Die Eroberung Berlins


Gespräch
Mit Durs Grünbein
Akzente, 2004, Nr. 1, 12-29.
Photo: Thomas Florschuetz, 1995

Der Zeigefinger im Äther

Schauplatz ist der Berliner Fernsehturm am Alexanderplatz, mit seinen 368 Metern das höchste Bauwerk in der Geschichte der DDR-Architektur. Vor den Eingang zum einzig funktionstüchtigen Fahrstuhl, der ins „Telecafé“ hinaufführt, haben die Götter der Marktwirtschaft eine Kasse gesetzt. Auf einem elektronischen Laufband die digitale Verkündigung „Längere–Wartezeiten–Wir–bitten–um–Ihr–Verständnis“. Davor warten bereits etwa zwanzig Kinder, einige Eltern, ein Paar im Rollstuhl, mehrere Touristen, sowie zwei ortsansässige Autoren. Gemurmel, Ungeduld, Beton. Ein schwüler Tag im Juli 2001.
Durs Grünbein: Da stehen wir also wieder einmal in einer Schlange, und alles scheint wie in alten Zeiten. Wenn wir nicht unbedingt da hinaufmüßten, wäre ich längst gegangen. Ich habe aus meiner Jugend eine schwere Warteschlangen-Phobie zurückbehalten. Warten bedeutet seither für mich Blockade, Belagerung, Reiseverbot, Stillstehn beim Gruppenappell. Das war eine Erfahrung, die man am liebsten auskotzen möchte. Aber das geht nicht, es handelt sich um ein diffuses Körpergefühl, um verstauchte Motorik, tief in den Eingeweiden eine latente Ohnmacht vor soviel gestohlener Zeit. Heute erscheint mir das Warten nur noch als rituelle Handlung. Vielleicht stehen wir genau deshalb hier an, um uns in eine andere Zeit versetzen zu lassen. Für jede Minute, die wir hier herumlungern, geht es historisch ein Jahr zurück. Es besteht die große Chance, daß wir endlich in den 60er Jahren an der Reihe sind und unsere Entrittskarten passend zum Mauerbau bekommen.
Aris Fioretos: Solche Verlangsamung ist meine erste Erfahrung der DDR. Wenn man damals mit dem Nachtzug aus dem Norden kam, traf man zwar bereits früh in Lichtenberg ein, die letzten drei Kilometer, bis zum Bahnhof Zoo, dauerten dann aber noch einmal genau so viele Stunden – eine Ewigkeit für den, der die Nacht schlaflos in einem Liegewagen verbracht und nun nur eine Tasse Pulverkaffee hatte, in der er müde mit dem Zeigefinger rührte. Ich habe im Verdacht, die Irritation diente einem pädagogischen Zweck: es gab nichts anderes zu tun, als den Fernsehturm zu erwägen während dessen die Minuten gezählt wurden. Als man dann zu der westdeutschen Sondersiedlung innerhalb der Zone gelangte, kam man in eine andere, fast konservierte Zeit. Zwar waren die Menschen, die da wohnten, mit dem Mutterschiff WEST verbunden, vor allem durch die Medien, aber eigentlich lebten sie in einer eigenen Welt. Hier herrschte eine Satellitenmentalität – als solche, von befreiender Nachlässigkeit geprägt. Die moralischen Instanzen waren wohl weniger. Die Nähe zur Vergangenheit (sichtbar in jeder Ruine, auf jeder von Schüssen geschädigten Fassade); die Erkenntnis, sich da zu befinden, wo die Supermächte sich in den Augen fassten; aber auch der kaum ungünstige Abstand zur BRD mit all ihren kleinbürgerlichen Familiendramen – solche Umstände erzeugten eine Art Freiheit, die nur auf abgesondertem Gebiet existieren kann. In West-Berlin folgte der Tag nicht dem 9-5 des fleißigen Bürgers. Hier gab es keine erwähnenswerte Industrie, keine Bürokultur zu züchten, aber viel Zeit um den eigenen und kollektiven Gedanken, Lüsten, Überzeugungen nachzugehen – ein Paradies für Witwen, Berufshistoriker und Studenten, sowie für Minoritäten aller Art: ethnische, sexuelle, ideologische … Ich stelle mir vor, es war wie ein Leben in einer Taucherglocke. Manchmal wurde die Luft bestimmt etwas dünn und das eine oder andere Gehirn fing an sich schwindelig zu fühlen. Womöglich war der Turm eine Antwort auf diesen eigenartigen Soziotop? Das Telecafé ist eine verkehrte Taucherglocke – in der Luft. Derjenige, der es damals in die obere Etage schaffte, wurde in einen Ausnahmezustand versetzt. In zwanzig Minuten konnte er sich 360 Grad drehen und alles, was der sozialistische Staat nicht sein wollte, von oben betrachten. Auch eine Revolution … Der Blick über die Mauer, in die Ferne, war aber nur zum Preis des Ausstieges aus der Alltagszeit zu erkaufen. Bloß in der Phantasie war er gestattet und hatte natürlich den entgegengesetzten Effekt. Die Mauer, die die Bürger von der westlichen Ansteckung schützen sollte, erzeugte ihr Gegenteil: sie verlockte zur Übertretung.
Es bewegt sich. Nach einer Fahrt 208 Meter in die Höhe gelangen sie in ein rotierendes Restaurant.
Grünbein: Das Stichwort ist Television. Dieser Turm, wie für die sozialistische Ewigkeit gebaut, war eine besondere Foltermethode, eigens ausgeklügelt für den gefangenen DDR-Bürger. Im Laufe einer kompletten Umdrehung konnte er den ganzen Mauerring um sich ermessen. Es war der Hofgang des Gefängnisinsassen im Panorama. Von hier oben konnte er sehen, wie vollständig er umzingelt war. Ich nehme an, das war die geheime Absicht der Erbauer. Ein Aussichtsturm als Konkurrenz zu den hölzernen Hochsitzen auf der anderen Seite der Mauer, nach der Devise: jeder Staat ist sich selbst der nächste, und wir spucken dem Klassenfeind auf den Kopf. Eine Schule der Desillusionierung für die da draußen und die hier drinnen, ein Signal an den Rest der Welt. Es gibt dazu ein Paar schöne Zeilen von Robert Frost: Before I built a wall I’d ask to know / What I was walling in or walling out. Diesen Unterschied glaubten die Machthaber im Osten mit dem Fernsehturm am Alexanderplatz ein für allemal geklärt zu haben.
