Hubert Winkels:
Guten Tag, Herr Fioretos. Sie sind auf der deutschen Bestenliste.
Sie sind Schwede und Sie sprechen deutsch … Woher sprechen
Sie denn so gut deutsch?
Aris Fioretos: Meine Mutter
ist Österreicherin. Mein Vater ist Grieche. Ich bin allerdings
in Schweden geboren und aufgewachsen. Deutsch war wohl eigentlich
meine erste Sprache, ist also noch immer meine Muttersprache.
Aber als kleines Kind wollte ich mich so schnell wie möglich
als kleiner Schwede fühlen. Ich bestand mit ca. 4 Jahren
darauf, zuhause nur noch schwedisch zu sprechen.
Winkels: Sie sind – wie man aus Ihrem neuen
Roman weiß – interessiert an biologischen und medizinischen
Themen, an Schädelforschung besonders. Und es fällt
einem dazu auch ein deutscher Autor ein, der sozusagen als literarischer
Kraniologe hervorgetreten ist, der auch schon hier zu Gast war,
Durs Grünbein. Und dann hab’ ich gesehen, daß
Sie mehrfach schon mit dem Dichter Durs Grünbein zusammen
Sachen gemacht haben. Ist das eine Wahlverwandtschaft aufgrund
gleichen Interesses? Wie haben Sie sich kennengelernt und befreundet?
Fioretos: Wir haben uns vor fünf, sechs
Jahren kennengelernt und haben uns sofort gut verstanden. Seitdem
führen wir regelmäßige Gespräche miteinander.
Gespräche, die dann hoffentlich auch in gedruckter Form erscheinen.
Gespräche, die immer über andere neue Themen handeln.
Es sozusagen Werkaufnahmen, Temperaturaufnahmen der jeweiligen
Arbeiten. Wir versuchen uns auch gegenseitig zu verständigen
über Sachen, die uns beiden sehr am Herzen liegen, wie z.B.
auch Schweden.
Winkels: In Schweden – in Stockholm nämlich
– spielt auch zum größten Teil ihr neuer Roman
Die Seelensucherin. Ein Titel, der auf deutsch ein bißchen
romantisch, auch ein bißchen ,weichgespült‘ klingt.
So könnte auch ein Unterhaltungsroman in einem Unterhaltungsverlag
lauten. Ich hab’ nachgeschaut im Original: der Roman hat
auch keinen schwedischen Titel, sondern er heißt Stockholm
noir. – Sie können ja gut deutsch. War das Ihre
Überlegung, Die Seelensucherin zu wählen? Es
ist ja vom Charakter des Titels her eine völlig andere Anmutung
als Stockholm noir, wo man an „film noir“,
an Kriminalität usw. denkt.
Fioretos: Ich hab’ das Buch nur auf schwedisch
getauft. Es wurde dann umgetauft auf deutsch – mit meiner
Genehmigung natürlich – und ich denke, es gab da ein
Gefühl, daß „Stockholm“ nicht exotisch
genug sei. Und auch, daß das Fremdwörtchen „noir“
vielleicht nicht so sehr deutbar war auf deutsch. Deswegen dann
Die Seelensucherin. Ich denke, es ist ein Titel, der für
die deutsche Sprache, diese sehr metaphysische Sprache, eigentlich
ganz gut paßt.
Winkels: Nähern wir uns doch über diesen
Titel an: Nur die Handlung gelesen, denkt man, der Seelensucher
kommt vor.
Ich erzähle jetzt einen von zwei Handlungssträngen:
Es gibt tatsächlich einen Professor H.H. Schaumberg in Stockholm.
Ehemals ein berühmter Wissenschaftler, ein Hirnforscher,
ein Schädelforscher, der aber im Laufe der Jahre fast ein
Wahnsystem errichtet hat: Er sucht tatsächlich die Seele
des Menschen als Substanz, materialisiert im Hirn, zu finden.
„Punktsubstanz“ nennt er das, was er sucht. Er versteht
sich als Seelenbiologe. Dessen Geschichte wird auf der einen Seite
erzählt, auf der anderen Seite die Geschichte einer jungen
Deutschen, die 1925 wenige Tage vor Weihnachten von Berlin aufbricht
nach Stockholm, um ihren Vater zu finden, den sie seit knapp 20
Jahren nicht mehr gesehen hat. Der Vater war einmal zu Besuch
in Berlin – aus Stockholm. Und dann hat sie ihn nicht mehr
gesehen. Sie geht nach Stockholm, quartiert sich in ein Hotel
ein, sucht den Vater, findet ihn nicht.
Also, sie findet ihn real nicht, also als Körper. Ob sie
ihn findet ist eine andere Frage. Ob’ s auch mit dem Finden
der Seele zu tun hat, ist auch noch eine Frage.
