Gespräch in der Wüste


Gespräch
Mit Durs Grünbein
Akzente, 2000, Nr. 5, 393-408.
Photo: Thomas Florschuetz, 1995

(Es war der typische Pakt, wie nur langjährige Freunde, beide dem geschriebenen Wort hörig, ihn abschließen konnten: der eine als Wette [Glaubt er denn nicht …], der andre aus Gründen der Bosheit [Würde er wirklich soweit gehen …] – beide zuletzt aus Neugier auf ein willkommenes Abenteuer, das auch prompt eintrat. Wer das Schicksal herausfordert, muß auf die Antwort nicht lange warten. Die Abmachung bestimmte, daß der eine den andern besuchen sollte, und zwar nur für ein einziges Wochenende. Während letzterer, aus Berlin kommend, vorübergehend im fernen Los Angeles residierte, mußte ersterer die Reise von Stockholm aus antreten. Und so geschah es: ein deutsch-schwedisches Treffen in Amerika. Vereinbart war ein gemeinsamer Ausflug im Mietwagen in eine der nahegelegenen Wüsten. Wichtig war, daß man Neuland betrat. Schließlich landete man an einem heißen Mittag im Innern der Mojahve-Desert, rechter Hand vom Interstate Highway 15, kurz hinter dem Städtchen Barstow, auf halbem Wege nach Las Vegas. Nachdem sie das Auto abgestellt hatten, schritten sie querfeldein, auf eine der markanteren Dünen zu und vergaßen allmählich die Himmelsrichtung. Bei Einbruch der Dunkelheit hatten sie jede Orientierung verloren. Ohne Taschenlampe, kein Tropfen Wasser in Reserve, nur mit einem Diktiergerät bewaffnet, irrten sie hungrig im Kreis herum und staunten, wie ihre gute Laune und die Lust zum Gespräch binnen weniger Stunden verflogen war. Aus dem grandiosen Diskurs über die Wüste war die nervöse Suche nach einem Ausweg geworden. Voraussetzung des folgenden Gesprächs ist demnach die glückliche Ankunft der beiden in Las Vegas, ihr Aufatmen noch in derselben Nacht.)


Elektrisierende Nullen

Durs Grünbein: Jetzt sind wir also, wider Erwarten, in Las Vegas gelandet. Eigentlich wollten wir die Wüste erforschen, aber dann hat uns die Nacht überfallen. Zuletzt hat uns dann das ferne Licht angelockt, die Legende von der Spielhölle. Man fliegt hierher wie die Motten zum Licht. Las Vegas ist soetwas wie die elektrifizierte Wüste, ein gigantischer Bühnenaufbau mit Scheinwerfern und Riesenboxen, die Stadt als totale Rockshow. Am besten sieht man das von hier oben, vom Stratosphere-Tower, der höchsten Erhebung. Es scheint, als sei da unten ein hauchdünner Schleier über die Wüste gelegt worden, und dieser Schleier ist aus lauter primären Reizen gewoben.
Aris Fioretos: Genau wie in der natürlichen Wüste, wo nur das Unentbehrliche bleibt, läuft in der kulturellen Wüste alles auf den kleinsten Nenner hinaus: den einfachen, primären Reiz, das harte, bare Geld. Das Paradoxe ist, in der natürlichen Wüste kann man, dank der Leere, eine Vielfalt sensorischer Erlebnisse erfahren. Hier dagegen, in ihren elektrifizierten Pendant, mit all seinen schrillen Anregungen, fühlt man sich alsbald selbst verwüstet. Sogar das Geld, worauf alles in Las Vegas hinausläuft, wird zuletzt der Verwüstung anheimgegeben. Als wir hier ankamen, nach unerwarteten Strapazen, fiel mir ein Souvenirladen auf, der Säcke voller Dollarscheine, zu kleinen Schnippseln zerschreddert, verkaufte. Dieser genialer, teufelischer Kapitalismus: nicht einmal die makulierten Scheine läßt er in Ruhe! Auch das Geld selbst kann zur Ware, zum billigen Andenken seiner Verausgabung werden.
Grünbein: Ebensogut könnte man in der Sahara kleine Fläschchen mit Sickerwasser verkaufen. Was einem sofort ins Auge springt von hier oben ist das dichte Punktraster der Stadt. Las Vegas scheint direkt vom horror vacui ausgelöst worden zu sein. Jede Stelle schreit nach Aufmerksamkeit. Augen und Ohren werden solange unter Druck gesetzt, bis man jedes Raumgefühl verloren hat. Mit anderen Worten, Las Vegas ist das ganze Gegenteil von Wüste, doch seine Wirkung ist schließlich dieselbe. Von überall flimmert es einem entgegen und wirbt: hierher, hierher! Alles muß grell, die Sinne betäubend und rasend schnell sein. Eine kaleidoskopische Vergnügungsmaschinerie, die mit Geld geschmiert wird statt mit Öl. Wie man in anderen Wüstengegenden Öl fördert, holt man hier den Spieldollar herauf, und das auf völlig unfruchtbarem Boden. All diese Spielhallen, Casinos und Phantasiehotels sind nur ein Synonym für die Fördertürme der großen Petrolcompanies. Es ist, als wäre man hier in einer gefälschten, irgendwie zuspätgekommenen, armseligen Wüste. Man hat den Eindruck, daß sie die bekannten Wüstenformen imitieren müßten, um selbst daran zu glauben. Oder ist es ein Zufall, wenn die Hotels in Form der Pyramiden von Gizeh gebaut werden, wenn die Architektur sosehr derjenigen von Resorts in Saudiarabien oder Kuweit ähnelt? Das Urbild scheint immer die Fata morgana. Man sieht das am besten, wenn man sich mit dem Auto nähert. Gleich an der Grenze zum Bundesstaat Nevada geht es los, dort stehen die ersten phantastischen Casino-Paläste, mitten im Nichts, weithin strahlend wie Feerien aus Tausendundeiner Nacht. Kafkas Naturtheater von Oklahoma (aus dem Roman Amerika) heißt in Wirklichkeit Las Vegas. Aber was ist hier schon wirklich? Mit billigstem Baumaterial feiern die Stilembleme aller Epochen Auferstehung, in denen es jemals um Märchen und paradiesische Verheißungen ging. Und auch sonst: überall Anspielungen und der Versuch, die echten Wüsten der Welt zu zitieren. Ich habe gehört, in der Mojahve-Wüste habe das Militär, Mitte des Neunzehnten Jahrhunderts, Kamele als Transportmittel importiert. Leider mußte man das Projekt bald aufgeben, weil die Kamele die Pferde und Maultiere erschreckt hätten. Erst Hollywood hat den Traum dann vollenden können. Die Filmindustrie wurde zum wahren Erben aller Wüstenphantasien mit seinen Studio-Oasen, all den auf Sand gebauten Geschichten und dem Mythos von Lawrence of Arabia.
