer Stelle in seinem Roman
Watt wird einer dieser nichtigen Zeitvertreibe, für
die Beckett bekannt ist, beschrieben, der sehr konkret und zugleich
mit diffuser Bedeutung aufgeladen ist. Der Held betrachtet die
Asche auf dem Herdrost. „So beschäftigte Watt sich
ein Weilchen, indem er die Lampe immer weniger und immer mehr
mit seinem Hut bedeckte und die Asche auf dem Herdrost ergrauen,
erröten, ergrauen, erröten sah.“ Das Wort im Original
ist greyen, ein intransitives Verb, das erst spät
– Ende des 19. Jahrhunderts – in der englischen Sprache
belegt ist. Die Farbe ist entsprechend nicht nur als ein Adjektiv
oder als der Charakter eines Zustandes zu betrachten, sondern
besteht zudem in einem Prozeß. Das interessierte mich, denn
Grau bedeutet ja in meinem Buch nicht nur, ein Gegenstand der
Reflexion zu sein, sondern bezeichnet ebenso einen bestimmten
Umgang mit der Welt.
Jentzsch: Im herkömmlichen Verständnis
ist Grau eine Unfarbe, eine Negativfarbe, weil in ihr fast nichts
passiert. Grau, trist, trostlos – das sagt man so leichthin.
Becketts Texte reizen die Misch- und Übergangsverhältnisse
von grauen und tristen Situationen bis in immer geringere, unwahrscheinlichere
Abweichungen und Nuancen hinein aus. Soweit ich Das graue
Buch verstehe, versuchst Du in einem ähnlichen Ansatz
in möglichst viele gedankliche Schattierungen hinein produktiv
zu werden. Blau bleibt für Dich die Farbe der Romantiker,
mit der Du offensichtlich nicht viel am Hut hast. Da scheint Dir
das unendliche Grau farbenfroher zu sein. Denn das strahlende
Blau erreicht viel schneller ein abgeschlossenes Stadium.
Fioretos: „Es träumt sich nicht mehr
von der blauen Blume. Wer heut als Heinrich von Ofterdingen erwacht,
muß verschlafen haben“, läßt Benjamin in
einem Aufsatz grüßen. „Der Traum eröffnet
nicht mehr eine blaue Ferne. Er ist grau geworden. Die graue Staubschicht
auf den Dingen ist sein bestes Teil.“ So sieht es eine Moderne,
für die der Traum suspekt, die Schlaflosigkeit alles andere
als ein Zustand erhöhter Genialität geworden ist. „Man
könnte sagen“, meinte Baudelaire, „daß
wir Menschen täglich mit einer Kühnheit einschlafen,
die unerklärlich wäre, wüßten wir nicht,
daß sie auf Unkenntnis über die Gefahr beruht.“
So gesehen ist Grau auch die Farbe der Insomnie.
Jentzsch: Bei dir ist sie nicht nur eine vielseitig
einsetzbare und vielfältig aufleuchtende Farbe, sondern spiegelt
auch Bewegung wider, Bewegung als universales Prinzip. „Das
Grau macht eigentlich erst die Zeit lesbar“, schreibst du.
Fioretos: Für Goethe war die erste wirkliche
Farbe ein „glänzender Schatten“ – die Mischung
aus Weißem, Abstraktem und Ideellem, kurz: Geistigem, und
der schwarzen, aus Erfahrungen bestehenden Materie. Eben grau.
Diesen Schatten verband er mit dem endlichen Menschsein. Somit
war die erste wirkliche Farbe überhaupt ein Gemisch; sie
bildete den Grund aller weiteren. In dieser Beobachtung liegt
die DNS meines Buches. Einleuchtend fand ich dabei, daß
man, wenn man eine Scheibe, auf der sämtliche Farben aufgemalt
sind, schnell dreht, auf der kreisenden Scheibe nur Grau sieht.
Senkt man jedoch die Geschwindigkeit – dehnt also die Zeit
aus, versucht sie in Raum zu verwandeln –, sieht man ihre
ganze farbliche Pracht. Das Grau verbirgt einen geheimen Regenbogen.
Diese Dynamik wollte ich für das Buch in Anspruch nehmen.
Es denkt monoman über eine Farbe nach, aber mit einer gewollten
Überfülle an Metaphern. Wenn es argumentiert, dann in
und mit Bildern. Ich nannte diese Schreibweise ironisch
fioriture. Du kennst sicher den Begriff aus der Kunstgeschichte,
wo er für Ornament oder Dekoration, also für das konventionell
gesehen Unwesentliche, fürs Blumige, steht. Ich wollte ein
unangemessenes Buch schreiben, eins, das over the top
war, also alles andere war, als was man herkömmlich als „grau“
identifiziert, und sich somit auch mit den oberflächigen
Effekten der Sprache beschäftigte.
Jentzsch: In der italienischen Sprache bezeichnet
das Wort fiore ja auch direkt die Blume oder Blüte,
verweist also andererseits auf etwas Verlockendes, Auffallendes
und Anziehendes, das einen sogartigen Reiz ausstrahlt.
Fioretos: Natürlich spiele ich mit dem Begriff,
indem ich meinen Nachnamen mit dem französischen Wort für
„Schrift“, écriture, engführe.
Mir ging es darum, mit minimalen Voraussetzungen ein Maximum an
Üppigkeit und Pracht zu erzeugen. Muß ein Buch über
die Farbe Grau selbst grau sein? Dabei kam mir die Blume recht
gelegen, da sie ja die rhetorische Seite der Sprache andeutet.