Fioretos: Leider sind die Schweden daran nicht unschuldig. Als man auf der Internationalen Frequenzkonferenz in Stockholm in den 50er Jahren den Äther aufteilte, bekam die politisch nicht anerkannte DDR bloß zwei Frequenzbereiche fürs Fernsehen. Beide waren sehr störanfällig. Das hieß, Ost-Berlin würde mit mehreren kleinen Sendern nicht mehr auskommen. Die Geräte der Hauptstadt konnten nur dann mit Programme versorgt werden, wenn man einen Riesensender an einem zentralen, möglichst hoch gelegenen Standort baute. Von 1965 an wuchs „die sozialistische Höhendominante“ langsam in den Himmel. Ein Zeichen sollte gesetzt werden, das nicht zu übersehen war. Für Ulbricht gab es keine Frage: der Fernsehturm sollte „politisch-demonstrativ“ gebaut werden. Er müsste von allen Hauptstraßen und Himmelsrichtungen aus zu sehen sein. Der Genosse sprach vom „Gesicht“ der Stadt, von einer „Sensation“. Es galt, ein auffälliges Aussehen zu schaffen, Profil zu zeigen. Voller väterlichem Stoltz meldet ein Protokoll des Politbüros: „In seiner klaren, einprägsamen und einmaligen Form wird der Turm zu einem Wahrzeichen der Hauptstadt der DDR sowie zu einem Symbol unseres sozialistischen Aufbaus.“ Der Fernsehturm war eine Kraftdemonstration: der Sozialismus hatte genug Muskeln um den Himmel zu erreichen. Man war auf gutem Wege den Äther selbst zu kolonisieren. Der Turm war der Zeigefinger, der sagte: „Paßt auf, jetzt kommen wir!“
Grünbein: Zugleich war es ein Zeichen der Hysterie, wie alles Übersteigerte und Himmelsstürmende. Das gehörte zum Muskelspiel der Systeme während des Kalten Krieges. Der Turm behauptete: „Wir sind wer! Zu derlei architektonischen Wunderleistungen ist der Sozialismus imstande!“ Im Systemwettkampf war der Fernsehturm neben dem Sputnik und dem ersten bemannten Weltraumflug ein Meilenstein technischer Entwicklung. Die politische Motivation aber war von Anfang an zweideutig. Auf der einen Seite war es ein Denkmal gegenüber dem Westen. Auf der anderen Seite sollte den Bürgern ein Minimum an symbolischem Auslauf gewährt werden. Doch kaum fuhren die ersten Bürger da hoch, kehrte sich die Intention gegen den Willen der Funktionäre – wie so vieles in der DDR-Politik. Plötzlich saßen sie in einem silbernen Käfig hoch oben in der Luft und rotierten wie Versuchstiere auf der Stelle. So wurde der Fernsehturm auch zur Demarkation für den herrschenden Status quo.
Die Kellnerin kommt. Mittagessen wird bestellt.
Fioretos: Die Rolle, die der Bürger während der Dauer eines Essens übernahm, war eigentlich die des Staat-Chefs. Zwischen Schnaps und Rechnung dürfte er die oberste Etage besuchen und mit den Phantasien der Omnipotenz spielen. In dem Zementkäfig war er Herr, zugleich aber auch Opfer. Eine traurige Belustigung, eine verdrehte Folter. Interessant ist die Zeitordnung, die hier zum Ausdruck kommt. Die Tatsache, daß man sich binnen 20 Minuten um seine eigene Achse dreht, spielt der Ideologie des Fortschritts nur scheinbar in die Hände. Zwar bewegt sich das Restaurant zwar gemäß des Uhrzeigersinns, in die Richtung der Zeit und der Evolution. In Wirklichkeit war es jedoch ein Leerlauf, eine Kreisbewegung, die irgendwann die Zeit kurzschaltete. Nach ein paar vielversprechenden Umrundungen ernüchterte man schnell und musste feststellten: ich bewege mich nicht, sondern werde bewegt. So wurden die damaligen Besucher zu Ersatzkosmonauten in der Warteschleife der ewigen Wiederkehr. Vielleicht war der Versuch, den Kreislauf als eine zielorientierte Vorwärtsbewegung auszugeben, ein Symptom für den totalitären Staat? Der Turm war die Antwort auf ein Gerücht: Spione hatten den Herren informiert, daß die Westberliner einen Fernsehturm planten, den Bau aber immer wieder aufschoben. Da ergriff die SED die Chance. Zwar wollte man nicht unnötig provozieren, da der Westen aber nicht zur Sache kam (immer dieser kleinbürgerliche Wankelmut), konnte man guten Gewissens einen Teil des militären Fünfkampfes beenden – wohlwissend, daß ein zweiter Turm niemals gebaut werden würde, denn das wäre nun wirklich die schiere Provokation gewesen.
Grünbein: Dabei ging es in diesem Stellungskrieg um die gegenseitige Beobachtung, auf allen Ebenen. Kampf der Satelliten, der Radarschirme und Fernrohre. Der Turm war das Argusauge, das die Erdumdrehung simulierte, den globalen Zugriff parodierte. Obwohl er ein weithin sichtbares Zeichen setzte – den ersten Fingerzeig, den man aus Rostock, Dresden oder Halle kommend sah, viele Kilometer schon vor den Pforten Berlins – diente es nur einem einzigen Zweck: die Mauer zu verdrängen. Natürlich sollte jeder die Mauer sehen, schon der Abschreckung wegen, gleichzeitig aber sollte man auch darüber hinwegsehen. Der Fernsehturm war ein Angebot an die Bevölkerung, sowohl die Mauer als auch die kaputten Dächer der umliegenden Wohnbezirke zu übersehen. „Seid nicht kleinlich, haltet euch an das Wesentliche.“ Der Westen dagegen konnte den Fernsehturm, die Schönheiten des Sozialismus vor lauter Mauer einfach nicht sehen. Das Perverse war, daß der Fernsehturm aus dem selben Material bestand wie dieser antifaschistische Schutzwall.
Fioretos: Wie so viele Türme nach dem zu Babel war auch der sozialistische eine enorme Verschwendung. Früh wurde klar, er wird teurer, sehr viel teurer, als geplant. Immer wieder wurden die Kalküle der Ingenieure gesprengt. Weil die Mittel nicht vorhanden waren, war der Bau lange Zeit ein Schwarzbau. Deswegen wurde offiziell nie von dem Preis des Wunderwerks gesprochen, und deswegen hat auch nie eine offizielle Grundsteinlegung stattgefunden. Das höchste Bauwerk der Republik hatte zwar ein solides Spannbetonfundament, aber keinen Grundstein. Daraus ist vielleicht manches zu lernen.