Fioretos: Was wäre dann die Oase in Las Vegas? Das Motelzimmer? Der Beichtraum? Die Peepshowkabine? Vielleicht ist die Stadt selbst der Versuch, eine gigantische Oase zu errichten. Nur hat man es völlig übertrieben, wie es sich hier gehört. In Las Vegas kommt man nicht aus, ohne tausende von Glühbirnen in den Palmen zu hängen. Ein brennender Dornbusch wäre in dieser Wüste nicht mehr zu entdecken. Zu geringe Watt-Zahl! In den Casinos besteht das Dasein aus lauter schnellen, elektrisierenden Sensationen ohne räumliche Tiefe und Vertikalität. Die Natur ist Nebensache, den Himmel gibt es nicht. Jegliche Transzendenz ist einfach flachgelegt worden. Man kann in dieser Stadt Wochen verbringen, ohne auch nur einmal das Tageslicht erblickt zu haben. Die echte lounge lizard, der wahre Vegas-Profi schleicht sich die ganze Zeit einfach zwischen in den funkelnden Hotel-Lobbies, den glitzenden Spiegelkabinetten und bunten Grabkammern umher. Hier wird der Mensch zum horizontalen Tier. Trotz der heimlichen Räumlichkeiten gibt es aber für ihn kaum mehr Innerlichkeit. Den Wüstengesetzen entsprechend, ist alles flach, hautnah, angestrahlt. Glaubst du, in dieser blinzelnden Biosphäre, mit ihrer prachtvollen Plastik-Fauna und oben und unten abgesicherten Ambienten, wird eine neue Normalität erfunden?
Grünbein: Wohl kaum. Mit der Aufpeitschung der Sinne geht immer ihre Abstumpfung einher. Es ist erstaunlich, wie schnell man die ganze Veranstaltung erfaßt hat. In zehn Sekunden ist alles vorbei, man begreift sofort: es geht jetzt immer so weiter, linear oder im Kreis, je nach Veranlagung des Besuchers. Die Linearitätsfanatiker versuchen das Immergleiche zu steigern wie Spieler, die den Einsatz erhöhen. Die Kreisläufer fangen immer wieder am selben Ausgangspunkt an. Wenn man einmal den berühmten Strip auf- und abgefahren ist – man muß mit dem Auto da durch, nicht zu Fuß – ist man völlig im Bilde. Man versteht, worum es den Investoren hier geht. Toulouse-Lautrec hätte vielleicht seine Freude gehabt. Wie auf dem größten Rummelplatz aller Zeiten, wie in einer Art Mega-Lunapark beruht alles auf gröbsten Reizen. Je schriller, je lauter, je lichtintensiver, desto besser. Es herrscht Wiederholungszwang. Die feinen Unterschiede sind ausgetrieben, die fünf Sinne als Geiseln genommen. Wer will, kann darin einen gewissen Minimalismus erblicken, wiederum etwas, das sich bestens mit Wüste verträgt, mit den immmergleichen Sandformationen, der kristallenen Eintönigkeit. Der Mensch soll betäubt werden. Orte wie Las Vegas sind dazu da, jeden Rest von Innerlichkeit zu zerstören. Nietzsches ominöser Spruch aus dem Zarathustra findet hier seine Erfüllung: „Die Wüste wächst. Weh dem, der Wüste in sich trägt.“ In kürzester Zeit trägt jeder, der in Las Vegas Halt macht, in sich die Wüste, aber nicht als spirituelle Erfahrung, sondern als Sediment, das alle Erfahrung auslöscht. Es geht, nebenbei gesagt, bei den wenigsten, die hier auf der Stelle treten, um nennenswerte Gewinne. Es geht nur darum, die Zeit totzuschlagen. Und im Zeittotschlagen ist die Wüste natürlich der Weltmeister.
Fioretos: Geographisch ist sie der Ort, wo am erfolgreichsten vernichtet wird. Sie ist das Endprodukt von Erosion und Zermahlung – je mehr Sand eine Wüste enthält, umso größer ihre Autorität. Ihre Geduld ist legendär, so fabelhaft groß, daß sie ohne Mühe ganze Epochen der Zivilisation überdauern kann. In Punkto Evolution hat immer die Wüste das letzte Wort. Sie zerpulvert auch die härtesten Gegenstände und Formationen zu feiner Materie, sprich Sand, der dann durch die Taille des Stundenglases rinnt – in Richtung Verlust und Verschwinden. Die selbe vergebliche Aktivität wird in Las Vegas im ständigen Rieseln der Münzen durch die slot machines beschworen. Das ist der Soundtrack dieser künstlichen Wüste, ihr ununterbrochenes Mantra, ihr treuer Puls. Nach Las Vegas kommt man sicher aus dem gleichen Grund, weshalb man sich in die natürliche Wüste begibt: um zu vergessen.
