Im Labor der Weltliteratur.
Hinter die Kulissen des
Nobel-Literaturpreises


Gespräch mit Horace Engdahl
Literaturen, 2004, Nr. 12, 22-28.
Bild: Dan Wolgers, Ohne Titel (1990)

Wie die meisten schreibenden Gymnasiasten wollten meine Kameraden und ich der Wahrheit der Literatur auf die Spur kommen. Im schwedischen Lund der siebziger Jahre erwies sich dies leichter gesagt als getan. Allabendlich trafen wir uns im marxistischen Büchercafé, wo wir uns einzureden versuchten, die Literatur sei dazu bestimmt, die Revolution voranzutreiben. Oder die Erfahrung vor der „repressiven Vernunft” zu retten, letzteres allerdings vor allem in Deutschland.
An der Kasse arbeitete eine Freundin. Diskret sah sie weg, wenn wir uns auf die bevorstehenden Umwälzungen vorbereiteten, indem wir Bücher von Negt, Habermas und Norman O. Brown klauten. Das Problem war nur: Die Generation vor uns hatte Begriffe wie „Erfahrung“ und „Revolution“ für sich vereinnahmt. Es bedurfte einer gewachsenen Reife, will sagen: etlicher Missgeschicke, bis uns klar wurde, die Aufgabe musste anders gestellt werden. Vielleicht ging es gar nicht darum, welchen Nutzen die Literatur hatte, sondern was sie sein könnte?
Auf diese Frage bot uns das Sortiment des Cafés kaum eine Antwort. An einer Wand stand jedoch ein Zeitschriften-Regal. Eines Tages entdeckten wir darauf einen Neuzugang. Keine Bilder von Vertretern der Arbeiterliteratur, keine Schlagzeilen über die Verdienste des Sozialrealismus. Stattdessen erblickte man Kritzeleien auf einer Häuserfassade: „Der langweiligste Abend in unserem Leben“.
Die Aussage entsprach erfrischend gut unserer Einschätzung der Lage. Die Zeitschrift hieß Kris („Krise“) und hatte ein Profil nach unserem Geschmack. Ein Artikel widmete sich der „Macht des Beispiels“, ein zweiter der „Negation des Realismus“. Etwa ein Jahr später veröffentlichte der Herausgeber, Stig Larsson, sein erstes Buch, den alles andere als erbaulichen Roman Autisterna („Die Autisten“). Anders Olsson, der mit Gadamer ein Gespräch über „die Begrifflichkeit der Deutung“ geführt hatte, outete sich als Lyriker in der hermetischen Tradition. Und dann gab es auch noch ein Redaktionsmitglied mit dem ungewöhnlichen Vornamen Horace.
Der Nachname war Engdahl,und Horace Engdahl schrieb Essays, die sich mit kaum etwas vergleichen ließen. Getragen von einem Ton, der einem ein Gefühl von Evidenz einflößte, verwandelten sie den Deutungsakt in ein Abenteuer. Im „Langweiligster-Abend-in-unserem- Leben“-Heft untersuchte er die Dialektik der Erfahrung so, dass die deutsche Geistesgeschichte als das Beste erschien, was der Philosophie seit den Vorsokratikern passiert war. Ein Jahr später brillierte er mit einer Studie über das Wesen des klassischen Balletts. Und in der folgenden Ausgabe bemerkte er sanft, aber subversiv: „Sobald wir gelernt haben, Texte und nicht literarische Protokolle zu lesen, erweitert sich das Territorium des Erzählens hundertfach vor unserem hingerissenen Blick.“ Damit war aus der Hoffnung, es dem Literaturbild der siebziger Jahre Recht machen zu können, die Luft heraus.


