In der Zone
Aris Fioretos: Vor Kurzem las ich in einer noch
unveröffentlichen Tagebuchnotiz von Ernst Jünger, wie
er Besuch bekommt. Es muß so um 1986 gewesen sein, jedenfalls
vor der sogenannten Wende. Der Besucher war Jünger nicht
sonderlich gut bekannt, dir dafür umso besser. Es war Heiner
Müller. Der Kollege, schrieb Jünger, sei wohl, dem Hörensagen
nach ein guter Schriftsteller. Er kam, fügte er hinzu, „aus
der Zone“.
Durs Grünbein: Gemeint war hier natürlich
die Sowjetzone, die alte Besatzungszone, das graue Ostdeutschland.
Ein Ort wie aus einem Science-Fiction-Roman, ein verstrahltes,
kontaminiertes Gebiet. Ich fand die Bezeichnung immer sehr brauchbar,
weil sie das Exterritoriale, den Sonderstatus betont. Die DDR,
das wurde nicht erst hinterher klar, war eine unmögliche
Konstruktion, eine Art Testgelände für eine klassische
deutsche Idee, exekutiert unter sowjetischer Aufsicht, den Wissenschaftlichen
Sozialismus von Marx, der verkündete, Hegels Philosophie
vom Kopf auf die Füße gestellt zu haben.
Fioretos: Kritisches Denken ist reine Gymnastik. Wo es für
Hegel darum ging, auf dem Kopf gehen zu können, meinte Marx,
mit den Füßen denken zu dürfen. Du kanntest die
Zone, und zwar nicht nur als herablassenden Begriff.
Grünbein: Ich hatte keine große Wahl. Ich bin da aufgewachsen.
Geboren bin ich in Dresden, Sachsen, also in einer Region, die
immer viel auf ihre Kultur, ihren Kunstsinn gehalten hat. Nach
den Bombenangriffen am Kriegsende war die Stadt eine einzige Barockruine,
ein Trümmerfeld, über dem die Geigen wimmerten. Dieser
Klagegesang lag noch in meiner Zeit in der Luft. Mit den Erinnerungen
an einstige Größe und jähen Niedergang bin ich
großgeworden. So lag es nahe, daß ich die Stilepochen
und die Katastrophen in einem gewissen Zusammenhang sah. Und vielleicht
rührt von daher auch meine Neugier auf die antike Literatur.
Lesen war für mich immer ein Weg zurück, von einer Quelle
zur nächsten. Und natürlich haben mich unter den Dichtern
des Zwanzigsten Jahrhunderts vor allem die Quellensucher interessiert,
die Spürhunde der Tradition. Ich weiß noch, wie ich
eines Tages auf Ezra Pound stieß und sofort alles um mich
herum vergaß, gerade weil ich zunächst viel mehr ahnte
als ich verstand. Heute ist Pound mir wie ein sehr ferner Kontinent,
den ich vielleicht nie wieder mit derselben Inbrunst besuchen
werde. Aber geblieben ist doch die Vorstellung, daß Dichtung
vorwegnehmendes Wissen ist, das mit einer Ahnung beginnt.
Fioretos: Wie hast du Pound aufgespürt?
Grünbein: Ein Zufall. Es war ein Freund,
der mir ein zerlesenes Taschenbuch mit den Cantos gab,
eine zweisprachige Ausgabe. Alles daran kam mir merkwürdig
vor, zunächst mal der Name. Ich habe dann irgendwann in einem
Lexikon nachgeschlagen, daß Pound ein geistig umnachteter
amerikanischer Dichter gewesen sei, das war die offizielle Erklärung
im Osten. Pound war da eine Art dichtender Irrer mit einem Hang
zum italienischen Faschismus, die Pisaner Cantos ein
geistiges Zerfallsprodukt. Die erste Überraschung war doch,
daß Wahnsinn und Amerika überhaupt zusammengingen.