Es geht in dem Text aber nicht nur um Fülle und Feierlichkeit.
Im Gegenteil. Im Grunde schildert er einen sterbenden Augenblick
in slow-motion. Mein schwedischer Verlag, der durchaus
kommerziell ist, hat sich bei der Gestaltung meiner Bücher
immer merkwürdig tolerant gezeigt. Daher hat die schwedische
Ausgabe von Das graue Buch zwei etwas kostbare Klappen.
Wenn man sie aufschlägt, steht auf der Innenseite auf grauem
Grund in weißer Schrift, also invertiert, eine Liste von
Dingen, die für mich grau sind. Diese bilden metaphorisch
so etwas wie die Urmaterie des Buches. Sie enthalten die meisten
Bilder, die im Text entwickelt und weitergedacht werden. Die etwas
gewagte Idee war, die Klappen sollten die Innenseiten der Augenlider
darstellen – ebenjene Innenseiten, auf denen im Augenblick
unseres Todes angeblich unsere Erinnerungen vorbeihuschen.
Jentzsch: Das graue Buch ist von dir
selbst ins Amerikanische übersetzt worden und kam unter dem
Titel The Gray Book 1999 in der „Meridian“-Reihe
heraus. Jene von Werner Hamacher für die Stanford University
Press editierte Serie, in der ja auch Werke von Agamben, Blanchot,
Freud, Jabès, Levinas und Ponge erschienen sind.
Fioretos: Die Reihe zeigt wahrscheinlich, wo
sich mein Buch theoretisch am wohlsten fühlt. Es ist mir
noch immer etwas unheimlich, aber erst als ich den Text übersetzte
– oder besser gesagt: transmorgraphierte –, hatte
ich das Gefühl, er kam zu sich selbst. Auf einmal wurde zum
Beispiel das Zwiegespräch mit On Being Blue hörbar.
Natürlich mußte auf vieles, was die ursprüngliche
Gestaltung des Buches betrifft, verzichtet werden. Die schwedische
Ausgabe wollte sich auch als Objekt thematisieren. So ist sie
zum Beispiel 18 Zentimeter groß, was der Größe
eines neuen, noch ungespitzten Bleistifts entspricht. Da der erste
Stift, der im Buch zitiert wird (er gehört einem gewissen
Hugh Person), 2/3 groß ist, wurde das Buch dementsprechend
12 Zentimeter breit. Diese Aspekte, sowie viele andere, fielen
in der amerikanischen Ausgabe fort. In beiden Ausgaben gibt es
aber Beispiele des sogenannten type talk, also Stellen,
an denen die typographische Gestalt etwas über den Text aussagt.
Die erste Zeile des Buches ist daher kaum lesbar. Jede neue Zeile
wird etwas schwärzer, bis man auf Zeile neun oder zehn bei
voller Schwärze angelangt ist. Der Leser „fällt“
sozusagen in den Text „hinein“, ungefähr so wie
jemand, der einschläft oder vielleicht auch dabei ist, zu
ertrinken. Bei der schwedischen Veröffentlichung führte
diese Extravaganz dazu, daß etwa 200 Exemplare an den Verlag
zurückgingen. Die Buchhändler dachten, es wäre
ein Druckfehler...
In beiden Auflagen steht auf
der ersten Seite, noch bevor der Text anfängt, ein Zeichen.
Es sieht aus wie ein auf dem Rücken liegendes C, in dessen
Mitte ein Punkt schwebt. Solche Zeichen stammen aus der Typographie
des Mittelalters und wurden cryphia genannt, nach dem
griechischen Wort für „verborgen“ oder „geheim“.
Man setzte sie an den Rand eines Mauskriptes, wenn eine nicht
verstandene, eben „kryptische“ Stelle markiert werden
sollte. Da alles in meinem Buch um das Vage ging, dachte ich,
warum nicht dieses Zeichen dem ganzen Text voranstellen –
und die darauffolgende Auslegung als eine Art Gestaltung der Bedeutung
des Zeichens verstehen? So schildert der Text für mich diesen
Punkt, der über einer hohlen Hand schwebt und langsam nach
unten sinkt. Wenn man so will, könnte man das Zeichen sogar
als einen leicht gewinkelten Bleistift von unten sehen. (Bei Nabokov,
in Pnin, heißt es an einer schönen Stelle:
„Wenn man den kurzen Bleistift schräg hielt, krümmte
er sich wie eine stilisierte Schlange, doch waagerecht gehalten
wurde er ungeheuerlich dick, fast eine Pyramide.“) Heute,
fünf oder sechs Bücher älter, kann ich über
solche Ausgefallenheiten nur den Kopf schütteln. Es wird
mir wohl nie wieder gelingen, soviel Esoterik in ein Werk hineinzupacken.
Jentzsch: Noch einmal zurück zu Goethe,
zu seiner ursprünglichen Verschmelzung der Gegensätze
Schwarz und Weiß, Schatten und Licht. Dieser Moment symbolisiert
gleichzeitig das Anfangsstadium aller Bewegung. Die Antipoden
sind zunächst getrennt und stehen für sich, im Moment
des Kontaktes, einer energetischen Affäre, dem Ineinanderübergehen
und Mischen folgen, kommt ein Ablauf in Gang. Spätestens
in diesem Stadium beginnt Zeit. Das steht natürlich dem Tod,
der Anhalten, Abbrechen und Beenden assoziiert, gegenüber.
Vielleicht nicht unmittelbar dem Moment des Sterbens, wie Du ihn
geschildert hast, aber doch dem Danach.