Grünbein: Es gibt auffällig viele Alte hier. Für sie ist diese riesige Jukebox mitten in der Wüste der beste Ort, die Vergangenheit abzustreifen. Das Rasseln der Spielautomaten erinnert an Klapperschlangen, die ihre Haut abstreifen. Zuerst hat der Mensch die Wüste geflohen, um immer größere Teile der Erde in wüstenähnliches Gebiet zu verwandeln. Dann dämmerte ihm, daß er in der Wüste sein Glück versuchen mußte, wollte er überleben. Denn er selbst war, bei explodierenden Bevölkerungszahlen, einem Wüstenwesen immer ähnlicher geworden. Die Wüste versprach immer beides, Reinigung und Abkehr von allem Terror des Grüns, der Vegetation und der Jugendblüte.
Fioretos: Gewiß zählt hier nicht mehr die alte europäische Casino-Kultur – Montreux, Lido, Baden-Baden – mit ihren geregelten, gutbürgerlichen Gewohnheiten: erst ein bißchen Tennis und Spazieren, dann Essen und Flirten, zuletzt Roulette und ein erfrischendes Duell. All dies war natürlich nur für denjenen möglich, der über die entsprechende Garderobe, den zuhörigem Dienerstab verfügte …Dagegen werden in Las Vegas Sportoveralls getragen. Naturgemäß. Hier wird nämlich rund um die Uhr gespielt, und die Zeit totzuschlagen, kann eine ganz schön harte Arbeit sein. Tatsächlich sind die Spielautomaten allgegenwärtig. Sogar auf den Toiletten wird gespielt, als gäbe es da nichts besseres anzufassen als Einarmige Banditen. Ganz repressionsfrei kann jeder Besucher sein high bekommen. Nur ist dieser Reiz solcherart, daß er sofort seine eigene Steigerung verlangt. Statistisch geht es aber immer nach hinten raus. Zerhäckselt, in Kleingeld und bedingte Reflexe verwandelt, wird so der kostbare Augenblick. Was stattfindet, ist eigentlich die Verwüstung aller Epiphanien. Die Zeiten, in denen die gutgekleideten Mafiosi der amerikanischen Großstädte hierherkamen, um sich, von schönen Frauen umgeben, den schillernden Sinatra anzuhören, war spätestens mit dem Eintreffen von Siegfried & Roy vorbei. Zum Erlebnis der geographischen Wüste gehört die erhabene Wahrnehmung des Nichts. Man könnte sie die Erfahrung der Null nennen. Sie ist aber keine Nivellierung, sondern die Konzentration auf die völlige Leere, die Entleerung des Ichs. Dagegen wird diese Akte in Las Vegas in kleinen, wiederholbaren Dosen verabreicht, wobei der Kick ständig schwieriger zu erlangen, ständig schwächer wird, bis man zuletzt bei der einzigen Null, die wirklich zählt, ankommt: beim leeren Bankkonto. Danach kann einen nur noch eine Kugel in den Kopf retten. Oder ein Erdbeben.


Die Episode Menschheit

Grünbein: Es scheint so, daß alle Religionen in Wüstenregionen entstanden sind. Warum nicht auch jene letzte, die alle beerbt, die des Geldes? „Gott ist die Wüste“, sagt Meister Eckhart. Fällt dir dazu was ein?
Fioretos: Ein schöner, wenn auch merkwürdiger Spruch. Gott als Wüste betrachtet, ist wahrscheinlich ein Bild der Selbstbegegnung. In der Wüste kann sich das Individuum nicht entgehen. Man kann sich nirgends verstecken, am wenigsten vor Gott. Gleichzeitig aber wird der Mensch hier immer weniger Mensch. Er setzt sich den Elementen aus und wird letzlich selber zum Element. Vielleicht will Meister Eckhart sagen, daß Gott das Defizit des Menschen ist? In seiner Rechtfertigungsschrift deutet er wenigstens an, daß der Mensch in sich selbst „nichts“ ist. Es bedarf immer des ganz Andern, um ihn zu vervollständigen. Die Wüste subtrahiert uns von uns selbst, solange bis nur noch ein Minuszeichen übrigbleibt. Bloß eine Vertikalachse kann das Dasein erneut in ein Plus verwandeln. Audens Beschreibung der menschlichen Vergeblichkeit – writ on water – läßt sich hier durch scripted on sand ersetzen. Früher oder später entrinnt einem alles. Zermahlener Sinn: was anderes ist die Wüste, sprachlich betrachtet? Man kennt die üblichen Komplikationen, die von der sogennanten negativen Theologie entdeckt wurde, sobald sie über ihre eigene Form der Wahrnehmung und Artikulation nachzudenken begann. Gott ist nicht dies, nicht das, und vor allem ist er nicht in diesen wiederholten Negationen zu finden. Meister Eckhart scheint an einen Punkt gekommen zu sein, wo ihm kein Wort mehr einfiel zu Gott. Am Ende war er sprachlich verwüstet zurückgeblieben. Er war eben an einem Nichts angekommen. Aber nun offenbarte sich das Magische an dieser „Nullung“: es zeigte sich nämlich, daß das Nichts einer prachtvollen Leere glich, denn nur durch sie entblößte sich die göttliche Macht. Allerdings war dieses Nichts bloß durch Gesten und Gebärden noch anzudeuten. Deswegen spielen die Apostrophen und Beschwörungen eine so große Rolle in seinen Predigten und Traktaten. Jenseits aller semantischen Zuschreibung setzen sie voraus, daß es jemanden gibt, der ansprechbar bleibt.
Grünbein: Vielleicht setzt der Mensch, als atmendes Wesen, ja nur den Flirt des Windes mit der Wüste fort. Schließlich ist die Wüste eine äolische Formation. Sie ist das Ergebnis der Winde, eine Halde aus feingemahlenen und zusammengewehten Mineralstoffen, auf der sich die Winde treffen und duellieren.