Ich war gewiß naiv, aber für mich ist der Zusammenhang
immer Gesundheit und Amerika gewesen, Neuland und Industrie, ein
Ende der stickigen europäischen Verhältnisse. Jedenfalls
hat mich das Buch selbst sosehr verrückt gemacht, daß
ich weitergeforscht habe. Chinesische Schriftzeichen, griechische
Originalzitate, überall Verweise auf die klassischen Texte
… was sollte das Ganze? Vielleicht, dachte ich, ist er wirklich
krank gewesen. Das Gedankenprotokoll eines dissoziierten Gehirns
könnte so aussehen. Aber das Beste war, daß sich in
dieser Dichtung, in diesem unerträglichen, stinkenden Redefluß
das ganze Jahrhundert wiederfand. Am Ende ergab sich ein Tableau,
das so anspielungsreich, so bis in alle Zeitentiefen hinein gestaffelt
war, daß man sich in ihm verlieren konnte. Es war der gesamte
Western and Eastern Canon, der dort vorüberzog.
Hinzu kam die Verblüffung, daß eine Form in ihrer völligen
Zerbrochenheit noch derart unmittelbare Bewußtseinsschübe
auslösen konnte. Was ich vor mir aufgeschlagen sah, war eine
riesige geistige Landkarte, viel zu groß für einen
einzelnen Menschen, und doch hatte ein Dichter sie zu zeichnen
versucht. Alle Kritiker Pounds haben immer nur in irgendeiner
Ecke dieser Landkarte Halt gemacht.
Fioretos: Will man die Seelenruhe bewahren, muß man in der
Provinz bleiben.
Grünbein: Gerade an Pound kann man studieren, wie eine Kritik
aus der geistigen Provinz funktioniert … selbst wenn sie
scharfsinnig ist und von Joseph Brodsky kommt. Die romantische
Kritik ging immer auf die Vollendung des Kunstwerkes aus. Vielleicht
hätte Schlegel die notwendigen Kommentare zu Pound verfassen
können. Realistische Kritik oder der Scharfblick der metaphysischen
Dichter unseres Zeitalters sieht nur die Schwächen des Werkes.
Aphasie, Dogma, Inkonsistenz. Dabei ist Pound selbst der Provinzler
als Kosmopolit, sozusagen die ubiquitäre Kartoffel. Seine
grenzenlose und boshafte Naivität nahm wie ein Schwamm alle
anderen Kulturen auf.
Fioretos: Mit Pound verbinde ich merkwürdigerweise
eine ähnliche Erfahrung. Als Neunzehnjähriger saß
ich, wie alle jungen Männer damals schwarzgekleidet und schwermütig,
fast jeden Abend in der amerikanischen Bibliothek in Athen. Neben
Plath und Sexton, daher wohl die Melancholie, las ich auch Pound.
Was mich sofort angesprochen haben muß, denke ich, waren
die harten Fügungen. Dies schien ein Dichten zu sein, das
von der Unterbrechung lebte der des Tons, der Thematik,
der Syntax, des Bildes. Alles konnte ins Gedicht eingehen, ohne
vorher seine Fremdheit, wie einen Mantel, in dem schmalen Vorzimmer
zwischen Titel und erster Zeile ablegen zu müssen. Vielleicht
war es ein Synthetisieren ohne Synthese. Ich weiß nicht
genau. Interessant fand ich wenigstens die Unbändigkeit.
Als Teenager legt man seine Ehre in sowas. Pounds Poesie schien
hauptsächlich aus Fremdteilen zu bestehen. Dies war Prothesen-,
statt Protestlyrik. Im Gegensatz zur Eliotschen Methode, wo es
darum ging, fremde Teile im Namen einer vorgeblich einheitlichen
geistigen Tradition zu konsolidieren (die daher immer von den
Humanisten unter uns bevorzugt wurde) zeigte seine Poesie, daß
die Situation des Dichtens nicht eine natürliche sein konnte.