Als wir uns an einem Nachmittag treffen, sind viele Jahre vergangen, seit Horace Engdahl durch Übersetzungen von Kleist, Artikel über Derrida und Untersuchungen dessen, was er „Paraliteratur“ nennen sollte, die Kunst lehrte, einen Text zu lesen. Es ist auch schon eine Weile her, dass er eine kontrovers aufgenommene Abhandlung über die schwedische Romantik veröffentlichte und wir als ehemaliges und zukünftiges Redaktionsmitglied von Kris Freunde wurden. 1992 erschien sein Essayband Stilen och lyckan („Der Stil und das Glück“), 1994 eine Studie über die Stimme und die Literatur unter dem Titel Beröringens ABC („Das ABC der Berührung“). Seit 1997 ist er Mitglied der Schwedischen Akademie, deren Ständiger Sekretär er zwei Jahre später wurde. Im selben Jahr kam sein bisher letztes Buch heraus, eine Sammlung von Aphorismen unter dem Titel Meteorer („Meteore“).
Noch immer sind Engdahls Aussagen von jener Art Klangraum umgeben, die dem frühen Kris-Leser das Gefühl gab, seine Texte sagten die Wahrheit. Wenn er spricht, bildet sich nicht selten ein Raum um die Stimme, der einen nicht unbedingt dazu einlädt, sich dem Mann aufzudrängen. Aber es ist weniger die Aura der Autorität, als vielmehr eine persönliche Form von Distanz zum Sujet, die seine Worte unantastbar macht. Engdahls Art zu sprechen lässt einen, aber auch ihn selber, zum Zeugen einer Entdeckung werden. Selbst heute denke ich noch gelegentlich über dieses Talent nach.
Als Kritiker und Essayist ist er gewohnt, in der ersten Person Singular zu sprechen; als offizielles Sprachrohr der Schwedischen Akademie spricht er in der „Wir“-Form. Auf welche Probe wird die Zunge dadurch gestellt?
„Als Ständiger Sekretär muss ich mir zwei Arten von Beschränkungen auferlegen. Die erste besteht in der Rücksichtnahme auf die Geheimhaltungsregeln der Akademie. Die zweite ist schwerer greifbar: Nennen wir sie die Forderung, ein repräsentatives Subjekt zu sein. Wittgenstein sagt an einer Stelle, wenn es ein Verb gäbe, das ‹fälschlich glauben’ bedeutete, ließe es sich nicht in der ersten Person Präsens Indikativ verwenden. ‹Ich glaube, es regnet, aber das tut es nicht.’ Kein vernünftiger Mensch drückt sich so aus. Dieser Satz könnte das Maß für eine Haltung sein, die man als Person des öffentlichen Lebens unmöglich einnehmen kann.
Dagegen kann ein solcher Satz in der Literatur sehr wohl vorkommen. Als Schriftsteller zu schreiben heißt in gewisser Weise, die Erste-Person-Position leer zu lassen und diese Leere zu einem Klangraum für Stimmen zu machen, für die eigene und die anderer – Stimmen, für die niemand die Verantwortung übernimmt. Keats meint in einem Brief, wahre Schriftsteller zeichneten sich durch eine ‹negative Befähigung’ aus, will sagen die Fähigkeit, in Unsicherheit und Zweifel zu verweilen, ohne sich prompt nach Fakten und Vernunft zu strecken. Der Schriftsteller hat das Recht, sich zu widersprechen und das Unerhebliche am Phänomen Ansichten zu gestehen. Eine Person des öffentlichen Lebens kann sich das nicht erlauben, weil ihre Aufgabe darin besteht, ernsthaft einen gemeinsamen Standpunkt zu vertreten.“
Das klingt, als gäbe es Momente, in denen der Ständige Sekretär am liebsten sein anderes Ich sprechen lassen würde, frei, die Möglichkeiten auszunutzen, die falscher Glaube und Zweifel ihm bieten...
