Der Seelen-Klempner


Interview
Von Carla Mühlens
Marie Claire, 2000, Oktober, 70.


Die Seelensucherin ist Ihr erster Roman – wenn Sie ihn in ein, zwei Sätzen zusammenfassen sollten, wie lauten die?

Ah, eine Art Warendeklaration – wie auf Lebensmittel oder Medikamente? Lassen Sie mich nachdenken … Vielleicht etwa so: „Die Seelensucherin enthält gleiche Teile der Sehnsucht und Überraschung, des Kummers und der Erinnerung, sowie eine erhebliche Portion Torheit und ein kleines Quentchen Glück. Das Buch will Nerven kitzlen, ist aber ungefährlich für kühne Seelen.“

In dem Roman sind zwei sehr unterschiedliche Menschen auf der Suche nach der Seele – die junge Frau, die endlich ihren Vater kennenlernen will und der Wissenschaftler, der das menschliche Gehirn erforscht, um den Sitz der Seele zu entschlüsseln. Was bedeutet Seele?

Ich wollte zwei verschiedene Welten schildern: gegenüber dem alten Mann des 19. Jahrhunderts steht die junge Frau des 20. Sie sprechen und denken, träumen und staunen in verschiedener Weisen. Mich lockte es, diese Unterschiede auch in der Wahl des Stils, des Temperaments und der Atmosphäre des Buches wieder zu spiegeln. Darüberhinaus war nur noch ein gemeinsamer Berührungspunkt von Nöten. Den fand ich in Leo Tager, der Vater der jungen Frau und der berühmteste Patient des alten Wissenschaftlers. Vielleicht enthält sein Schicksal eine Andeutung zum Antwort der Frage der Seele. Tager hat wenigstens den sogenannten „sechsten Sinn“ verloren – das heißt: das Vermögen sich selbst wahrzunehmen. Was kann die Seele für denjenigen, der meint, er lebe ohne Körper, bedeuten?

Der Roman spielt in den dreissiger Jahren, warum wählten Sie eine längst vergangene Zeit?

Lange dachte ich, das Buch spiele Anfang der 50er Jahre. Ich merkte aber, daß sein Motor rasselte. Erst als ich die Handlung zurück zum Jahr 1925 führte, greiften die Zahnrähder in einander. Nun fing der Text an, sich nach eigener Laune zu bewegen. Szenen und Geschehnisse lösten einander mühelos ab. Ich konnte es mir beim Schreibtisch als „backseat driver“ bequem machen. Offenbar verlangte das Buch in einer Epoche zu spielen, wo alte Sehweisen gegen modernen stießen. Professor Schaumberg hegt manche wilden Theorien über die Natur des Menschen. Nun wurde mir klar, daß seine wissenschaftliche Denkweise, die gewiß die des 19. Jahrhundert ist, nur zu schildern möglich waren, ehe sie durch die Rassentheorien und Schändlichkeiten, die wir mit dem Dritten Reich verbinden, endgültig kompromettiert wurden. Daher datiert der Erzähler des Buches seine Wiedergabe der Geschehnisse im Januar 1933, auf der Schwelle zur Katastrophe.

Und warum Stockholm?

Die Stadt ist mir immer ein Rätsel gewesen. Bereits ehe ich zum schreiben anfing, wußte ich, daß ich die Hauptstadt Schwedens schildern wollte – aber von Außen, durch die Augen eines Fremden. Weder die junge Vera Grund noch ich sind in Stockholm geboren oder aufgewachsen. Ich wollte eine Seite der Stadt portraitieren, die der geborener Stockholmer wohl kaum wahrnimmt, weil seine Gewohnheiten im Wege stehen. Die meisten von uns haben bestimmt die Neugierde und Verwirrung erfahren, die entstehen, wenn man eine fremde Stadt zum ersten mal besucht. Entweder spatziert man mit dem Stadtplan in der Hand, staunend über die vielen neuen Straßen, die gezogen worden sind, seitdem der Plan gezeichnet wurde. Nichts stimmt richtig mit der Wirklichkeit überein! Oder aber man verlässt sich auf seine heikle Intuition und übt sich in der Kunst, sich mit Stil zu verirren. Das sind interessante Geisteszustände für Autoren. Daß die Stadt meines Buches sich auch als eine internationale Metropole mit ausländischen Besucher und kosmopolitischen Ambitionen erweist, empfand ich als ein gnadenvolles Bonus. Einwanderung ist kein Phänomen der 50er und 60er. Uns Kanacker gab es viel früher.