Grünbein: Das kannst nur du so sagen, mit deiner westlichen Skepsis. In Wahrheit kamen die Fundamente aus Moskau. Dort wurde der Beton zuerst angerührt, der cäsarische Baustoff par excellence. Und siehe da, die Monsterbauten halten noch immer stand. Eine Menge Leute fühlen sich einfach wohl zwischen Mauern und Wachtürmen, das habe ich langezeit unterschätzt. Heute gibt es da ein nostalgisches Gefühl, die Sehnsucht des Gefangenen nach den Gefängniswänden. Es ist genauso, wie Döblin es in Berlin Alexanderplatz beschrieb: als Franz Biberkopf aus dem Gefängnis entlassen wird, steigt er zwar in die Elektrische ein, wie es heißt, doch sein Kopf bleibt auf der Stelle zurück. Von nun hängt er orientierungslos in der Luft. Das Problem war doch, daß Sozialismus und Natur im Kriegszustand lebten. Der Sozialismus und alles, was er hervorgebracht hat, waren so widernatürlich wie Siliconbrüste, Broccoli oder die Bauhaus-Ästhetik. Der Ursprung dieser Massenbewegung, des Bolschewismus, lag zwar im Osten, aber die Zukunft war westwärts weitergezogen. Dieser Fernsehturm war im Grunde nur ein Symbol für die Dialektik im Stillstand, wie Walter Benjamin das genannt hat, ein abstrakter Bau, eine reine Geste und ein Appell an den Kosmos, genauso wie die Materialschlacht der Raumfahrttechnik. Er war Ulbrichts und später Honeckers Renommierobjekt, ähnlich der Stalin-Allee oder der Industriesiedlung Eisenhüttenstadt. Damals ging es um die Frage: wer ist zuerst im Weltall? Die morphologische Ähnlichkeit der Aussichtskugel mit dem Sputnik, des Turms mit den Sajuz-Raketen und Atomwaffen-Silos springt doch ins Auge. Gebäude wie der Fernsehturm wurden gebaut, um in New York, in Rio oder in Tokyo wahrgenommen zu werden. Schon die Globus-Form zeigt es: das Ding war adressiert an die Weltbevölkerung, und das ist auch gelungen. Es gibt eine Internationale der weltweit höchsten Gebäude. Hier am Eingang zum Fahrstuhl klebt ihre Plakette. Der Turm ist zum Clubmitglied geworden. Er befindet sich in so vornehmer Gesellschaft wie der des CN Towers von Toronto, des Empire State Building oder des Tokyo Towers. Heutzutage fehlt er in keinem der Reiseführer. Nachdem der Staat, in dem er in die Höhe schoß, untergegangen ist, wagt er sich aus seiner paradoxen Deckung heraus, um den Dialog mit den anderen Sendetürmen der Welt aufzunehmen. Er darf nun erstmals über tausende Kilometer hinweg mit seinesgleichen kommunizieren. Die Türme der Welt nicken einander über die Köpfe der Bevölkerungen hinweg zu. Es sind Riesen, die uns als wimmelnde Zwerge, als bloßes Medienspielzeug, ignorieren.
Fioretos: Sie sind die Basketballspieler der Architektur, die einzigen, die sich, zumindest symbolisch, in die Augen sehen können.
Grünbein: Eine verschworene Weltgemeinschaft. Es ist schon seltsam, daß ich nach zwanzig Jahren zum erstenmal hier hinaufgefahren bin, pünktlich im Jahre 2001. Das hat sicher mit der Mißachtung des Sachsen für alle Berliner Angelegenheiten zu tun. Ich wäre im Traum nicht auf die Idee gekommen, den Berliner Fernsehturm zu besteigen. Grund dafür war der Widerwille gegen dieses großspurige Programm: „Berlin, Hauptstadt der DDR“, hieß es schon weit draußen auf allen Autobahnschildern. Ich wette, wenn sie technisch dazu in der Lage gewesen wären, hätten sie einen Turm gebaut, der kilometerhoch in den Himmel stößt. Interessanterweise wurde diese Republik gerade zu der Zeit international anerkannt, als der Fernsehtum entstand. Das erinnert an einen Musterschüler, der solange den Arm hebt, bis der Lehrer ihn endlich aufruft.
Fioretos: Was übrigblieb, ist die Geste des Zeigefingers. Die zugehörige Hand ist schon lange verschwunden. Als Organism betrachtet, verwest der Ostblock. Hier und da sieht man noch zerstreute Teile des ehemaligen politischen Mutterleibs: das harte, nach vorn geschobene Kinn des Russlands, der nervöse Adamsapfel Polens, die zusammengekniffenen Arschbacken Bulgariens und Rumäniens … Und Tschechien mit seinen blauen, nach Westen himmelnden Augen.
Grünbein: Das wichtigste war die pathetische Geste. Der DDR-Sozialismus war eine Ideologie voller Pathos. Sie stand in einem unglücklichen Verhältnis zur Realität. Deshalb die übergroßen Bauten. Sie waren Demonstrationen gegen den vorherrschenden Minderwertigkeitskomplex. Tatsächlich sah man sich ja als historischen Aufsteiger. Bezeichnenderweise war Honecker von Beruf Dachdecker.
EIne Kinderfamilie setzt sich zum Tisch nebenan. Angeheiterte Mienen, erwartungsvolles Fußtreten. Der Vater fängt an, die Sehenswürdigkeiten der Stadt vorzuzeigen.
Fioretos: Hat die Geste nicht auch mit der Furcht des Ängstigen vor der allgegenwärtigen Katastrophe zu tun? Die Mauer diente dazu, die Republik abzugrenzen, die westlichen Ansteckungsstoffe unter Kontrolle zu behalten. Sie war eine preventive Maßnahme. Mit dem Turm wollte man Aufmerksamkeit auf die hygienische Pflicht schaffen und mit gutem Beispiel vorangehen. Aber der hysterische Zeigefinger füllte natürlich auch eine andere Funktion. Er war zugleich eine Warnung und vielleicht eine Drohung: „Nur in dieser Weise!“ Solche Gesten sind von Menschen bekannt, die von der Zeit davongelaufen worden sind und kämpfen müssen, um gehört zu werden. Zur Tragödie gehört, daß die Umgebung aufhört, auf den Zeigefinger zu achten, wenn er allzu oft erhoben wird. Ich glaube, viele im Westen rückten mit der Zeit nur noch mit den Schultern. Auch die Mauer hat man auf diese Weise behandelt. Ich erinnere mich, wie spannend es war, das erste Mal die Hand auf den grauen Zement mit all dem Graffiti zu legen. Es war, als setzte man den Finger auf den Puls des kalten Krieges. Aber bereits nach einer Woche in der Stadt kehrte man der Mauer den Rücken. Kam man in eine Querstraße hinein und sah sie plötzlich vor sich stehen, drehte man einfach das Fahrrad um und fing an, in andere Richtung weiterzutrampeln. Wenn West-Berlin eine Geschwulst im Fleisch der DDR war, die das Politbüro zu isolieren versuchte, um Metastasen zu verhindern, war es wenigstens aus westlicher Sicht eine benigne. Mit so einem Feind konfrontiert, einem, der vielleicht nicht einmal einer sein wollte, hilft es nur sich mit freudigem Nonsens Mut einzujagen – wie das Kind, das anfängt zu pfeiffen, als es durch den finsteren, jedoch harmlosen Wald geht oder wie die Jungpioniere mit ihrem „Fernsehturmlied“:

Dieses Café ist rund und hell,
rund und hell, rund und hell,
und dreht sich
wie ein Karussell,

Ich kann diesen Turm kaum als mehr als eine verzweifelte Geste betrachten. Mit ihm wollte man zeigen, wo das Zentrum der Stadt lag. Aber ihr betonschwerer Beahuptungswahn zeigt, wie unsicher der Platz der DDR auf der politsichen Karte war. Gutes Selbstbewußtsein veranlassen selten solche Gesten.
