Die Seelensucherin
ist Ihr erster Roman – wenn Sie ihn in ein, zwei Sätzen
zusammenfassen sollten, wie lauten die?
Ah, eine Art Warendeklaration – wie auf Lebensmittel oder
Medikamente? Lassen Sie mich nachdenken … Vielleicht etwa
so: „Die Seelensucherin enthält gleiche Teile
der Sehnsucht und Überraschung, des Kummers und der Erinnerung,
sowie eine erhebliche Portion Torheit und ein kleines Quentchen
Glück. Das Buch will Nerven kitzlen, ist aber ungefährlich
für kühne Seelen.“
In dem Roman sind zwei sehr unterschiedliche Menschen
auf der Suche nach der Seele – die junge Frau, die endlich
ihren Vater kennenlernen will und der Wissenschaftler, der das
menschliche Gehirn erforscht, um den Sitz der Seele zu entschlüsseln.
Was bedeutet Seele?
Ich wollte zwei verschiedene Welten schildern: gegenüber
dem alten Mann des 19. Jahrhunderts steht die junge Frau des 20.
Sie sprechen und denken, träumen und staunen in verschiedener
Weisen. Mich lockte es, diese Unterschiede auch in der Wahl des
Stils, des Temperaments und der Atmosphäre des Buches wieder
zu spiegeln. Darüberhinaus war nur noch ein gemeinsamer Berührungspunkt
von Nöten. Den fand ich in Leo Tager, der Vater der jungen
Frau und der berühmteste Patient des alten Wissenschaftlers.
Vielleicht enthält sein Schicksal eine Andeutung zum Antwort
der Frage der Seele. Tager hat wenigstens den sogenannten „sechsten
Sinn“ verloren – das heißt: das Vermögen
sich selbst wahrzunehmen. Was kann die Seele für denjenigen,
der meint, er lebe ohne Körper, bedeuten?
Der Roman spielt in den dreissiger Jahren, warum wählten
Sie eine längst vergangene Zeit?
Lange dachte ich, das Buch spiele Anfang der 50er Jahre. Ich
merkte aber, daß sein Motor rasselte. Erst als ich die Handlung
zurück zum Jahr 1925 führte, greiften die Zahnrähder
in einander. Nun fing der Text an, sich nach eigener Laune zu
bewegen. Szenen und Geschehnisse lösten einander mühelos
ab. Ich konnte es mir beim Schreibtisch als „backseat driver“
bequem machen. Offenbar verlangte das Buch in einer Epoche zu
spielen, wo alte Sehweisen gegen modernen stießen. Professor
Schaumberg hegt manche wilden Theorien über die Natur des
Menschen. Nun wurde mir klar, daß seine wissenschaftliche
Denkweise, die gewiß die des 19. Jahrhundert ist, nur zu
schildern möglich waren, ehe sie durch die Rassentheorien
und Schändlichkeiten, die wir mit dem Dritten Reich verbinden,
endgültig kompromettiert wurden. Daher datiert der Erzähler
des Buches seine Wiedergabe der Geschehnisse im Januar 1933, auf
der Schwelle zur Katastrophe.
Und warum Stockholm?
Die Stadt ist mir immer ein Rätsel gewesen. Bereits ehe
ich zum schreiben anfing, wußte ich, daß ich die Hauptstadt
Schwedens schildern wollte – aber von Außen, durch
die Augen eines Fremden. Weder die junge Vera Grund noch ich sind
in Stockholm geboren oder aufgewachsen. Ich wollte eine Seite
der Stadt portraitieren, die der geborener Stockholmer wohl kaum
wahrnimmt, weil seine Gewohnheiten im Wege stehen. Die meisten
von uns haben bestimmt die Neugierde und Verwirrung erfahren,
die entstehen, wenn man eine fremde Stadt zum ersten mal besucht.
Entweder spatziert man mit dem Stadtplan in der Hand, staunend
über die vielen neuen Straßen, die gezogen worden sind,
seitdem der Plan gezeichnet wurde. Nichts stimmt richtig mit der
Wirklichkeit überein! Oder aber man verlässt sich auf
seine heikle Intuition und übt sich in der Kunst, sich mit
Stil zu verirren. Das sind interessante Geisteszustände für
Autoren. Daß die Stadt meines Buches sich auch als eine
internationale Metropole mit ausländischen Besucher und kosmopolitischen
Ambitionen erweist, empfand ich als ein gnadenvolles Bonus. Einwanderung
ist kein Phänomen der 50er und 60er. Uns Kanacker gab es
viel früher.
