(Es war der
typische Pakt, wie nur langjährige Freunde, beide dem geschriebenen
Wort hörig, ihn abschließen konnten: der eine als Wette
[Glaubt er denn nicht …], der andre aus Gründen der
Bosheit [Würde er wirklich soweit gehen …] –
beide zuletzt aus Neugier auf ein willkommenes Abenteuer, das
auch prompt eintrat. Wer das Schicksal herausfordert, muß
auf die Antwort nicht lange warten. Die Abmachung bestimmte, daß
der eine den andern besuchen sollte, und zwar nur für ein
einziges Wochenende. Während letzterer, aus Berlin kommend,
vorübergehend im fernen Los Angeles residierte, mußte
ersterer die Reise von Stockholm aus antreten. Und so geschah
es: ein deutsch-schwedisches Treffen in Amerika. Vereinbart war
ein gemeinsamer Ausflug im Mietwagen in eine der nahegelegenen
Wüsten. Wichtig war, daß man Neuland betrat. Schließlich
landete man an einem heißen Mittag im Innern der Mojahve-Desert,
rechter Hand vom Interstate Highway 15, kurz hinter dem Städtchen
Barstow, auf halbem Wege nach Las Vegas. Nachdem sie das Auto
abgestellt hatten, schritten sie querfeldein, auf eine der markanteren
Dünen zu und vergaßen allmählich die Himmelsrichtung.
Bei Einbruch der Dunkelheit hatten sie jede Orientierung verloren.
Ohne Taschenlampe, kein Tropfen Wasser in Reserve, nur mit einem
Diktiergerät bewaffnet, irrten sie hungrig im Kreis herum
und staunten, wie ihre gute Laune und die Lust zum Gespräch
binnen weniger Stunden verflogen war. Aus dem grandiosen Diskurs
über die Wüste war die nervöse Suche nach einem
Ausweg geworden. Voraussetzung des folgenden Gesprächs ist
demnach die glückliche Ankunft der beiden in Las Vegas, ihr
Aufatmen noch in derselben Nacht.)
Elektrisierende Nullen
Durs Grünbein: Jetzt sind
wir also, wider Erwarten, in Las Vegas gelandet. Eigentlich wollten
wir die Wüste erforschen, aber dann hat uns die Nacht überfallen.
Zuletzt hat uns dann das ferne Licht angelockt, die Legende von
der Spielhölle. Man fliegt hierher wie die Motten zum Licht.
Las Vegas ist soetwas wie die elektrifizierte Wüste, ein
gigantischer Bühnenaufbau mit Scheinwerfern und Riesenboxen,
die Stadt als totale Rockshow. Am besten sieht man das von hier
oben, vom Stratosphere-Tower, der höchsten Erhebung.
Es scheint, als sei da unten ein hauchdünner Schleier über
die Wüste gelegt worden, und dieser Schleier ist aus lauter
primären Reizen gewoben.
Aris Fioretos: Genau wie in der natürlichen
Wüste, wo nur das Unentbehrliche bleibt, läuft in der
kulturellen Wüste alles auf den kleinsten Nenner hinaus:
den einfachen, primären Reiz, das harte, bare Geld. Das Paradoxe
ist, in der natürlichen Wüste kann man, dank der Leere,
eine Vielfalt sensorischer Erlebnisse erfahren. Hier dagegen,
in ihren elektrifizierten Pendant, mit all seinen schrillen Anregungen,
fühlt man sich alsbald selbst verwüstet. Sogar das Geld,
worauf alles in Las Vegas hinausläuft, wird zuletzt der Verwüstung
anheimgegeben. Als wir hier ankamen, nach unerwarteten Strapazen,
fiel mir ein Souvenirladen auf, der Säcke voller Dollarscheine,
zu kleinen Schnippseln zerschreddert, verkaufte. Dieser genialer,
teufelischer Kapitalismus: nicht einmal die makulierten Scheine
läßt er in Ruhe! Auch das Geld selbst kann zur Ware,
zum billigen Andenken seiner Verausgabung werden.
Grünbein: Ebensogut könnte man in der
Sahara kleine Fläschchen mit Sickerwasser verkaufen. Was
einem sofort ins Auge springt von hier oben ist das dichte Punktraster
der Stadt. Las Vegas scheint direkt vom horror vacui ausgelöst
worden zu sein. Jede Stelle schreit nach Aufmerksamkeit. Augen
und Ohren werden solange unter Druck gesetzt, bis man jedes Raumgefühl
verloren hat. Mit anderen Worten, Las Vegas ist das ganze Gegenteil
von Wüste, doch seine Wirkung ist schließlich dieselbe.
Von überall flimmert es einem entgegen und wirbt: hierher,
hierher! Alles muß grell, die Sinne betäubend und rasend
schnell sein. Eine kaleidoskopische Vergnügungsmaschinerie,
die mit Geld geschmiert wird statt mit Öl. Wie man in anderen
Wüstengegenden Öl fördert, holt man hier den Spieldollar
herauf, und das auf völlig unfruchtbarem Boden. All diese
Spielhallen, Casinos und Phantasiehotels sind nur ein Synonym
für die Fördertürme der großen Petrolcompanies.
Es ist, als wäre man hier in einer gefälschten, irgendwie
zuspätgekommenen, armseligen Wüste. Man hat den Eindruck,
daß sie die bekannten Wüstenformen imitieren müßten,
um selbst daran zu glauben. Oder ist es ein Zufall, wenn die Hotels
in Form der Pyramiden von Gizeh gebaut werden, wenn die Architektur
sosehr derjenigen von Resorts in Saudiarabien oder Kuweit ähnelt?
Das Urbild scheint immer die Fata morgana. Man sieht das am besten,
wenn man sich mit dem Auto nähert. Gleich an der Grenze zum
Bundesstaat Nevada geht es los, dort stehen die ersten phantastischen
Casino-Paläste, mitten im Nichts, weithin strahlend wie Feerien
aus Tausendundeiner Nacht. Kafkas Naturtheater von Oklahoma (aus
dem Roman Amerika) heißt in Wirklichkeit Las Vegas.