Grünbein: Dabei ging es um nichts geringeres als die Eroberung Berlins. Einmal war die Stadt die Zentrale des Deutschen Reichs. Dann kam Germania, wie Hitlers Architekt Albert Speer es erträumt hat, die Hauptstadt des Tausendjährigen Reichs. Später wurde sie zur geteilten Stadt, die Inkarnation der gespalteten Welt in der Zeit des Kalten Krieges. Der Berliner Größenwahn ist einzigartig.
Die gigantischen Eisportionen der Kinder werden hereingebracht. Zeit, zu bezahlen. Erneut Schlangestehen vor dem einzig funktionierenden Fahrstuhl. Stoische Mienen.
Fioretos: In gewissem Sinne ist es noch immer eine Frage der Eroberung der Stadt. Die Zeichen dafür sieht man überall seit der Wiedervereinigung: da wird um das zukünftige Antlitz Berlins gekämpft. Kosmetika steht hoch im Kurs. Aber auch alte Wahrzeichen können eine neue Funktion bekommen – es ist ein bißchen, wie die betagte Grunewald-Schönheit, die ihre mouche von der rechten zur linken Wange versetzt. Ich denke, der Fernsehturm macht sich kosmetisch außerordentlich gut in diesem Zusammenhang. Für die Generation der Love Parade ist er zu einem retro-futuristischen Markenzeichen, einem satyrischen Szepter geworden, an das man sich während eines hitzigen und hetzigen Wochenendes in Juli anschließt. Da reichen sich alte Beton-Emfindsamkeit und neue Techno-Kultur die Hände. Nicht zufällig ist die optische Ähnlichkeit mit der Disco-Kugel der 70er Jahre. So wird der Turm ästhetisch aufgewertet. Das Gespenst der Geschichte tritt das erste Mal als Ereignis auf, das zweite Mal jedoch als Event. Der Rest von Berlin erlebt ein ähnliches facelift. Erst soll natürlich mit dem Gebiß zurecht gekommen werden. Die Stadt muß ihre legendäre Bissigkeit zurückbekommen. Dementsprechend werden die faulen Zähne gezogen und frische Plomben eingesetzt. Als Amalgam dient Beton und Glas. Der Horror vacui regiert die Stadtplanung. Jetzt werden die Reihen nach und nach geschlossen, alle Lücken gefüllt. Eigentlich ist es ein Zweifrontenkrieg: zum einen muß die Stadt räumlich, zum anderen zeitlich erobert werden. Das ist keine einfache Sache. Wie an den antiken Orten liegen in Berlin die historischen Lagerstätten dicht aufeinander. Manche werden nun freigelegt, andere zugeschüttet oder gar wegtransportiert zur nächsten Abraumhalde. Möglich, daß in ein paar Jahren der Fernsehturm und die Stalin-Allee das Einzige ist, was den Berlinern an DDR erinnern wird. Wahrzeichen werden umfunktioniert, historische Orte werden mit neuen Attributen ausgestattet (Stichwort: Reichstag), Straßen werden umbenannt. Wo eine Kavität ist, steht schon ein Projektschild. „Baustelle Berlin“ heißt die Formel. Was passiert, ist ein durchgreifender Versuch, die Stadt zu intensivieren. Berlin ist immer eine horizontale Angelegenheit gewesen, flach und auf einem enormen Areal ausgedehnt. Angeblich würden drei normalgroße Städte innerhalb der Stadtgrenzen Platz bekommen. Nun werden überall neue Knotenpunkte und Verdichtungen geschaffen mit Anschluß an das globale Netz. Selbstverständlich wird auch in die Höhe gebaut. Die neuen Eroberer sind nicht länger Politiker und Ideologen, sondern Medienleute. Mit dem Potsdamer Platz statuieren sie ihr Beispiel, ein Ort wohin man bereits pilgert wie zu einer amerikanischen mall mit zurechtgelegten Fußgängerzonen, Essen aus den verschiedensten Ecken der Welt und den letzten technologischen Neuigkeiten im Schaufenster – eine verführerische Erlebniskultur, die von Überwachungskameras eskortiert wird.



Der Blick in die Kloake

Szenenwechsel. Nach einer Fahrt durch die Stadt gelangt man zum Messegelände am Funkturm, an den Außenposten des Berliner Westens. Linkerhand macht sich das International Conference Center (ICC) breit, ein Prunkstück der 70er Jahre aus den Pioniertagen der Globalisierung: ein Raumschiff, das heute nur noch Schrottwert hat, ein Denkmal städtebaulicher Fehlplanung. Rechterhand der Funkturm, ein kleines Ingenieurskunstwerk der klassischen Moderne. Wieder verliert man den Boden unter den Füßen.
Grünbein: Dieser Turm ist ein Luxusobjekt unter den Sendetürmen, eine silberne Anstecknadel am Berliner Himmel. Prousts Worte zum Eiffelturm passen auch zu ihm: er stehe da „aufrecht in den Boden gerammt wie Odins Speer“. Nach außen fragil und transparent, das Stahlskelett einer schlanken Schönheit, und drinnen sieht es wie an Bord einer Yacht aus. Wenn man sich umschaut, fehlt eigentlich nur noch die Schiffsglocke. Das ganze erinnert in seiner Schwerelosigkeit an ein Fahrzeug aus Leichtmetall. Oder an einen zu groß geratenen Blitzableiter. Schlank und sportlich wie die Modelle aus den 20er Jahren, die Frauen und Männer in der damaligen Freizeitmode mit Sweatshirt und Leinenhose. Der Turm steht da wie ein Denkmal für Siegfried Kracauers Angestelltenkultur, die typische Berliner Gesellschaft der Weimarer Republik.
Der Kellner fragt, ob es denn etwas sein dürfte. Kurze Überlegung.