Das Beispiel nahm die entscheidende Rolle ein, nicht die Illustration
mit ihrem Anspruch von Allgemeinheit. Das gefiel mir als jemand,
der, in Schweden geboren, halb Grieche, halb Österreicher
war. Im Raum, der in Pounds Schreiben geschaffen wurde, war die
Poesie nie in situ, sozusagen, sondern immer nur in parasitu.
Sie befand sich an einem Ort, wo die Worte nurmehr als entstellt
und entstellend denkbar waren. Seitdem ist die parasitäre
Literatur oder, kürzer, die Paraliteratur
die für mich prägende gewesen, eine Literatur, die unter
anderem ihren eigenen Mangel an Verankerung zum Gegenstand nimmt.
Es würde mich nicht wundern, wenn das Interesse dafür
eine Folge der familiären Lage eines Immigrantenkindes war.
In meinem Elternhaus wurde meistens Schwedisch gesprochen, es
war aber keine normierende Sprache. Andererseits waren weder Griechisch
noch Deutsch Muttersprachen, obwohl ich sie natürlich spreche,
vor allem Deutsch. Eigentlich kann ich keine der drei Sprachen
als ‚meine‘ betrachten. Heute ist das nichts, was
ich bedauere. Statt einer eigenen Sprache habe ich mehrere Fremdsprachen.
Es ist eine Bereichung. Entfremdung dient dem Kontrast.
Grünbein: Für mich lag in den Cantos
die ganze Landschaft des Kalten Krieges ausgebreitet, in einem
frühen Stadium. Es ist doch enorm, daß Pound sich im
Gefängnis eine russische Grammatik kommen ließ, um
einen Brief an Stalin zu schreiben. Er schrieb auch Briefe an
Churchill und Roosevelt. Seine Idee war, daß der Dichter
als exemplarischer Einzelner mit den Entscheidungsträgern
dieser Welt kommunizieren müsse. Die kommende Blockbildung,
die Tektonik des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit, das
alles ist bei Pound schon vorgeprägt. Und noch eins: die
Konstellation Pound-Hölderlin, die Erinnerung an die Götter
in einer Welt ohne Götter. What thou lovest well will
remain … Zeilen wie diese haben mich auf die Spur gesetzt.
Pound zu entdecken, kam einem Dammbruch gleich, einer totalen
Öffnung. Alles Aufgestaute begann nun zu fließen. Eine
späte Zeile von Hölderlin faßt diese Erfahrung
wie ein Orakel zusammen. Wie Bäche reißt das Ende
von Etwas mich hin, welches sich wie Asien ausdehnet …
Die zerfallenden Weltbilder, ihre Auflösung in ungeheure
geographische Räume, das war es, was mich als einen Bewohner
der Zone nach Draußen rief.
Fioretos: Literatur aus der grauen, zugleich auch zerebralen Zone
…
Grünbein: Grauzone, morgens war
das erste Buch. Die beiden Hauptelemente sind die Farbe Grau und
der Tagesanbruch, der immerwährende Morgen in einer Gesellschaft,
die auf der Stelle tritt. Im Grau steckt der Übergang, das
Retardieren aller chromatischen Möglichkeiten. Aus der Sicht
des Westens war der Osten immer grau. Komischerweise war das auch
mein Empfinden, obwohl ich selbst den Kontrast gar nicht kannte.
Für mich ging es darum, die Kontrastlosigkeit zu benennen.