„Ich habe keinen Einfluss darauf. Für die Presse bin ich ein ,Machthaber‘. Meine frühere Biografie wurde an dem Tag ausgelöscht, an dem ich mein jetziges Amt antrat. Alles, was ich sage oder schreibe, läuft Gefahr, zitiert zu werden, als wäre es ein offizielles Urteil der Akademie – gerne fett gedruckt, so dass man richtig spürt, wie der Redakteur mit verdrehten Augen und aufgerissenem Mund darauf zeigt. Dies hat mich gelehrt, vollends das große Geschenk der Literatur hochzuschätzen, ,Er‘ und nicht ,Ich‘ zu sagen (denn in einem literarischen Text ist auch ,Ich‘ eine Art ,Er‘). Dass sie folglich nichts entscheidet. Ich fragte einmal einen alten Meister, warum er nie einen Zeitungsartikel geschrieben habe. Er antwortete mir, jedes Mal, wenn er an das Ende einer Argumentation gelangt und überzeugt gewesen sei, etwas bewiesen zu haben, habe er angefangen, das Gegenteil zu glauben. So sind wahre Schriftsteller beschaffen. Sicher, es kommt vor, dass ich mir diese Freiheit nehme, aber dann hoffe ich stets, dass niemand merkt, wer unterzeichnet hat.“
Horace Engdahl ist zu der Maske geworden, die sich die Akademie aufzieht, um mit einer Stimme zu sprechen. Möglicherweise beruht die Irritation der Medien darauf, dass man der Meinung ist, er solle seine Deckung aufgeben und wie andere sein. Doch einer solchen Form des Auftretens Unpersönlichkeit vorzuwerfen, wäre ein bisschen widersinnig: Man kann nicht gleichzeitig die Maske fallen lassen und sie aufbehalten.
„Frühere Generationen verstanden, dass ein rhetorisches ,Ich‘ immer ein ,Wir‘ verbirgt, aber die Idee des repräsentativen Subjekts ist durch die Intimisierung der Öffentlichkeit zerstört worden. Auch Machthaber werden heute gemäß den Erwartungen der privaten Moral an Aufrichtigkeit und Spontanität beurteilt. Man soll ,alles rauslassen‘, heißt es mit einem grässlichen Klischee. Von den Autoren wird erwartet, im Fernsehen aufzutreten und das Orakel zu geben und am besten auch noch ihr privates Ich zu entblößen, so dass die Literatur ihre beängstigenden Züge von Distanzierung und Reflexion verliert. Konfrontiert mit dem Ruf der Medien nach Exhibitionismus kann ich es durchaus als Vorteil betrachten, auf das kollegiale Prinzip der Akademie verweisen zu dürfen, das erfordert, alles Persönliche in den Hintergrund zu drängen.“
Eine der Gelegenheiten, bei denen dies geschieht, wiederholt sich alljährlich an einem Donnerstag im Oktober. Der Ort: Die ehemalige Stockholmer Börse. Die Zeit: Kurz nach ein Uhr mittags. Vor einer verschlossenen Tür im zweiten Stock haben sich Journalisten aus aller Welt versammelt. Jetzt wird die Klinke herabgedrückt. Blitzlichtgewitter, surrende Fernsehkameras. Gleich werden die Reporter erfahren, wem in diesem Jahr der Nobelpreis für Literatur verliehen wird. Wie sieht der Entscheidungsprozess aus, der dazu führt, dass der Ständige Sekretär ihre Ungeduld stillen kann?
„Die Arbeit, die der Auswahl des Preisträgers vorausgeht, besteht aus zwei Phasen. Im Frühjahr sichtet das Nobel-Komitee (aus fünf Akademiemitgliedern bestehend) die Vorschläge, die aus aller Welt eingegangen sind. Das ist die so genannte Lange Liste, die gewöhnlich rund 200 Namen umfasst. Als Erstes greifen wir dann jene Hand voll Autoren heraus, die tatsächlich zur internationalen Elite gehören. Anschließend beginnt die wesentlich schwierigere Arbeit, aus ihnen fünf Kandidaten für die Kurze Liste auszuwählen, die der Akademie Ende Mai vorgelegt wird. Dann ist es die Pflicht aller Mitglieder, sich in diese Hauptkandidaten zu vertiefen, was in der Praxis heißt, alles zu lesen, was sie geschrieben haben.