Woher der Titel Die Seelensucherin?

Auf Schwedisch heißt das Buch eigentlich Stockholm noir. Als ich meinem deutschen Verleger den Titel zum erstenmal ins Ohr flüsterte, zog er die Augenbrauen hoch. So einen Titel ging es nicht in Deutschland zu verwenden; Stockholm übte keinerlei Verzauberung auf deutsche Leser aus. Ich staunte natürlich, denn ich dachte, die ganze Welt teile meine Begeisterung. Aber mein Verleger hat mir dann die Augen – oder vielmehr die Ohren – geöffnet: in deutschen Hörorganen müsste der Titel ungefähr wie Chemnitz schwarz-weiß oder Wuppertal noir in schwedischen klingen. Dann gab es noch dazu dieses Fremdwort … „Noir“, ging das überhaupt zu begreifen? Kurzum: das Buch wurde umgetauft. Nun liegt es unter einem Titel vor, der bestimmt die deutsche Sprache, dieses wahre metaphysische Mundwerk, bestens passt.

Wer oder was hat Sie zu diesem Buch inspiriert?

Wie immer während der unangenehmen Zeit vor dem Schreiben eines Buches trage ich verwirrende Ahnungen und Vorstellungen, Tableus und Intermezzi in meinem Kopf herum. Lange fehlte mir aber der Magnet, der diese Splitter zu einem Muster ordnen konnte. Dann las ich eines Tages einen Bericht über eine englische Frau namens Amanda Feilding. An einem Sonntagnachmittag 1970 hängte sie eine elektrische Bohrmaschine an die Decke ihres Badezimmers, injizierte sich ein Mittel zur örtlichen Betäubung in den Bereich des Stirnbeins, setzte sich vor den Spiegel und bohrte sich ein Loch in den Kopf. Dieser tollwütiger Versuch, der Seele ein Atemloch zu geben, löste eine Kettenreaktion bei mir aus. Weit eintfernt von den Aktionen Amanda Feildings fing langsam ein Muster an, sich abzuzeichnen. Zuletzt saß ich mit dem Profil einer jungen deutschen Frau vor mir.

Wem gaben Sie es zuerst zu lesen?

Meiner Frau.

Wer ist Sophie, der Sie das Buch gewidmet haben?

Eben dieselbe. Sophie Tottie, Künstlerin.

Der Verlag nennt Die Seelensucherin einen biologischen Thriller – können Sie uns den Begriff erklären?

Als ich an einen Titel fürs Buch zu denken begann, wußte ich, daß ich ein paar Worte brauchte, die sowohl den Inhalt wie auch die Form so nüchtern wie möglich zusammenfassen konnten. Der Roman spielt größtenteils in Stockholm; der Teil des Titels war also nicht besonders schwer. Aber weiter? Als ich eines Abends im zentralen Athen spatzierte, wohin ich mich zurückgezogen hatte um zu schreiben, dämmerte es mir ein – natürlich: Stockholm noir. Das Buch spielt in der Hauptstadt Schwedens während einiger dunklen Tage in Dezember 1925. Da gibt es manche Figuren, die etwas lichtscheu sind und deren Moral wohl nicht allzu kreideweiß ist. Hier gab es eine Polarität, die sich ausnutzten ließ: Schnee und Finsternis, Unschuld und Verbrechen … Das Buch ist kaum ein Krimi, aber in gewisser Weise will er sicher die Nerven des Lesers kitzlen. Daher stellte sich der Bezug zu einem Genre, den ich persöhnlich sehr schätze, wie von sich selbst ein. Ich denke an den „film noir“ der Zwischenkriegszeit, jener Spezi in Sachen unheilvoller Schatten und zwiespältiger Unschuld.

Die Passagen über Professor Schaumberg und seine Hirnforschung beruhen auf historischen Ereignissen und spiegeln das Wissenschaftsdenken der Vergangenheit wider. Woher kommt Ihr Interesse an der Biologie des menschlichen Gehirns?