Fioretos: Das graue Buch schildert ein
phantomhaftes Leben vermittels Erinnerungen, die in Bildern festgehalten
worden sind. Einerseits geschieht dies in der Form eines Essays,
der über Literatur, die ich als „graue“ bezeichne,
zu sinnieren versucht. Andererseits erzählt das Buch seine
eigene Geschichte durch Auslegungen und Inszenierungen anderer
Texte. Es versucht also, die Mittel der Literatur zu aktivieren
(von einzelnen Interpunktionszeichen über Metaphern bis zur
konkreten Buchgestaltung), um über sie zu sprechen. Viele
von den im Buch auftauchenden Bilder kehren wieder. Da gibt es
jemanden, der nach unten fällt, da tritt ein Fuß ins
Leere, da werden Geister aus einer Flasche gelassen... Und ein
ums andere Mal kehren Bleistifte wieder. Es ist ein dynamischer
Vorgang, in dem die Metaphern und Zitate stets neu entfaltet werden,
um zu zeigen, welchen Reichtum sie in sich bergen. Hat man alles
bis zum Ende verfolgt, ist wahrscheinlich, es bleibt nur noch
die Leere, von der Beckett meinte, sie sei grau.
Jentzsch: Die wiederum ein Hinweis auf den Tod
ist. Das Wort „graue Literatur“ gibt es als feststehende
Definition in der Bibliothekswissenschaft. Es bezeichnet Bücher
und Publikationen, die nicht über den Buchhandel vertrieben
werden, die also offiziell nicht vorhanden sind.
Fioretos: Bei den Bibliothekaren steht das Attribut
„grau“ für eine Literatur, für die man keine
funktionierende Gattungsbezeichnung hat. Sie ist weder Fakt noch
Fiktion, also eher unbestimmbar. Als ich diese Bezeichnung entdeckte,
dachte ich, das könnte der Begriff sein für das, was
ich suche. Natürlich benutze ich ihn frei und idiosynkratisch.
Jentzsch: Grau schillert, es zeigt sich sowohl
als Farbe als auch Zustand. Das Wort erteilt Auskunft über
die Abwesenheit von Farben, die ja oft mit Lebendigkeit gleichgesetzt
werden, es kann aber auch über den körperlichen und
mentalen Zustand einer Person Auskunft geben. Wenn jemand ergraut,
verliert er seine Jugend, graues Haar gilt als Zeichen beginnenden
Alters. Das Wort „Greis“ liegt etymologisch nahe.
Um noch weiter zu gehen, der
graue Zustand läßt sich nur in seinem ganzen Umfang
erfassen, wenn man ihn mit einer gleichermaßen grauen, auflösenden,
diffusen, umschreibenden Methode veranschaulicht. Das beschreibst
du ja in deiner Passage zu Edgar Allen Poes „Untergang des
Hauses Usher“. Je unmittelbarer du dich dem Grau, respektive
dem Grauen näherst, je deutlicher sich dieser trüb-opake
Zustand offenbart, desto mehr versagt die ergründende Methode.
Das Grau wird gleichzeitig präsenter und zunehmend weniger
faßbar, deshalb wird es unheimlicher, bedrohlicher, mutiert
schließlich zum Grauen. Es gibt im späten Stadium des
Poeschen Textes keinen fixierbaren Haltepunkt, keinen eindeutigen
Schwerpunkt mehr, die Auflösung ist perfekt, die Mauern des
Schlosses fallen von selbst.
Fioretos: Vielleicht kann man das Graue nicht
fassen, sondern nur zeigen.
Jentzsch: Man kann es zeigen als konstantes Verhältnis
des Ineinanderübergehens, das aber an keiner Stelle festzulegen
ist. Es läßt sich zwar vermuten, daß es einen
Schnittpunkt geben muß, er ist aber nicht verbindlich festzusetzen.
Je diffuser Konsistenz und Beschaffenheit der Übergänge
werden, desto konkreter verweisen sie auf genau dieses Fließende
und sich Wandelnde eines Übergangs. Ich habe viele Anklänge
für diese vorsätzliche Verflüssigung gefunden.
Der französische Philosoph Francois Jullien widmet sich dem
„Faden“, einer Grundkonsistenz aus der chinesischen
Philosophie und Kunst. Er sagt, „Fadheit ist der Wert alles
Neutralen, der allen Möglichkeiten vorausgeht und sie miteinander
verbindet“.
Fioretos: Man kommt vermutlich nicht weit, wenn
man über das Graue, das ja auch das Vage ist, in vager Art
schreibt. Wahrscheinlich sollte man den umgekehrten Weg gehen
und möglichst präzise darüber berichten. Mir war
wenigstens wichtig, daß die Bilder, die vorkommen, Prägnanz
bekamen. Also, sagte ich mir, schreibe lieber „regenbognerisch“
über die Farbe.
Jentzsch: Was genau stellst du dir unter einer
wirkungsvollen Prägnanz und Präzision vor?
Fioretos: Die Metaphern müssen eine Art
Evidenz erzeugen. Dabei ist es natürlich nicht schlecht,
wenn sie durch ihre sprachliche Gestalt zudem schaffen, etwas
im Mund des Lesers zu erzeugen.
Jentzsch: Molloys Steine...