Alles hatte sich mit dieser grauen Schicht überzogen. Die
größte Angst war die, zu erblinden, ästhetisch,
moralisch, politisch, in jeder Hinsicht. Dabei stand Grau aber
auch als Begriff, als ein Codewort für die subversiven Möglichkeiten
des Gehirns. Denn das Gehirn, diese „graue Substanz“,
konnte jederzeit alles um sich herum verwandeln. In seinem Gehirn
wohnte man wie in einem eigenen Bau, mit vielen Geheimgängen
und Vorratskammern. Das Gehirn war ein utopisches Labyrinth, aus
dem einen niemand so leicht vertreiben konnte. Es gab immer diesen
Doppelsinn von Grau, die Farbe der Tarnung wie beim Bunker, die
Farbe des lauernden Gehirns und das Ende aller Signale, die Auslöschung,
der Graue Star. Das Erstaunliche im Osten war ja zuallererst die
Monotonie des Alltagslebens, von der jeder Tourist sich in fünf
Minuten ein Bild machen konnte. Eigentlich hätte der Minimalismus
als Kunstform im Osten aufkommen müssen. Was im Sozialistischen
Großreich passierte war letzten Endes der Versuch, Elemente,
die seit Jahrhunderten zur Gesellschaft gehörten, abzuschaffen,
stillzustellen. Ging es im Westen darum, die Winde zu disziplinieren
Arbeitslosigkeit zu regulieren, juristische Abläufe
und steuerliche Verkehrsformen zu installieren so war
der Osten die ganze Zeit über mit der Abschaffung des Windes
beschäftigt. Die Utopie war, den Wind grundsätzlich,
ein für allemal, abzuschaffen.
Fioretos: Die DDR als Windschatten.
Grünbein: Und daher die Hysterie nach dem
Mauerfall. Was wir jetzt hören, ist das Jammern der vielen
Seelen, die geglaubt haben, daß der Wind abzuschaffen war.
Jetzt müssen sie damit damit leben, daß er von allen
Seiten hereinpfeift. Die Zone als ein Land jenseits der Winde,
als hyperboräische Region ist nun Vergangenheit. Wenn man
vom Osten in den Westen kam, war es, als wäre man in einen
anderen Aggregatzustand eingetreten. Hier ging alles schneller,
das Geschehen war irgendwie dichter, auch älter, erwachsener.
Der Sozialismus arbeitete mit dem kindlichen Bild, daß die
Menschheit eine lange Reise hinter sich gebracht hätte, und
nun endlich sei der Hafen gefunden, in dem das neue Zeitalter
beginnen mußte. Vielleicht erklärt das auch den starken
Bezug zur Antike, den man in der DDR-Literatur findet. Überall
Aufbruchs- und Gründungsmythen, von der Ausfahrt der Argonauten
bis zu den Drecksarbeiten des Herakles. Nach langer Irrfahrt war
die Menschheit im Sozialismus angekommen. Der Ort war vielleicht
etwas schäbig und heruntergekommen (das war das Erbe des
Kapitalismus), aber es war ein neuer Baugrund, jetzt konnten die
Fundamente gelegt werden. Du kannst dir nicht vorstellen, was
für eine Menge an Enttäuschungen es gebraucht hat, bis
diese Bild durch ein anderes ersetzt wurde: das einer toten Bucht,
einer historischen Müllhalde. Wieviel Sarkasmus es brauchte,
bevor man das ganze Fiasko ausdrücken konnte. Zum Schluß
war es nur noch eine Frage der Sichtbarmachung des Offensichtlichen.
In einem Gedicht wie „Nachruf auf eine verbotene Stadt“
habe ich nur noch zu benennen versucht, was jeder sehen konnte,
aber in einer Weise, als ginge es um irgendeine altgriechische
Provinz. O weh, soviel verlorener Geist der Utopie.
Fioretos: Den Grauen Göttern sei Dank, habe
ich das Privileg gehabt, nie die Uhr nach einer Zeit stellen zu
müssen. Seit Jahren führe ich diese bürgerliche
Zigeunerexistenz … Amerika, Deutschland, Dänemark …
mit Feuer am Parkett und die Regale voller geklauter Bücher.
Es wäre aber zu viel gesagt, ich fühle mich ohne Wurzel;
ungebunden reicht. Ich befand mich früh in einer Grauzone,
angenehm anders als deine. In meinem zweiten Buch Das graue
Buch habe ich versucht, Bilder dieser ganz anderen DDR einzufangen:
Die Diffuse Region. Sie bot einen Schwellenbereich an, in dem
Unsicherheit herrschte. Die Koordinaten waren vieldeutig, und
von Zentralsteuerung konnte keine Rede mehr sein. Ich entdeckte
auch, daß Grau für mich die Farbe der Langsamkeit war.