Aber was ist hier schon wirklich? Mit billigstem Baumaterial feiern
die Stilembleme aller Epochen Auferstehung, in denen es jemals
um Märchen und paradiesische Verheißungen ging. Und
auch sonst: überall Anspielungen und der Versuch, die echten
Wüsten der Welt zu zitieren. Ich habe gehört, in der
Mojahve-Wüste habe das Militär, Mitte des Neunzehnten
Jahrhunderts, Kamele als Transportmittel importiert. Leider mußte
man das Projekt bald aufgeben, weil die Kamele die Pferde und
Maultiere erschreckt hätten. Erst Hollywood hat den Traum
dann vollenden können. Die Filmindustrie wurde zum wahren
Erben aller Wüstenphantasien mit seinen Studio-Oasen, all
den auf Sand gebauten Geschichten und dem Mythos von Lawrence
of Arabia.
Fioretos: Was wäre dann die Oase in Las
Vegas? Das Motelzimmer? Der Beichtraum? Die Peepshowkabine? Vielleicht
ist die Stadt selbst der Versuch, eine gigantische Oase zu errichten.
Nur hat man es völlig übertrieben, wie es sich hier
gehört. In Las Vegas kommt man nicht aus, ohne tausende von
Glühbirnen in den Palmen zu hängen. Ein brennender Dornbusch
wäre in dieser Wüste nicht mehr zu entdecken. Zu geringe
Watt-Zahl! In den Casinos besteht das Dasein aus lauter schnellen,
elektrisierenden Sensationen ohne räumliche Tiefe und Vertikalität.
Die Natur ist Nebensache, den Himmel gibt es nicht. Jegliche Transzendenz
ist einfach flachgelegt worden. Man kann in dieser Stadt Wochen
verbringen, ohne auch nur einmal das Tageslicht erblickt zu haben.
Die echte lounge lizard, der wahre Vegas-Profi schleicht
sich die ganze Zeit einfach zwischen in den funkelnden Hotel-Lobbies,
den glitzenden Spiegelkabinetten und bunten Grabkammern umher.
Hier wird der Mensch zum horizontalen Tier. Trotz der heimlichen
Räumlichkeiten gibt es aber für ihn kaum mehr Innerlichkeit.
Den Wüstengesetzen entsprechend, ist alles flach, hautnah,
angestrahlt. Glaubst du, in dieser blinzelnden Biosphäre,
mit ihrer prachtvollen Plastik-Fauna und oben und unten abgesicherten
Ambienten, wird eine neue Normalität erfunden?
Grünbein: Wohl kaum. Mit der Aufpeitschung
der Sinne geht immer ihre Abstumpfung einher. Es ist erstaunlich,
wie schnell man die ganze Veranstaltung erfaßt hat. In zehn
Sekunden ist alles vorbei, man begreift sofort: es geht jetzt
immer so weiter, linear oder im Kreis, je nach Veranlagung des
Besuchers. Die Linearitätsfanatiker versuchen das Immergleiche
zu steigern wie Spieler, die den Einsatz erhöhen. Die Kreisläufer
fangen immer wieder am selben Ausgangspunkt an. Wenn man einmal
den berühmten Strip auf- und abgefahren ist – man muß
mit dem Auto da durch, nicht zu Fuß – ist man völlig
im Bilde. Man versteht, worum es den Investoren hier geht. Toulouse-Lautrec
hätte vielleicht seine Freude gehabt. Wie auf dem größten
Rummelplatz aller Zeiten, wie in einer Art Mega-Lunapark beruht
alles auf gröbsten Reizen. Je schriller, je lauter, je lichtintensiver,
desto besser. Es herrscht Wiederholungszwang. Die feinen Unterschiede
sind ausgetrieben, die fünf Sinne als Geiseln genommen. Wer
will, kann darin einen gewissen Minimalismus erblicken, wiederum
etwas, das sich bestens mit Wüste verträgt, mit den
immmergleichen Sandformationen, der kristallenen Eintönigkeit.
Der Mensch soll betäubt werden. Orte wie Las Vegas sind dazu
da, jeden Rest von Innerlichkeit zu zerstören. Nietzsches
ominöser Spruch aus dem Zarathustra findet hier
seine Erfüllung: „Die Wüste wächst. Weh dem,
der Wüste in sich trägt.“ In kürzester Zeit
trägt jeder, der in Las Vegas Halt macht, in sich die Wüste,
aber nicht als spirituelle Erfahrung, sondern als Sediment, das
alle Erfahrung auslöscht. Es geht, nebenbei gesagt, bei den
wenigsten, die hier auf der Stelle treten, um nennenswerte Gewinne.
Es geht nur darum, die Zeit totzuschlagen. Und im Zeittotschlagen
ist die Wüste natürlich der Weltmeister.
Fioretos: Geographisch ist sie der Ort, wo am
erfolgreichsten vernichtet wird. Sie ist das Endprodukt von Erosion
und Zermahlung – je mehr Sand eine Wüste enthält,
umso größer ihre Autorität. Ihre Geduld ist legendär,
so fabelhaft groß, daß sie ohne Mühe ganze Epochen
der Zivilisation überdauern kann. In Punkto Evolution hat
immer die Wüste das letzte Wort. Sie zerpulvert auch die
härtesten Gegenstände und Formationen zu feiner Materie,
sprich Sand, der dann durch die Taille des Stundenglases rinnt
– in Richtung Verlust und Verschwinden. Die selbe vergebliche
Aktivität wird in Las Vegas im ständigen Rieseln der
Münzen durch die slot machines beschworen. Das ist
der Soundtrack dieser künstlichen Wüste, ihr ununterbrochenes
Mantra, ihr treuer Puls. Nach Las Vegas kommt man sicher aus dem
gleichen Grund, weshalb man sich in die natürliche Wüste
begibt: um zu vergessen.