Fioretos: Genau. Die Zungenereignisse. Die Materialität
der Sprache spürbar zu machen, diese Fähigkeit haben
Autoren wie Gass oder Nabokov. Ihre Texte erzeugen nicht zuletzt
kleine Mundmirakel beim Lesen. Auch wenn das Deutsche mir recht
vertraut ist, spüre ich diese Körperlichkeit der Sprache
komischerweise kaum. Im Schwedischen oder Englischen dagegen sehr
deutlich. Bei der Übersetzung des Buches kam es vor, daß
sich Bilder nicht wörtlich übertragen ließen.
Der Wortlaut war einfach nicht der richtige. Die Präzision
fehlte. Dann mußten andere Bilder her, was wiederum Folgen
für die Argumentation bekam.
Jentzsch: Du meinst mit präzisem Bild demnach
ein Bild, das in der Lage ist, einen Zustand erneut eindringlich
im Sinn der Ausgangssituation zu erschaffen? Das Übersetzen
ist ja in diesem Sinn ein äußerst grauer Vorgang. Im
Moment des Übersetzens befindest du dich weder in der einen
noch in der anderen Sprache, sondern dazwischen, am Punkt von
versuchter Deckungsgleichheit, extremen Anreizen und elektrisierenden
Bildvarianten. Die Verläßlichkeit wie Unsicherheit
von Zwischenzonen hat sicherlich viel mit deiner Biographie zu
tun. Wenn man zwischen den Sprachen lebt, kann man schlecht in
nur einer Sprache präzise werden, sondern der optimale Punkt
für Präzision bewegt sich irgendwo dazwischen. Du hast
andererseits beim Übersetzen den Vorteil, die Echoräume
beider Sprachen nutzen zu können. Dadurch steht dir ein größerer
Bereich zur Verfügung, in dem du die Begriffe bewegen und
austesten kannst, um genauer zu werden.
Der Berliner Philosoph Hannes
Böhringer veröffentlichte vor einigen Jahren im Merve-Verlag
ein Buch, das Über die Einfachheit hieß. Er
erläutert verschiedene, für die Philosophie und Kunstgeschichte
relevante Begriffe, unter anderem kommt er auch auf das Fast Nichts
oder „presque rien“, wie es zur Zeit seiner
Entstehung im Barock genannt wurde, zu sprechen, dieses zunächst
unscheinbare Zünglein an der Waage, das letztlich Entscheidungen
auslösen kann. Er schreibt: „Am Anfang, so Lukrez,
waren Leere und Atome. Die fielen wie Regentropfen parallel zueinander,
ohne sich zu berühren. Dann aber passierte etwas, keiner
weiß wieso, fast nichts..., eine winzige Abweichung eines
einzigen Atoms ... die Atome geraten aus der Bahn, Wirbel entstehen,
Welten.“ In der Philosophie und der Physik funktioniert
es nicht anders als in der Sprache und im Goetheschen Farb-Schöpfungsmythos:
man gerät immer wieder in diesen zunächst unscheinbaren
Grauzonenbereich hinein, der aber voller geheimer und unheimlicher
Kraft ist.
Fioretos: Das graue Buch weist wahrscheinlich
einige barocke Züge auf. Nicht zuletzt die Verbindung zwischen
Üppigkeit und Leere, oder Blume und Tod, wenn du so willst,
scheint mir barock. Hinzu kommt natürlich eine gefährliche
Vorliebe für die Allegorie – „gefährlich“,
weil sie immer auch ihre eigene Auslegung mitdenkt und die Lektüre
somit zu einer Art Komplizin macht. Der Text steht in einem theoretischen
Spannungsfeld, das mich damals interessierte. Als ich ihn schrieb,
hatte ich noch ein zweites Leben als Literaturwissenschaftler
an einer amerikanischen Universität. Ich versuchte einen
Weg zu finden, wie ich meine Tätigkeiten als Autor und Akademiker
miteinander verbinden bzw. ein drittes Territorium entstehen lassen
konnte, ohne daß die beiden Rollen allzu sehr miteinander
in Konflikt gerieten. Nicht zuletzt Derrida hat in seinen Schriften
gezeigt, daß die Philosophie immer bereits von der Literatur
heimgesucht ist, sowie die Literatur von Tropen und Figuren zusammengehalten
wird, die man durchaus philosophisch betrachten kann. Dieses Interesse
und die Grauzone zwischen der eigentlichen Literatur und dem Nachdenken
über sie, wofür auch Namen wie Blanchot oder Jabès
stehen, diese Obsession habe ich allerdings heute nicht mehr.
Jentzsch: Was löste diese Obsession auf?
Fioretos: Eines Tages verlor ich die Lust an
Exegese. Ich fühlte nicht länger das Verlangen, mehr
über die Mechanismen der Hermeneutik zu lernen. Alles über
ein Auto zu wissen mag bewundernswert sein; persönlich war
ich mehr am Autofahren interessiert. Ich glaube, ich hatte nicht
nur verstanden, sondern in der eigenen Praxis wirklich erfahren,
als Autor muß man auf seinen Instinkt vertrauen. Das einzige,
was etwas bedeutet, ist der erste Impuls. Du kannst dich jedoch
immer nur auf das ,zweite‘ Wort verlassen, das heißt,
mußt das Wort hinter dem Wort finden – ein Wort gegen
ein passenderes austauschen, dann dieses gegen ein noch passenderes.
Für den Kritiker gilt das Gegenteil. Wenn du in hermeneutische
Abenteuer verwickelt bist, kannst du nie dem ersten Impuls nachgeben.
Du mußt dich stets auf den zweiten verlassen, will sagen,
auf die Reflexion. Meistens genügt dabei allerdings das erste
Wort. (Ich sage dies nicht um den sogenannten literary criticism
zu beleidigen, viele seiner Vertreter sind anständige Autoren.