Fioretos: Man muß ein ganzes Stück in die Wüste hineingehen und sie ziellos durchstreifen. Dann erst bemerkt man, daß sie die ganze Zeit über in Bewegung ist. Zur Wüste gehört eine merkwürdige, geradezu ununterbrochene Mobilität. Gleichzeitig wird an ihr aber auch jeder Richtungssinn, jede Orientierung zuschanden. Ost oder West, Nord oder Süd, verlieren alsbald ihre Bedeutung, egal ob als Himmelsrichtung oder als geopolitische Koordinaten. Schließlich wird das Gehen selbst aufgehoben. Man begreift, daß es kein Weiterkommen, keinen „Fortschritt“ im Sinne eines Vorwärts mehr gibt. In der Wüste scheint es weder Anfang noch Ende zu geben, man tritt überall auf der Stelle. Wie man im Ozean Wasser tritt, so macht man es im Wüstenmeer mit dem Sand. Irritierend ist, daß hier nichts gespeichert wird. Ohne Wasser hat der Sand ein schlechtes Gedächtnis. Schon deshalb können über längere Zeit nur Nomaden in der Nähe der Wüste überleben. Das Nomadische ist eine Form der mobilen Belagerung, wobei offen bleibt, wer hier wen belagert, der Mensch die Wüste oder eher umgekehrt, die Wüste den Menschen. Tagsüber kann der Sand glühend heiß werden, in der Nacht kühlt er aus bis zu Minusgraden. Man kann in der Wüste sogar erfrieren.
Grünbein: Dann wäre die Wüste also das Gegenteil jedes möglichen Speichers. Keine Informationen (außer der Null), keine Nahrungsquellen, kein Leben. Nur reine, abstrakte Erdzeit, Requiem aller Geologie. Langsam verstehe ich, wo das heutige Interesse an Wüstenregionen herrührt, diese Wüstenssehnsucht vieler Zeitgenossen. Ich bekomme in letzter Zeit immer mehr Postkarten, auf denen Bekannte mir von ihren Trips in die Sanddünen berichten. Aus dem Innern Australiens, aus der Sahara, vom Death Valley. Ich bin gespannt, wann mir der Erste aus der mongolischen Wüste Gobi schreibt. Was hat uns denn hierher, in die Mojave Desert, getrieben?
Fioretos: Die Wüste ist das Gestalt gewordene Vergessen. Sie verspricht dem Wanderer die Ausschaltung seiner primären Affekte. Man pilgert in die Wüste, um sich von allen Sozialreizen und kulturellen Stimulantien zu befreien, egal ob für Stunden, Tage oder gar Wochen. Die wenigsten halten es so lange aus. Vierzig Tage? Eine Ewigkeit! Schau uns an: sind wir hierhergekommen, um uns selbst zu entdecken, wie es im Esoterikjargon so schön heißt? Ich glaube kaum. Uns interessiert an der Wüste wohl eher das, was Henry James über den Tod gesagt hat: wie dieser ist sie the great equalizer. Nur daß der Tod im Gegensatz zur Wüste abstrakt bleibt. Es ist ja unmöglich, ihn zu erfahren, um dann in die Zeit zurückzukehren und über ihn zu berichten. Die Wüste ist sozusagen ein anschaulicher, ein begehbarer Tod, eine materielle Variante der trüben, leeren Zukunft, die sich auf einmal in unserem Präsens ausgebreitet hat. Hier versteht man mit welcher Gleichgültigkeit Chronos auf den Menschen sehen muß. Vergiß das Ephemäre! Hier wird alles in mineralischer Zeit gemessen. Der Mensch ist höchstens noch ein leichtes Zittern, das über seinen ironischen Lippen spielt. Wie lange, glaubst du, würdest du es unter solchen Bedingungen aushalten?
Grünbein: Schwer zu sagen. Seit wir hier herumwandern, sind mir alle Bezugspunkte abhanden gekommen. Die Wüste scheint nicht nur das Anti-Gedächtnis zu sein, sie ist auch der Anti-Spiegel. Es dauert nicht lange, und man weiß nicht einmal mehr, wie man aussieht und wer man ist. Wie soll ich wissen, was langfristig ist oder kurz, weit entfernt oder nah? Im Ernst, man sieht plötzlich, wie Raum und Zeit, nach Immanuel Kant die Grundbedingungen unserer Wahrnehmung, langsam unbrauchbar werden zur Herstellung von Relationen. Noch schlimmer, die Wüste unterwühlt auch das Ausdrucksvermögen, den sprachlichen Grund, auf dem man zu gehen gewohnt ist. Sie zieht dir den Boden unter den Füßen weg und reißt dich in eine unendliche metonymische Fließbewegung. Hier kann sich alles in jedes verwandeln. Ovids Metamorphosen sind im Vergleich dazu purer Realismus. Sand wird zu Buchstaben, zu kristallisierter Zeit, zu Knochenstaub, Antimaterie, zum Bodensatz der Evolution. Du kennst diese pathetischen Formeln, die sich als Genetivmetaphern unfreiwillig selbst parodieren – gerade hier fallen sie einem wieder ein: „Das Kamel ist das Schiff der Wüste“ oder „Der Mensch ist das Salz der Erde“. Man denkt vielleicht noch an Seefahrt und Abschiedstränen, dabei dreht alles sich längst im Kreis. Verstehst du, was das bedeutet? Der Wüste ist es egal, ob Tatsache oder poetisches Bild, sie zieht alles ins Paradoxe. Hier beißen sämtliche Schlangen sich in den Schwanz. Sie ist das einzige Element, wo es den Heiligen gut ging. Ein Spielplatz für alle, die nach dem Numinosen jagen.