Grünbein: Es gibt auffällig viele Alte hier. Für
sie ist diese riesige Jukebox mitten in der Wüste der beste
Ort, die Vergangenheit abzustreifen. Das Rasseln der Spielautomaten
erinnert an Klapperschlangen, die ihre Haut abstreifen. Zuerst
hat der Mensch die Wüste geflohen, um immer größere
Teile der Erde in wüstenähnliches Gebiet zu verwandeln.
Dann dämmerte ihm, daß er in der Wüste sein Glück
versuchen mußte, wollte er überleben. Denn er selbst
war, bei explodierenden Bevölkerungszahlen, einem Wüstenwesen
immer ähnlicher geworden. Die Wüste versprach immer
beides, Reinigung und Abkehr von allem Terror des Grüns,
der Vegetation und der Jugendblüte.
Fioretos: Gewiß zählt hier nicht mehr
die alte europäische Casino-Kultur – Montreux, Lido,
Baden-Baden – mit ihren geregelten, gutbürgerlichen
Gewohnheiten: erst ein bißchen Tennis und Spazieren, dann
Essen und Flirten, zuletzt Roulette und ein erfrischendes Duell.
All dies war natürlich nur für denjenen möglich,
der über die entsprechende Garderobe, den zuhörigem
Dienerstab verfügte …Dagegen werden in Las Vegas Sportoveralls
getragen. Naturgemäß. Hier wird nämlich rund um
die Uhr gespielt, und die Zeit totzuschlagen, kann eine ganz schön
harte Arbeit sein. Tatsächlich sind die Spielautomaten allgegenwärtig.
Sogar auf den Toiletten wird gespielt, als gäbe es da nichts
besseres anzufassen als Einarmige Banditen. Ganz repressionsfrei
kann jeder Besucher sein high bekommen. Nur ist dieser
Reiz solcherart, daß er sofort seine eigene Steigerung verlangt.
Statistisch geht es aber immer nach hinten raus. Zerhäckselt,
in Kleingeld und bedingte Reflexe verwandelt, wird so der kostbare
Augenblick. Was stattfindet, ist eigentlich die Verwüstung
aller Epiphanien. Die Zeiten, in denen die gutgekleideten Mafiosi
der amerikanischen Großstädte hierherkamen, um sich,
von schönen Frauen umgeben, den schillernden Sinatra anzuhören,
war spätestens mit dem Eintreffen von Siegfried & Roy
vorbei. Zum Erlebnis der geographischen Wüste gehört
die erhabene Wahrnehmung des Nichts. Man könnte sie die Erfahrung
der Null nennen. Sie ist aber keine Nivellierung, sondern die
Konzentration auf die völlige Leere, die Entleerung des Ichs.
Dagegen wird diese Akte in Las Vegas in kleinen, wiederholbaren
Dosen verabreicht, wobei der Kick ständig schwieriger zu
erlangen, ständig schwächer wird, bis man zuletzt bei
der einzigen Null, die wirklich zählt, ankommt: beim leeren
Bankkonto. Danach kann einen nur noch eine Kugel in den Kopf retten.
Oder ein Erdbeben.
Die Episode Menschheit
Grünbein: Es scheint so, daß alle Religionen in Wüstenregionen
entstanden sind. Warum nicht auch jene letzte, die alle beerbt,
die des Geldes? „Gott ist die Wüste“, sagt Meister
Eckhart. Fällt dir dazu was ein?
Fioretos: Ein schöner, wenn auch merkwürdiger
Spruch. Gott als Wüste betrachtet, ist wahrscheinlich ein
Bild der Selbstbegegnung. In der Wüste kann sich das Individuum
nicht entgehen. Man kann sich nirgends verstecken, am wenigsten
vor Gott. Gleichzeitig aber wird der Mensch hier immer weniger
Mensch. Er setzt sich den Elementen aus und wird letzlich selber
zum Element. Vielleicht will Meister Eckhart sagen, daß
Gott das Defizit des Menschen ist? In seiner Rechtfertigungsschrift
deutet er wenigstens an, daß der Mensch in sich selbst „nichts“
ist. Es bedarf immer des ganz Andern, um ihn zu vervollständigen.
Die Wüste subtrahiert uns von uns selbst, solange bis nur
noch ein Minuszeichen übrigbleibt. Bloß eine Vertikalachse
kann das Dasein erneut in ein Plus verwandeln. Audens Beschreibung
der menschlichen Vergeblichkeit – writ on water
– läßt sich hier durch scripted on sand
ersetzen. Früher oder später entrinnt einem alles. Zermahlener
Sinn: was anderes ist die Wüste, sprachlich betrachtet? Man
kennt die üblichen Komplikationen, die von der sogennanten
negativen Theologie entdeckt wurde, sobald sie über ihre
eigene Form der Wahrnehmung und Artikulation nachzudenken begann.
Gott ist nicht dies, nicht das, und vor allem ist er nicht in
diesen wiederholten Negationen zu finden. Meister Eckhart scheint
an einen Punkt gekommen zu sein, wo ihm kein Wort mehr einfiel
zu Gott. Am Ende war er sprachlich verwüstet zurückgeblieben.
Er war eben an einem Nichts angekommen. Aber nun offenbarte sich
das Magische an dieser „Nullung“: es zeigte sich nämlich,
daß das Nichts einer prachtvollen Leere glich, denn nur
durch sie entblößte sich die göttliche Macht.
Allerdings war dieses Nichts bloß durch Gesten und Gebärden
noch anzudeuten. Deswegen spielen die Apostrophen und Beschwörungen
eine so große Rolle in seinen Predigten und Traktaten. Jenseits
aller semantischen Zuschreibung setzen sie voraus, daß es
jemanden gibt, der ansprechbar bleibt.
Grünbein: Vielleicht setzt der Mensch, als atmendes Wesen,
ja nur den Flirt des Windes mit der Wüste fort. Schließlich
ist die Wüste eine äolische Formation. Sie ist das Ergebnis
der Winde, eine Halde aus feingemahlenen und zusammengewehten
Mineralstoffen, auf der sich die Winde treffen und duellieren.