Als ich Teenie war, kam es vor, daß ich dachte, die Frage meiner eigenen Herkunft verlangte eine Antwort. Sicher ist dies eine typische Reaktion eines Einwandererkindes. Natürlich hegten meine Eltern gewisse Hoffnungen, daß tun Eltern immer, aber ich glaube, es hatte mehr mit den unausgesprochenen Forderungen der Schule und der Umgebung zu tun. Heute bin ich nicht mehr sicher, daß es eine eindeutige Antwort gibt, oder gar geben kann. Mein Rückgrad ist griechisch, meine Nerven österreichisch, meine Zunge schwedisch. Bis jetzt habe ich keinen Grund gehabt, mich über diese Ordnung besonders zu beschweren, obwohl die seltsamen Einfälle der Biologie mich immer noch zu schaffen machen.

Was und wo haben Sie studiert?

Vor allem Literaturwissenschaft. Ich begann in Stockholm, setzte in Wien und an der Ecole des hautes études in Paris fort, um 1987 in den Vereinigten Staaten zu übersiedeln. Da studierte ich Komparistik an der Yale University. Nach der Promotion habe ich mehrere Jahre geforscht und gelehrt – am Getty Center in Los Angeles, an der Johns Hopkins University, in Berlin, Oslo und Kopenhagen. Irgendwann zog ich aber an der Notbremse. Nach fünfzehn Jahren Uni war mir immer noch nicht klar geworden, warum sich das Leben wie auf Schienen bewegen müsste. Als ich letzen Endes aus dem akademischen Zug stieg, entdeckte ich, daß ich mich wieder in Stockholm befand. Dank eines viel kleineren Zuges, der einem anderen Fahrplan treu ist, halte ich mich im Moment in Berlin auf.

Sie wurden in Göteborg geboren, haben einen griechischen Vater und eine österreichische Mutter, haben im Ausland studiert, leben in Stockholm und halten sich gerade in Berlin auf. Wo ist denn Ihre Seele zuhause?

Geographie bedeutet nicht allzu viel. Vielleicht ist auch dies die Empfindung eines Einwandererkindes. Für mich werden Orte erst dann wichtig, wenn sie mit Freunden, Bekannten, Familie verbunden sind. Wo solche Personen wohnen, fühlt sich meine Seele aus purer Instinkt zuhause.

Wie kamen Sie zum Schreiben?

Bereits früh, mit dreizehn, vierzehn Jahren, ahnte ich, daß das Schreiben für mich die einzige Art war, den Druck, den ich spürte, zu regeln. Der Mensch ist ja eigentlich soetwas wie ein Gehirnhüter. Der Schädel dient als sein Helm. Er muß drinnen bleiben oder geht unter. Für mich wurde das Schreiben die dünne Membran, das Trommelfell, das die Schwingungen zwischen Außen- und Innenwelt justieren konnte, und das außerdem seine eigene Signale vermittelte – in Gott weiß welche Richtungen …

Welches sind Ihre literarischen Vorbilder?

Für junge Autoren ist es gut, Vorbilder zu haben. Man kann viel durch Nachahmen lernen. Aber wenn man etwas älter geworden ist – sagen wir zwei oder drei Bücher alt – fände ich es leicht unanständig, Vorbilder wie Denkmäler zu pflegen. Dann muß man schon selbst gehen können. All die peinlichen Erinnerungen von den zig Male, wenn man gestolpert, gerutscht oder einfach nicht ausgeglichen gewesen ist, bieten genügend Material für eine kleinere Bibliothek.

Wie muß Ihrer Meinung nach der ideale Roman sein?

Es gibt viele Gründe, warum man ein Buch schreibt. Manchmal will man einen besonders hartnäckigen Albtraum abschütteln, andere Male versucht man eine gewisse Erinnerung näher oder mit einem Kurzschluß in seinen Gefühlen zurecht zu kommen. Glücklicherweise hat mich noch nicht der Wunschtraum heimgesucht, ein Buch zu schreiben, um den idealen Roman nachzugehen.

Was lesen Sie gerade? Und warum?

Im Moment Le Monde diplomatique der letzten – oder? – Moment: nein, vorletzten – Woche und Vladimir Nabokovs Lolita – denn ich werde wahrscheinlich diesen Roman, dieses Monstrum der sinnlichen Schlüpfrigkeit, ins Schwedische neu übersetzen.



© Carla Mühlens und Marie Claire