Fioretos: Ein Las Vegas für Theologen? Oder The Devil's Playground, wie ein berüchtigter Teil des Death Valley genannt worden ist. Die Wüste ist soetwas wie ein ausgedehnter Horizont. Vielleicht ist sie selbst jene hauchdünne Schicht, die den Himmel von der Hölle trennt. In ihr bewegt man sich immer auf unsicherem Boden. Weiß der Geier, ob es nicht einfacher wäre, über Wasser zu gehen …
Grünbein: Man spürt wirklich, daß sie immerfort in Bewegung ist. Wie das Meer, nur eben schwerer aufzuhalten durch Dämme und Deiche, schon dehalb, weil sie mit dem Festland gemeinsame Sache macht. Eine Wüste ist sozusagen eine riesige, streunende Landmasse. Der Alptraum des Kartographen. Fortwährend verschieben sich diese Sandformationen, driften hierhin und dorthin. Deshalb sieht man auf dem Globus an den ockerfarbenen Stellen meistens auch nur schnurgerade Linien. Die Grenzen von Wüstenstaaten sehen aus, wie mit dem Linieal gezogen. Man hält sich an Längen- und Breitengrade, sonst nichts. Typisch, daß man sich heute, unterwegs durch die Wüste, mit Satellitenpeilung behilft. Der Satellit macht aus jedem Ort einen abstrakten Erdpunkt. Aus dem Weltraum betrachtet, erscheint vieles wieder als terra incognita, wie auf den alten Atlanten, wo man anstelle der Wüste den Löwen zeichnete, das Savannentier mit dem sandfarbenen Pelz. Wenn das Gedächtnis an Orte gebunden ist, wie die ältesten Mnemotechniken beweisen, dann ist die Signalposition via Satellit der adäquate Ausdruck für ein Gedächtnis, das in der Wüste verlorenging. Es gibt nur noch Formationen und geometrische Koordinaten, aber keine Gedächtnislandschaft mehr, keinen charakteristischen Schauplatz. In der Wüste bleibt alles in der Schwebe: kein Hier oder Dort, kein Davor oder Danach.
Fioretos: Die Oase wäre dann sowas wie ihr plötzlich aufgeblühtes schlechtes Gewissen.
Grünbein: Wahrscheinlich ist ja die Menschheit, aus der Perspektive der Erdgeschichte, selbst nur eine Oase. Und Kultur wiederum, Kunst, Metaphysik, sind Oasen in der modernen Wüste von Fortschritt und Geschichte. Man sollte vielleicht von der Sandwerdung des Menschen sprechen, rein numerisch nimmt die Bevölkerung jedenfalls immer noch zu. Und was sind die Völkerwanderungen anderes als die vom Wind hin und hergetriebenen Herdenzüge? Genetiker haben herausgefunden, daß wir alle ursprünglich von sieben Familien abstammen, die aus dem Inneren Afrikas aufbrachen. Im Alten Testament später ist von sieben Stämmen die Rede. Doch hinter jedem Moses, jedem Zarathustra stand immer derselbe Antreiber. Die Griechen nannten ihn Aiolos, den Winddämon.
Fioretos: Dessen Tätigkeit die Zerstreuung ist.
Grünbein: Zerstreuung oder Sammlung der Abbauprodukte, der zermahlenen und in alle Winde verteilten Reste. Man weiß nicht recht, ist die Wüste, geologisch gesehen, ein primäres oder ein finales Stadium? Vielleicht ist sie ja beides, der ewige Zwischenzustand. Hinter ihr liegen die Gebirge, die harten Gesteinsmassen, vor ihr die Meere mit ihrem wüstenartigen Grund. Und darunter die Fundamente, der terrestrische Sockel für das Denkmal der Erdzeitalter.
Fioretos: Die Dünen, auf denen wir uns die ganze Zeit bewegen, sind ja auch nur Sand, der übriggeblieben ist, ein Fluß, der diese Gegend einmal grün anmalte und belebte, bevor er austrocknete. Aiolos hat die Dünen umhergetrieben, hierhin und dorthin, die wenigen restlichen Steinchen in feine Materie verwandelnd, bis der Sand sich allmählich um diese Hügelformation häufte. Aus mythologischer Sicht dienen die Steine dazu, den Menschen das Sprechen zu lehren und die Eloquenz beizubringen. Der Stein ist die Voraussetzung der Oralität. Denk an Demosthenes. Dank der Kieselsteine trainierte er am ägäischen Strand die geschliffene Rede. Mit Sand wäre soetwas nie und nimmer gelungen. Er trocknet den Gaumen aus, blockiert die Zunge. Sein Aggregatzustand ist das Schweigen. Den Mund voll Sand gestopft, bleibt man stumm. Man kann es als einen Ruhezustand, man kann es aber auch als das schlimmste Schicksal der Welt betrachten. Letzt Endes ist die Wüste aber immer das Ende der Mobilität, ob sprachlich oder körperlich.
Grünbein: In ihr muß man eines Tages verrückt werden. Wie eine Wüstenmaus pfeift man bald auf dem letzten Loch – mangels Spiegelbild, mangels Selbst, mangels irgendeines Punktes, an den sich Auge und Zunge noch halten können. Dem Heiligen zaubert sie Ekstasen und Visionen ins Gehirn, dem Hippie womöglich Alpha-Wellen. Manche aber, wenn sie nicht verdurstet sind, wurden zu Narren, zu Gefangenen einer Psychose. Die Fata morgana, sprich die Halluzination, ist das sicherste Zeichen für eine schwere Krise der Vernunft. Erst kommt die Wahrnehmung abhanden und dann die Ratio. Übrigens sind der Heilige und der Narr oftmals kaum noch zu unterscheiden. Der Volksmund kennt eine Menge Witze, die in der Wüste spielen. Meistens geht es um kastrierte Kamele, um Telephonzellen, in die man sich vor den Löwen flüchtet, um Leute, die im Sand sitzen und angeln oder Ruderboot fahren. Und dann diese sprechenden Namen, allein hier in den kalifornischen Wüsten: es gibt ein Tal des Todes, den Spielplatz des Teufels, die Aschenberge und einen Aussichtspunkt, der auf die Göttliche Komödie anspielt, Dante's View. Wo sonst findet man soviele Hinweise auf Wahnsinn, innere Verödung, Tod und Verderben? Die Wüste wirkt auf den Menschen wie eine Droge. Berge von weißschimmerndem Kokain, ganze Dünen von Heroin, endlose Opium-Täler. Vielleicht ist sie deshalb der traditionelle Sehnsuchtsort, die Natur im scheinbaren Waffenstillstand. Aber wehe, man verirrt sich in dieser endlosen Gleichförmigkeit mit seinem armen Gehirn. Der ganz große Streit, der elementare Titanenkampf ist wohl der zwischen den Ozeanen und Wüsten. Dazwischen liegt diese winzige Episode namens Evolution.