Fioretos: Man muß ein ganzes Stück in die Wüste
hineingehen und sie ziellos durchstreifen. Dann erst bemerkt man,
daß sie die ganze Zeit über in Bewegung ist. Zur Wüste
gehört eine merkwürdige, geradezu ununterbrochene Mobilität.
Gleichzeitig wird an ihr aber auch jeder Richtungssinn, jede Orientierung
zuschanden. Ost oder West, Nord oder Süd, verlieren alsbald
ihre Bedeutung, egal ob als Himmelsrichtung oder als geopolitische
Koordinaten. Schließlich wird das Gehen selbst aufgehoben.
Man begreift, daß es kein Weiterkommen, keinen „Fortschritt“
im Sinne eines Vorwärts mehr gibt. In der Wüste scheint
es weder Anfang noch Ende zu geben, man tritt überall auf
der Stelle. Wie man im Ozean Wasser tritt, so macht man es im
Wüstenmeer mit dem Sand. Irritierend ist, daß hier
nichts gespeichert wird. Ohne Wasser hat der Sand ein schlechtes
Gedächtnis. Schon deshalb können über längere
Zeit nur Nomaden in der Nähe der Wüste überleben.
Das Nomadische ist eine Form der mobilen Belagerung, wobei offen
bleibt, wer hier wen belagert, der Mensch die Wüste oder
eher umgekehrt, die Wüste den Menschen. Tagsüber kann
der Sand glühend heiß werden, in der Nacht kühlt
er aus bis zu Minusgraden. Man kann in der Wüste sogar erfrieren.
Grünbein: Dann wäre die Wüste also das Gegenteil
jedes möglichen Speichers. Keine Informationen (außer
der Null), keine Nahrungsquellen, kein Leben. Nur reine, abstrakte
Erdzeit, Requiem aller Geologie. Langsam verstehe ich, wo das
heutige Interesse an Wüstenregionen herrührt, diese
Wüstenssehnsucht vieler Zeitgenossen. Ich bekomme in letzter
Zeit immer mehr Postkarten, auf denen Bekannte mir von ihren Trips
in die Sanddünen berichten. Aus dem Innern Australiens, aus
der Sahara, vom Death Valley. Ich bin gespannt, wann mir der Erste
aus der mongolischen Wüste Gobi schreibt. Was hat uns denn
hierher, in die Mojave Desert, getrieben?
Fioretos: Die Wüste ist das Gestalt gewordene
Vergessen. Sie verspricht dem Wanderer die Ausschaltung seiner
primären Affekte. Man pilgert in die Wüste, um sich
von allen Sozialreizen und kulturellen Stimulantien zu befreien,
egal ob für Stunden, Tage oder gar Wochen. Die wenigsten
halten es so lange aus. Vierzig Tage? Eine Ewigkeit! Schau uns
an: sind wir hierhergekommen, um uns selbst zu entdecken, wie
es im Esoterikjargon so schön heißt? Ich glaube kaum.
Uns interessiert an der Wüste wohl eher das, was Henry James
über den Tod gesagt hat: wie dieser ist sie the great
equalizer. Nur daß der Tod im Gegensatz zur Wüste
abstrakt bleibt. Es ist ja unmöglich, ihn zu erfahren, um
dann in die Zeit zurückzukehren und über ihn zu berichten.
Die Wüste ist sozusagen ein anschaulicher, ein begehbarer
Tod, eine materielle Variante der trüben, leeren Zukunft,
die sich auf einmal in unserem Präsens ausgebreitet hat.
Hier versteht man mit welcher Gleichgültigkeit Chronos auf
den Menschen sehen muß. Vergiß das Ephemäre!
Hier wird alles in mineralischer Zeit gemessen. Der Mensch ist
höchstens noch ein leichtes Zittern, das über seinen
ironischen Lippen spielt. Wie lange, glaubst du, würdest
du es unter solchen Bedingungen aushalten?
Grünbein: Schwer zu sagen. Seit wir hier herumwandern, sind
mir alle Bezugspunkte abhanden gekommen. Die Wüste scheint
nicht nur das Anti-Gedächtnis zu sein, sie ist auch der Anti-Spiegel.
Es dauert nicht lange, und man weiß nicht einmal mehr, wie
man aussieht und wer man ist. Wie soll ich wissen, was langfristig
ist oder kurz, weit entfernt oder nah? Im Ernst, man sieht plötzlich,
wie Raum und Zeit, nach Immanuel Kant die Grundbedingungen unserer
Wahrnehmung, langsam unbrauchbar werden zur Herstellung von Relationen.
Noch schlimmer, die Wüste unterwühlt auch das Ausdrucksvermögen,
den sprachlichen Grund, auf dem man zu gehen gewohnt ist. Sie
zieht dir den Boden unter den Füßen weg und reißt
dich in eine unendliche metonymische Fließbewegung. Hier
kann sich alles in jedes verwandeln. Ovids Metamorphosen sind
im Vergleich dazu purer Realismus. Sand wird zu Buchstaben, zu
kristallisierter Zeit, zu Knochenstaub, Antimaterie, zum Bodensatz
der Evolution. Du kennst diese pathetischen Formeln, die sich
als Genetivmetaphern unfreiwillig selbst parodieren – gerade
hier fallen sie einem wieder ein: „Das Kamel ist das Schiff
der Wüste“ oder „Der Mensch ist das Salz der
Erde“. Man denkt vielleicht noch an Seefahrt und Abschiedstränen,
dabei dreht alles sich längst im Kreis. Verstehst du, was
das bedeutet? Der Wüste ist es egal, ob Tatsache oder poetisches
Bild, sie zieht alles ins Paradoxe. Hier beißen sämtliche
Schlangen sich in den Schwanz. Sie ist das einzige Element, wo
es den Heiligen gut ging. Ein Spielplatz für alle, die nach
dem Numinosen jagen.
Fioretos: Ein Las Vegas für Theologen? Oder
The Devil's Playground, wie ein berüchtigter Teil
des Death Valley genannt worden ist. Die Wüste ist soetwas
wie ein ausgedehnter Horizont. Vielleicht ist sie selbst jene
hauchdünne Schicht, die den Himmel von der Hölle trennt.
