Der Zeigefinger
im Äther
Schauplatz ist der Berliner Fernsehturm am Alexanderplatz,
mit seinen 368 Metern das höchste Bauwerk in der Geschichte
der DDR-Architektur. Vor den Eingang zum einzig funktionstüchtigen
Fahrstuhl, der ins „Telecafé“ hinaufführt,
haben die Götter der Marktwirtschaft eine Kasse gesetzt.
Auf einem elektronischen Laufband die digitale Verkündigung
„Längere–Wartezeiten–Wir–bitten–um–Ihr–Verständnis“.
Davor warten bereits etwa zwanzig Kinder, einige Eltern, ein Paar
im Rollstuhl, mehrere Touristen, sowie zwei ortsansässige
Autoren. Gemurmel, Ungeduld, Beton. Ein schwüler Tag im Juli
2001.
Durs Grünbein: Da stehen
wir also wieder einmal in einer Schlange, und alles scheint wie
in alten Zeiten. Wenn wir nicht unbedingt da hinaufmüßten,
wäre ich längst gegangen. Ich habe aus meiner Jugend
eine schwere Warteschlangen-Phobie zurückbehalten. Warten
bedeutet seither für mich Blockade, Belagerung, Reiseverbot,
Stillstehn beim Gruppenappell. Das war eine Erfahrung, die man
am liebsten auskotzen möchte. Aber das geht nicht, es handelt
sich um ein diffuses Körpergefühl, um verstauchte Motorik,
tief in den Eingeweiden eine latente Ohnmacht vor soviel gestohlener
Zeit. Heute erscheint mir das Warten nur noch als rituelle Handlung.
Vielleicht stehen wir genau deshalb hier an, um uns in eine andere
Zeit versetzen zu lassen. Für jede Minute, die wir hier herumlungern,
geht es historisch ein Jahr zurück. Es besteht die große
Chance, daß wir endlich in den 60er Jahren an der Reihe
sind und unsere Entrittskarten passend zum Mauerbau bekommen.
Aris Fioretos: Solche Verlangsamung
ist meine erste Erfahrung der DDR. Wenn man damals mit dem Nachtzug
aus dem Norden kam, traf man zwar bereits früh in Lichtenberg
ein, die letzten drei Kilometer, bis zum Bahnhof Zoo, dauerten
dann aber noch einmal genau so viele Stunden – eine Ewigkeit
für den, der die Nacht schlaflos in einem Liegewagen verbracht
und nun nur eine Tasse Pulverkaffee hatte, in der er müde
mit dem Zeigefinger rührte. Ich habe im Verdacht, die Irritation
diente einem pädagogischen Zweck: es gab nichts anderes zu
tun, als den Fernsehturm zu erwägen während dessen die
Minuten gezählt wurden. Als man dann zu der westdeutschen
Sondersiedlung innerhalb der Zone gelangte, kam man in eine andere,
fast konservierte Zeit. Zwar waren die Menschen, die da wohnten,
mit dem Mutterschiff WEST verbunden, vor allem durch die Medien,
aber eigentlich lebten sie in einer eigenen Welt. Hier herrschte
eine Satellitenmentalität – als solche, von befreiender
Nachlässigkeit geprägt. Die moralischen Instanzen waren
wohl weniger. Die Nähe zur Vergangenheit (sichtbar in jeder
Ruine, auf jeder von Schüssen geschädigten Fassade);
die Erkenntnis, sich da zu befinden, wo die Supermächte sich
in den Augen fassten; aber auch der kaum ungünstige Abstand
zur BRD mit all ihren kleinbürgerlichen Familiendramen –
solche Umstände erzeugten eine Art Freiheit, die nur auf
abgesondertem Gebiet existieren kann. In West-Berlin folgte der
Tag nicht dem 9-5 des fleißigen Bürgers. Hier gab es
keine erwähnenswerte Industrie, keine Bürokultur zu
züchten, aber viel Zeit um den eigenen und kollektiven Gedanken,
Lüsten, Überzeugungen nachzugehen – ein Paradies
für Witwen, Berufshistoriker und Studenten, sowie für
Minoritäten aller Art: ethnische, sexuelle, ideologische
… Ich stelle mir vor, es war wie ein Leben in einer Taucherglocke.
Manchmal wurde die Luft bestimmt etwas dünn und das eine
oder andere Gehirn fing an sich schwindelig zu fühlen. Womöglich
war der Turm eine Antwort auf diesen eigenartigen Soziotop? Das
Telecafé ist eine verkehrte Taucherglocke – in der
Luft. Derjenige, der es damals in die obere Etage schaffte, wurde
in einen Ausnahmezustand versetzt. In zwanzig Minuten konnte er
sich 360 Grad drehen und alles, was der sozialistische Staat nicht
sein wollte, von oben betrachten. Auch eine Revolution …
Der Blick über die Mauer, in die Ferne, war aber nur zum
Preis des Ausstieges aus der Alltagszeit zu erkaufen. Bloß
in der Phantasie war er gestattet und hatte natürlich den
entgegengesetzten Effekt. Die Mauer, die die Bürger von der
westlichen Ansteckung schützen sollte, erzeugte ihr Gegenteil:
sie verlockte zur Übertretung.
Es bewegt sich. Nach einer Fahrt 208 Meter in die Höhe
gelangen sie in ein rotierendes Restaurant.
Grünbein: Das Stichwort ist Television.
Dieser Turm, wie für die sozialistische Ewigkeit gebaut,
war eine besondere Foltermethode, eigens ausgeklügelt für
den gefangenen DDR-Bürger. Im Laufe einer kompletten Umdrehung
konnte er den ganzen Mauerring um sich ermessen. Es war der Hofgang
des Gefängnisinsassen im Panorama. Von hier oben konnte er
sehen, wie vollständig er umzingelt war. Ich nehme an, das
war die geheime Absicht der Erbauer. Ein Aussichtsturm als Konkurrenz
zu den hölzernen Hochsitzen auf der anderen Seite der Mauer,
nach der Devise: jeder Staat ist sich selbst der nächste,
und wir spucken dem Klassenfeind auf den Kopf. Eine Schule der
Desillusionierung für die da draußen und die hier drinnen,
ein Signal an den Rest der Welt. Es gibt dazu ein Paar schöne
Zeilen von Robert Frost: Before I built a wall I’d ask
to know / What I was walling in or walling out.
Diesen Unterschied glaubten die Machthaber im Osten mit dem Fernsehturm
am Alexanderplatz ein für allemal geklärt zu haben.
Fioretos: Leider sind die Schweden daran nicht
unschuldig. Als man auf der Internationalen Frequenzkonferenz
in Stockholm in den 50er Jahren den Äther aufteilte, bekam
die politisch nicht anerkannte DDR bloß zwei Frequenzbereiche
fürs Fernsehen. Beide waren sehr störanfällig.
Das hieß, Ost-Berlin würde mit mehreren kleinen Sendern
nicht mehr auskommen. Die Geräte der Hauptstadt konnten nur
dann mit Programme versorgt werden, wenn man einen Riesensender
an einem zentralen, möglichst hoch gelegenen Standort baute.