Aber meine Ausgangsfrage wäre die: Sie bricht ja –
obwohl es ja ein essentielles Moment ihres Lebens ist –
fast zufällig auf. Sie geht durch Berlin, sieht ein Reisebüro
und hat die Idee, Ihren Vater jetzt zu suchen. Ein – sozusagen
– „Weltereignis“ für ein Individuum. Warum
so beiläufig?
Fioretos: Sie wurde einige Zeit vorher von ihrem
Freund verlassen. Und ich glaube, das hängt damit zusammen.
Sie spürt diese Verlassenheit in sich und versucht natürlich,
ihn durch verschiedenen Manöver zurückzugewinnen. Sie
merkt: das läßt sich nicht mehr machen. Auf einmal
hat sie Zeit für sich selbst. Und da gibt es die Geschichte
ihres Vaters, der auch seine damalige Freundin, also Veras Mutter,
verlassen hatte. Diese Parallelität weckt bei ihr den Wunsch,
ja vielleicht sogar die Begierde, den Vater aufzusuchen.
Winkels: Sie bewegt sich jetzt im stürmischen,
winterlichen, vereisten, verschneiten Stockholm und es fällt
einem auf, daß diese Beschreibungen der Innenräume
aber auch des Schneetreibens von Vera Grund auf den Straßen
einen sehr breiten Raum einnimmt. Es wird dann immer mehr klar,
daß die Stadt Stockholm fast ein Subjekt der Handlung wird,
nicht nur ein Schauplatz.
Der Roman macht es ja sehr deutlich: Er zeigt ja sogar ein Bild,
eine Grafik, die den Punkten entlang gezeichnet ist, die sie in
der Stadt gegangen ist. Was für eine Bedeutung hat diese
Stadtgrafik für das Seelenleben der Vera Grund?
Fioretos: Zunächst einmal zur ersten Strecke
des Buches: Ich denke, es ist wie beim guten Sex. Man kann nicht
gleich an die Sache ran gehen, sondern man muß halt erst
mal die verschiedenen Zonen einigermaßen abtasten. Und dieser
Verlauf des guten Sex ähnelt, glaube ich, auch dem Verlauf
der guten Lektüre. Insofern, daß alles nicht gleich
gesagt werden kann und dieser Weg durch die Stadt – eine
Stadt, die für Vera ganz fremd ist, mit anderen Worten: noch
nicht zu entziffern ist, noch nicht kodierbar geworden ist, hängt
damit zusammen. Sie setzt sich am dritten Tag in Stockholm in
ein Café und zeichnet ihren Weg auf dem Stadtplan Stockholms
nach. Sie kommt da zu keinem richtigen Ergebnis. Aber der Weg
scheint einiges mit der Suche zu tun zu haben, und auch optisch
gesehen, vielleicht mit ihrer eigenen Existenz.
Winkels: Es gibt ja ein schönes Gegenstück
dazu: Nämlich H. H. Schaumberg der Professor, die Parallelfigur,
hat in seinem Labor, in seinen Zimmern, wo er experimentiert,
einen Stadtplan von Stockholm hängen. Und er begreift nach
und nach, glaubt zu begreifen, daß Stockholm sozusagen die
Aufgipfelung der menschlichen Rasse verkörpert. Er ist Rassenbiologe,
könnte man sagen. Und auf einmal entdeckt er Kohärenzen
zwischen dem Stadtplan von Stockholm und dem menschlichen Hirn
schlechthin.
Fioretos: Er nennt ja auch Stockholm die „Haupt-stadt“
der Welt.
Winkels: Wir müssen jetzt die Pointe, die
ja die Lektüre nicht trübt, auch verraten: Der „große“
medizinische Fall des H. H. Schaumberg ist tatsächlich der
Vater von Vera Grund. Ein Fall: der Mann hatte keinen Körper
mehr, er glaubte, über seinen Körper nicht mehr zu verfügen.
H. H. Schaumberg hat ihn nicht behandeln können. Die Geschichte
wird erzählt – wir können sie jetzt nicht ganz
nacherzählen.
Aber warum – zum Schluß die Frage – hat Vera
Grund – die ganz nah dran war an ihrem geheilten Vater Leo
Tager – ihn nicht besucht, sondern fährt, als sie im
grunde genommen alles wußte, wieder zurück nach Berlin?
Fioretos: Das liegt an ihrer Diskretion, denke
ich. Sie sieht auf einmal ein, daß die Geschichte des Vaters
eine andere Geschichte ist; es ist nicht ihre Geschichte. Sie
hat ihn nur einmal in ihrem Leben kennengelernt. Das reicht, denkt
sie. Sie hat die Grazie, davon abzusehen, ihn aufzusuchen.
Winkels: Und „Grazie“ ist wirklich
ein Schlüsselbegriff. Es ist eine graziöse Literatur,
die mir sehr gut gefallen hat. Vielen Dank, Aris Fioretos.
© Hubert Winkels und Südwestdeutscher
Rundfunk
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