In ihr bewegt man sich immer auf unsicherem Boden. Weiß
der Geier, ob es nicht einfacher wäre, über Wasser zu
gehen …
Grünbein: Man spürt wirklich, daß
sie immerfort in Bewegung ist. Wie das Meer, nur eben schwerer
aufzuhalten durch Dämme und Deiche, schon dehalb, weil sie
mit dem Festland gemeinsame Sache macht. Eine Wüste ist sozusagen
eine riesige, streunende Landmasse. Der Alptraum des Kartographen.
Fortwährend verschieben sich diese Sandformationen, driften
hierhin und dorthin. Deshalb sieht man auf dem Globus an den ockerfarbenen
Stellen meistens auch nur schnurgerade Linien. Die Grenzen von
Wüstenstaaten sehen aus, wie mit dem Linieal gezogen. Man
hält sich an Längen- und Breitengrade, sonst nichts.
Typisch, daß man sich heute, unterwegs durch die Wüste,
mit Satellitenpeilung behilft. Der Satellit macht aus jedem Ort
einen abstrakten Erdpunkt. Aus dem Weltraum betrachtet, erscheint
vieles wieder als terra incognita, wie auf den alten
Atlanten, wo man anstelle der Wüste den Löwen zeichnete,
das Savannentier mit dem sandfarbenen Pelz. Wenn das Gedächtnis
an Orte gebunden ist, wie die ältesten Mnemotechniken beweisen,
dann ist die Signalposition via Satellit der adäquate Ausdruck
für ein Gedächtnis, das in der Wüste verlorenging.
Es gibt nur noch Formationen und geometrische Koordinaten, aber
keine Gedächtnislandschaft mehr, keinen charakteristischen
Schauplatz. In der Wüste bleibt alles in der Schwebe: kein
Hier oder Dort, kein Davor oder Danach.
Fioretos: Die Oase wäre dann sowas wie ihr plötzlich
aufgeblühtes schlechtes Gewissen.
Grünbein: Wahrscheinlich ist ja die Menschheit, aus der Perspektive
der Erdgeschichte, selbst nur eine Oase. Und Kultur wiederum,
Kunst, Metaphysik, sind Oasen in der modernen Wüste von Fortschritt
und Geschichte. Man sollte vielleicht von der Sandwerdung des
Menschen sprechen, rein numerisch nimmt die Bevölkerung jedenfalls
immer noch zu. Und was sind die Völkerwanderungen anderes
als die vom Wind hin und hergetriebenen Herdenzüge? Genetiker
haben herausgefunden, daß wir alle ursprünglich von
sieben Familien abstammen, die aus dem Inneren Afrikas aufbrachen.
Im Alten Testament später ist von sieben Stämmen die
Rede. Doch hinter jedem Moses, jedem Zarathustra stand immer derselbe
Antreiber. Die Griechen nannten ihn Aiolos, den Winddämon.
Fioretos: Dessen Tätigkeit die Zerstreuung ist.
Grünbein: Zerstreuung oder Sammlung der Abbauprodukte, der
zermahlenen und in alle Winde verteilten Reste. Man weiß
nicht recht, ist die Wüste, geologisch gesehen, ein primäres
oder ein finales Stadium? Vielleicht ist sie ja beides, der ewige
Zwischenzustand. Hinter ihr liegen die Gebirge, die harten Gesteinsmassen,
vor ihr die Meere mit ihrem wüstenartigen Grund. Und darunter
die Fundamente, der terrestrische Sockel für das Denkmal
der Erdzeitalter.
Fioretos: Die Dünen, auf denen wir uns die ganze Zeit bewegen,
sind ja auch nur Sand, der übriggeblieben ist, ein Fluß,
der diese Gegend einmal grün anmalte und belebte, bevor er
austrocknete. Aiolos hat die Dünen umhergetrieben, hierhin
und dorthin, die wenigen restlichen Steinchen in feine Materie
verwandelnd, bis der Sand sich allmählich um diese Hügelformation
häufte. Aus mythologischer Sicht dienen die Steine dazu,
den Menschen das Sprechen zu lehren und die Eloquenz beizubringen.
Der Stein ist die Voraussetzung der Oralität. Denk an Demosthenes.
Dank der Kieselsteine trainierte er am ägäischen Strand
die geschliffene Rede. Mit Sand wäre soetwas nie und nimmer
gelungen. Er trocknet den Gaumen aus, blockiert die Zunge. Sein
Aggregatzustand ist das Schweigen. Den Mund voll Sand gestopft,
bleibt man stumm. Man kann es als einen Ruhezustand, man kann
es aber auch als das schlimmste Schicksal der Welt betrachten.
Letzt Endes ist die Wüste aber immer das Ende der Mobilität,
ob sprachlich oder körperlich.
Grünbein: In ihr muß man eines Tages
verrückt werden. Wie eine Wüstenmaus pfeift man bald
auf dem letzten Loch – mangels Spiegelbild, mangels Selbst,
mangels irgendeines Punktes, an den sich Auge und Zunge noch halten
können. Dem Heiligen zaubert sie Ekstasen und Visionen ins
Gehirn, dem Hippie womöglich Alpha-Wellen. Manche aber, wenn
sie nicht verdurstet sind, wurden zu Narren, zu Gefangenen einer
Psychose. Die Fata morgana, sprich die Halluzination, ist das
sicherste Zeichen für eine schwere Krise der Vernunft. Erst
kommt die Wahrnehmung abhanden und dann die Ratio. Übrigens
sind der Heilige und der Narr oftmals kaum noch zu unterscheiden.
Der Volksmund kennt eine Menge Witze, die in der Wüste spielen.