Aber schau dir die entsprechenden Texte an. Die meisten werden
meinen Eindruck bestätigen.) Diese Differenz ist so etwas
wie das Genom der Literatur. Ich gestehe, es ist eine plattfüßige
Formel und peinlich einfach zu dekonstruieren. Nichtsdestotrotz
entwickelte sie für mich zwei distinkte Wahrheiten über
die Literatur. Und als ich das erkannte, dauerte es nicht lange,
bis ich verstanden hatte, das akademische Leben bot mir in seiner
traditionellen Form nicht, worauf ich aus war.
Hinzu kam, daß mir die
Denkfiguren, die in der Literaturtheorie vorkamen, für die
ich mich damals interessierte, irgendwann zu vertraut schienen.
Immer wieder wurde – durchaus sinnreich, durchaus verschlagen
– gezeigt, wie Möglichkeitsbedingungen eigentlich „Unmöglichkeitsbedingungen“
waren. Ich habe große Sympathie für diese Auffassung
von Literatur, fand ihre Vorgehensweisen aber zunehmend vorhersehbar.
Weil mir die Luft in ihr zu dünn wurde, versuchte ich sie
mit anderen thematischen Bereichen zu infizieren – fing
an, mich ernsthafter mit Biologie, Medizin- und Kulturgeschichte
auseinanderzusetzen –, auch um zu testen, ob sie das aushielte.
Blanchot, die eminence grise schlechthin einer gewissen
Literatur, hat nur selten seine beiden Tätigkeiten –
einerseits als Autor von Romanen und Kurzgeschichten, andererseits
als Kritiker, sogar Theoretiker der Literatur – miteinander
verbunden. Ihm gelang es, sich nicht treu zu bleiben. Bei Blanchot
sind die beiden Tätigkeiten zwei Welten, die sich manchmal
überschneiden, manchmal auch nicht. Diese Haltung schätze
ich zunehmend. Heute betrachte ich die Bücher, die ich bis
Mitte der neunziger Jahre schrieb, zwar nicht ohne Nachsicht,
wohl aber aus einer kaum kleiner werdenden Distanz. Sie sind von
einem Autor geschrieben worden, dessen Vorlieben mir nicht mehr
vertraut sind.
Jentzsch: Denkst du, daß die Dekonstruktion
als Theorie und Methode an einem unwiderruflichen Endpunkt angelangt
ist?
Fioretos: Mit dem Begriff eines „Endpunktes“
wäre ich vorsichtig. Gerade die Dekonstruktion hat ja gezeigt,
wie widersprüchlich solche Vorstellungen sind. Der Begriff
eines Endes mit seinen eschatologischen Vorstellungen ist inzwischen
zutiefst verunsichert worden. Man kann sozusagen vor lauter Aufhören
nicht enden.
Jentzsch: Ich habe als universelles Symbol dafür
sofort das Unendlichkeitszeichen der Mathematik vor Augen. Vermutlich
werden, das Ende vom Anfang her betrachtet, auch die Astrophysiker
niemals einem eindeutigen Moment der Weltentstehung begegnen.
In keinem materiellen wie ideellem Forschungsbereich scheint man
heute Ursprünge unmißverständlich definieren zu
können, obwohl man diesem Ziel immer näher zu kommen
glaubt. Die Ahnung macht sich breit, daß die Methoden des
unendlichen Zerkleinerns und Untersuchens in ihrer Summe nichts
Neues bringen werden, denn alles bewegt sich nur erneut in permanent
unendliche Felder hinein. Das heißt, irgendwann verändert
der neugierige homo sapiens einfach nur zwangsweise die
gerade favorisierte Methode, um die, wie er meint, substantielle
Bewegung des Forschens weiter aufrecht erhalten zu können.
Fioretos: Teufel sei Dank muß man als Autor
nicht viel über den Motor seines Fahrzeuges wissen, um sich
beim Fahren vergnügen zu können.
Jentzsch: In der Mathematik, die schlechthin
als Präzedenzfall für Exaktheit und Präzision gilt,
gab es im vorigen Jahrhundert eine interessante Entwicklung. Diese
Zahlenwissenschaft konnte im Bereich der Computerentwicklung nur
noch genauer dort werden, wo sie statt klar festgelegter numerischer
Ausgangsparameter plötzlich ungenaue, diffuse benutzte. Es
entstand die sogenannte fuzzy logic oder „unscharfe
Logik“. Mit ihrer Hilfe vermochten die Mathematiker einem
Computer endlich den obligaten Spielraum, der ansonsten ausschließlich
zwischen Ja und Nein, zwischen Schwarz und Weiß lag, zu
erweitern. Durch die Einführung sogenannter linguistischer
Variablen, die zum ersten Mal Zwischenwerte bzw. Wahrheitswerte
wie „ziemlich“ oder „annähernd“ zuließen,
erreichten mathematische Berechnungen jetzt Übergangszonen,
die ansonsten nicht greifbar gewesen wären. Komplexe Vorgänge
lassen sich also dort am genauesten erfassen, wo man ihnen weitläufigen
Raum zum Abweichen läßt. Vielleicht sollte man an dieser
Stelle den Begriff der Präzision ergänzend präzisieren.
Fioretos: Du sprichst vom Einführen von
Grauzonen in genau kalkulierten Denkfeldern. Ungefähr so
stelle ich mir vor, daß man mit dem Ungenauen, bzw. Unpräzisen
umgehen könnte. Hier wird das „Grau“ sozusagen
zum Platzhalter.