Fioretos: Der Turm hat etwas Pagodenhaftes. Er ist eine architektonische Etüde, keine Symphonie in Beton. Hier sind Echos sowohl des Jugendstils, wie auch der Neuen Sachlichkeit erhalten – zierliche, aber ebenso nüchterne Erinnerungen an eine Zeit, wo Eleganz und Erwachsensein noch zusammengehörten. Der Turm macht sogar einen leichtfüßigen Eindruck, was vermutlich daher beruht, dass es nur zwanzig Meter zwischen seinen vier Füßen sind. Daraus spricht eine andere Kultur: die der Ingenieure und Connaisseure, die wußten, wie man auf engem Raum manövrierte. Das Ideal ist noch der Tanzflur der geschlossenen Gesellschaft, nicht der Plenisaal. Das erste, was uns hier im Restaurant begrüßte, waren Champagnerflaschen und kubanische Zigarren – was ich trinke und du soeben rauchst. Am Alexanderplatz wurde Bier, Würzfleisch und Eis vorgesetzt. Es wäre allzu einfach, sich über solche Unterschiede lustig zu machen. Wenn eins dieser Türme den Kürzeren zieht, vermute ich, es wird dieser sein. In Berlin gravitiert alles zur neuen „Mitte“. Erwachsenes Vergnügen steht nicht hoch im Kurs. Was einst als selbstverständliche Bestandteile wahrgenommen wurden – Moët, Cohiba – sind nunmehr Teile der Spaßkultur. Aber ich finde den jeweilgen Bezug zur Zeit der Türme interessant. Der Funkturm gehört der Erwachsenenwelt und somit einer Gemütsstimmung, die sich der Endlichkeit des Lebens bewußt ist. Ich bezweifle, daß Kinder hier besonders gern gesehen werden. Der Fernsehturm ist natürlich das wahre infantile Paradies (für Kinder in jedem Alter) und wurde bestimmt für den permanenten Morgen des Lebens gebaut, also für die Ewigkeit. In beiden Fälle ist es eine Frage der Wahrzeichen: im einen eines ideologischen, im anderen eines kommerziellen. Als der Funkturm gebaut wurde, rühmte sich Berlin, die amerikanischste Stadt Europas zu sein, der einzige Ort, der mit dem technologisch avancierten Staaten auf der anderen Seite des Ozeans wetteifern konnte. 1926 erhielt man den heißersehnten Beweis dafür – „ein funkelndes Wahrzeichen“, wie es in den offiziellen Verlautbarungen hieß. (Das Exterieur diente als Werbefläche in Neon.) Aber der Turm mußte sich natürlich auch als Funksender nützlich machen. Utile et dulce waren noch in klassischer Manier verbunden. Wobei die damaligen Bauherren wohl kaum einmal in ihren wildesten Phantasien ahnen konnten, daß der Fortschrittsglaube, den sie zu ihrem Herzen so eng geschlossen hatten, bald genug von einem diabolischen Propagandaapparat verwaltet werden würde …
Grünbein: Dieses kleine Stilett am Außengürtel der Stadt galt damals als das jüngste Resultat technologischer Entwicklung. Es wundert einen nicht, daß das Messegelände und die Avus-Autobahn zu seinen Nachbarn gehörten. Hier wurde der Äther gestürmt, während es da drüben, Jahrzehnte später, galt, in den grauen Himmel zu stechen. Wenn man hört, daß von hier aus die ersten Fernsehbilder der Welt gesendet wurden, versteht man plötzlich, worin die Pionierleistung dieses unscheinbaren Funkturms lag. Seine Position unmittelbar an der Ausfallstraße in Richtung Westen zeigt es: die Schnelligkeit der elektromagnetischen Welt sollte sich mit jener der neuen Automobile verbrüdern. Die Funktechniken, die hier entwickelt wurden, dienten schon bald der nationalen Propaganda. Unheilige Allianz von technischem Fortschritt und politischer Barbarei. Die explosivste Mischung, die das Jahrhundert bereithielt. Während des Dritten Reichs stand in jedem Haushalt ein Volksempfänger. Aus ihm schallte die Stimme des Führers, der dämonischste Sirenengesang, der je ein menschliches Ohr erreichte. Hörfunk als Spektakel, das sich tief in die Seelen eingrub. Alle Register der Verführung wurden gezogen. Der Sound der faschistischen Diktatur, ohrenbetäubend und atemberaubend, riß alle mit. Später trat seine militärische Funktion in den Vordergrund. Während des Krieges war es das Sprachrohr des Oberkommandos der Wehrmacht. Von dieser Sendestation aus wurden das deutsche Volk hin- und hergejagt zwischen Sieg und Niederlage. In unmittelbarer Nähe an der Masuren-allee lag seit 1931 das Berliner Rundfunkhaus von Max Poelzig, von den Nazis später in Haus des Deutschen Rundfunks umbenannt. Nach dem Krieg zog hier der Rias ein, eine Stimme der freien Welt. Es ist ein gewaltiger symmetrischer Komplex aus dunklen Keramikziegeln und Klinkerstein, der einen an Citizen Kane erinnert oder an Orwells Ministerium der Angst. Schon Kracauer beschrieb seinerzeit, wie einen die düstere Fassade mit ihren 150 Metern Straßenfront Frösteln machte: „Ein Bauwerk, das eher drohend als heiter ist …“. Kracauer sprach auch von der Verschwommenheit der Rundfunkidee, ein Thema, das uns bis heute beschäftigt. Es geht um die Verwandlung von Information in Ware. Den Grundriß des Rundfunkhauses bildete ein Dreieck. Es sollte modern sein, wie so manches, das später als Bauhaus-Ästhetik gefeiert wurde. Aus der Luft wirkte das Gebäude wie ein Freimaurer-Zeichen. Von Anfang an lag die Verschwörung hier in der Luft. Der Teufel Goebbels brauchte das Werkzeug nur noch zu übernehmen und für seine satanischen Zwecke zu mißbrauchen. Und zwar ganz systematisch. Noch heute spürte man die Nachwirkungen seiner tückischen Medienmethodik. Die beiden hauptsächlichen Stilmittel seiner Rundfunkherrschaft waren der Stimmungsbericht und die Sprachregelung. Mit diesen beiden Tricks nahm er das deutsche Volk in die akustische Zange.
Fioretos: Der Funkturm gehört der Stimme. Heutzutage würde kein Politiker nur dank seiner Stimme es besonders weit bringen. Da werden andere Sinnesorgane verlangt – vor allem das Auge, das Vorbild des Fernsehturms. Wer optisch nicht auf der Höhe ist, kommt nicht weit – und dann denke ich nicht primär an die Schönheit der Person, sondern an ihre visuelle Glaubwürdigkeit. Zuviel Schönheit wirkt eher verdächtig. Man muß an so viele, wie möglich appellieren, aber auch jedem Einzelnen den Eindruck geben, er sei gemeint, er sei ausgewählt. Deshalb versuchen die Politiker Projektionsflächen zu erzeugen. Sie eignen sich die Sprache des Bildes an, eine Zeichenordnung, die flach, nicht-alphabetisch und deshalb keiner linearen Entwicklung in der Zeit unterstellbar ist. Heute können Politiker reichliche Signale gleichzeitig senden, vielstellige und widersprüchliche. Jedes Versprechen kann mit einer Geste pariert werden. Die Öffentlichkeit ist viel ironischer geworden. Durch die Gleichzeitigkeit, die in einem Bild existiert (viele Zeichen nebeneinander anwesend) passiert etwas mit der Aufmerksamkeit des Betrachters. Wenn du den Faden während eines Fernsehinterviews verlierst, ist das schlimmste, was du machen kannst, nach ihn zu suchen. Dann wird nur der Fehler gesehen, nicht dein aufrichtiges Bemühen. Schalte bitte zum nächsten Thema um, paketiere deine Gedanken wie soundbites. Die Stimme bedeutet wenig, solange jeder Satz witzig oder gefährlich ist – das heißt: für Aufsehen sorgt. Auf der gleichen Weise wollte Hitlers Stimme ein Volk in Bann halten. Es war ungeheuer wichtig, den Zuhörer mitzureißen. In dem Moment, wo die Intensität fehlte, konnte er ja Atem holen und sich seine Gedanken besser überlegen. Goebbels wußte, das es gefährlich war, ein Publikum mit ihren Phantasien alleine zu lassen. Die Stimmung mußte manipuliert, die Richtung der Gedankenbewegung suggeriert werden. Die Bilder schaffte der Zuhörer zwar noch selbst, die Farben des Gefühls und die Linienführung der Ansichten mußten aber vorgegeben werden. Im Fernsehen hört man übrigens selten interessante Stimmen. Es wird geschwätzt, geplappert, vieles wirkt schrill und aufgesetzt. Oder angedreht, wie Adorno das nannte. Alle wollen gehört werden, kaum jemand hört noch zu. Im Übergang von Wort zu Bild liegt eine Kulturrevolution.