Daher auch ihre Begehrlichkeit. Denn im Grau zu leben, hieß
in einer parallelen Zeit zu leben, die der Unabgeschlossenheit
eingedenk blieb. Mit der blauen Blume oder roten Rose konnte ich
wenigstens nie viel anfangen. Sowohl romantische Sehnsucht als
auch organisiertes Engagement scheinen mir für die Literatur
vermessene Ansprüche zu sein; sie erreicht weniger und bedeutet
mehr. „Es träumt sich nicht mehr von der blauen Blume“,
heißt es bei Benjamin. „Wer heute als Heinrich von
Ofterdingen erwacht, muß verschlafen haben“. Demnach
könnte Grau mit einer gewissen Wachsamkeit verbunden werden,
eine Erfahrung der Trägheit der Zeit. Jeder der schlaflos
gelegen hat weiß, daß die Zeit ungeheuer langsam vergeht.
Das graue Buch enthielt die konservierten Früchte
der Insomnie. Ich habe versucht, die nächtliche Trostlosigkeit
zu kandieren. Trotz ihrer offenbaren Armut besitzt die Farbe jedoch
einen geradezu unheimlichen Reichtum. Schichten und Schattierungen
werden durch die elementarste Form der Trennung möglich:
die zwischen Schwarz und Weiß. Für mich ist Grau merkwürdigerweise
die Farbe der Kontraste.
Forschungen eines Hundes
Grünbein: Ich hatte immer das Gefühl, daß das
Leben in der Zone nur auszuhalten war, wenn man Soldat war. Bürgerliche
Kultiviertheit oder aristokratische Exzentrizität konnten
dagegen überhaupt nichts ausrichten. Individualismus war
die verkehrte Überlebensstrategie. Das System war nur durch
innere Disziplin zu überlisten. Der Soldat ist ja nicht nur
ein kriegerisches Wesen, der gehorsame Destrukteur, seine Stärke
ist auch die Unscheinbarkeit. Gegen das Militärische hatte
ich dieselben Vernunftgründe wie jeder andere, aber ich wußte
auch, ich komme um den Wehrdienst nicht herum. Die Situation war
ungefähr so wie in Israel. Es gab den wehrhaften Staat, und
sein Gesetz ist die Paranoia. Man legt einen Eid ab und schon
ist man im tiefsten Konflikt. Mimikry ist die einzige Chance,
die man noch hat. In der Rolle des Soldaten habe ich unendlich
viel über mich gelernt, über mein Anpassungsverhalten,
meine Beobachtungsgaben, meinen Überlebenstrieb. So wurde
ich, ganz körperlich, jenseits aller intellektuellen Vorbehalte,
ein Teil des Systems.
Fioretos: Auch Viren sind systemisch, egal wie harmlos oder gefährlich
sie sind.
Grünbein: Dabei hatten sie in mir den geborenen
Deserteur. Bei Kriegsausbruch hätte ich sofort versucht,
auf die andere Seite zu gelangen. Geblieben ist davon bis heute
dieses komische Soldatengefühl. Als wäre ich infiziert,
erscheint mir der Alltag in vieler Hinsicht als Zivilleben …
reizvoll und exotisch wie in Kriegszeiten der Urlaub im friedlichen
Hinterland. Als in Polen das Kriegsrecht ausgerufen wurde, war
plötzlich klar, worum es im Osten die ganze Zeit ging. Das
heimliche Ideal war noch immer der Kriegskommunismus, den Lenin
einst proklamiert hatte. Der Ausnahmezustand war die wirkliche
konkrete Utopie, die Administration in Staat und Wirtschaft sein
schwacher Abglanz. Alles was nachher unter dem Namen Realsozialismus
ablief, war schon Verfall, Dekadenz, kleinbürgerlicher Biedermeier.