Diese seltsame Sehnsucht nach dem Nichts

Fioretos: In der Wüste gibt es kaum Gemeinplätze. Vielmehr, alles ist hier zum gemeinen Platz geworden. Die Oase ist schon das ganz Andere. Die Karawanen bewegen sich möglichst sparsam auf ihren Wegen von A nach B, von X nach Y. Es gilt, Energieverluste zu vermeiden und sich den Elementen nicht mehr als nötig auszusetzen. Wenn man in der langersehnten Oase ankommt, erhält man als erstes seinen Namen zurück. Dazwischen aber, während der Reise, verhält man sich besser wie ein Niemand. Man paßt sich diesem kyklopischen Landstrich an. Das Gesicht des Nomaden ist weitgehend von Tüchern bedeckt, die Augen sind zu Schlitzen verengt, um nur noch den Horizont hereinzulassen. Über dem Sand steht das eine schlaflose Auge der Sonne. Mimikry heißt hier, seine Identität so weit es geht aufzugeben, innerlich abzuschalten und zu veröden. Wo Sinn war, ist überall Sand. Denn will man die Oase erreichen, muß man seine Kräfte rationieren, und die sozialen Attribute sind dann natürlich nur eine Belastung. Nur derjenige, der mit der eigenen Existenz geizig umgeht, wird Ruhe vor der unerträglichen Kontinuität der Wüste finden. Die Oase stellt einen kurzen Aufenthalt, eine zufällige Frist dar. Wie immer, dient die Abbrechung der Regeneration.
(Lange hört man auf dem Tonband nichts als das leichte Knirschen der Schritte, das sich wie mahlende Kiefer anhört, ein kristallines Kichern.)
Grünbein: Die Wüste macht fatalistisch. In der Brechung des Willens liegt ihr seltsames Pathos. Und das Beste: sie weiß sowenig von uns wie wir von ihren verborgenen Absichten wissen. Man könnte jetzt schreien und wie wildgeworden loslaufen, es würde nichts nützen, wir sind mittendrin im Schlamassel. Einmal habe ich einen Dokumentarfilm über die Sahara gesehen, über die Transportrouten der Nomaden, die dort den Handel aufrechterhalten. Das wichtigste war der Zeitplan, das genaue Einhalten der Ruhepausen. Man schlägt das Lager vor Einbruch der Dämmerung auf und zieht im Morgengrauen wieder los, und so tagaus tagein, über Wochen. Die Unterbrechungen für Essensaufnahme, Schlaf, Körperpflege und das Tränken der Tiere sind auf die Minute geregelt. Nur so kommt man durch. Jede Verzögerung, jede Hast wäre lebensgefährlich. Die Rhythmen kannte nur einer in der Gruppe, der Führer, ein uralter, erfahrener Tuareg, nach dem jeder sich richtete. Alles lief nach seiner inneren Uhr ab, ohne Wecker und Satellit. Am siebzehnten Tag zum Beispiel galt es, ein bestimmtes Wasserloch zu erreichen, das nur er kannte, ansonsten war man verloren. Natürlich konnte der Alte sich auch nicht um die Erfordernisse des Filmteams kümmern. Übrigens sprach er während der ganzen Reise vor der Kamera kein einziges Wort.
(Langsam werden die Pausen länger.)
Fioretos: Das bringt mich auf den vielleicht entscheidenen Aspekt dieser scheinbar koordinatenlosen Umgebung. Als letzte Orientierung bleiben immer die Sterne, diese treuen oder vielleicht nur uninteressierten, interplanetarischen Fixpunkte. Wer sagt, daß man als Profi in der Wüste umherirren muß? Noch gibt es die Sternkonstellationen dort oben, die nichts anderes sind als astrale Hilfsorganisationen. Auch hier ergibt sich wieder die enge Beziehung nicht nur zum Heiligen, sondern auch zu den Verwirrten und Idioten, den lunatics. Ihr oberster Hirt ist der Mond. Haben wir uns nicht zum letzten Mal sattgegessen in einer Gaststätte in Barstow, die den Namen des Mad Greek trug? Ich wette, das war ein gescheiterter Wüstenphilosoph, der nun als warnendes Beispiel und Torhüter zum Ödland dient.