Grünbein: Die beiden Türme stehen demnach für zwei verschiedene Zeitalter. Die klassische Zeit des Rundfunks ist längst vorüber. Der große kollektive Aufbruch in die audiovisionären Welten ist vorbei. Wir leben im Zeitalter des Bildes. Was nicht sichtbar wird, was sich nicht zeigen läßt, kommt nicht mehr an. Das Medium Fernsehen gilt heute als Extension der banalen Lebenswelt über alle Grenzen hinaus, rund um den Globus und bis in die Tiefsee und die fernsten Fernen des Weltraums. Am Ende ist es das Resultat der Phantasien aller Lebenden. Nimm irgendein Detail auf dieser Erde und multipliziere es mit sechs Milliarden, das erhältst du das ideale – platonische – Resultat der heutigen Superrealität namens Fernsehen. Neben dem Internet ist Fernsehen die gewaltigste arbeitsteilige Leistung der Menschheit. Wer immer daran mitarbeitet, rechnet mit der größtmöglichen Zahl von Teilnehmern. Das Fernsehen frißt Sektoren in die Bevölkerung, es teilt sie in Quoten auf. Der Quotient der Verbreitung ist mittlerweile so groß, daß man sich von der hehren Idee der Information verabschieden sollte. Es wäre besser, von einem sanitären System zu sprechen, vergleichbar der Kanalisation, also der Versorgung mit fließendem Wasser und der Entsorgung von Fäkalien in jedem Haushalt. Zumindest in der westlichen Welt könnte die Formel gelten: Medien gleich Scheiße. Rund um den Erdball erreichen uns heute die Ausscheidungen aller. Wir leben im Zeitalter der totalen Infiltrierung. Was uns über all die vierzig und mehr Kanäle in die Wohnzimmer schwappt, sind die Ballaststoffe, die Millionen von Körpern hinterlassen auf ihrer Reise durch die Gegenwart von Zeit und Raum. Am Anfang ging es vielleicht noch um Informationen, dann kam die Propaganda und kanalisierte die Fülle einzelner Daten, später lief alles durchs Klärwerk der Unterhaltung. Heute ist es ein ununterbrochener Strom unaussprechlicher Exkremente. Hoffnungsfrohe Soziologen sprechen von Infotainment, aber wahrscheinlich ist auch das nur eine weitere Illusion. Das Problem ist: in den Medien soll alles wiederkehren, was in der Realität vorhanden ist. Im Grunde ist das Fernsehen also eine Art Allesfresser des Realen, eine weltumspannende Kloake. Klar, daß dort jedes Subjekt verloren ist. Es hat sich längst aufgelöst oder schwimmt als Treibgut zerstückelt im Strom der medialen Fäkalien wie Orpheus‘ Glieder, zerrissen von den thrakischen Frauen, im Meer. Die Angestellten beim Fernsehen sind allesamt Kanalisationsarbeiter. Die besten von ihnen kümmern sich darum, daß die Hygienevorschriften eingehalten werden. Das sind die nützlichen Idioten, die für die Moral zuständig sind. Der Rest schwimmt mit dem Strom oder speist ihn mit immer neuem Unrat, mit der Scheiße aus aller Welt. Ich finde, es ist an der Zeit, aufzuhören mit den idealistischen Medientheorien von gestern. Deren Kategorien erfassen das wahre Ausmaß des täglichen Kotflusses ebensowenig wie die alte Nationalökonomie den Geldfluß an den internationalen Aktienbörsen. Wenn man sich nur auf eine beliebige Großstadt beschränkt, sieht es doch so aus: es gibt die Müllabfuhr, das Verkehrsnetz und die Kanalisation, und es gibt die Medien, die im selben Gesamtverbund funktionieren. Wobei unklar ist, ob sie auf Seiten der Energieversorgung operieren, des Telephonnetzes und des Gesundheitswesens oder auf Seiten der Straßenreinigung und der Abwasserentsorgung. Man muß endlich weg von den Inhalten. Das Medium ist mitnichten die Botschaft. Das Medium, das sind die Exkremente aller, soweit sie sich in die Öffentlichkeit drängen.
Stuhlscharren. Die Nachbarn am Nebentisch murmeln unruhig.
Fioretos: Es ist war, daß das Fernsehen zunehmend unterschiedsloser wird. Vielleicht liegt darin sein fäkalischer Charakter? Medienleute denken in und konzipieren „Formate“. Der Inhalt spielt die geringere Rolle. Die klassische Erzählung mit ihrem Anfang, ihrer Fortsetzung und ihrem Ende ist gegen Strukturen, die prinzipiell endlos sind, eingetauscht worden. Heute ist alles Fortsetzung, alles serialisiert. Es spielt keine Rolle, wann du als Zuschauer den Apparat einschaltest, solange die Programme dem eisernen Gesetz der Branche folgen: der Erkennbarkeit der Form. Warum sollten wir sonst dauernd mit diesen Psychodramen und Familienkonflikte gefüttert werden? Wenn das Behagen der Neuigkeit sich gemildert hat und die Kvoten gesunken sind, wird es Zeit, neue Inhalte zu suchen. Womit die Formate gefüllt werden ist aber praktisch Scheiße. Denn was sind Formate anderes als Kloschüsseln? Auch sie gibt es in verschiedenen Größen und Materialien und in unterschiedlicher Ausstattung. Ihre Funktion bleibt aber immer dieselbe.
Grünbein: Vielleicht wäre der Blick in eine Kloschüssel das endgültige Bild für die nächtliche Sendepause. Das Verrückte ist nur: es gibt keine Sendepause mehr. Vor Jahren sah man nachts noch auf dem Bildschirm ein Aquarium oder die Endlosschleife einer S-Bahn-Fahrt. Mittlerweile ist auch das abgeschafft. Man muß sich die Kloschüssel schon selbst auf sein Fernsehgerät malen. Der Bildschirm als Kloake, das wäre das perfekte Symbol. Und darüber hängt ein furzender Anus. Überhaupt sollten die TV-Geräte längst aus dem Wohnzimmer hinüber ins Bad und auf die Toilette gewandert sein. Dort ist ihr wahrer Platz, zwischen der Badewanne, der Kloschüssel und dem Bidet. Im Fernsehen wird täglich die Welt heruntergespült. Die Kulturtheorie feiert dagegen gerade, daß die Medien uns vom Alltag und von uns selbst emanzipieren. Wenn alle Lebensbereiche zum Gegenstand der Medien werden, so heißt es, kommt die Demokratie an ihr Ziel. In Wirklichkeit gehen alle Formate in einem einzigen Gesamtformat unter. Der Souverän ersäuft im Brei der Bilder. Brecht sagte einmal: „Das Theater theatert alles ein“. Genauso ist es mit dem Fernsehen: „Das Fernsehen fernseht alles ein“. Keiner kommt mehr davon weg. Nietzsches grimmiges Wort, daß es auf dieser Welt nicht auf Nächstenliebe, sondern auf Fernstenliebe ankomme, trifft den Nagel auf den Kopf. Das Fernsehen schafft es, dich an die Ferne zu binden, solange bis jede dir Nähe fremd wird und dem Nachbarn oder deinem Mittagessen mißtraust. Irgendwann wird es jede körperliche Nähe verdächtig gemacht haben. Die Wirkung ist verheerend. Der Einzelne weiß dann einfach zuviel von den Gefahren der Intimität. Man könnte sich vorstellen, daß es eines Tages zu einer totalen Überschwemmung des Realen durch mediale Abbilder kommen wird. Dann kippt das ganze um wie ein vergiftetes Gewässer. Was meinst du, wäre das nicht ein denkbares Szenario?