Von 1965 an wuchs „die sozialistische Höhendominante“
langsam in den Himmel. Ein Zeichen sollte gesetzt werden, das
nicht zu übersehen war. Für Ulbricht gab es keine Frage:
der Fernsehturm sollte „politisch-demonstrativ“ gebaut
werden. Er müsste von allen Hauptstraßen und Himmelsrichtungen
aus zu sehen sein. Der Genosse sprach vom „Gesicht“
der Stadt, von einer „Sensation“. Es galt, ein auffälliges
Aussehen zu schaffen, Profil zu zeigen. Voller väterlichem
Stoltz meldet ein Protokoll des Politbüros: „In seiner
klaren, einprägsamen und einmaligen Form wird der Turm zu
einem Wahrzeichen der Hauptstadt der DDR sowie zu einem Symbol
unseres sozialistischen Aufbaus.“ Der Fernsehturm war eine
Kraftdemonstration: der Sozialismus hatte genug Muskeln um den
Himmel zu erreichen. Man war auf gutem Wege den Äther selbst
zu kolonisieren. Der Turm war der Zeigefinger, der sagte: „Paßt
auf, jetzt kommen wir!“
Grünbein: Zugleich war es ein Zeichen der
Hysterie, wie alles Übersteigerte und Himmelsstürmende.
Das gehörte zum Muskelspiel der Systeme während des
Kalten Krieges. Der Turm behauptete: „Wir sind wer! Zu derlei
architektonischen Wunderleistungen ist der Sozialismus imstande!“
Im Systemwettkampf war der Fernsehturm neben dem Sputnik und dem
ersten bemannten Weltraumflug ein Meilenstein technischer Entwicklung.
Die politische Motivation aber war von Anfang an zweideutig. Auf
der einen Seite war es ein Denkmal gegenüber dem Westen.
Auf der anderen Seite sollte den Bürgern ein Minimum an symbolischem
Auslauf gewährt werden. Doch kaum fuhren die ersten Bürger
da hoch, kehrte sich die Intention gegen den Willen der Funktionäre
– wie so vieles in der DDR-Politik. Plötzlich saßen
sie in einem silbernen Käfig hoch oben in der Luft und rotierten
wie Versuchstiere auf der Stelle. So wurde der Fernsehturm auch
zur Demarkation für den herrschenden Status quo.
Die Kellnerin kommt. Mittagessen wird bestellt.
Fioretos: Die Rolle, die der Bürger während
der Dauer eines Essens übernahm, war eigentlich die des Staat-Chefs.
Zwischen Schnaps und Rechnung dürfte er die oberste Etage
besuchen und mit den Phantasien der Omnipotenz spielen. In dem
Zementkäfig war er Herr, zugleich aber auch Opfer. Eine traurige
Belustigung, eine verdrehte Folter. Interessant ist die Zeitordnung,
die hier zum Ausdruck kommt. Die Tatsache, daß man sich
binnen 20 Minuten um seine eigene Achse dreht, spielt der Ideologie
des Fortschritts nur scheinbar in die Hände. Zwar bewegt
sich das Restaurant zwar gemäß des Uhrzeigersinns,
in die Richtung der Zeit und der Evolution. In Wirklichkeit war
es jedoch ein Leerlauf, eine Kreisbewegung, die irgendwann die
Zeit kurzschaltete. Nach ein paar vielversprechenden Umrundungen
ernüchterte man schnell und musste feststellten: ich bewege
mich nicht, sondern werde bewegt. So wurden die damaligen Besucher
zu Ersatzkosmonauten in der Warteschleife der ewigen Wiederkehr.
Vielleicht war der Versuch, den Kreislauf als eine zielorientierte
Vorwärtsbewegung auszugeben, ein Symptom für den totalitären
Staat? Der Turm war die Antwort auf ein Gerücht: Spione hatten
den Herren informiert, daß die Westberliner einen Fernsehturm
planten, den Bau aber immer wieder aufschoben. Da ergriff die
SED die Chance. Zwar wollte man nicht unnötig provozieren,
da der Westen aber nicht zur Sache kam (immer dieser kleinbürgerliche
Wankelmut), konnte man guten Gewissens einen Teil des militären
Fünfkampfes beenden – wohlwissend, daß ein zweiter
Turm niemals gebaut werden würde, denn das wäre nun
wirklich die schiere Provokation gewesen.
Grünbein: Dabei ging es in diesem Stellungskrieg
um die gegenseitige Beobachtung, auf allen Ebenen. Kampf der Satelliten,
der Radarschirme und Fernrohre. Der Turm war das Argusauge, das
die Erdumdrehung simulierte, den globalen Zugriff parodierte.
Obwohl er ein weithin sichtbares Zeichen setzte – den ersten
Fingerzeig, den man aus Rostock, Dresden oder Halle kommend sah,
viele Kilometer schon vor den Pforten Berlins – diente es
nur einem einzigen Zweck: die Mauer zu verdrängen. Natürlich
sollte jeder die Mauer sehen, schon der Abschreckung wegen, gleichzeitig
aber sollte man auch darüber hinwegsehen. Der Fernsehturm
war ein Angebot an die Bevölkerung, sowohl die Mauer als
auch die kaputten Dächer der umliegenden Wohnbezirke zu übersehen.
„Seid nicht kleinlich, haltet euch an das Wesentliche.“
Der Westen dagegen konnte den Fernsehturm, die Schönheiten
des Sozialismus vor lauter Mauer einfach nicht sehen. Das Perverse
war, daß der Fernsehturm aus dem selben Material bestand
wie dieser antifaschistische Schutzwall.
Fioretos: Wie so viele Türme nach dem zu
Babel war auch der sozialistische eine enorme Verschwendung. Früh
wurde klar, er wird teurer, sehr viel teurer, als geplant. Immer
wieder wurden die Kalküle der Ingenieure gesprengt. Weil
die Mittel nicht vorhanden waren, war der Bau lange Zeit ein Schwarzbau.
Deswegen wurde offiziell nie von dem Preis des Wunderwerks gesprochen,
und deswegen hat auch nie eine offizielle Grundsteinlegung stattgefunden.
Das höchste Bauwerk der Republik hatte zwar ein solides Spannbetonfundament,
aber keinen Grundstein. Daraus ist vielleicht manches zu lernen.
Grünbein: Das kannst nur du so sagen, mit
deiner westlichen Skepsis. In Wahrheit kamen die Fundamente aus
Moskau. Dort wurde der Beton zuerst angerührt, der cäsarische
Baustoff par excellence. Und siehe da, die Monsterbauten
halten noch immer stand. Eine Menge Leute fühlen sich einfach
wohl zwischen Mauern und Wachtürmen, das habe ich langezeit
unterschätzt. Heute gibt es da ein nostalgisches Gefühl,
die Sehnsucht des Gefangenen nach den Gefängniswänden.
Es ist genauso, wie Döblin es in Berlin Alexanderplatz
beschrieb: als Franz Biberkopf aus dem Gefängnis entlassen
wird, steigt er zwar in die Elektrische ein, wie es heißt,
doch sein Kopf bleibt auf der Stelle zurück. Von nun hängt
er orientierungslos in der Luft. Das Problem war doch, daß
Sozialismus und Natur im Kriegszustand lebten. Der Sozialismus
und alles, was er hervorgebracht hat, waren so widernatürlich
wie Siliconbrüste, Broccoli oder die Bauhaus-Ästhetik.