Grünbein: Die Wüste eröffnet sofort den interplanetarischen Dialog. Seit wir die ersten Zielphotos haben, drängt der Vergleich zu anderen Planeten sich auf, zum Jupiter oder zum Mars, eine einzige rote Wüste, für die sich die Astronomen begeistern. Es ist doch erstaunlich, daß es unter uns seit langem schon echte Wüstenkenner gibt, Völker wie die australischen Aborigines, die Tuaregs in Mauretanien und jede Menge Eigenbrötler und Religionsstifter, sogar ein paar Literaten. Auch von Augustinus, dem Erfinder der modernen christlichen Seele darf man annehmen, daß er die Wüste gekannt hat, ein Römer aus einem numidischen Siedlernest. Die Confessiones sind der Bericht einer unendlichen Annäherung an Gott, mit der Wüste im Rücken. Am Anfang ist er noch Manichäer, auch soein Dualismus, der am besten in Wüstenregionen gedeiht, wie man an Persien sieht. Dann wird er zum Skeptiker, um schließlich zu Gott zu finden, durch alle zeitgenössischen Philosophieschulen hindurch. Woher kommt es, daß er nach und nach alles Körperliche verneint und zum Asketen wird, der die Sinnlichkeit abstreift? Augustinus durchquert sämtliche Schriften, indem er sich klarmacht, daß die Seele sozusagen auf Sand gebaut ist. Niemand hat vor ihm derart akribisch über das Wesen der Zeit nachgedacht, und immer war ihm der einfache Menschenverstand dabei der Kompaß. Als Kenner der Wüste war er es gewöhnt, sich an geringfügigsten Differenzen zu orientieren. Die Wüste hat aus ihm ein analytisches Genie gemacht.
Fioretos: Der Schritt von der Wüste zum weißen Blatt oder Pergament ist selten besonders weit. Aber im Gegensatz zum leeren Blatt, dieser terra immaculata, ist die Wüste das Resultat einer Auslöschung. Sie ist anschaulicher Tod oder gestorbene Geschichte, eben eine Art terra maculata. Vielleicht ist sie deshalb so furchterregend, aber manchmal auch einfach erregend, für Schriftsteller und Buchstabengläubige? Wer hätte in den finstersten Augenblicken nicht vom endgültigen, alles verwüstenden Wort geträumt?
Grünbein: In der Fachsprache der Drucker und Setzer nennt man Zeitungsseiten, die nichts als Text enthalten, Bleiwüsten. Das ist der Grund, weshalb man unbedingt Pressephotos und Karikaturen, diesen bebilderten Oase, einstreuen muß. Die Bleiwüste ist der Horror für Herausgeber und Redakteur.
(Es ist dunkel geworden. Wir haben die Orientierung verloren. Auf dem Weg zum Auto zurück kommen die ersten Selbstzweifel. Dann der unvermeidliche Satz:)
Fioretos: Mensch, der Tod ist in der Wüste wirklich allgegenwärtig.
Grünbein: Ja, aber er hat kein Gesicht, keine andere Physiognomie als eben diese. Die Wüste ist das große memento mori des Universums, der Ort oder Nicht-Ort, an dem die Zeit sagt: „Seht her, was draus wird“. Darin besteht ihre unmißverständliche Botschaft. Insofern ist sie keineswegs sprachlos. In Wirklichkeit spricht die Wüste in Großbuchstaben und im Imperativ. Vollkommen logisch, daß die Gebote von dorther kommen. Und natürlich vom Berg herab. Die tödliche Passivität der Wüste läßt sich nur als Strenge interpretieren, als Befehlswort des Vaters. Die höchste Autorität kann nur den antlitzlosen, den unverspiegelten und also ignoranten Oberflächencharakter der Wüste haben. Auch wenn es vermutlich mehrere Religionstypen gibt – aquatische, montane, vielleicht gar glaziale – die erfolgreichste bleibt noch immer jene, der aus dem Wüsteninneren stammt. Der Monotheismus Jahwes kommt aus der Einkehr oder Verbannung – je nachdem, wie man es sehen will – in eine der entsetzlichsten Wüsten dieser Erde. Es ist tatsächlich ein Wüstengott, der hier seit mehreren tausend Jahren seine Befehle erteilt, so traurig das für uns ist. Denn es gab wahrlich Götter, die freundlicher und fruchtbarer waren, schon deshalb, weil sie den Quellen und Flüssen entsprangen. Doch am Ende hat dieser eine das Rennen gemacht. Er war der ausdauerndste, seine Energie, sein Fanatismus kam aus der Wüste. Während die andern immer mehr wurden und sich bald gegenseitig auffraßen, blieb er beharrlich der Eine, der Unanfechtbare, für alle Zeit Unerkannte mit dem Gesicht aus verwehtem Sand. Der Polytheismus ist angewiesen auf eine reiche Vegetation. Seine Heimat sind die grünen Meeresküsten, die tiefen Wälder und die tropischen Inseln. Er wäre undenkbar ohne die Vielfalt der Pflanzen und Tiere, die Verstecke im Dschungel. Erst mit dem Anholzen der Wälder, mit der Verödung der Landstriche wird der Weg frei für den einen Gott. Seine Garantie ist der Mensch, der Flora und Fauna verdrängt und im Grunde immer derselbe blieb. Wie sonst läßt sich erklären, daß er noch immer zum selben Gott betet – zumindest dort, wo es Wüsten gibt oder eine auf Nullen beruhende Zivilisation? Ich gebe zu, ich bin nicht ganz frei von Mißtrauen gegen die Wüstenreligionen. Wahrscheinlich rührt daher auch meine innerliche Distanz zu ihrer letzten, säkularisierten Form, die wir heute erleben. Eine Gesellschaft, die gänzlich auf Kapitalvermehrung beruht, wird immer monopolistische Wurzeln haben, also gerade nicht jenes Rhizom, von dem der große Deleuze für die Zukunft träumte. Zumindest kann ich es nirgendwo sehen. Der Boden, auf dem alldas steht, wird immer Wüste bleiben. Die Materie, aus der alles geformt ist, bleibt immer das Geld in seiner unsichtbaren, beweglichsten Form, als Kapital. Es gibt kaum etwas, das so zerstörerisch ist, so rachsüchtig gegen alle sämtliche Alternativen. Und natürlich ist es am Ende genauso unschuldig wie dieser Sand. Vielleicht tut es ihm sogar leid, daß es mit der Zeit die Artenvielfalt auslöscht und anstelle der biologischen und artistischen Singularitäten nichts als diesen einen gemeinsamen Nenner setzt, wahrhaft einen Denominator, der alle Namen verschluckt.