Die Nachbarn tauschen Tisch.
Fioretos: Ich bin schlecht in Sachen Apokalypse … Vielleicht ist das Beunruhigende nicht, daß das Reale verschwinden wird, sondern daß wir nicht mehr sicher sein können, wo die Medien aufhören und wo das Reale beginnt? Mich irritiert der ungeheure Anspruch der Medien an meine Person: vermessen glauben sie, immer größere Teile meiner Fähigkeit zur Imagination beschlagnahmen zu dürfen. Sie behaupten, sie können mir die lästige Arbeit der Phantasie abnehmen. Danke, ich kremple aber gern die Ärmel hoch. Unterhaltung als Unterdrückung. Fürsorge als Terror. Freunde erzählen, daß es mancherorts so weit gegangen ist, daß derjenige, der heutzutage seine Stapeldiagramme und Zukunftsprognosen auf beschrifteten Overhead-Blätter präsentiert, mit höchster Konzentration rechnen darf, während dessen die Zuhörer sich durch die Präsentationen gähnen, die mit den letzten animierten Programwaren gemacht worden sind. Es ist eine arme Note für eine Kultur, wenn low tech als Modeerscheinung plötzlich erneutem Wert bekommt.
Grünbein: Der Filmemacher Godard meint, daß die digitale Revolution einer Katastrophe gleichkommt. Sie raubt uns, die Fähigkeit zwischen wahr und falsch zu unterscheiden. Sie gewöhnt uns an manipulierte Bilder und damit an eine Wirklichkeit der universellen Lüge. Außerdem zerstört sie den Zeitsinn, die Ordnung der Zeit. Sie versetzt uns in eine totale Gegenwart und entfremdet uns der Geschichte. Ganz nebenbei bedeutet sie das Ende des Kinos. Mit den Videobildern wird die alte Leinwand, der distanzstiftende Schleier der Maja, zu einer Art Nessushemd, das sich allmählich in die Haut einbrennt, und sei es nur in die Netzhaut. Was ich sehe, das bin ich. Doch was bin ich eigentlich noch, wenn alles unfaßbar wird, flüchtig, mehrdeutig und irreal?
Fioretos: Mit der Digitalisierung steht erneut die Zeit auf dem Spiel. Analoge Techniken müssen noch mit Realzeit arbeiten. Digitale Techniken können beliebige Zeiten erzeugen. Somit sind sie unendlich überlegen, wenn es beispielsweise um Manipulation geht. Das verheerende ist, diese Techniken werden immer invasiver. Vielleicht gelingt mit der Digitalisierung endlich der Sprung in die Gehirne. Dann dringen die Bilder unmittelbar wie Botenstoffe ins neuronale Netz ein. Als Zuschauer wird man zum Gefangenen des Bildes. Einer der deutlichsten Warnzeichen ist die Überreizung. Nach ein paar Stunden vor dem Bildschirm ist es, als würde man von einem erotischen Objekt – Mann oder Frau – stimuliert, der mit den Gefühlen spielt. Die Hypophyse bläht sich auf, weil der Reiz sich nicht in Reaktion übersetzen läßt. Das Resultat ist eine groteske Überstimulierung, die in Irritation und zuletzt vielleicht in Aggression umkippt. Wenn man den Fernseher, das Internet endlich abschaltet, kehrt man zur Realität zurück – nur um auf andere ebenso irritierte Menschen zu treffen. Irgendwann fragt man sich, warum soll ich mich diesem aussetzten? Aus purer Verzweiflung kehrt man zur medialen Geborgenheit zurück. Sie mag ihr Versprechen nicht einlösen, sagt aber zumindest nie nein. So wird das Medium wieder positiv aufgeladen. Nur patologisch Gestörte glauben wahrscheinlich, das Reale wäre tatsächlich das Mediale. Die Frage ist bloß: wie komme ich mit meiner Irritation klar? Die Medien stellen sich als das geringste Übel dar. In den Wohnungen hat der Fernseher schon längst den Raum für Umgang organisiert. Früher war er der Mittelpunkt, im Wohnzimmer aufgestellt, heute findet man ihn überall. Bald wird dies genauso mit dem Computerbildschirm der Fall sein. Er wird 24 Stunden laufen, überall. Warum soll man ihn abschalten, wenn es flat rates gibt?
Grünbein: Als in Moskau der Fernsehturm von Ostankino brannte, haben die Leute die Videotheken gestürmt. Nach drei Tagen Sendepause haben selbst die Hartgesottensten wieder angefangen zu lesen. Auf einmal hatte die russische Literatur wieder eine Zukunft. Man erzählte einander Geschichten oder ging mit einem Roman von Tolstoi oder Grisham zu Bett. Im Osten nannte der Volksmund das Fernsehen „die tote Großmutter“. Im diesem Moment war die Großmutter, die alte Märchenerzählerin wieder auferstanden.
Fioretos: Aber wie lange dauerte es, bis sie wieder in den Grab runtergestoßen wurde? War es mehr als eine Frage von einer „Gedankenlänge Stille, während das Erschießungskommando neu lädt“, wie es bei Imre Kertész heißt?
Der Kellner fragt, ob alles in Ordnung sei. Grimmiges Zunicken.
Grünbein: Der Dauerbeschuß setzte bald genug wieder ein. Das Fernsehen war im Grunde das erste Internet. Es war der erste Versuch der Menschheit, die Welt visuell zu vernetzen, ohne daß irgendwer eingreifen konnte. Jetzt im Internet-Zeitalter kann praktisch jeder sein eigenes Fernsehen machen. Jede kleine Lebenswelt kann jetzt nicht nur mit Hilfe von Wörtern wie in der Dichtung, sondern mit Bildern aufgezeichnet und überallhin vermittelt werden.
