Die S-Bahn war es.
Ihr fernes Grollen, das wie unterirdischer Donner klang. Als er,
die Hände im Nacken verschränkt, auf dem Sofa liegend,
dem Geräusch lauschend, dabei einschlief, ahnte er, den Puls
der Stadt gefunden zu haben. Den Soundtrack Berlins. Ein beständiges
Rasseln, „wie Rosenkränze in den Händen Herthas“.
Ungefähr so
hat er in einer hiesigen Tageszeitung davon berichtet, wie alle
Eindrücke damals, bei seinem ersten Berlin-Besuch Ende der
Siebziger Jahre, in einem einzigen Ton zusammenschmolzen. Wie
sich der Ton dann, Jahre später, als ein topos herausstellte.
Zufällig stieß er in Los Angeles auf eine englische
Ausgabe von Maschenka, Vladimir Nabokovs Debütroman,
1925 in Berlin fertiggeschrieben. Auch darin war von Berliner
Eisenbahnschienen und S-Bahnzügen die Rede, in der Metropole
der Zwanziger müssen sie nicht anders gedröhnt haben
als in der Baustelle von heute. Er sehnte sich nach beiden. Kehrte,
wenn auch einige Jahre später, nach Berlin zurück. Immer
wieder. Und irgendwann wurden die Aufenthalte länger. Und
eines Tages – da lebte er mit seiner Familie schon eine
Weile an der Spree – kam der Anruf der schwedischen Kulturministerin.
Sie stellte ihm den Posten eines Botschaftsrates für kulturelle
Fragen in Aussicht.
„Botschaftsrat
für kulturelle Fragen“. Klingt so unerbittlich nach
Kanzlei, daß man Hemmungen hat, ihm diesen Titel anzuheften.
In der Kulisse des Cafés Einstein, wo sich die Ausstatter
alle Mühe gegeben haben, den Chic der vorletzten Jahrhundertwende
nachzuäffen, und die Kellnerinnen weißbeschürzt
und stramm übers Parkett trippeln, als müßten
sie für das Casting eines Kostümfilms proben, sieht
Aris Fioretos aus, als hätte man ihn gerade aus einem historischen
Fotoband herausgeschnitten: eine schlanke Gestalt in Jackettanzug
und Hornbrille, die Gesichtszüge allzu jungenhaft weich für
einen Bürokraten. Doch im Dienste der schwedischen Krone,
unweit von der Botschaft entfernt, ist er schon zwei Jahre als
Botschaftsrat für kulturelle Fragen in Berlin.
Wie jeden Dienstag
hat er auch an diesem, als er sich um 15 Uhr ins Kaffeehaus an
der Kurfürstenstraße begibt, bereits zwei Sitzungen
hinter sich. Um neun traf das gesamte Botschaftspersonal zusammen.
Besprochen wurde, was man bei solchen Anläßen so bespricht:
Das Geschehene, das Anstehende, und das, was in absehbarer Zeit
vermutlich nicht passieren wird. Die „Tendenz der Woche“
nennt man das im Diplomatenjargon. Und angesichts der anrückenden
Wahlen kann die Tendenz der Woche von höchster Bedeutung
sein. Jedenfalls tagten ein paar Stunden später die höheren
Botschaftschargen zur Erörterung taktischer Fragen in kleinerem
Kreis. Und so vergehen die Tage mit Konferenzen und Besprechungen.
Nur von fünf bis neun Uhr morgens bleibt ihm Zeit für
das Eigentliche übrig. Da schreibt er an seinem nächsten
Roman. „Ich war und bleibe grundsätzlich ein Schriftsteller“,
sagt er. Und lächelt sanfmütig.
Die Sanfmut des Überfliegers,
der es gewohnt ist, den Menschen ihre Unwissenheit nachzusehen.
„ Sehr höflich, ein kluger Kerl mit dem Habitus des
geschliffenen Akademikers und den guten Manieren der Stewards
an Deck alter Ozeandampfer“ – so hat ihn der Dichter
Durs Grünbein beschrieben, und es wäre müssig,
eine zutreffendere Beschreibung zu suchen. Damals, als sie sich
Mitte der Neunziger zum ersten Mal trafen, gab Aris Fioretos den
Übersetzer bei einem Schriftstellertreffen in der Nähe
Berlins. Seitdem ist Durs Grünbein – unter den Zeitgenossen
– sein Geisteskomplice. In der Gegenwart seiner Romane,
die – zumindest die bislang erschienenen – in den
Zwanziger Jahren spielen, gibt es dann einen anderen, der immer
wieder durch die Zeilen spukt: Vladimir Nabokov.