Meistens geht es um kastrierte Kamele, um Telephonzellen, in die
man sich vor den Löwen flüchtet, um Leute, die im Sand
sitzen und angeln oder Ruderboot fahren. Und dann diese sprechenden
Namen, allein hier in den kalifornischen Wüsten: es gibt
ein Tal des Todes, den Spielplatz des Teufels, die Aschenberge
und einen Aussichtspunkt, der auf die Göttliche Komödie
anspielt, Dante's View. Wo sonst findet man soviele Hinweise
auf Wahnsinn, innere Verödung, Tod und Verderben? Die Wüste
wirkt auf den Menschen wie eine Droge. Berge von weißschimmerndem
Kokain, ganze Dünen von Heroin, endlose Opium-Täler.
Vielleicht ist sie deshalb der traditionelle Sehnsuchtsort, die
Natur im scheinbaren Waffenstillstand. Aber wehe, man verirrt
sich in dieser endlosen Gleichförmigkeit mit seinem armen
Gehirn. Der ganz große Streit, der elementare Titanenkampf
ist wohl der zwischen den Ozeanen und Wüsten. Dazwischen
liegt diese winzige Episode namens Evolution.
Diese seltsame Sehnsucht nach dem Nichts
Fioretos: In der Wüste gibt es kaum Gemeinplätze. Vielmehr,
alles ist hier zum gemeinen Platz geworden. Die Oase ist schon
das ganz Andere. Die Karawanen bewegen sich möglichst sparsam
auf ihren Wegen von A nach B, von X nach Y. Es gilt, Energieverluste
zu vermeiden und sich den Elementen nicht mehr als nötig
auszusetzen. Wenn man in der langersehnten Oase ankommt, erhält
man als erstes seinen Namen zurück. Dazwischen aber, während
der Reise, verhält man sich besser wie ein Niemand. Man paßt
sich diesem kyklopischen Landstrich an. Das Gesicht des Nomaden
ist weitgehend von Tüchern bedeckt, die Augen sind zu Schlitzen
verengt, um nur noch den Horizont hereinzulassen. Über dem
Sand steht das eine schlaflose Auge der Sonne. Mimikry heißt
hier, seine Identität so weit es geht aufzugeben, innerlich
abzuschalten und zu veröden. Wo Sinn war, ist überall
Sand. Denn will man die Oase erreichen, muß man seine Kräfte
rationieren, und die sozialen Attribute sind dann natürlich
nur eine Belastung. Nur derjenige, der mit der eigenen Existenz
geizig umgeht, wird Ruhe vor der unerträglichen Kontinuität
der Wüste finden. Die Oase stellt einen kurzen Aufenthalt,
eine zufällige Frist dar. Wie immer, dient die Abbrechung
der Regeneration.
(Lange hört man auf dem Tonband nichts als das leichte
Knirschen der Schritte, das sich wie mahlende Kiefer anhört,
ein kristallines Kichern.)
Grünbein: Die Wüste macht fatalistisch. In der Brechung
des Willens liegt ihr seltsames Pathos. Und das Beste: sie weiß
sowenig von uns wie wir von ihren verborgenen Absichten wissen.
Man könnte jetzt schreien und wie wildgeworden loslaufen,
es würde nichts nützen, wir sind mittendrin im Schlamassel.
Einmal habe ich einen Dokumentarfilm über die Sahara gesehen,
über die Transportrouten der Nomaden, die dort den Handel
aufrechterhalten. Das wichtigste war der Zeitplan, das genaue
Einhalten der Ruhepausen. Man schlägt das Lager vor Einbruch
der Dämmerung auf und zieht im Morgengrauen wieder los, und
so tagaus tagein, über Wochen. Die Unterbrechungen für
Essensaufnahme, Schlaf, Körperpflege und das Tränken
der Tiere sind auf die Minute geregelt. Nur so kommt man durch.
Jede Verzögerung, jede Hast wäre lebensgefährlich.
Die Rhythmen kannte nur einer in der Gruppe, der Führer,
ein uralter, erfahrener Tuareg, nach dem jeder sich richtete.
Alles lief nach seiner inneren Uhr ab, ohne Wecker und Satellit.
Am siebzehnten Tag zum Beispiel galt es, ein bestimmtes Wasserloch
zu erreichen, das nur er kannte, ansonsten war man verloren. Natürlich
konnte der Alte sich auch nicht um die Erfordernisse des Filmteams
kümmern. Übrigens sprach er während der ganzen
Reise vor der Kamera kein einziges Wort.
(Langsam werden die Pausen länger.)
Fioretos: Das bringt mich auf den vielleicht
entscheidenen Aspekt dieser scheinbar koordinatenlosen Umgebung.
Als letzte Orientierung bleiben immer die Sterne, diese treuen
oder vielleicht nur uninteressierten, interplanetarischen Fixpunkte.
Wer sagt, daß man als Profi in der Wüste umherirren
muß? Noch gibt es die Sternkonstellationen dort oben, die
nichts anderes sind als astrale Hilfsorganisationen. Auch hier
ergibt sich wieder die enge Beziehung nicht nur zum Heiligen,
sondern auch zu den Verwirrten und Idioten, den lunatics.
Ihr oberster Hirt ist der Mond. Haben wir uns nicht zum letzten
Mal sattgegessen in einer Gaststätte in Barstow, die den
Namen des Mad Greek trug? Ich wette, das war ein gescheiterter
Wüstenphilosoph, der nun als warnendes Beispiel und Torhüter
zum Ödland dient.
Grünbein: Die Wüste eröffnet sofort
den interplanetarischen Dialog. Seit wir die ersten Zielphotos
haben, drängt der Vergleich zu anderen Planeten sich auf,
zum Jupiter oder zum Mars, eine einzige rote Wüste, für
die sich die Astronomen begeistern. Es ist doch erstaunlich, daß
es unter uns seit langem schon echte Wüstenkenner gibt, Völker
wie die australischen Aborigines, die Tuaregs in Mauretanien und
jede Menge Eigenbrötler und Religionsstifter, sogar ein paar
Literaten. Auch von Augustinus, dem Erfinder der modernen christlichen
Seele darf man annehmen, daß er die Wüste gekannt hat,
ein Römer aus einem numidischen Siedlernest. Die Confessiones
sind der Bericht einer unendlichen Annäherung an Gott, mit
der Wüste im Rücken. Am Anfang ist er noch Manichäer,
auch soein Dualismus, der am besten in Wüstenregionen gedeiht,
wie man an Persien sieht. Dann wird er zum Skeptiker, um schließlich
zu Gott zu finden, durch alle zeitgenössischen Philosophieschulen
hindurch. Woher kommt es, daß er nach und nach alles Körperliche
verneint und zum Asketen wird, der die Sinnlichkeit abstreift?