Der Ursprung dieser Massenbewegung, des Bolschewismus, lag zwar
im Osten, aber die Zukunft war westwärts weitergezogen. Dieser
Fernsehturm war im Grunde nur ein Symbol für die Dialektik
im Stillstand, wie Walter Benjamin das genannt hat, ein abstrakter
Bau, eine reine Geste und ein Appell an den Kosmos, genauso wie
die Materialschlacht der Raumfahrttechnik. Er war Ulbrichts und
später Honeckers Renommierobjekt, ähnlich der Stalin-Allee
oder der Industriesiedlung Eisenhüttenstadt. Damals ging
es um die Frage: wer ist zuerst im Weltall? Die morphologische
Ähnlichkeit der Aussichtskugel mit dem Sputnik, des Turms
mit den Sajuz-Raketen und Atomwaffen-Silos springt doch ins Auge.
Gebäude wie der Fernsehturm wurden gebaut, um in New York,
in Rio oder in Tokyo wahrgenommen zu werden. Schon die Globus-Form
zeigt es: das Ding war adressiert an die Weltbevölkerung,
und das ist auch gelungen. Es gibt eine Internationale der weltweit
höchsten Gebäude. Hier am Eingang zum Fahrstuhl klebt
ihre Plakette. Der Turm ist zum Clubmitglied geworden. Er befindet
sich in so vornehmer Gesellschaft wie der des CN Towers von Toronto,
des Empire State Building oder des Tokyo Towers. Heutzutage fehlt
er in keinem der Reiseführer. Nachdem der Staat, in dem er
in die Höhe schoß, untergegangen ist, wagt er sich
aus seiner paradoxen Deckung heraus, um den Dialog mit den anderen
Sendetürmen der Welt aufzunehmen. Er darf nun erstmals über
tausende Kilometer hinweg mit seinesgleichen kommunizieren. Die
Türme der Welt nicken einander über die Köpfe der
Bevölkerungen hinweg zu. Es sind Riesen, die uns als wimmelnde
Zwerge, als bloßes Medienspielzeug, ignorieren.
Fioretos: Sie sind die Basketballspieler der
Architektur, die einzigen, die sich, zumindest symbolisch, in
die Augen sehen können.
Grünbein: Eine verschworene Weltgemeinschaft.
Es ist schon seltsam, daß ich nach zwanzig Jahren zum erstenmal
hier hinaufgefahren bin, pünktlich im Jahre 2001. Das hat
sicher mit der Mißachtung des Sachsen für alle Berliner
Angelegenheiten zu tun. Ich wäre im Traum nicht auf die Idee
gekommen, den Berliner Fernsehturm zu besteigen. Grund dafür
war der Widerwille gegen dieses großspurige Programm: „Berlin,
Hauptstadt der DDR“, hieß es schon weit draußen
auf allen Autobahnschildern. Ich wette, wenn sie technisch dazu
in der Lage gewesen wären, hätten sie einen Turm gebaut,
der kilometerhoch in den Himmel stößt. Interessanterweise
wurde diese Republik gerade zu der Zeit international anerkannt,
als der Fernsehtum entstand. Das erinnert an einen Musterschüler,
der solange den Arm hebt, bis der Lehrer ihn endlich aufruft.
Fioretos: Was übrigblieb, ist die Geste
des Zeigefingers. Die zugehörige Hand ist schon lange verschwunden.
Als Organism betrachtet, verwest der Ostblock. Hier und da sieht
man noch zerstreute Teile des ehemaligen politischen Mutterleibs:
das harte, nach vorn geschobene Kinn des Russlands, der nervöse
Adamsapfel Polens, die zusammengekniffenen Arschbacken Bulgariens
und Rumäniens … Und Tschechien mit seinen blauen, nach
Westen himmelnden Augen.
Grünbein: Das wichtigste war die pathetische
Geste. Der DDR-Sozialismus war eine Ideologie voller Pathos. Sie
stand in einem unglücklichen Verhältnis zur Realität.
Deshalb die übergroßen Bauten. Sie waren Demonstrationen
gegen den vorherrschenden Minderwertigkeitskomplex. Tatsächlich
sah man sich ja als historischen Aufsteiger. Bezeichnenderweise
war Honecker von Beruf Dachdecker.
EIne Kinderfamilie setzt sich zum Tisch nebenan. Angeheiterte
Mienen, erwartungsvolles Fußtreten. Der Vater fängt
an, die Sehenswürdigkeiten der Stadt vorzuzeigen.
Fioretos: Hat die Geste nicht auch mit der Furcht
des Ängstigen vor der allgegenwärtigen Katastrophe zu
tun? Die Mauer diente dazu, die Republik abzugrenzen, die westlichen
Ansteckungsstoffe unter Kontrolle zu behalten. Sie war eine preventive
Maßnahme. Mit dem Turm wollte man Aufmerksamkeit auf die
hygienische Pflicht schaffen und mit gutem Beispiel vorangehen.
Aber der hysterische Zeigefinger füllte natürlich auch
eine andere Funktion. Er war zugleich eine Warnung und vielleicht
eine Drohung: „Nur in dieser Weise!“ Solche Gesten
sind von Menschen bekannt, die von der Zeit davongelaufen worden
sind und kämpfen müssen, um gehört zu werden. Zur
Tragödie gehört, daß die Umgebung aufhört,
auf den Zeigefinger zu achten, wenn er allzu oft erhoben wird.
Ich glaube, viele im Westen rückten mit der Zeit nur noch
mit den Schultern. Auch die Mauer hat man auf diese Weise behandelt.
Ich erinnere mich, wie spannend es war, das erste Mal die Hand
auf den grauen Zement mit all dem Graffiti zu legen. Es war, als
setzte man den Finger auf den Puls des kalten Krieges. Aber bereits
nach einer Woche in der Stadt kehrte man der Mauer den Rücken.
Kam man in eine Querstraße hinein und sah sie plötzlich
vor sich stehen, drehte man einfach das Fahrrad um und fing an,
in andere Richtung weiterzutrampeln. Wenn West-Berlin eine Geschwulst
im Fleisch der DDR war, die das Politbüro zu isolieren versuchte,
um Metastasen zu verhindern, war es wenigstens aus westlicher
Sicht eine benigne. Mit so einem Feind konfrontiert, einem, der
vielleicht nicht einmal einer sein wollte, hilft es nur sich mit
freudigem Nonsens Mut einzujagen – wie das Kind, das anfängt
zu pfeiffen, als es durch den finsteren, jedoch harmlosen Wald
geht oder wie die Jungpioniere mit ihrem „Fernsehturmlied“:
Dieses Café
ist rund und hell,
rund und hell, rund
und hell,
und dreht sich
wie ein Karussell,
Ich kann diesen Turm kaum als mehr als eine verzweifelte Geste
betrachten. Mit ihm wollte man zeigen, wo das Zentrum der Stadt
lag. Aber ihr betonschwerer Beahuptungswahn zeigt, wie unsicher
der Platz der DDR auf der politsichen Karte war. Gutes Selbstbewußtsein
veranlassen selten solche Gesten.
Grünbein: Dabei ging es um nichts geringeres
als die Eroberung Berlins. Einmal war die Stadt die Zentrale des
Deutschen Reichs. Dann kam Germania, wie Hitlers Architekt Albert
Speer es erträumt hat, die Hauptstadt des Tausendjährigen
Reichs. Später wurde sie zur geteilten Stadt, die Inkarnation
der gespalteten Welt in der Zeit des Kalten Krieges. Der Berliner
Größenwahn ist einzigartig.