Woher der Titel Die Seelensucherin?
Auf Schwedisch heißt das Buch eigentlich Stockholm
noir. Als ich meinem deutschen Verleger den Titel zum erstenmal
ins Ohr flüsterte, zog er die Augenbrauen hoch. So einen
Titel ging es nicht in Deutschland zu verwenden; Stockholm übte
keinerlei Verzauberung auf deutsche Leser aus. Ich staunte natürlich,
denn ich dachte, die ganze Welt teile meine Begeisterung. Aber
mein Verleger hat mir dann die Augen – oder vielmehr die
Ohren – geöffnet: in deutschen Hörorganen müsste
der Titel ungefähr wie Chemnitz schwarz-weiß
oder Wuppertal noir in schwedischen klingen. Dann gab
es noch dazu dieses Fremdwort … „Noir“, ging
das überhaupt zu begreifen? Kurzum: das Buch wurde umgetauft.
Nun liegt es unter einem Titel vor, der bestimmt die deutsche
Sprache, dieses wahre metaphysische Mundwerk, bestens passt.
Wer oder was hat Sie zu diesem Buch inspiriert?
Wie immer während der unangenehmen Zeit vor dem Schreiben
eines Buches trage ich verwirrende Ahnungen und Vorstellungen,
Tableus und Intermezzi in meinem Kopf herum. Lange fehlte mir
aber der Magnet, der diese Splitter zu einem Muster ordnen konnte.
Dann las ich eines Tages einen Bericht über eine englische
Frau namens Amanda Feilding. An einem Sonntagnachmittag 1970 hängte
sie eine elektrische Bohrmaschine an die Decke ihres Badezimmers,
injizierte sich ein Mittel zur örtlichen Betäubung in
den Bereich des Stirnbeins, setzte sich vor den Spiegel und bohrte
sich ein Loch in den Kopf. Dieser tollwütiger Versuch, der
Seele ein Atemloch zu geben, löste eine Kettenreaktion bei
mir aus. Weit eintfernt von den Aktionen Amanda Feildings fing
langsam ein Muster an, sich abzuzeichnen. Zuletzt saß ich
mit dem Profil einer jungen deutschen Frau vor mir.
Wem gaben Sie es zuerst zu lesen?
Meiner Frau.
Wer ist Sophie, der Sie das Buch gewidmet haben?
Eben dieselbe. Sophie Tottie, Künstlerin.
Der Verlag nennt Die Seelensucherin einen biologischen
Thriller – können Sie uns den Begriff erklären?
Als ich an einen Titel fürs Buch zu denken begann, wußte
ich, daß ich ein paar Worte brauchte, die sowohl den Inhalt
wie auch die Form so nüchtern wie möglich zusammenfassen
konnten. Der Roman spielt größtenteils in Stockholm;
der Teil des Titels war also nicht besonders schwer. Aber weiter?
Als ich eines Abends im zentralen Athen spatzierte, wohin ich
mich zurückgezogen hatte um zu schreiben, dämmerte es
mir ein – natürlich: Stockholm noir. Das Buch
spielt in der Hauptstadt Schwedens während einiger dunklen
Tage in Dezember 1925. Da gibt es manche Figuren, die etwas lichtscheu
sind und deren Moral wohl nicht allzu kreideweiß ist. Hier
gab es eine Polarität, die sich ausnutzten ließ: Schnee
und Finsternis, Unschuld und Verbrechen … Das Buch ist kaum
ein Krimi, aber in gewisser Weise will er sicher die Nerven des
Lesers kitzlen. Daher stellte sich der Bezug zu einem Genre, den
ich persöhnlich sehr schätze, wie von sich selbst ein.
Ich denke an den „film noir“ der Zwischenkriegszeit,
jener Spezi in Sachen unheilvoller Schatten und zwiespältiger
Unschuld.
Die Passagen über Professor Schaumberg und seine
Hirnforschung beruhen auf historischen Ereignissen und spiegeln
das Wissenschaftsdenken der Vergangenheit wider. Woher kommt Ihr
Interesse an der Biologie des menschlichen Gehirns?