Im September trifft man sich wieder, woraufhin die Diskussion ernsthaft beginnt, und ungefähr einen Monat später schreitet man zur Entscheidung, die mit einfacher Mehrheit von allen Mitgliedern (achtzehn an der Zahl) getroffen wird. Weil wir eine informelle Regel befolgen, die besagt, niemand, der zum ersten Mal auf der Kurzen Liste steht, sollte den Preis erhalten – die so genannte Lex Pearl S. Buck, – muss ein kommender Nobelpreisträger damit rechnen, von den Mitgliedern der Akademie immer wieder gelesen zu werden, Sommer für Sommer, und dennoch ihre Erwartungen nicht enttäuschen zu dürfen! Manchmal verschwindet ein Kandidat wieder von der Short List, ohne dass er belohnt worden wäre, kann aber unter Umständen nach zehn oder zwanzig Jahren zurückkehren und gewinnen – das ist schon vorgekommen. Es ist dieses langjährige Durchpflügen des Gesamtwerks von Autoren, das der Preisentscheidung ihre Qualität verleiht. Sie wird niemals auf Grund plötzlicher Eingebungen des Komitees oder der Akademie getroffen.“
Seltsam, dass die Welt so oft vorbeispekuliert
Gleichwohl gibt es Überraschungen. Bei den etwas tragikomischen Wetten, die alljährlich in den Redaktionen der Welt abgeschlossen werden, dürften nicht viele auf Dario Fo oder Gao Xingjian gesetzt haben, wohl auch nicht auf Elfriede Jelinek. Die falschen Vermutungen spiegeln dabei nicht unbedingt eine Unzulänglichkeit der Akademie. Dennoch mag es erstaunen, dass in Stockholm Autoren jahrelang unter die Lupe genommen werden, ohne dass die zahlreichen selbsternannten Experten auf die Idee kommen, über deren Kandidatur zu spekulieren.
„Ich glaube, durch die Arbeitsweise des Nobel-Komitees und die von der Nobel-Bibliothek vorgenommene Dokumentation der zeitgenössischen Literatur haben wir einen Überblick, den nicht einmal der ambitionierteste Literaturkritiker oder Literaturwissenschaftler für sich notwendig finden wird. Es ist, als säße man in einem Labor für Weltliteratur und entnähme Proben, um vorherzusagen, was morgen von dem, was heute geschrieben wird, lebendig oder tot sein wird.
Mehr als fundiert begründete Vermutungen können natürlich dennoch nicht herauskommen. Wir dürfen froh sein, wenn wir bei jedem Zweiten richtig liegen. Übrigens hat die hundertjährige Arbeit als Nobelpreis-Jury die Schwedische Akademie grundlegend verändert. Aus einem ursprünglich konservativ und nationalistisch eingestellten Gremium ist eine Versammlung literarischer Kosmopoliten geworden, die mit ihrer Arbeit vermutlich dazu beitragen, die Idee einer Weltliteratur im Sinne Goethes lebendig zu halten. Dies lässt sich nicht durch globale Abstimmungen oder diplomatische Überlegungen erreichen. Es kann nur von einer Gruppe ausdauernder und furchtloser Leser getan werden. Der größte Vorteil der Akademie besteht darin, dass sie auf niemanden Rücksicht nehmen muss.“
Die Medaille hat eine Kehrseite. Manchmal scheint die Auszeichnung den Preisträger gelähmt zu haben. Der schwedische Autor Harry Martinson, selber Akademiemitglied, ist dafür ein tragisches Exempel. Er versuchte mit einer Schere Harakiri zu begehen. Manche meinen, weil er wegen des Nobelpreises so in die Kritik geraten war; andere behaupten, der Versuch, seinem Leben ein Ende zu setzen, habe eher mit seinen chronischen Depressionen zu tun gehabt. Die meisten Preisträger kommen jedoch wieder auf die Beine; das wäre ja noch schöner. Aber wenn man genauer hinsieht, sind es vielleicht doch nicht so viele, die ihre wichtigen Werke nach der Verleihung geschrieben haben?