Die gigantischen Eisportionen der Kinder werden hereingebracht.
Zeit, zu bezahlen. Erneut Schlangestehen vor dem einzig funktionierenden
Fahrstuhl. Stoische Mienen.
Fioretos: In gewissem Sinne ist es noch immer
eine Frage der Eroberung der Stadt. Die Zeichen dafür sieht
man überall seit der Wiedervereinigung: da wird um das zukünftige
Antlitz Berlins gekämpft. Kosmetika steht hoch im Kurs. Aber
auch alte Wahrzeichen können eine neue Funktion bekommen
– es ist ein bißchen, wie die betagte Grunewald-Schönheit,
die ihre mouche von der rechten zur linken Wange versetzt.
Ich denke, der Fernsehturm macht sich kosmetisch außerordentlich
gut in diesem Zusammenhang. Für die Generation der Love Parade
ist er zu einem retro-futuristischen Markenzeichen, einem satyrischen
Szepter geworden, an das man sich während eines hitzigen
und hetzigen Wochenendes in Juli anschließt. Da reichen
sich alte Beton-Emfindsamkeit und neue Techno-Kultur die Hände.
Nicht zufällig ist die optische Ähnlichkeit mit der
Disco-Kugel der 70er Jahre. So wird der Turm ästhetisch aufgewertet.
Das Gespenst der Geschichte tritt das erste Mal als Ereignis auf,
das zweite Mal jedoch als Event. Der Rest von Berlin erlebt ein
ähnliches facelift. Erst soll natürlich mit
dem Gebiß zurecht gekommen werden. Die Stadt muß ihre
legendäre Bissigkeit zurückbekommen. Dementsprechend
werden die faulen Zähne gezogen und frische Plomben eingesetzt.
Als Amalgam dient Beton und Glas. Der Horror vacui regiert die
Stadtplanung. Jetzt werden die Reihen nach und nach geschlossen,
alle Lücken gefüllt. Eigentlich ist es ein Zweifrontenkrieg:
zum einen muß die Stadt räumlich, zum anderen zeitlich
erobert werden. Das ist keine einfache Sache. Wie an den antiken
Orten liegen in Berlin die historischen Lagerstätten dicht
aufeinander. Manche werden nun freigelegt, andere zugeschüttet
oder gar wegtransportiert zur nächsten Abraumhalde. Möglich,
daß in ein paar Jahren der Fernsehturm und die Stalin-Allee
das Einzige ist, was den Berlinern an DDR erinnern wird. Wahrzeichen
werden umfunktioniert, historische Orte werden mit neuen Attributen
ausgestattet (Stichwort: Reichstag), Straßen werden umbenannt.
Wo eine Kavität ist, steht schon ein Projektschild. „Baustelle
Berlin“ heißt die Formel. Was passiert, ist ein durchgreifender
Versuch, die Stadt zu intensivieren. Berlin ist immer eine horizontale
Angelegenheit gewesen, flach und auf einem enormen Areal ausgedehnt.
Angeblich würden drei normalgroße Städte innerhalb
der Stadtgrenzen Platz bekommen. Nun werden überall neue
Knotenpunkte und Verdichtungen geschaffen mit Anschluß an
das globale Netz. Selbstverständlich wird auch in die Höhe
gebaut. Die neuen Eroberer sind nicht länger Politiker und
Ideologen, sondern Medienleute. Mit dem Potsdamer Platz statuieren
sie ihr Beispiel, ein Ort wohin man bereits pilgert wie zu einer
amerikanischen mall mit zurechtgelegten Fußgängerzonen,
Essen aus den verschiedensten Ecken der Welt und den letzten technologischen
Neuigkeiten im Schaufenster – eine verführerische Erlebniskultur,
die von Überwachungskameras eskortiert wird.
Der Blick in die Kloake
Szenenwechsel. Nach einer Fahrt durch die Stadt gelangt man
zum Messegelände am Funkturm, an den Außenposten des
Berliner Westens. Linkerhand macht sich das International Conference
Center (ICC) breit, ein Prunkstück der 70er Jahre aus den
Pioniertagen der Globalisierung: ein Raumschiff, das heute nur
noch Schrottwert hat, ein Denkmal städtebaulicher Fehlplanung.
Rechterhand der Funkturm, ein kleines Ingenieurskunstwerk der
klassischen Moderne. Wieder verliert man den Boden unter den Füßen.
Grünbein: Dieser Turm ist ein Luxusobjekt unter den Sendetürmen,
eine silberne Anstecknadel am Berliner Himmel. Prousts Worte zum
Eiffelturm passen auch zu ihm: er stehe da „aufrecht in
den Boden gerammt wie Odins Speer“. Nach außen fragil
und transparent, das Stahlskelett einer schlanken Schönheit,
und drinnen sieht es wie an Bord einer Yacht aus. Wenn man sich
umschaut, fehlt eigentlich nur noch die Schiffsglocke. Das ganze
erinnert in seiner Schwerelosigkeit an ein Fahrzeug aus Leichtmetall.
Oder an einen zu groß geratenen Blitzableiter. Schlank und
sportlich wie die Modelle aus den 20er Jahren, die Frauen und
Männer in der damaligen Freizeitmode mit Sweatshirt und Leinenhose.
Der Turm steht da wie ein Denkmal für Siegfried Kracauers
Angestelltenkultur, die typische Berliner Gesellschaft der Weimarer
Republik.
Der Kellner fragt, ob es denn etwas sein dürfte. Kurze
Überlegung.
Fioretos: Der Turm hat etwas Pagodenhaftes. Er
ist eine architektonische Etüde, keine Symphonie in Beton.
Hier sind Echos sowohl des Jugendstils, wie auch der Neuen Sachlichkeit
erhalten – zierliche, aber ebenso nüchterne Erinnerungen
an eine Zeit, wo Eleganz und Erwachsensein noch zusammengehörten.
Der Turm macht sogar einen leichtfüßigen Eindruck,
was vermutlich daher beruht, dass es nur zwanzig Meter zwischen
seinen vier Füßen sind. Daraus spricht eine andere
Kultur: die der Ingenieure und Connaisseure, die wußten,
wie man auf engem Raum manövrierte. Das Ideal ist noch der
Tanzflur der geschlossenen Gesellschaft, nicht der Plenisaal.