Jentzsch: Wann funktioniert für dich am
prägnantesten und präzisesten deine Sprache?
Fioretos: Es ist wahrlich eine Rarität,
dieses Gefühl von Unausweichlichkeit. Bestimmt lassen sich
solche Momente an den Fingern einer Hand abzählen. Ich bin
eigentlich ein notorischer Umschreiber – und zudem Prosaautor.
Ich kann also keinem Reim oder Metrum die Aufgabe überlassen,
zu entscheiden, wann eine Zeile ,fertig‘ ist. Bei der Arbeit
gibt es meistens einen Punkt, an dem die eher ernüchternde
Einsicht einkehrt: ich muß mich zufrieden geben. Diesen
demütigenden Moment versuche ich immer so weit vor mir her
zu schieben, bis ich den Eindruck bekomme, nun läßt
sich kaum noch ein Wort entfernen – und schon gar nicht
hinzufügen. Nun schwebt der Text von selber. Dann wirst du
als Autor vom Text aus dem cockpit herauskatapultiert.
Dir bleibt nur übrig zu schauen, daß du schön
auf die Füßen landest.
Jentzsch: Könntest Du diesen optimalen Zustand
noch schärfer fokussieren?
Fioretos: Bei der Faszination für ein Thema,
ein Sujet, geht es mir ähnlich. Lange sammele ich Beobachtungen
und Eindrücke, Fetzen von Dialogen, Phrasen und Attribute.
Aber erst wenn ich den richtigen Magneten gefunden habe, um ihn
in diesem Spannungsfeld einzuführen (es kann ein gewisser
Ton sein, aber auch eine Eigenheit einer Romangestalt oder einer
bestimmten Spannung zwischen dem, was gesagt, und dem, was ausgelassen
wird), erst dann fangen die Splitter an, sich in Mustern zu ordnen.
Dafür muß man vor allem immer wieder versuchen, seine
Aufmerksamkeit zu schärfen.
Jentzsch: Das graue Buch scheint für
dich so ein Spannungsfeld darzustellen. Es enthält zahlreiche
Splitter: Anspielungen, Zitate, Verweise auf Autoren quer durch
die Jahrhunderte, Gedanken, Historisches, Projektionen, um nicht
zu sagen Projektile. Alles das wird vom Magneten „Grau“
zusammengehalten und ausgerichtet. Übrigens besitzt das Mineral
Magnetit tatsächlich eine graue, und zwar eine dunkelgrau-
bis schwärzliche Färbung. Was reizt dich an diesen denkarchäologischen
Splittern und Scherben?
Fioretos: Es gibt die berüchtigte Belegstellengermanistik,
die Fundstücke mit wenigen Sätzen zusammenfügt,
um das Ganze als Dissertation durchzusetzen. So etwas interessiert
mich nicht. Wenn ich solche Arbeiten lesen muß, leide ich
immer an Verstopfung. Aber ich neige zu einer gewissen Sammlertätigkeit.
Das graue Buch lebt nicht zuletzt von Textstellen, die
wie Wrackstücke an einen Strand gespült werden. Doch
anders als die Promovierenden wollte ich mit diesen Fundstücken
spielerisch umgehen. Meine Zitate färben ja auf den umgebenden
Text ab, was sich kein Wissenschaftler erlauben kann. Eine Stelle
von Nabokov aus dem berühmten dritten Kapitel von Transparent
Things („Durchsichtige Dinge“) – wo er
durch die Augen seiner Hauptperson, Hugh Person (ein Name, der
auch als ein kleiner Appell an den Leser – you, person
– verstanden werden kann), die Regression eines Bleistiftes
bis zu dessen Anfängen in Shakespeares Todesjahr, 1616, in
Keswick in England zurückspult –, taucht zum Beispiel
bruchstückhaft im Buch auf. Immer wieder kehrt mein Text
zu den Vorstellungen zurück, die hier zum Ausdruck gebracht
werden.
Jentzsch: Das Wort „Grau“ entstand
aus einer viel helleren Bedeutung, als sich aus der jetzigen Verwendung
ahnen lässt. „Grau“ entwickelte sich aus der
Wurzel ghre- heraus, die ursprünglich Strahlen,
Glänzen oder Schimmern meinte. Dieses Lichthafte hat sich
im Lauf der Sprachgeschichte in seinen Schatten verkehrt. Mit
Grau verbinden wir heute Assoziationen wie Beton, stumpf, trüb,
neblig, schlicht Tristesse eben. Die etymologische Verdunkelung
des Wortes erreicht im „Grauen“ sogar den Grad einer
tiefgreifenden existentiellen Furcht.
Fioretos: „Grau“ hat eine onomatopoetische
Qualität, die ich mag. Il fait gris, sagt Clov zu
Hamm. Gris! GRRIS! Herrlich, dieses gr. Während
der Arbeit am Buch interessierte es mich, die verschiedenen Themenbereiche,
die sich durch diesen kratzenden Laut öffnen, zu erforschen.
Er steht ja in einem gewissen Gegensatz zur Blähung des „Blau“,
diesem protuberantischen bl, das etwas Sinnliches, wenn
nicht Erotisches hat, und von dem viele Autoren – Joyce,
Stein, Gass – fasziniert gewesen sind. Mich lockte es, in
beide dieser entgegengesetzten Richtungen weiterzudenken.