Fioretos hat Nabokov
ins Schwedische übersetzt, die Stationen seiner Berliner
Jahre abgesucht, über ihn ein Feature geschrieben für
den schwedischen Hörfunk. Am Anfang seines ersten Romans
Stockholm noir stößt die Protagonistin Vera
Grund an einem Dezembertag des Jahres 1925 in einer Station der
Berliner S-Bahn mit einer gleichaltrigen Frau zusammen, die ebenfalls
Vera heißt. Ein eleganter junger Mann ruft sie aus dem Inneren
des Wagens. Die kurze Beschreibung seines Äußeren entspricht
so unverkennbar dem Bild des jungen Nabokovs aus den Photos jener
Jahre, daß der Leser sich gar nicht mehr fragt, warum Vera
Grund in der Nestorstraße wohnt, wo der große Exilrusse
an der Gabe schrieb. Auch nicht, warum der Roman 1925
spielt, wo das Figurenpersonal trotz allen Zeitkolorits sich doch
so heutig ausnimmt. Im April 1925 hatte Vladimir Nabokov Vera
Slonima geheiratet. Der Romancier Fioretos ist ein fintenreicher
Spieler, der es liebt, Referenznetze zu spinnen. Und wenn man
sich darin verfängt …
„Das sind aber
nur Nebensächlichkeiten“, bremst er. Ihm ginge es darum,
Probleme, mit denen wir uns heute herumschlagen, zur besseren
Anschauung in weite Ferne zu rücken. Die Frage „Was
ist der neue Mensch?“ beispielsweise. Und überhaupt:
Was ist der Mensch? Mit dessen Erkundung beschäftigten sich
viele nach 1919, Philosophen, Dichter, Künstler und Wissenschaftler,
eine Reihe von ihnen in Berlin.
Daß Aris Fioretos Ende der Siebziger zum ersten Mal Berlin
besuchte, hatte es aber einen anderen Grund: „Ich wollte
David Bowie treffen …“ Der Star wohnte damals in der
Nähe vom Kleistpark, das Hansastudio, wo seine Platten aufgenommen
wurden, lag dicht an der Mauer, die ersehnte Begegnung fand aber
nicht statt. Dafür sei er um einen Irrtum leichter abgereist.
„Als Halbösterreicher war ich in dem Glauben aufgewachsen,
Wien sei das Zentrum des deutschsprachigen Raums. In Berlin merkte
ich: Dies ist keineswegs der Fall.“ Daß Wien noch
im 19. Jahrhundert steckt. Berlin, das heutige, in dem er lebt,
sei dagegen im Begriff, sich zu mausern. Eine Stadt mit verschiedenen
Tempi und mehreren Schichten. Eine Stadt, die mit ihrer Identität
hadert. Ein passender Ort für einen wie ihn.
1960, in Göteborg,
Schweden, geboren, Sohn einer Österreicherin und eines Griechen,
der aus politischen Gründen in den fünfziger Jahren
aus Griechenland geflohen war, ist Aris Fioretos in einer Familie
groß geworden, in der die Sprachgrenzen zergingen und „nationale
Identität“ als etwas wahrgenommen wurde, das nur für
die anderen galt. Indes hat er sich angewöhnt, sich selbst
als den Unterschied zwischen einem Schweden, einem Griechen und
einem Österreicher zu definieren. Kurz nach dem Abitur ging
er nach Athen, studierte dann in Paris und in den Staaten, wurde
mit den Jahren zu einem „Auslandsschwede“. Zum „Nomaden“
aber nicht, darauf legt er wert. „Ich bin kein Nomade, höchstens
eine unruhige Seele“, sagt er.
Als Emigrantenkind,
schwarzhaarig im blonden Schweden, war ihm sein Anderssein früh
bewußt. Deshalb setzte er vierjährig gegen seine Eltern
durch, daß man auch zuhause Schwedisch sprach. „Sprache
ist Verschleierung. Und als Kind von Ausländern versucht
man, sich durch die Sprache so zu verschleiern, daß man
möglichst nicht auffällt. Es gibt aber auch die Kehrseite:
man will die Sprache so gut beherrschen, daß man sie besser
spricht als die Einheimischen. Statt grau zu bleiben, fällt
man auf. Es ist paradox: irgendwie versucht man sich als Pfau
zu camouflieren.“ Eine Art Transvestimus – das Thema
seines zweiten Romans „Die Wahrheit über Sascha Knisch“.