Das erste, was uns hier im Restaurant begrüßte, waren
Champagnerflaschen und kubanische Zigarren – was ich trinke
und du soeben rauchst. Am Alexanderplatz wurde Bier, Würzfleisch
und Eis vorgesetzt. Es wäre allzu einfach, sich über
solche Unterschiede lustig zu machen. Wenn eins dieser Türme
den Kürzeren zieht, vermute ich, es wird dieser sein. In
Berlin gravitiert alles zur neuen „Mitte“. Erwachsenes
Vergnügen steht nicht hoch im Kurs. Was einst als selbstverständliche
Bestandteile wahrgenommen wurden – Moët, Cohiba –
sind nunmehr Teile der Spaßkultur. Aber ich finde den jeweilgen
Bezug zur Zeit der Türme interessant. Der Funkturm gehört
der Erwachsenenwelt und somit einer Gemütsstimmung, die sich
der Endlichkeit des Lebens bewußt ist. Ich bezweifle, daß
Kinder hier besonders gern gesehen werden. Der Fernsehturm ist
natürlich das wahre infantile Paradies (für Kinder in
jedem Alter) und wurde bestimmt für den permanenten Morgen
des Lebens gebaut, also für die Ewigkeit. In beiden Fälle
ist es eine Frage der Wahrzeichen: im einen eines ideologischen,
im anderen eines kommerziellen. Als der Funkturm gebaut wurde,
rühmte sich Berlin, die amerikanischste Stadt Europas zu
sein, der einzige Ort, der mit dem technologisch avancierten Staaten
auf der anderen Seite des Ozeans wetteifern konnte. 1926 erhielt
man den heißersehnten Beweis dafür – „ein
funkelndes Wahrzeichen“, wie es in den offiziellen Verlautbarungen
hieß. (Das Exterieur diente als Werbefläche in Neon.)
Aber der Turm mußte sich natürlich auch als Funksender
nützlich machen. Utile et dulce waren noch in klassischer
Manier verbunden. Wobei die damaligen Bauherren wohl kaum einmal
in ihren wildesten Phantasien ahnen konnten, daß der Fortschrittsglaube,
den sie zu ihrem Herzen so eng geschlossen hatten, bald genug
von einem diabolischen Propagandaapparat verwaltet werden würde
…
Grünbein: Dieses kleine Stilett am Außengürtel
der Stadt galt damals als das jüngste Resultat technologischer
Entwicklung. Es wundert einen nicht, daß das Messegelände
und die Avus-Autobahn zu seinen Nachbarn gehörten.
Hier wurde der Äther gestürmt, während es da drüben,
Jahrzehnte später, galt, in den grauen Himmel zu stechen.
Wenn man hört, daß von hier aus die ersten Fernsehbilder
der Welt gesendet wurden, versteht man plötzlich, worin die
Pionierleistung dieses unscheinbaren Funkturms lag. Seine Position
unmittelbar an der Ausfallstraße in Richtung Westen zeigt
es: die Schnelligkeit der elektromagnetischen Welt sollte sich
mit jener der neuen Automobile verbrüdern. Die Funktechniken,
die hier entwickelt wurden, dienten schon bald der nationalen
Propaganda. Unheilige Allianz von technischem Fortschritt und
politischer Barbarei. Die explosivste Mischung, die das Jahrhundert
bereithielt. Während des Dritten Reichs stand in jedem Haushalt
ein Volksempfänger. Aus ihm schallte die Stimme des Führers,
der dämonischste Sirenengesang, der je ein menschliches Ohr
erreichte. Hörfunk als Spektakel, das sich tief in die Seelen
eingrub. Alle Register der Verführung wurden gezogen. Der
Sound der faschistischen Diktatur, ohrenbetäubend und atemberaubend,
riß alle mit. Später trat seine militärische Funktion
in den Vordergrund. Während des Krieges war es das Sprachrohr
des Oberkommandos der Wehrmacht. Von dieser Sendestation aus wurden
das deutsche Volk hin- und hergejagt zwischen Sieg und Niederlage.
In unmittelbarer Nähe an der Masuren-allee lag seit 1931
das Berliner Rundfunkhaus von Max Poelzig, von den Nazis später
in Haus des Deutschen Rundfunks umbenannt. Nach dem Krieg
zog hier der Rias ein, eine Stimme der freien Welt.
Es ist ein gewaltiger symmetrischer Komplex aus dunklen Keramikziegeln
und Klinkerstein, der einen an Citizen Kane erinnert
oder an Orwells Ministerium der Angst. Schon Kracauer beschrieb
seinerzeit, wie einen die düstere Fassade mit ihren 150 Metern
Straßenfront Frösteln machte: „Ein Bauwerk, das
eher drohend als heiter ist …“. Kracauer sprach auch
von der Verschwommenheit der Rundfunkidee, ein Thema, das uns
bis heute beschäftigt. Es geht um die Verwandlung von Information
in Ware. Den Grundriß des Rundfunkhauses bildete ein Dreieck.
Es sollte modern sein, wie so manches, das später als Bauhaus-Ästhetik
gefeiert wurde. Aus der Luft wirkte das Gebäude wie ein Freimaurer-Zeichen.
Von Anfang an lag die Verschwörung hier in der Luft. Der
Teufel Goebbels brauchte das Werkzeug nur noch zu übernehmen
und für seine satanischen Zwecke zu mißbrauchen. Und
zwar ganz systematisch. Noch heute spürte man die Nachwirkungen
seiner tückischen Medienmethodik. Die beiden hauptsächlichen
Stilmittel seiner Rundfunkherrschaft waren der Stimmungsbericht
und die Sprachregelung. Mit diesen beiden Tricks nahm er das deutsche
Volk in die akustische Zange.
Fioretos: Der Funkturm gehört der Stimme.
Heutzutage würde kein Politiker nur dank seiner Stimme es
besonders weit bringen. Da werden andere Sinnesorgane verlangt
– vor allem das Auge, das Vorbild des Fernsehturms. Wer
optisch nicht auf der Höhe ist, kommt nicht weit –
und dann denke ich nicht primär an die Schönheit der
Person, sondern an ihre visuelle Glaubwürdigkeit. Zuviel
Schönheit wirkt eher verdächtig. Man muß an so
viele, wie möglich appellieren, aber auch jedem Einzelnen
den Eindruck geben, er sei gemeint, er sei ausgewählt. Deshalb
versuchen die Politiker Projektionsflächen zu erzeugen. Sie
eignen sich die Sprache des Bildes an, eine Zeichenordnung, die
flach, nicht-alphabetisch und deshalb keiner linearen Entwicklung
in der Zeit unterstellbar ist. Heute können Politiker reichliche
Signale gleichzeitig senden, vielstellige und widersprüchliche.
Jedes Versprechen kann mit einer Geste pariert werden. Die Öffentlichkeit
ist viel ironischer geworden. Durch die Gleichzeitigkeit, die
in einem Bild existiert (viele Zeichen nebeneinander anwesend)
passiert etwas mit der Aufmerksamkeit des Betrachters. Wenn du
den Faden während eines Fernsehinterviews verlierst, ist
das schlimmste, was du machen kannst, nach ihn zu suchen. Dann
wird nur der Fehler gesehen, nicht dein aufrichtiges Bemühen.
Schalte bitte zum nächsten Thema um, paketiere deine Gedanken
wie soundbites. Die Stimme bedeutet wenig, solange jeder
Satz witzig oder gefährlich ist – das heißt:
für Aufsehen sorgt. Auf der gleichen Weise wollte Hitlers
Stimme ein Volk in Bann halten. Es war ungeheuer wichtig, den
Zuhörer mitzureißen. In dem Moment, wo die Intensität
fehlte, konnte er ja Atem holen und sich seine Gedanken besser
überlegen. Goebbels wußte, das es gefährlich war,
ein Publikum mit ihren Phantasien alleine zu lassen. Die Stimmung
mußte manipuliert, die Richtung der Gedankenbewegung suggeriert
werden. Die Bilder schaffte der Zuhörer zwar noch selbst,
die Farben des Gefühls und die Linienführung der Ansichten
mußten aber vorgegeben werden. Im Fernsehen hört man
übrigens selten interessante Stimmen. Es wird geschwätzt,
geplappert, vieles wirkt schrill und aufgesetzt. Oder angedreht,
wie Adorno das nannte. Alle wollen gehört werden, kaum jemand
hört noch zu. Im Übergang von Wort zu Bild liegt eine
Kulturrevolution.