Augustinus durchquert sämtliche Schriften, indem er sich
klarmacht, daß die Seele sozusagen auf Sand gebaut ist.
Niemand hat vor ihm derart akribisch über das Wesen der Zeit
nachgedacht, und immer war ihm der einfache Menschenverstand dabei
der Kompaß. Als Kenner der Wüste war er es gewöhnt,
sich an geringfügigsten Differenzen zu orientieren. Die Wüste
hat aus ihm ein analytisches Genie gemacht.
Fioretos: Der Schritt von der Wüste zum
weißen Blatt oder Pergament ist selten besonders weit. Aber
im Gegensatz zum leeren Blatt, dieser terra immaculata,
ist die Wüste das Resultat einer Auslöschung. Sie ist
anschaulicher Tod oder gestorbene Geschichte, eben eine Art terra
maculata. Vielleicht ist sie deshalb so furchterregend, aber
manchmal auch einfach erregend, für Schriftsteller und Buchstabengläubige?
Wer hätte in den finstersten Augenblicken nicht vom endgültigen,
alles verwüstenden Wort geträumt?
Grünbein: In der Fachsprache der Drucker
und Setzer nennt man Zeitungsseiten, die nichts als Text enthalten,
Bleiwüsten. Das ist der Grund, weshalb man unbedingt
Pressephotos und Karikaturen, diesen bebilderten Oase, einstreuen
muß. Die Bleiwüste ist der Horror für Herausgeber
und Redakteur.
(Es ist dunkel geworden. Wir haben die Orientierung verloren.
Auf dem Weg zum Auto zurück kommen die ersten Selbstzweifel.
Dann der unvermeidliche Satz:)
Fioretos: Mensch, der Tod ist in der Wüste wirklich allgegenwärtig.
Grünbein: Ja, aber er hat kein Gesicht,
keine andere Physiognomie als eben diese. Die Wüste ist das
große memento mori des Universums, der Ort oder
Nicht-Ort, an dem die Zeit sagt: „Seht her, was draus wird“.
Darin besteht ihre unmißverständliche Botschaft. Insofern
ist sie keineswegs sprachlos. In Wirklichkeit spricht die Wüste
in Großbuchstaben und im Imperativ. Vollkommen logisch,
daß die Gebote von dorther kommen. Und natürlich vom
Berg herab. Die tödliche Passivität der Wüste läßt
sich nur als Strenge interpretieren, als Befehlswort des Vaters.
Die höchste Autorität kann nur den antlitzlosen, den
unverspiegelten und also ignoranten Oberflächencharakter
der Wüste haben. Auch wenn es vermutlich mehrere Religionstypen
gibt – aquatische, montane, vielleicht gar glaziale –
die erfolgreichste bleibt noch immer jene, der aus dem Wüsteninneren
stammt. Der Monotheismus Jahwes kommt aus der Einkehr oder Verbannung
– je nachdem, wie man es sehen will – in eine der
entsetzlichsten Wüsten dieser Erde. Es ist tatsächlich
ein Wüstengott, der hier seit mehreren tausend Jahren seine
Befehle erteilt, so traurig das für uns ist. Denn es gab
wahrlich Götter, die freundlicher und fruchtbarer waren,
schon deshalb, weil sie den Quellen und Flüssen entsprangen.
Doch am Ende hat dieser eine das Rennen gemacht. Er war der ausdauerndste,
seine Energie, sein Fanatismus kam aus der Wüste. Während
die andern immer mehr wurden und sich bald gegenseitig auffraßen,
blieb er beharrlich der Eine, der Unanfechtbare, für alle
Zeit Unerkannte mit dem Gesicht aus verwehtem Sand. Der Polytheismus
ist angewiesen auf eine reiche Vegetation. Seine Heimat sind die
grünen Meeresküsten, die tiefen Wälder und die
tropischen Inseln. Er wäre undenkbar ohne die Vielfalt der
Pflanzen und Tiere, die Verstecke im Dschungel. Erst mit dem Anholzen
der Wälder, mit der Verödung der Landstriche wird der
Weg frei für den einen Gott. Seine Garantie ist der Mensch,
der Flora und Fauna verdrängt und im Grunde immer derselbe
blieb. Wie sonst läßt sich erklären, daß
er noch immer zum selben Gott betet – zumindest dort, wo
es Wüsten gibt oder eine auf Nullen beruhende Zivilisation?
Ich gebe zu, ich bin nicht ganz frei von Mißtrauen gegen
die Wüstenreligionen. Wahrscheinlich rührt daher auch
meine innerliche Distanz zu ihrer letzten, säkularisierten
Form, die wir heute erleben. Eine Gesellschaft, die gänzlich
auf Kapitalvermehrung beruht, wird immer monopolistische Wurzeln
haben, also gerade nicht jenes Rhizom, von dem der große
Deleuze für die Zukunft träumte. Zumindest kann ich
es nirgendwo sehen. Der Boden, auf dem alldas steht, wird immer
Wüste bleiben. Die Materie, aus der alles geformt ist, bleibt
immer das Geld in seiner unsichtbaren, beweglichsten Form, als
Kapital. Es gibt kaum etwas, das so zerstörerisch ist, so
rachsüchtig gegen alle sämtliche Alternativen. Und natürlich
ist es am Ende genauso unschuldig wie dieser Sand. Vielleicht
tut es ihm sogar leid, daß es mit der Zeit die Artenvielfalt
auslöscht und anstelle der biologischen und artistischen
Singularitäten nichts als diesen einen gemeinsamen Nenner
setzt, wahrhaft einen Denominator, der alle Namen verschluckt.