Aus jener Grauzone
der Sprache jedoch, die das Kind zuvor kennengelernt hatte, in
der die Bedeutung der Wörter unscharf ist, und die Unsicherheit
ebenso groß wie die Lust am Durchspielen der semantischen
Möglichkeiten, erwuchs seine Neugier für die Literatur.
Hinzu kam, als er zwölf Jahre alt war, ein aufwühlendes
Erlebnis.
In Örebro war es, einer Stadt Mittelschwedens, wo die Familie
fünf Jahre verbrachte. Der Vater eines Spielkameraden, Leiter
eines Filmclubs, nahm ihn und seinen Sohn ins Kino mit. Der Film,
der lief, war eigentlich erst ab achzehn freigegeben: Johnny
zieht in den Krieg, von Dalton Trumbo. Man
sah in einem europäischen Militärkrankenhaus gegen Ende
des ersten Weltkrieges einen amerikanischen Soldaten unter Laken
liegen, oder das, was nach dem Tritt auf eine Mine von ihm übriggeblieben
war: Rumpf und Kopf. Kein Mund, keine Nase, keine Augen und keine
Ohren mehr, nichts, was ihm ermöglicht hätte, mit der
Außenwelt in Kontakt zu treten. Nur ein Gehirn; dessen stummer
Monolog war als voice over zu hören. Trotz des Wegfalls aller
Anhaltspunkte, aller Werkzeuge der Wahrnehmung, versuchte das
Denktier, sich in Zeit und Raum zu orientieren. Wieviel von einem
Menschen verschwinden kann, ohne daß er aufhört , ein
Mensch zu sein, ging dem Zwölfjährigen durch den Kopf.
Und die plötzliche, schaurige Gewissheit: „Du bist
allein mit deinem Gehirn, und du mußt daraus kommen, darauf
kommt es an!“
So hat Literatur
für ihn zuallererst den Zweck, Verbindungen zu erzeugen.
Obgleich er sich der Wandlung bewußt ist, die den vom Schriftsteller
eingegebenen Signalen auf dem Weg zum Leser widerfährt. „Als
ich Trumbos Film sah, wußte ich bereits instinktiv, daß
es eine Grenze dessen gab, was sich vermitteln läßt“,
liest man in seinem Essay Mein schwarzer Schädel.
„Aber erst jetzt wurde mir klar, daß diese Grenze
aus einem zwei, drei Millimeter dicken Kranium bestand: meinem
eigenen Schädelhelm.“
Dem Prosaisten bleibt
also nichts anderes übrig, als durch die Grenze des Schädels
hindurch ins Dunkle des eigenen Gehirns hinabzusteigen: ein „Kranionaut“,
so nennt er ihn, der abenteuerliche Tiefseetauchgänge unternimmt,
um Bewußtseinssplitter ans Licht zu zerren. Nicht, daß
er wirklich wüßte, wie sich die Splitter auf dem Papier
zusammenfügen. Ein Rest Mysterium bleibt. Ein unerklärliches
Fragment. Eine Seelenspur.
Eine Seelenspur?
Aris Fioretos winkt ab, wenn man ihn auf die Gehirnforschung anspricht.
Als Laie nur habe er sich damit befaßt, „unsystematisch“.
Doch zu einer Zeit, in der sogenannte Neuroreduktionisten all
das, was wir gewöhnlich als Bewußtsein, Identität
oder gar Seele bezeichnen, auf die meßbare Verbindung von
Gehirnströmen zurückführen wollen, wirkt sein seelenspurensichernder
Kranionaut wie einer der Matrosen von Kronstadt. Mit ihnen hatten
Lenin und die Geschichte bekanntlich kein Erbarmen.
Aber was, wenn die
Geschichte sich dereinst anders schreiben ließe? Was, wenn
ein Nachfahre auf die Idee käme, der heutigen Gehirnforschung
habe Fioretos‘ Professor Schaumberg Pate gestanden? In Stockholm
noir forscht der schrullige „Seelenbiologe“ nach
dem Sitz der Seele im Gehirn. In der Annahme, sie bestünde
aus subatomaren Partikeln, die er Punktsubstanz bezeichnet, und
diese Partikeln würden beim Denken und Sprechen dem Schädel
entweichen, sucht er sie nach einem Telefonat seines Probanden
in der Ohrmuschel eines Fernsprechers festzumachen.
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Aber die Seele,
Diese
gewichtslose kleine Pilgerin,
Ist rastlos,
Oh, wie rastlos
Sie ist. |
© Aureliana Sorrento und Aris
Fioretos
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