„Es gibt auch Gegenbeispiele. Denke an William Butler Yeats, der nach seinem Nobelpreis 1923 als Dichter seine alte Haut abgestreift und ein zweites, noch besseres Werk abgeliefert hat. Denke an Thomas Mann, der den Preis beinahe ein zweites Mal verliehen bekommen hätte. (Als einziger Preisträger wurde Mann 1948 nochmals, und zwar von zwei Mitgliedern der Akademie, für den Preis nominiert.) Und mehrere andere: Solschenizyn hatte noch nicht den Archipel GULAG geschrieben, Beckett nicht seine phantastischen Kurzdramen. Ich glaube, das Gerücht von der lähmenden Wirkung des Nobelpreises ist übertrieben. Ein großer Autor muss die Kraft haben, Ruhm zu ertragen.“
In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts belohnte die Akademie die „ideellen“ Eigenschaften eines Werks, seine Fähigkeit, sich über das Schroffe und Willkürliche zu erheben und den Leser in eine Welt aus ewigen Werten zu entführen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Preis repräsentativer. Nun wurden auch kleinere Kulturen und Sprachgemeinschaften prämiert. Man hatte entdeckt, auch in anderen Sprachen als den vier großen – die, wie alle wussten, Englisch, Deutsch, Französisch und Schwedisch waren – wurde geschrieben. Seit einiger Zeit berufen sich die Begründungen auf das Gespür der Literatur für das Vergessene und Verdrängte, ihre Fähigkeit, die „überrumpelnde Teilhabe des Außenseitertums“ zu offenbaren, wie es in der Begründung für J. M. Coetzee heißt. Die Akademie von heute scheint sich auf Augenhöhe mit der Literatur zu befinden.
„Die Nobel-Statuten verbieten sowohl negative als auch positive Diskriminierung auf Grund von Nationalität. Möglicherweise hat sich in letzter Zeit jedoch das Gefühl eingestellt, dass ein Preis für einen schwedischen Schriftsteller angesichts einer gewissen Überrepräsentanz von Schweden auf der Liste der Preisträger seit 1901 besonders sorgfältig begründet werden muss. Wir sollen den Preis nach wie vor dem Schriftsteller verleihen, das ,das Vortrefflichste in ideeller Richtung‘ geschrieben hat.
Leider gibt es niemanden, der mit Bestimmtheit sagen kann, was Alfred Nobel mit ‘ideeller Richtung‘ meinte. Verschiedene Generationen in der Akademie haben diese Bestimmung unterschiedlich ausgelegt, und in der Praxis spielt sie heute keine Rolle mehr. Dass der Philosoph Rudolf Eucken den Preis 1908 bekommen konnte, lag daran, dass man damals der Meinung war, nur Autoren mit erbaulicher, möglichst gottesfürchtiger Tendenz könnten in Frage kommen (was zwielichtige Personen wie Tolstoj, Ibsen oder Zola ausschloss). Nach dem Zweiten Weltkrieg erweiterte sich der Horizont des Preises parallel dazu, dass sich das literarische Leben in Ländern außerhalb Europas intensivierte oder besser bekannt wurde. Die Forderung nach Idealismus bei den Autoren wurde aufgegeben.
Der Bruch in der Geschichtes des Preises fällt in das Jahr 1946, als eine jüngere Autorengeneration im Nobel-Komitee das Kommando übernahm und dem zähen Arrière-Garde-Kampf gegen den Modernismus ein Ende machte. 1946–1949 zeichnete man eine Reihe von Erneuerern und Bahnbrechern aus: Hermann Hesse, André Gide, T. S. Eliot, William Faulkner. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verlief die literarische Entwicklung dann bekanntlich weniger dramatisch. Die Idee der literarischen Evolution im Sinne des Modernismus verlor ihre Glaubwürdigkeit. Man sah sich gezwungen, andere Kriterien aufzustellen.“
Der Maßstab wird in der Begründung für die Preisverleihung sichtbar. In ihr soll das gesamte Werk eines Autors mit einer treffenden Formulierung eingefangen werden. Das Genre ist dem Bouillonwürfel verwandt: gleichzeitig klar und verdichtet. Was fällt Horace auf, wenn er vergangene Begründungen Revue passieren lässt?