Im Grunde lief es auf die schöne Formel von Baudelaire hinaus:
„Die Revolution bestätigt den Aberglauben durch Opfer“.
Dabei ging es um Menschenopfer, Opfer an Besitz, Bewegungsfreiheit,
privater Zeit. Durch das Opfer wurde der revolutionäre Prozeß
legitimiert, bis hinein in die jeweilige Psyche. In diesem Zusammenhang
wurden für mich die Theorien Pawlows wichtig, denn die Nahtstelle
der Abhängigkeit, das Scharnier in den Diktaturen war der
Bedingte Reflex. Pawlow hatte da eine Entdeckung gemacht, zuerst
an den Hunden, die sich leicht auf den Menschen übertragen
ließ, was sein Schüler Bechterew dann auch tat. Im
Jahr der Oktoberrevolution 1917 erschien sein Buch über Kollektive
Reflexologie, eine Art Sozialtheorie der Bedingten Reflexe.
Das Interessante ist die Rolle dieser Biologen in der Revolutionszeit.
Pawlow wurde von Lenin persönlich gefördert, der ihn
in den Hungerjahren mit Sonderrationen versorgte. Und Bechterew
war der Mann, von dem sich Stalin in den Zwanziger Jahren untersuchen
ließ und der dem Diktator eine ausgewachsene Paranoia bescheinigte.
Stalin soll seine Vertrauten gefragt haben „Paranoia
was ist denn das?“ Kurz darauf wurde Bechterew krank und
starb unter mysteriösen Umständen. Geschichten wie diese
kommen natürlich aus einer anderen Sphäre als die Erzählungen
des Wiener Nervenarzts Sigmund Freud. Das Leben jenseits des Eisernen
Vorhangs ließ sich, das war meine kleine These, eher begreifen
mit der Reflextheorie Pawlows als mit der Neurosenlehre Freuds,
die besser zu einer bürgerlichen Gesellschaft paßt.
Verdrängung und Wunsch schienen ebenso abgeschafft wie die
sexuellen Traumata, die ödipalen Konflikte in der Kleinfamilie.
Was zählte, war der indirekte Reiz, die Befehlsstruktur,
die kollektive Konditionierung. Das Körperliche dominierte
das Symbolische.
Fioretos: In Moskau und Dresden war mit anderen Worten ein sarkastischer
Ansatz gefordert, während in Wien oder London der ironische
genügte?
Grünbein: Was war denn das „Unbehagen in der Kultur“
nach einer Revolution? Die alte Kultur war ja untergegangen. Hier
steckte man in einem großangelegten Tierexperiment. Eines
der Hauptprobleme bei Pawlow war die Tatsache, daß man den
Hund von der Umwelt isolieren mußte, um die Versuche ungestört
durchführen zu können. Die Tiere wurden in schalldichten
Räumen gefangen gehalten, das Labor hieß „Der
Turm des Schweigens“.
Fioretos: Eine Verkehrung des Turmes zu Babel: keine Vielfalt
der Sprachen mehr, keine Verwirrung …
Grünbein: Nur so erklärt sich der Mauerbau, die Abschließung
des Ostblocks. In der isolierten Zone herrschten die idealen Bedingungen
zur Arbeit am Neuen Menschen. Leider gab es eines Tages eine Überschwemmung
in Pawlows Labor, das Wasser stand den Hunden bis zum Bauch. Nach
dieser Katastrophe hatten sie alle Bedingten Reflexe wieder vergessen.
Fioretos: Vielleicht sind die Hunde den Kapitalisten besser geraten?
Denk an die Wachhunde in Beverly Hills. Durch elektrische Zäune
gedrillt, die man später entfernt, bleiben diese disziplinierten
Kreaturen stets innerhalb ihres grünen Rasenreservats. Perfekte,
saubere Wesen, die nur dann gefährlich werden, wenn der Garten
von illegalen Einwanderern betreten wird, die nicht gelernt haben,
daß privater Besitz nicht immer durch Gitter markiert werden
muß. Davor aber: welche schöne salivierende Stille.