Jentzsch: In den Anfangskonsonanten gr
erscheint sofort ein Widerstand. Die Farbe bekommt dadurch etwas
Taktiles und verfestigt sich praktisch in eine Konsistenz. Grau
verbindet man sofort mit hartem Gestein. Es steigert sich bis
in Situationen extremen Empfindens, auch Widerwillen – beispielsweise
gegen das Grauen – ist eine harte Entgegensetzung. Eine
interessante Entwicklung, wie ein Wort mit Energie beladen wird,
oder besser noch, wie ihm Energie entzogen wird. Kannst du noch
etwas zur Evolution des Wortes „Grau“ in den einzelnen
Kapiteln deines Buches sagen?
Fioretos: Im ersten Kapitel geht es um Tränen,
das heißt, um liquide Zustände und Verflüssigung
– vor allem vielleicht um die Verflüssigung eines als
feste Größe, oder besser: Kontur, verstandenen Ichs.
Die Urszene dieser ,Liquidation‘ fand ich im ersten Buch
der Ilias. Darin entfernt sich der enttäuschte Achilles
von den übrigen Griechen, weil Agamemnon die eigentlich ihm
zustehende Beute zugesprochen wurde. Achilles sondert sich ab,
behauptet seinen Status als Individuum und geht zum Strand hinab.
Als er über das Meer blickt, kommen ihm die Tränen.
Später wird Thetis, seine dem Wasser entstiegene Mutter,
ihn trösten und schließlich überreden, ins Kampfgetümmel
zurückzukehren. Davor befindet sich Achilles aber
in einer Art Grauzone, allein und verstimmt. Homer bezeichnet
das Wasser, worauf sein Held schaut, als ein „graues“.
Das hat mich elektrisiert, denn soweit ich weiß, ist dies
die erste Stelle in der westlichen Literatur, wo die Farbe mit
einem mentalen Zustand sozusagen korrespondiert. Das Wasser vor
Achilles Augen erweckt ja bei ihm die Tränen in
seinen Augen. Subjekt und Objekt lassen sich nicht mehr deutlich
voneinander trennen. Das Ich und die Welt verschwimmen ineinander
– so wie wir es beim Weinen so peinlich erleben müssen.
Jentzsch: Wenn man den grauen Punkt verläßt,
kommt man entweder zu weiß oder zu schwarz. Also impliziert
Grau zwangsweise stets den Umkehrpunkt. Rein optisch kann der
Mensch übrigens etwa 500 Grautöne unterscheiden.
Fioretos: Diese Grauzone ist sehr reichhaltig,
mit ihr kommt die Dramatik der Illias erst wirklich in
Gang. Ohne die Differenz zwischen Heer und Held, Gemeinde und
Individuum, würde der Text seine ganze Tragik nicht entfalten
können. Erst nachdem Patrokles stellvertretend für Achilles
stirbt, begibt sich der Held des Epos wieder ins Gefecht. Die
Grauzone, in der er sich befunden hat, erweist sich als Übergangserscheinung.
Nun kehrt das Kriegesglück zu den Griechen zurück. So
habe ich nach anderen Stellen gesucht – wie etwa bei Valèry,
Ekelöf oder Arp, der übrigens ein schönes Lied
geschrieben hat, „Die graue Zeit“ genannt, in dem
er der Beziehung zwischen dem Grau und Tränen nachgeht –,
wo ähnliche Verflüssigungen zwischen Ich und Welt stattfinden.
Bataille hat den Prozeß auf den Punkt gebracht, indem er
vom Tränenvergießen als quelque chose de grisant
sprach.
Das zweite Kapitel behandelt
den Rauch und seine verschiedenen Übergangsformen. Kulturgeschichtlich
wird die Melancholie wohl zumeist mit Tränen und Flüssigkeiten
verbunden. Ich suchte ihre trockene Variante und stieß auf
etliche Texte, in denen Schwermut mit Dunst, Dampf und Gewölk
verbunden wird.
Jentzsch: Die Extreme Feuer und Wasser nähern
sich genau in dieser Konsistenz an: Rauch läßt sich
schwer von Nebel unterscheiden.
Fioretos: In seiner Erzählung über
den „Untergang des Hauses Usher“ zeigt Poe, wie unheimlich
diese Erscheinungsform des Grauen sein kann. Die Zerbröselung
von Strukturen, die man in diesem Text verfolgen kann, wird im
dritten Kapitel des Buches aufgenommen. Hier geht es um grain,
das französische Wort für „Korn“ oder „Körnigkeit“.
In einem seiner schönsten Texte spricht Roland Barthes über
das „Körnige“ einer Stimme...
Jentzsch: Er bezieht sich vermutlich auf das
Timbre, die individuelle Färbung einer Stimme?
Fioretos: Richtig. Er meint, gäbe es dieses
Kratzende nicht, wäre die Stimme eines Opersängers bloß
perfekt. Erst durch das grain erhält sie ihre Idiosynkrasie,
die kleine Abweichung vom Erwarteten, was die wirkliche Schönheit
ermöglicht. Durch das Körnige bekommt die Stimme ihre
Einmaligkeit; erst durch es wird sie erkennbar. Man kann aber
schwer sagen, worin dieses grain besteht. Hat es wirklich
eine eigene Materialität? Diese Frage führt im dritten
Kapitel zu einer längeren Meditation über die Null –
als Ziffer, Zahl, Zeichen, Figur. Die Null, eine späte Entdeckung,
die erst mit der arabischen Kultur in die europäische kam,
ist ja fast nichts. Aber eben nur fast. Denn als Zeichen besitzt
sie eine hartnäckige Materialität. Auf den Rechentafeln
der Römer konnte sie nur durch Abwesenheit einer Markierung
gezeigt werden. Mit der arabischen Null bekam man endlich einen
konkreten Platzhalter.