(Die Unruhe wächst. Zum ersten Mal gehen wir den Weg zurück, eine Sandpiste voller Reifenspuren. Wie erkennt man die eigene Spur …)
Fioretos: Die Wüste ist überhaupt eine ganz und gar neutrale Kategorie, nicht nur namensfeindlich, sondern letzten Endes auch bildresistent. Da ist zum Beispiel der Sandmann in den alten volkstühmlichen Erzählungen und neuerdings auch im Fernsehen. Was tut er? Er schüttet den Kindern Sand in die Augen, damit sie endlich schlafen gehen können. Ein lieblicher, kleiner Bruder des Todes, der schon früh ins Leben der jüngeren Zuschauer tritt. Eigentlich müßte er ja den Fernseher von innen ausknipsen. Aber das läßt er bleiben. Er beschränkt sich lieber auf eine suggestive Handlung namens Traum. Wie zum deutschen Märchenwald das Unheimliche, gehört zur Wüste die Todessehnsucht. Freud hätte sicher schöne Sätze über die Wüste geschrieben, wäre es ihm erlaubt gewesen, seinen Lebensabend am Rand der westlichen Kultur, in Malibu oder in Venice Beach, zu verbringen. Aber genau wie man als Mensch diesen wunderlichen Drang manchmal verspürt, muß man sich mit Woody Allen wohl eingestehen: „Nein, ich will nicht ewig leben. Aber ich will auch nicht ewig tot sein.“ Noch ist Gott uns einen Menschen schuldig, der die Ewigkeit erweichen kann. So gesehen, bin ich auch skeptisch gegen mein eigenes Interesse an der Wüste. Es kommt sozusagen aus einem trüben Hintergrund. Wer weiß, was all dem Sand, der einem über die Jahre in die Augen gestreut wird, so alles beigemischt ist? Die Wüste ist eine Anhäufung von lauter Nullen. Und was aus den Nullen wird, weiß man nicht nur dank der Mathematik, sondern auch aus der Geschichte, dem Finanzwesen, der bösen Statistik …
Grünbein: Es kommt der Tag, an dem all die vielen Nullen sich plötzlich an eine lumpige Eins hängen, die ihnen zeigt, wo es langgeht.
(Langes Schweigen. Stehenbleiben und nachdenken. Dann noch einmal der Weg in entgegengesetzter Richtung. Ödipales Unbehagen.)
Fioretos: Dazu fällt mir eine kleine Geschichte aus unserer Familienbiographie ein. Als mein Vater nach Schweden kam, Anfang der 50er Jahre, traf er während eines Sanatoriumsaufenthalts mehrere Literaten. Irgendwie mußten sie sein Interesse für Poesie stimuliert haben. In einer kleinen Zeitschrift publizierte er später einen euphorischen Aphorismus in der neuen, soeben erlernten schwedischen Sprache: „Ich setze mich selbst als Eins vor die Nullen der Welt“. Zwanzig Jahre danach, als ich mich als Teenie mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, bzw. mich von ihr abzusetzen, versuchte, stieß ich auf diesen wohlmeinenden Spruch. Plötzlich empfand ich eine seltsame Lust, ihn umzuschreiben. Aber wie? Zuletzt fiel mir nur der folgende Widerruf ein: „Ich setze mich selbst als Null vor all die Einsen der Welt“. Damals registrierte ich zum ersten Mal an mir einen Hauch dieser Sehnsucht nach dem Nichts. Wahrscheinlich war es der einzige Aus-, bzw. Fluchtweg, aus der Familienverstrickungen, der mir geblieben war.
Grünbein: Das moderne Verlangen nach dem Grenzpunkt Null hängt sicher damit zusammen, daß es zuviele Einsen, zuviele Primusse und gemeinsame Nenner gibt. Wir leben in einer Gesellschaft von Individuen. Jeder ist Gott und vor allem sich selbst nun am nächsten. Doch wenn es zuviele Nenner gibt, zuviele Meinungsinhaber und Standorthalter, wird irgendwann die Sehnsucht nach der Null übermächtig. Die Wüste bekommt plötzlich etwas Verlockendes.
Fioretos: Anullierung heißt ja nicht Anihilation. Das skandalöse an der Null ist, daß sie sich an die Einsen heranschmuggeln kann, ohne selbst etwas darstellen zu müssen. Sie relativiert alle erigierten Singularitäten, ohne sie deshalb zu vernichten. Genauso ambivalent ist die Wüste. Einerseits dient sie der reinen Selbstbegegung, der schöpferischen Orientierungslosigkeit, andererseits reduziert sie alles zu etwas, das nur wenig – eben um eine Dezimalstelle – mehr ist als nichts. Ab und zu kann sie sicher auch als ovaler Glorienschein über den braungebrannten Schädeln der Wüstenpropheten dienen. Im Zeichen der Null gibt es zugleich vollkommene Offenheit und absolute Konzentration. Die Wüste kann zum Ort der Begegnung werden und zu dem der Vernichtung. Im Grunde bagatellisiert sie jegliches Streben. Wüste, für deutsche Ohren, wie die deinen, müsste das wie der Konjunktiv von Wissen klingen: Wüßte … Wahrscheinlich ist unser Versuch, sich ihr sprachlich zu nähern, schon der erste Ansatz zum Desertieren.
(Endlich, nach all dem Hin und Her, ist das Auto gefunden. Peinliche Stille beim schnellen Davonfahren in Richtung Las Vegas. Hinter uns zieht sich, im Rückspiegel sichtbar, eine mächtige Staubfahne hin. Was wäre gewesen, wenn …Hätten wir wirklich Schlaf gefunden im kalten Sand?)
(Bandwechsel. Dann eine Stimme, gefestigt:)

Grünbein: Jetzt sind wir also, wider Erwarten, in Las Vegas gelandet …

1997, im Winter



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