Als ich Teenie war, kam es vor, daß ich dachte, die Frage
meiner eigenen Herkunft verlangte eine Antwort. Sicher ist dies
eine typische Reaktion eines Einwandererkindes. Natürlich
hegten meine Eltern gewisse Hoffnungen, daß tun Eltern immer,
aber ich glaube, es hatte mehr mit den unausgesprochenen Forderungen
der Schule und der Umgebung zu tun. Heute bin ich nicht mehr sicher,
daß es eine eindeutige Antwort gibt, oder gar geben kann.
Mein Rückgrad ist griechisch, meine Nerven österreichisch,
meine Zunge schwedisch. Bis jetzt habe ich keinen Grund gehabt,
mich über diese Ordnung besonders zu beschweren, obwohl die
seltsamen Einfälle der Biologie mich immer noch zu schaffen
machen.
Was und wo haben Sie studiert?
Vor allem Literaturwissenschaft. Ich begann in Stockholm, setzte
in Wien und an der Ecole des hautes études in Paris fort,
um 1987 in den Vereinigten Staaten zu übersiedeln. Da studierte
ich Komparistik an der Yale University. Nach der Promotion habe
ich mehrere Jahre geforscht und gelehrt – am Getty Center
in Los Angeles, an der Johns Hopkins University, in Berlin, Oslo
und Kopenhagen. Irgendwann zog ich aber an der Notbremse. Nach
fünfzehn Jahren Uni war mir immer noch nicht klar geworden,
warum sich das Leben wie auf Schienen bewegen müsste. Als
ich letzen Endes aus dem akademischen Zug stieg, entdeckte ich,
daß ich mich wieder in Stockholm befand. Dank eines viel
kleineren Zuges, der einem anderen Fahrplan treu ist, halte ich
mich im Moment in Berlin auf.
Sie wurden in Göteborg geboren, haben einen griechischen
Vater und eine österreichische Mutter, haben im Ausland studiert,
leben in Stockholm und halten sich gerade in Berlin auf. Wo ist
denn Ihre Seele zuhause?
Geographie bedeutet nicht allzu viel. Vielleicht ist auch dies
die Empfindung eines Einwandererkindes. Für mich werden Orte
erst dann wichtig, wenn sie mit Freunden, Bekannten, Familie verbunden
sind. Wo solche Personen wohnen, fühlt sich meine Seele aus
purer Instinkt zuhause.
Wie kamen Sie zum Schreiben?
Bereits früh, mit dreizehn, vierzehn Jahren, ahnte ich,
daß das Schreiben für mich die einzige Art war, den
Druck, den ich spürte, zu regeln. Der Mensch ist ja eigentlich
soetwas wie ein Gehirnhüter. Der Schädel dient als sein
Helm. Er muß drinnen bleiben oder geht unter. Für mich
wurde das Schreiben die dünne Membran, das Trommelfell, das
die Schwingungen zwischen Außen- und Innenwelt justieren
konnte, und das außerdem seine eigene Signale vermittelte
– in Gott weiß welche Richtungen …
Welches sind Ihre literarischen Vorbilder?
Für junge Autoren ist es gut, Vorbilder zu haben. Man kann
viel durch Nachahmen lernen. Aber wenn man etwas älter geworden
ist – sagen wir zwei oder drei Bücher alt – fände
ich es leicht unanständig, Vorbilder wie Denkmäler zu
pflegen. Dann muß man schon selbst gehen können. All
die peinlichen Erinnerungen von den zig Male, wenn man gestolpert,
gerutscht oder einfach nicht ausgeglichen gewesen ist, bieten
genügend Material für eine kleinere Bibliothek.
Wie muß Ihrer Meinung nach der ideale Roman sein?
Es gibt viele Gründe, warum man ein Buch schreibt. Manchmal
will man einen besonders hartnäckigen Albtraum abschütteln,
andere Male versucht man eine gewisse Erinnerung näher oder
mit einem Kurzschluß in seinen Gefühlen zurecht zu
kommen. Glücklicherweise hat mich noch nicht der Wunschtraum
heimgesucht, ein Buch zu schreiben, um den idealen Roman nachzugehen.
Was lesen Sie gerade? Und warum?
Im Moment Le Monde diplomatique der letzten –
oder? – Moment: nein, vorletzten – Woche und Vladimir
Nabokovs Lolita – denn ich werde wahrscheinlich
diesen Roman, dieses Monstrum der sinnlichen Schlüpfrigkeit,
ins Schwedische neu übersetzen.
© Carla Mühlens und Marie Claire
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