Fioretos: Das Fernsehen war die Sturmtruppe, die den Angriff vorbereitete. Die Türme sind die Vorboten, die von allen gesehen werden. Wir stehen vor den Pforten – nein, vor den Portalen – der goldenen Zeit. Bald sind wir im Dauerreich der totalen Vernetzung angekommen. Nur eine reine Wutaktion könnte noch das globale Netz aufreissen und eine Fluchtlinie schaffen – aber mit Amoklaufen kommt niemand besonders weit. Alexander Kluge meint, wir erleben den Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit. Gezielt stößt sie in die Zukunft hinein, hinterhältig kolonisiert sie die Vergangenheit. In tröstlicher Einkehr kann sie vielleicht noch Aufklärungsarbeit leisten. Das heißt, die Vergangenheit auf eine Weise vergegenwärtigen, die uns nicht nur von der Bedeutung des Gewesenen berichtet, sondern auch den Unterschied zu unserer Zeit zeigt. Aber das ist wohl eher die Ausnahme, die die Regel bestätigt.
Grünbein: Das ist das Stichwort: Zeitzeugen. Im deutschen Fernsehen gibt es jetzt immer mehr Sendungen historischen Inhalts. Aber zeugt das Fernsehen wirklich für irgendetwas? Ermuntert oder entmündigt es das traditionelle Bezeugen? Ich glaube, das Fernsehen setzt sich an die Stelle des klassischen Zeugen. Natürlich wird auch die Art und Weise des Bezeugens wie alles andere formatiert. Die Zeugen, die irgendwo live dabei gewesen sind, werden gecoacht und fernsehgerecht zu ihren Erinnerungen ermuntert. Im Proustschen Sinne liegt gerade darin der Schwindel: die memoire involontaire wird ersetzt durch das passende Apropos. Eines Tages wird es soweit kommen, daß jeder seinen Erinnerungs-Sendeplatz hat. Das kollektive Gedächtnis wird dann voll kanalisiert sein. Wenn der Zugriff aufs Medium immer billiger wird, und jeder an beliebiger Stelle einsteigen kann, werden die Hirne im Rhythmus der Bildröhren pulsieren. Alle auf Sendung, alle reiten dann auf dem Meer der Frequenzen. Vielleicht wird die Kamera dann zum festen Bestandteil des Körpers. In dieser Zeit wird ein Wort wie Überwachungskamera endgültig zur Tautologie.
Fioretos: Heute ist die Kamera in den meisten Situationen dabei: wenn ein Kind geboren, eine Toursitenattraktionen besucht, ein Überfall verübt wird. Der Unterschied zwischen Ereignis und Erinnerung wird kleiner. An sich ist dies nichts Schlimmes – solange man sich entsinnt, daß eine Erinnerung ihr eigenes Ereignis sei, nicht mit der Begebenheit identisch, an die sie erinnert. Eine Erinnerung kann ja wiederholt werden, immer mit einer gewissen Verschiebung, und ist daher eine Weise, in der Zeit mit ihr umzugehen – die Zeit zu formen und von ihr geformt zu werden. Darin liegt ihr Apell an die Zukunft. Ohne Erinnerung, kein Bedürftnis nach Veränderung. Übrigens, eine Erinnerung wird nicht minder wahr, weil sie im Laufe der Jahren einen anderen Charakter annimmt, als sie ursprünglich hatte. Unsere Fähigkeit uns zu erinnern ist keine Suchmaschine, die immer die gleiche Anzahl von Treffer ergibt. Vielmehr ist die Erinnerung der Sand im Getriebe – die harten Körner der Vergangenheit, die es uns notwendig machen, inne zu halten, irritiert oder bloß verwundert darüber nachzudenken, ob das Dasein vielleicht anders geordnet werden konnte. Nichts ist so hartnäckig, wie eine Erinnerung mit der man nicht zurecht kommt. Logisch wird solch eine Beharrlichkeit oft, als quälend empfunden. Die Medien wollen uns dies vergessen lassen. Sie sind Laxative, die die Verdrängung erleichtern. Mit ihrer Hilfe entleeren wir uns der unnötigen Bürde. Eigentlich wollen sie, daß wir auf der Zeit scheißen. Die Erinnerung ist nehmlich der unverdauerte Teil dessen, was wir erlebt haben. Er läßt sich nicht runterspülen. Vielleicht wird es in Zukunft Wahrsagerinnen geben, die in medialen Kloschüsseln lesen, wie früher in Kristallkugeln, in Kloakresten, wie in Kaffeesatz?
Der Kellner will wissen, ob er denn wirklich nichts machen kann. Die Rechnung wird verlangt.
Grünbein: Es gibt tatsächlich noch jede Menge unbesetzte Territorien. Das muß sich schleunigst ändern. Alle Rückzugsgebiete draußen wie drinnen, in Landschaft wie Psyche, müssen erobert werden. Es gilt, die Momente der höchsten Lust wie die der größten Einsamkeit aufzuzeichnen, die Lernprozesse wie die Orgasmen, die Reisen ins All wie die Intimitäten von Sexualität, Geburt und Familienleben. Jeden Tag rutscht ein Teil dieser terra incognita weg. Was tut‘s, daß er damit unbrauchbar wird für die künstlerische Bearbeitung? Beim Fernsehen geht es immer nur um die In-Zeit, die Kunst dagegen strebt mit allen schöpferischen Kräften nach einer Aus-Zeit, der Zeit des Kunstgenusses und der Meditation, aber vor allem der Produktion. Schreiben hat für mich überhaupt nur den Sinn, daß es mir eine Aus-Zeit gewährt, eine nicht quantifizierbare, ökonomisch wertfreie Zeit. Darum geht es, und sonst um gar nichts. Der Leser ist herzlich eingeladen, mir Gesellschaft zu leisten bei dem, was dabei entsteht.
Der Aufzug schüttelt bedenklich, zuletzt wird der Boden aber erreicht.
Fioretos: Du sprichst von der Zeit der Lust und des Schauderns, des Rausches, der Langweile und der Reflexion. Augenblicke, in denen man halb hellseherisch, halb Idiot ist. Über die Ansprüche an Glück, die man während dieser Zeit off side pflegen mag, lässt sich sagen, was Benjamin einmal über die des Haschisch-Essers sagte: „Versailles ist dem, der Haschisch gegessen hat, nicht zu groß, und die Ewigkeit dauert ihm nicht zu lange“. Zu ihren Mirakel gehört, daß sie einen nüchternen Rausch schenkt. Von Klarheit bezecht zu werden ist eine fabelhafte Erfahrung. Der, der so ein high erlebt hat, wird schnell süchtig. Hat es nicht mit dem ursprünglichsten Impuls aller Produktivität zu tun: der Wille, selbst den ersten Sonntag festzulegen und eine eigene Zeitrechnung zu schaffen? Solche Zustände sind schwer, abzubilden. Deshalb beharren die Medien darauf, immer die selben bohemischen Mythen zu kolportieren – von nächtlicher Inspiration, Kerzen und solchen Hokuspokus. Manch schlitzohriger Künstler hat es natürlich dennoch versucht – vor laufender Kamera, wie etwa Picasso …
Grünbein: Was hätte er wohl auf dem Papier aus diesen beiden Berliner Türmen gemacht?
Sie drehen den Blick aufwärts, betrachten den gleichgültigen Himmel.
Fioretos: Weiß der Geier.



© Aris Fioretos, Durs Grünbein und Akzente