(Die Unruhe wächst. Zum ersten Mal gehen wir den Weg
zurück, eine Sandpiste voller Reifenspuren. Wie erkennt man
die eigene Spur …)
Fioretos: Die Wüste ist überhaupt eine ganz und gar
neutrale Kategorie, nicht nur namensfeindlich, sondern letzten
Endes auch bildresistent. Da ist zum Beispiel der Sandmann in
den alten volkstühmlichen Erzählungen und neuerdings
auch im Fernsehen. Was tut er? Er schüttet den Kindern Sand
in die Augen, damit sie endlich schlafen gehen können. Ein
lieblicher, kleiner Bruder des Todes, der schon früh ins
Leben der jüngeren Zuschauer tritt. Eigentlich müßte
er ja den Fernseher von innen ausknipsen. Aber das läßt
er bleiben. Er beschränkt sich lieber auf eine suggestive
Handlung namens Traum. Wie zum deutschen Märchenwald das
Unheimliche, gehört zur Wüste die Todessehnsucht. Freud
hätte sicher schöne Sätze über die Wüste
geschrieben, wäre es ihm erlaubt gewesen, seinen Lebensabend
am Rand der westlichen Kultur, in Malibu oder in Venice Beach,
zu verbringen. Aber genau wie man als Mensch diesen wunderlichen
Drang manchmal verspürt, muß man sich mit Woody Allen
wohl eingestehen: „Nein, ich will nicht ewig leben. Aber
ich will auch nicht ewig tot sein.“ Noch ist Gott uns einen
Menschen schuldig, der die Ewigkeit erweichen kann. So gesehen,
bin ich auch skeptisch gegen mein eigenes Interesse an der Wüste.
Es kommt sozusagen aus einem trüben Hintergrund. Wer weiß,
was all dem Sand, der einem über die Jahre in die Augen gestreut
wird, so alles beigemischt ist? Die Wüste ist eine Anhäufung
von lauter Nullen. Und was aus den Nullen wird, weiß man
nicht nur dank der Mathematik, sondern auch aus der Geschichte,
dem Finanzwesen, der bösen Statistik …
Grünbein: Es kommt der Tag, an dem all die vielen Nullen
sich plötzlich an eine lumpige Eins hängen, die ihnen
zeigt, wo es langgeht.
(Langes Schweigen. Stehenbleiben und nachdenken. Dann noch
einmal der Weg in entgegengesetzter Richtung. Ödipales Unbehagen.)
Fioretos: Dazu fällt mir eine kleine Geschichte aus unserer
Familienbiographie ein. Als mein Vater nach Schweden kam, Anfang
der 50er Jahre, traf er während eines Sanatoriumsaufenthalts
mehrere Literaten. Irgendwie mußten sie sein Interesse für
Poesie stimuliert haben. In einer kleinen Zeitschrift publizierte
er später einen euphorischen Aphorismus in der neuen, soeben
erlernten schwedischen Sprache: „Ich setze mich selbst als
Eins vor die Nullen der Welt“. Zwanzig Jahre danach, als
ich mich als Teenie mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen,
bzw. mich von ihr abzusetzen, versuchte, stieß ich auf diesen
wohlmeinenden Spruch. Plötzlich empfand ich eine seltsame
Lust, ihn umzuschreiben. Aber wie? Zuletzt fiel mir nur der folgende
Widerruf ein: „Ich setze mich selbst als Null vor all die
Einsen der Welt“. Damals registrierte ich zum ersten Mal
an mir einen Hauch dieser Sehnsucht nach dem Nichts. Wahrscheinlich
war es der einzige Aus-, bzw. Fluchtweg, aus der Familienverstrickungen,
der mir geblieben war.
Grünbein: Das moderne Verlangen nach dem
Grenzpunkt Null hängt sicher damit zusammen, daß es
zuviele Einsen, zuviele Primusse und gemeinsame Nenner gibt. Wir
leben in einer Gesellschaft von Individuen. Jeder ist Gott und
vor allem sich selbst nun am nächsten. Doch wenn es zuviele
Nenner gibt, zuviele Meinungsinhaber und Standorthalter, wird
irgendwann die Sehnsucht nach der Null übermächtig.
Die Wüste bekommt plötzlich etwas Verlockendes.
Fioretos: Anullierung heißt ja nicht Anihilation.
Das skandalöse an der Null ist, daß sie sich an die
Einsen heranschmuggeln kann, ohne selbst etwas darstellen zu müssen.
Sie relativiert alle erigierten Singularitäten, ohne sie
deshalb zu vernichten. Genauso ambivalent ist die Wüste.
Einerseits dient sie der reinen Selbstbegegung, der schöpferischen
Orientierungslosigkeit, andererseits reduziert sie alles zu etwas,
das nur wenig – eben um eine Dezimalstelle – mehr
ist als nichts. Ab und zu kann sie sicher auch als ovaler Glorienschein
über den braungebrannten Schädeln der Wüstenpropheten
dienen. Im Zeichen der Null gibt es zugleich vollkommene Offenheit
und absolute Konzentration. Die Wüste kann zum Ort der Begegnung
werden und zu dem der Vernichtung. Im Grunde bagatellisiert sie
jegliches Streben. Wüste, für deutsche Ohren, wie die
deinen, müsste das wie der Konjunktiv von Wissen klingen:
Wüßte … Wahrscheinlich ist unser Versuch,
sich ihr sprachlich zu nähern, schon der erste Ansatz zum
Desertieren.
(Endlich, nach all dem Hin und Her, ist das Auto gefunden.
Peinliche Stille beim schnellen Davonfahren in Richtung Las Vegas.
Hinter uns zieht sich, im Rückspiegel sichtbar, eine mächtige
Staubfahne hin. Was wäre gewesen, wenn …Hätten
wir wirklich Schlaf gefunden im kalten Sand?)
(Bandwechsel. Dann eine Stimme, gefestigt:)
Grünbein: Jetzt sind wir also, wider Erwarten, in Las Vegas
gelandet …
1997, im Winter
© Aris Fioretos, Durs Grünbein und Akzente
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