Grünbein: Die beiden Türme stehen demnach für zwei
verschiedene Zeitalter. Die klassische Zeit des Rundfunks ist
längst vorüber. Der große kollektive Aufbruch
in die audiovisionären Welten ist vorbei. Wir leben im Zeitalter
des Bildes. Was nicht sichtbar wird, was sich nicht zeigen läßt,
kommt nicht mehr an. Das Medium Fernsehen gilt heute als Extension
der banalen Lebenswelt über alle Grenzen hinaus, rund um
den Globus und bis in die Tiefsee und die fernsten Fernen des
Weltraums. Am Ende ist es das Resultat der Phantasien aller Lebenden.
Nimm irgendein Detail auf dieser Erde und multipliziere es mit
sechs Milliarden, das erhältst du das ideale – platonische
– Resultat der heutigen Superrealität namens Fernsehen.
Neben dem Internet ist Fernsehen die gewaltigste arbeitsteilige
Leistung der Menschheit. Wer immer daran mitarbeitet, rechnet
mit der größtmöglichen Zahl von Teilnehmern. Das
Fernsehen frißt Sektoren in die Bevölkerung, es teilt
sie in Quoten auf. Der Quotient der Verbreitung ist mittlerweile
so groß, daß man sich von der hehren Idee der Information
verabschieden sollte. Es wäre besser, von einem sanitären
System zu sprechen, vergleichbar der Kanalisation, also der Versorgung
mit fließendem Wasser und der Entsorgung von Fäkalien
in jedem Haushalt. Zumindest in der westlichen Welt könnte
die Formel gelten: Medien gleich Scheiße. Rund um den Erdball
erreichen uns heute die Ausscheidungen aller. Wir leben im Zeitalter
der totalen Infiltrierung. Was uns über all die vierzig und
mehr Kanäle in die Wohnzimmer schwappt, sind die Ballaststoffe,
die Millionen von Körpern hinterlassen auf ihrer Reise durch
die Gegenwart von Zeit und Raum. Am Anfang ging es vielleicht
noch um Informationen, dann kam die Propaganda und kanalisierte
die Fülle einzelner Daten, später lief alles durchs
Klärwerk der Unterhaltung. Heute ist es ein ununterbrochener
Strom unaussprechlicher Exkremente. Hoffnungsfrohe Soziologen
sprechen von Infotainment, aber wahrscheinlich ist auch das nur
eine weitere Illusion. Das Problem ist: in den Medien soll alles
wiederkehren, was in der Realität vorhanden ist. Im Grunde
ist das Fernsehen also eine Art Allesfresser des Realen, eine
weltumspannende Kloake. Klar, daß dort jedes Subjekt verloren
ist. Es hat sich längst aufgelöst oder schwimmt als
Treibgut zerstückelt im Strom der medialen Fäkalien
wie Orpheus‘ Glieder, zerrissen von den thrakischen Frauen,
im Meer. Die Angestellten beim Fernsehen sind allesamt Kanalisationsarbeiter.
Die besten von ihnen kümmern sich darum, daß die Hygienevorschriften
eingehalten werden. Das sind die nützlichen Idioten, die
für die Moral zuständig sind. Der Rest schwimmt mit
dem Strom oder speist ihn mit immer neuem Unrat, mit der Scheiße
aus aller Welt. Ich finde, es ist an der Zeit, aufzuhören
mit den idealistischen Medientheorien von gestern. Deren Kategorien
erfassen das wahre Ausmaß des täglichen Kotflusses
ebensowenig wie die alte Nationalökonomie den Geldfluß
an den internationalen Aktienbörsen. Wenn man sich nur auf
eine beliebige Großstadt beschränkt, sieht es doch
so aus: es gibt die Müllabfuhr, das Verkehrsnetz und die
Kanalisation, und es gibt die Medien, die im selben Gesamtverbund
funktionieren. Wobei unklar ist, ob sie auf Seiten der Energieversorgung
operieren, des Telephonnetzes und des Gesundheitswesens oder auf
Seiten der Straßenreinigung und der Abwasserentsorgung.
Man muß endlich weg von den Inhalten. Das Medium ist mitnichten
die Botschaft. Das Medium, das sind die Exkremente aller, soweit
sie sich in die Öffentlichkeit drängen.
Stuhlscharren. Die Nachbarn am Nebentisch murmeln unruhig.
Fioretos: Es ist war, daß das Fernsehen zunehmend unterschiedsloser
wird. Vielleicht liegt darin sein fäkalischer Charakter?
Medienleute denken in und konzipieren „Formate“. Der
Inhalt spielt die geringere Rolle. Die klassische Erzählung
mit ihrem Anfang, ihrer Fortsetzung und ihrem Ende ist gegen Strukturen,
die prinzipiell endlos sind, eingetauscht worden. Heute ist alles
Fortsetzung, alles serialisiert. Es spielt keine Rolle, wann du
als Zuschauer den Apparat einschaltest, solange die Programme
dem eisernen Gesetz der Branche folgen: der Erkennbarkeit der
Form. Warum sollten wir sonst dauernd mit diesen Psychodramen
und Familienkonflikte gefüttert werden? Wenn das Behagen
der Neuigkeit sich gemildert hat und die Kvoten gesunken sind,
wird es Zeit, neue Inhalte zu suchen. Womit die Formate gefüllt
werden ist aber praktisch Scheiße. Denn was sind Formate
anderes als Kloschüsseln? Auch sie gibt es in verschiedenen
Größen und Materialien und in unterschiedlicher Ausstattung.
Ihre Funktion bleibt aber immer dieselbe.
Grünbein: Vielleicht wäre der Blick in eine Kloschüssel
das endgültige Bild für die nächtliche Sendepause.
Das Verrückte ist nur: es gibt keine Sendepause mehr. Vor
Jahren sah man nachts noch auf dem Bildschirm ein Aquarium oder
die Endlosschleife einer S-Bahn-Fahrt. Mittlerweile ist auch das
abgeschafft. Man muß sich die Kloschüssel schon selbst
auf sein Fernsehgerät malen. Der Bildschirm als Kloake, das
wäre das perfekte Symbol. Und darüber hängt ein
furzender Anus. Überhaupt sollten die TV-Geräte längst
aus dem Wohnzimmer hinüber ins Bad und auf die Toilette gewandert
sein. Dort ist ihr wahrer Platz, zwischen der Badewanne, der Kloschüssel
und dem Bidet. Im Fernsehen wird täglich die Welt heruntergespült.
Die Kulturtheorie feiert dagegen gerade, daß die Medien
uns vom Alltag und von uns selbst emanzipieren. Wenn alle Lebensbereiche
zum Gegenstand der Medien werden, so heißt es, kommt die
Demokratie an ihr Ziel. In Wirklichkeit gehen alle Formate in
einem einzigen Gesamtformat unter. Der Souverän ersäuft
im Brei der Bilder. Brecht sagte einmal: „Das Theater theatert
alles ein“. Genauso ist es mit dem Fernsehen: „Das
Fernsehen fernseht alles ein“. Keiner kommt mehr davon weg.