„Die Preisbegründung entsteht als Gruppenarbeit unter der Leitung des Ständigen Sekretärs. Das angestrebte Ideal ist, gleichzeitig so kurz gefasst und so erschöpfend wie möglich zu sein. Den Rekord markiert die Formulierung über Harry Martinson: ,Für ein Werk, das den Tautropfen einfängt und den Kosmos spiegelt.‘ Eine weniger schöne Seite des Genres besteht darin, dass manche Begriffe die Tendenz haben, sich festzubeißen und über eine gewisse Periode hinweg allzu häufig wiederzukehren. Zum Beispiel ,Humanität‘, oder in den letzten Jahren ,Geschichte‘. Man sieht es erst im Nachhinein, wenn der Zeitgeist sich verändert hat.“
Der Preis wird ausschließlich an lebende Autoren verliehen. Natürlich gibt es eine große Schar verstorbener Literaten, die ihn auch verdient hätten. Wem würde Horace selber den Preis verleihen, wenn er eine Ausnahme machen dürfte? Er erkundigt sich, ob er ein wenig spielen darf. Na klar.
„Dann reisen wir mit der Zeitmaschine 85 Jahre zurück und verleihen den Preis ,dem französischen Schriftsteller Marcel Proust dafür, dass er bereits mit den bislang erschienenen Teilen seines Romanwerks À la recherche du temps perdu Mallarmés These belegt hat, die Welt existiere, um in ein schönes Buch zu münden‘.“
Sowohl Proust als auch Mallarmé schrieben Kritiken, Essays, Gelegenheitsprosa. Dennoch geht der Nobelpreis fast immer an einen Vertreter der drei großen Gattungen. Warum hat das, was Horace Engdahl selber einmal zur „Paraliteratur“ ernannte, noch keinen Preisträger bekommen?
„Ich hätte nichts dagegen! Die Möglichkeit wird in den Statuten der Nobel-Stiftung eindeutig offen gehalten. Mit ,Literatur‘ seien ,nicht nur literarische Arbeiten, sondern auch andere Schriften gemeint, die durch Form und Darstellungsweise literarischen Wert besitzen‘. Das ist eine ausgezeichnete Formulierung, die tatsächlich auf die literarische Landschaft von heute abzuzielen scheint, in der die Grenze zwischen Fiktion und Sachliteratur immer undeutlicher geworden ist. Dokumentarische Züge sind ein wichtiges Element im zeitgenössischen Roman. Lokalgeschichte und Auto-Fiktion, essayistische Lyrik und intellektuelle Fragmente sind auf dem besten Weg, den Literaturbegriff aufzulockern.“
Ist die aktuelle Nominierung Elfriede Jelineks aus solchen Überlegungen hervorgegangen? Horace schmunzelt: „Weisst du, die Behauptung, die Verleihung des diesjährigen Literatur-Nobelpreises sei politisch motiviert gewesen, zeugt von einer peinlichen Unkenntnis der Arbeitsweise und der Traditionen der Akademie. Wir haben Elfriede Jelinek geehrt, weil sie die Kunst der Literatur erweitert hat. Punktum.“
Einer der eher unerwarteten Nobelpreise ging 1953 an Winston Churchill – unter anderem für seine „glänzende Redekunst“. Zu diesem Talent gehört die Fähigkeit, das Gesagte wirken zu lassen, als wäre es im Moment des Sprechens gedacht worden. Dazu sind sowohl Vorbereitung als auch Einfälle erforderlich. Ist man allzusehr darauf bedacht, gewisse Dinge zu sagen, wird die Darstellung schwerfällig; verlässt man sich völlig auf die Improvisation, entgleitet der Gedanke.