Jentzsch: Dabei ermöglicht die Null, wenn
man sie nicht als Abwesendes und Leeres begreift, sondern als
Summe mathematischer Möglichkeiten, überhaupt erst das
Rechnen mit komplizierten Formeln. Die Mathematik, wie wir sie
heute kennen, konnte sich erst aus der Vorstellung einer überfüllten
Zone heraus entfalten.
Fioretos: Für mich hat das, was Barthes
grain nannte, diese Qualität. Es ist der Platzhalter
eines „fast Nichts“. Nehmen wir ein Beispiel aus der
Literatur: Josefine, die Sängerin der Mäuse bei Kafka.
Sie gehört einem Volk an, das angeblich „Musik nicht
liebt“. Sie aber, als einzige, hegt diese große Sehnsucht
nach Musik „und weiß sich auch zu vermitteln; sie
ist die einzige; mit ihrem Hingang wird die Musik – wer
weiß wie lange – aus unserem Leben verschwinden“.
Trotz Josefines einzigartiger Stellung unter den Mäusen ist
ihr Gesang dennoch nichts Bemerkenswertes. Eigentlich „müßte
man vor diesem Gesang zunächst und immer das Gefühl
des Außerordentlichen haben, das Gefühl, aus dieser
Kehle erklinge etwas, was wir nie vorher gehört haben und
das zu hören wir auch gar nicht die Fähigkeit haben,
etwas, was zu hören uns nur diese eine Josefine und niemand
sonst befähigt.“ Aber, behauptet Kafkas anonymer Erzähler,
„gerade das trifft aber meiner Meinung nach nicht zu, ich
fühle es nicht und habe auch bei andern nichts dergleichen
bemerkt“. Timbre, Volumen, Färbung – all die
Merkmale des echten Gesangs fehlen. Kurzum: Josefine bietet ein
Singen ohne Gesang. „Wenn darin etwas von Musik enthalten
sein sollte, so ist es auf die möglichste Nichtigkeit reduziert.“
Jentzsch: Im letzten Kapitel deines Buches kommst
du schließlich auf eine Substanz zu sprechen, die - schwebend,
zerstreut, undurchsichtig und weißlichgrau - eine nochmalige
Verdichtung des zweiten Elements aus der philosophischen Lehre
des Empedokles ist. Es führte wohl als erster die vier Elemente
Feuer, Luft, Wasser und Erde, auf die du dich ja in deinem Buch
beziehst, in die klassische Philosophie ein. Der Grieche war der
Ansicht, es gibt kein Werden und Vergehen, also wenn du so willst
keinen schwarzen oder weißen Endzustand. Die Welt besteht
grundsätzlich nur aus Mischung und Entmischung. Empedokles
war ein früher Vertreter der „grauen“ Variante.
Fioretos: Das vierte Kapitel richtet den Blick
in die Luft, dorthin, wo Josefines nichtiges Singen verklingt.
Es enthält einige Meditationen über Wolken – von
Wordsworth und Baudelaire bis hin zu Friedrich Theodor Vischers
merkwürdigem „Graues Lied“ –
Mir ist, als wär‘
ich selber Grau in Grau,
Zu viel der Farbe scheint
mir selbst das Klagen,
Ob Leben Nichts, ob Leben
Etwas ist,
Wie sehr ich sinne, weiß
ich nicht zu sagen.
– und danach löst sich das Buch sinngemäß
auf.
Jentzsch: Mit anderen Worten, das Buch stellt
in seiner eminenten „grauen“ Funktionsweise und in
seiner nuancierten Anwesenheit exakt das dar, worüber es
gerade spricht. In der Mathematik steht als Abschluß unter
längeren logischen Operationen: quod erat demonstrandum.
Fioretos: Wenigstens flirtet der Text mit der
Spannung zwischen Sagen und Tun, Thema und Figur. An Einsichten
mag für den Leser wenig dabei herauskommen, aber zumindest
das ist geschehen: Die Zeit, die er braucht, um vom einen Buchdeckel
zum anderen zu gelangen, hat sich ereignet. Das ist ein „fast
Nichts“, eine „möglichste Nichtigkeit“,
die sich nicht rückgängig machen läßt. Dieser
sich bei der Lektüre entfaltenden Temporalität habe
ich oft näher zu kommen versucht. Dank des Versinkens in
einen Text bildet sie für mich einen Raum, eine Grauzone.
Man steigt in eine „andere“ Zeit ein, bleibt dennoch
auch in der alten. Man löst sich, wenn man wirklich von einem
Buch erfaßt wird, als aktives Subjekt ja immer leicht auf.
Ich finde diese Erfahrung lustvoll und habe sie in manchen Büchern
thematisiert. Aber keins ist wohl dabei so radikal gewesen wie
Das graue Buch. Heute sind mir seine theoretischen Bemühungen
fremd geworden. Nur diese Erfahrung einer „anderen“
Temporalität ist mir immer noch sehr nah. Wie schreibt Hans
Arp?
Ich fühle wie die graue
Zeit durch mich zieht.
Sie höhlt mich aus.
Sie bleicht meine Träume.
Sie zieht schon so lange durch
mich.
Ich liege am Strand eines
ausgeflossenen Meeres
am Rand einer ungeheuren Muschel.
Es zerbröckelt es verwittert
um mich
und rinnt in die Tiefe.
Langsam zerfällt der
Raum.
Etwas Lust am Untergang muß noch sein.
Berlin, im Januar 2006
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