Nietzsches grimmiges Wort, daß es auf dieser Welt nicht
auf Nächstenliebe, sondern auf Fernstenliebe ankomme, trifft
den Nagel auf den Kopf. Das Fernsehen schafft es, dich an die
Ferne zu binden, solange bis jede dir Nähe fremd wird und
dem Nachbarn oder deinem Mittagessen mißtraust. Irgendwann
wird es jede körperliche Nähe verdächtig gemacht
haben. Die Wirkung ist verheerend. Der Einzelne weiß dann
einfach zuviel von den Gefahren der Intimität. Man könnte
sich vorstellen, daß es eines Tages zu einer totalen Überschwemmung
des Realen durch mediale Abbilder kommen wird. Dann kippt das
ganze um wie ein vergiftetes Gewässer. Was meinst du, wäre
das nicht ein denkbares Szenario?
Die Nachbarn tauschen Tisch.
Fioretos: Ich bin schlecht in Sachen Apokalypse
… Vielleicht ist das Beunruhigende nicht, daß das
Reale verschwinden wird, sondern daß wir nicht mehr sicher
sein können, wo die Medien aufhören und wo das Reale
beginnt? Mich irritiert der ungeheure Anspruch der Medien an meine
Person: vermessen glauben sie, immer größere Teile
meiner Fähigkeit zur Imagination beschlagnahmen zu dürfen.
Sie behaupten, sie können mir die lästige Arbeit der
Phantasie abnehmen. Danke, ich kremple aber gern die Ärmel
hoch. Unterhaltung als Unterdrückung. Fürsorge als Terror.
Freunde erzählen, daß es mancherorts so weit gegangen
ist, daß derjenige, der heutzutage seine Stapeldiagramme
und Zukunftsprognosen auf beschrifteten Overhead-Blätter
präsentiert, mit höchster Konzentration rechnen darf,
während dessen die Zuhörer sich durch die Präsentationen
gähnen, die mit den letzten animierten Programwaren gemacht
worden sind. Es ist eine arme Note für eine Kultur, wenn
low tech als Modeerscheinung plötzlich erneutem
Wert bekommt.
Grünbein: Der Filmemacher Godard meint, daß die digitale
Revolution einer Katastrophe gleichkommt. Sie raubt uns, die Fähigkeit
zwischen wahr und falsch zu unterscheiden. Sie gewöhnt uns
an manipulierte Bilder und damit an eine Wirklichkeit der universellen
Lüge. Außerdem zerstört sie den Zeitsinn, die
Ordnung der Zeit. Sie versetzt uns in eine totale Gegenwart und
entfremdet uns der Geschichte. Ganz nebenbei bedeutet sie das
Ende des Kinos. Mit den Videobildern wird die alte Leinwand, der
distanzstiftende Schleier der Maja, zu einer Art Nessushemd, das
sich allmählich in die Haut einbrennt, und sei es nur in
die Netzhaut. Was ich sehe, das bin ich. Doch was bin ich eigentlich
noch, wenn alles unfaßbar wird, flüchtig, mehrdeutig
und irreal?
Fioretos: Mit der Digitalisierung steht erneut
die Zeit auf dem Spiel. Analoge Techniken müssen noch mit
Realzeit arbeiten. Digitale Techniken können beliebige Zeiten
erzeugen. Somit sind sie unendlich überlegen, wenn es beispielsweise
um Manipulation geht. Das verheerende ist, diese Techniken werden
immer invasiver. Vielleicht gelingt mit der Digitalisierung endlich
der Sprung in die Gehirne. Dann dringen die Bilder unmittelbar
wie Botenstoffe ins neuronale Netz ein. Als Zuschauer wird man
zum Gefangenen des Bildes. Einer der deutlichsten Warnzeichen
ist die Überreizung. Nach ein paar Stunden vor dem Bildschirm
ist es, als würde man von einem erotischen Objekt –
Mann oder Frau – stimuliert, der mit den Gefühlen spielt.
Die Hypophyse bläht sich auf, weil der Reiz sich nicht in
Reaktion übersetzen läßt. Das Resultat ist eine
groteske Überstimulierung, die in Irritation und zuletzt
vielleicht in Aggression umkippt. Wenn man den Fernseher, das
Internet endlich abschaltet, kehrt man zur Realität zurück
– nur um auf andere ebenso irritierte Menschen zu treffen.
Irgendwann fragt man sich, warum soll ich mich diesem aussetzten?
Aus purer Verzweiflung kehrt man zur medialen Geborgenheit zurück.
Sie mag ihr Versprechen nicht einlösen, sagt aber zumindest
nie nein. So wird das Medium wieder positiv aufgeladen. Nur patologisch
Gestörte glauben wahrscheinlich, das Reale wäre tatsächlich
das Mediale. Die Frage ist bloß: wie komme ich mit meiner
Irritation klar? Die Medien stellen sich als das geringste Übel
dar. In den Wohnungen hat der Fernseher schon längst den
Raum für Umgang organisiert. Früher war er der Mittelpunkt,
im Wohnzimmer aufgestellt, heute findet man ihn überall.
Bald wird dies genauso mit dem Computerbildschirm der Fall sein.
Er wird 24 Stunden laufen, überall. Warum soll man ihn abschalten,
wenn es flat rates gibt?
Grünbein: Als in Moskau der Fernsehturm von Ostankino brannte,
haben die Leute die Videotheken gestürmt. Nach drei Tagen
Sendepause haben selbst die Hartgesottensten wieder angefangen
zu lesen. Auf einmal hatte die russische Literatur wieder eine
Zukunft. Man erzählte einander Geschichten oder ging mit
einem Roman von Tolstoi oder Grisham zu Bett. Im Osten nannte
der Volksmund das Fernsehen „die tote Großmutter“.
Im diesem Moment war die Großmutter, die alte Märchenerzählerin
wieder auferstanden.
Fioretos: Aber wie lange dauerte es, bis sie wieder in den Grab
runtergestoßen wurde? War es mehr als eine Frage von einer
„Gedankenlänge Stille, während das Erschießungskommando
neu lädt“, wie es bei Imre Kertész heißt?
Der Kellner fragt, ob alles in Ordnung sei. Grimmiges Zunicken.
Grünbein: Der Dauerbeschuß setzte bald genug wieder
ein. Das Fernsehen war im Grunde das erste Internet. Es war der
erste Versuch der Menschheit, die Welt visuell zu vernetzen, ohne
daß irgendwer eingreifen konnte. Jetzt im Internet-Zeitalter
kann praktisch jeder sein eigenes Fernsehen machen. Jede kleine
Lebenswelt kann jetzt nicht nur mit Hilfe von Wörtern wie
in der Dichtung, sondern mit Bildern aufgezeichnet und überallhin
vermittelt werden.
Fioretos: Das Fernsehen war die Sturmtruppe, die den Angriff vorbereitete.
Die Türme sind die Vorboten, die von allen gesehen werden.
Wir stehen vor den Pforten – nein, vor den Portalen –
der goldenen Zeit. Bald sind wir im Dauerreich der totalen Vernetzung
angekommen. Nur eine reine Wutaktion könnte noch das globale
Netz aufreissen und eine Fluchtlinie schaffen – aber mit
Amoklaufen kommt niemand besonders weit. Alexander Kluge meint,
wir erleben den Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit.