„Wenn man ohne Manuskript das Wort ergreift, muss man sich augenblicklich entscheiden, wo man landen will. Anschließend hängt alles vom Wind ab, will sagen: dem Schweigen des Publikums. Es ist dieses Schweigen, der warme Thermik-Strom aus den Erwartungen von Menschen, was einen trägt. Erst das Gefühl, andere auf seinen Rücken zu nehmen und sie zu einem höheren Blickpunkt zu erheben, lässt das Formulieren lebendig werden. Wenn jeder für sich selbst sprechen könnte, was bisweilen als eine demokratische Utopie beschrieben wird, wäre dies das Ende für die Literatur und die Redegewandheit.“
Ist es das Glück in diesem Flug, gleich dem eines Meteors, das ihm den Aphorismus so verlockend macht?
„Lass uns die Metapher wechseln! Der Aphorismus ist ein Gedanke, der sich aus dem Staub macht, als man gerade mit seiner Erziehung beginnen will. Aber Schlingel dieser Sorte sind ja oft besonders lebenstüchtig …“
besonders schlaue Aphoristen pflegen die Subversion. In ihren Texten gibt es keine Spur von Neunmalklugheit. Sie klopfen vielmehr Löcher in das fertig Gedachte. Durch die Öffnungen, die so in den Konventionen entstehen, zieht eine berauschend klare Luft herein. Ich erinnere an Lichtenberg, der meinte, wenn ein Engel uns von seiner Philosophie erzählte, würden viele seiner Sätze wahrscheinlich wie zwei Mal zwei gleich dreizehn klingen. Eine derartige aphoristische Beobachtung ist alles andere als korrekt. Auf Kriegsfuß mit den Gesetzen der Mathematik behauptet er etwas, das sich der Art annähert, in der die Literatur auf Wahrheit pocht...
„Lange Zeit schien mir ,Wahrheit‘ ein obsoleter und höchst gefährlicher Begriff zu sein, vor allem im Zusammenhang mit Literatur. Aber er hat sich mir durch die Art von Texten aufgedrängt, die ich ,Zeugenliteratur‘ genannt habe. Hat die Wahrheit einen eigenen Ton? Können wir lernen, sie zu erkennen? Auf dieses Problem stieß ich bei Stendhal, und in aller Deutlichkeit stellte es sich dann, als ich Imre Kertész‘ Roman eines Schicksallosen las. Schule und Wissenschaft leben in dem Glauben, sich mit der Wahrheit zu beschäftigen, bieten ihrem Wesen nach jedoch nichts Anderes als gut erhärtete Hypothesen, die dazu bestimmt sind, im Laufe der Zeit gegen andere und bessere Hypothesen ausgetauscht zu werden. Der Zeuge dagegen verspricht, die Wahrheit zu sagen und lässt uns begreifen: Wahrheit hat nichts mit Fakten und Beweisführung zu tun wie das Wissen, sondern ist ein Pakt zwischen Menschen, der uns auf den ursprünglichen Kontrakt der Sprache zurückwirft, demzufolge ein Ja ein Ja und ein Nein ein Nein ist.“
Ist es ein solches Wahrheitsserum, was die Schwedische Akademie in ihrem Labor destilliert?
„Aristoteles meinte, in der Geschichte gehe es um das Wahre und in der Poesie um das Wahrscheinliche, aber im Grunde ist es umgekehrt. Die Wissenschaft sagt: ,Lass dich überzeugen (von meinen Argumenten)!‘. Die Literatur sagt wie der Zeuge: ,Glaube mir (auf mein Wort)!’. Historiker und Gerichte sind vor dem Zeugen auf der Hut: Sie streben nach verifizierten Erkenntnissen, ganz einfach korrekten Informationen. Aber korrekte Informationen sind nicht Sache der Literatur. Ich halte es für möglich zu sagen: ,Du weißt es, aber du begreifst es nicht.‘ Kenntnisse sind das, was wir wissen, Wahrheit ist das, was wir begreifen – und das ist Sache der Literatur.“


Aus dem Schwedischen von Paul Berf



© Paul Berf und
Aris Fioretos