Gezielt stößt sie in die Zukunft hinein, hinterhältig
kolonisiert sie die Vergangenheit. In tröstlicher Einkehr
kann sie vielleicht noch Aufklärungsarbeit leisten. Das heißt,
die Vergangenheit auf eine Weise vergegenwärtigen, die uns
nicht nur von der Bedeutung des Gewesenen berichtet, sondern auch
den Unterschied zu unserer Zeit zeigt. Aber das ist wohl eher
die Ausnahme, die die Regel bestätigt.
Grünbein: Das ist das Stichwort: Zeitzeugen.
Im deutschen Fernsehen gibt es jetzt immer mehr Sendungen historischen
Inhalts. Aber zeugt das Fernsehen wirklich für irgendetwas?
Ermuntert oder entmündigt es das traditionelle Bezeugen?
Ich glaube, das Fernsehen setzt sich an die Stelle des klassischen
Zeugen. Natürlich wird auch die Art und Weise des Bezeugens
wie alles andere formatiert. Die Zeugen, die irgendwo live
dabei gewesen sind, werden gecoacht und fernsehgerecht zu ihren
Erinnerungen ermuntert. Im Proustschen Sinne liegt gerade darin
der Schwindel: die memoire involontaire wird ersetzt
durch das passende Apropos. Eines Tages wird es soweit kommen,
daß jeder seinen Erinnerungs-Sendeplatz hat. Das kollektive
Gedächtnis wird dann voll kanalisiert sein. Wenn der Zugriff
aufs Medium immer billiger wird, und jeder an beliebiger Stelle
einsteigen kann, werden die Hirne im Rhythmus der Bildröhren
pulsieren. Alle auf Sendung, alle reiten dann auf dem Meer der
Frequenzen. Vielleicht wird die Kamera dann zum festen Bestandteil
des Körpers. In dieser Zeit wird ein Wort wie Überwachungskamera
endgültig zur Tautologie.
Fioretos: Heute ist die Kamera in den meisten
Situationen dabei: wenn ein Kind geboren, eine Toursitenattraktionen
besucht, ein Überfall verübt wird. Der Unterschied zwischen
Ereignis und Erinnerung wird kleiner. An sich ist dies nichts
Schlimmes – solange man sich entsinnt, daß eine Erinnerung
ihr eigenes Ereignis sei, nicht mit der Begebenheit identisch,
an die sie erinnert. Eine Erinnerung kann ja wiederholt werden,
immer mit einer gewissen Verschiebung, und ist daher eine Weise,
in der Zeit mit ihr umzugehen – die Zeit zu formen
und von ihr geformt zu werden. Darin liegt ihr Apell an die Zukunft.
Ohne Erinnerung, kein Bedürftnis nach Veränderung. Übrigens,
eine Erinnerung wird nicht minder wahr, weil sie im Laufe der
Jahren einen anderen Charakter annimmt, als sie ursprünglich
hatte. Unsere Fähigkeit uns zu erinnern ist keine Suchmaschine,
die immer die gleiche Anzahl von Treffer ergibt. Vielmehr ist
die Erinnerung der Sand im Getriebe – die harten Körner
der Vergangenheit, die es uns notwendig machen, inne zu halten,
irritiert oder bloß verwundert darüber nachzudenken,
ob das Dasein vielleicht anders geordnet werden konnte. Nichts
ist so hartnäckig, wie eine Erinnerung mit der man nicht
zurecht kommt. Logisch wird solch eine Beharrlichkeit oft, als
quälend empfunden. Die Medien wollen uns dies vergessen lassen.
Sie sind Laxative, die die Verdrängung erleichtern. Mit ihrer
Hilfe entleeren wir uns der unnötigen Bürde. Eigentlich
wollen sie, daß wir auf der Zeit scheißen. Die Erinnerung
ist nehmlich der unverdauerte Teil dessen, was wir erlebt haben.
Er läßt sich nicht runterspülen. Vielleicht wird
es in Zukunft Wahrsagerinnen geben, die in medialen Kloschüsseln
lesen, wie früher in Kristallkugeln, in Kloakresten, wie
in Kaffeesatz?
Der Kellner will wissen, ob er denn wirklich nichts machen
kann. Die Rechnung wird verlangt.
Grünbein: Es gibt tatsächlich noch
jede Menge unbesetzte Territorien. Das muß sich schleunigst
ändern. Alle Rückzugsgebiete draußen wie drinnen,
in Landschaft wie Psyche, müssen erobert werden. Es gilt,
die Momente der höchsten Lust wie die der größten
Einsamkeit aufzuzeichnen, die Lernprozesse wie die Orgasmen, die
Reisen ins All wie die Intimitäten von Sexualität, Geburt
und Familienleben. Jeden Tag rutscht ein Teil dieser terra
incognita weg. Was tut‘s, daß er damit unbrauchbar
wird für die künstlerische Bearbeitung? Beim Fernsehen
geht es immer nur um die In-Zeit, die Kunst dagegen strebt mit
allen schöpferischen Kräften nach einer Aus-Zeit, der
Zeit des Kunstgenusses und der Meditation, aber vor allem der
Produktion. Schreiben hat für mich überhaupt nur den
Sinn, daß es mir eine Aus-Zeit gewährt, eine nicht
quantifizierbare, ökonomisch wertfreie Zeit. Darum geht es,
und sonst um gar nichts. Der Leser ist herzlich eingeladen, mir
Gesellschaft zu leisten bei dem, was dabei entsteht.
Der Aufzug schüttelt bedenklich, zuletzt wird der Boden
aber erreicht.
Fioretos: Du sprichst von der Zeit der Lust und des Schauderns,
des Rausches, der Langweile und der Reflexion. Augenblicke, in
denen man halb hellseherisch, halb Idiot ist. Über die Ansprüche
an Glück, die man während dieser Zeit off side pflegen
mag, lässt sich sagen, was Benjamin einmal über die
des Haschisch-Essers sagte: „Versailles ist dem, der Haschisch
gegessen hat, nicht zu groß, und die Ewigkeit dauert ihm
nicht zu lange“. Zu ihren Mirakel gehört, daß
sie einen nüchternen Rausch schenkt. Von Klarheit bezecht
zu werden ist eine fabelhafte Erfahrung. Der, der so ein high
erlebt hat, wird schnell süchtig. Hat es nicht mit dem ursprünglichsten
Impuls aller Produktivität zu tun: der Wille, selbst den
ersten Sonntag festzulegen und eine eigene Zeitrechnung zu schaffen?
Solche Zustände sind schwer, abzubilden. Deshalb beharren
die Medien darauf, immer die selben bohemischen Mythen zu kolportieren
– von nächtlicher Inspiration, Kerzen und solchen Hokuspokus.
Manch schlitzohriger Künstler hat es natürlich dennoch
versucht – vor laufender Kamera, wie etwa Picasso …
Grünbein: Was hätte er wohl auf dem Papier aus diesen
beiden Berliner Türmen gemacht?
Sie drehen den Blick aufwärts, betrachten den gleichgültigen
Himmel.
Fioretos: Weiß der Geier.
© Aris Fioretos, Durs Grünbein und Akzente
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