Grünbein: Gegenüber von Alteuropa ist Amerika ein ähnlicher
geographischer Großraum wie Rußland, und damit auch
ein anthropologisches Neuland. Es ist klar, daß dort, in
genauer Entsprechung zu den Vorgängen in Rußland, soetwas
wie der Behaviorismus aufkam. Zwei große Industriegesellschaften
beginnen von Pawlow zu lernen, jede auf ihre Weise. Die amerikanische
Variante ist dann die Fließbandproduktion, die Taylorisierung
der Arbeitsabläufe. Überall erwachte in den Zwanziger
und Dreißiger Jahren plötzlich das Interesse an Verhaltensbiologie.
Es gab Fachzeitschriften zur Psychotechnik. Ergonomie war das
neue Zauberwort. Erforscht wurde die optimale Ausnutzung der Körper,
die Grenze seiner Belastbarkeit im Produktionsprozeß. In
dem Maße, wie die Innenwelten, die psychischen Interieurs
und Boudoirs Freuds ausgeräumt wurden, drang nun der kalte
Blick in die letzten Winkel. Die neue Sachlichkeit löste
den Menschen in das Bündel seiner Reflexe auf. Im Zeitalter
der Statistik trat Kontrolle anstelle der Therapie, das Bewegungstraining
anstelle tiefenpsychologischer Analysen. Der Lügendetektor
ist ein Apparat ganz aus dem Geiste des Behaviorismus. Und das
emblematische Wesen dieser kollektiven Epoche, das Leittier in
den nachbürgerlichen, industrialisierten Gesellschaften schien
mir immer der Pawlowsche Hund. Es ist erstaunlich, wieviel Bedeutung
er anziehen kann. In ihm kreuzen sich die fatalen Lernprozesse,
all die Methoden von Überwachen und Strafen, Diät und
Erziehung. Er ist das Totemtier des neuen Kults, der Selbstentfremdung
… ein Produkt aus Instinkt und wissenschaftlichem Aberglauben.
Langsam dämmerte mir, welche ungeheure Sonderstellung der
Hund in der Literatur des Zwanzigsten Jahrhundert einnimmt. Durch
das ganze Zwanzigste Jahrhundert streunen die Hunde.
Fioretos: Vielleicht sollte man nicht vom Kanon, sondern vom Kennel
der Moderne sprechen. Am Eßtisch der Familie Kafka, um nur
den Kronzeugen der ersten traurigen Jahrhunderthälfte zu
nehmen, gab es großen Krach als der Sohn zugab, er verbringe
seine Zeit mit dem Leiter des jüdischen Theaters, Isaak Löwy.
„Wer sich mit Hunden zu Bett legt“, schrie der Vater,
„steht mit Wanzen auf“. Der „Hund“ war
natürlich eine antisemitische Bezeichnung. Bei engerem Kontakt
mit diesem Menschentier konnten alle möglichen Parasiten
übertragen werden. Löwys Truppe bestand aus Juden, aber
es waren nicht nur Juden, sondern Ostjuden, und nicht nur Ostjuden,
sondern noch dazu ostjüdische Künstler. Eine dreifache
Verfluchung: Kunst, Osten, Judentum. Da hilft nichts mehr.
Grünbein: Ein Schlüsseltext sind die
„Forschungen eines Hundes“, eines der merkwürdigsten
Prosastücke, das mir je untergekommen ist. Keine Allegorie,
keine Parabel, eher das Protokoll von Beobachtungen in einer Parallelwelt.
Seht her, sagt Kafka, so sieht dieses Leben aus, wenn man die
Perspektive eines alten erfahrenen Hundes einnimmt, eines einzelgängerischen
Verhaltensforschers im Hundereich. Die abseitigsten Gewohnheiten
werden verzeichnet, doch das Abstruse ist Ausdruck einer Rationalität
inmitten der Wahnsinnsnormen. Infolge zuvieler Regeln und verschlissener
Bräuche ist die Welt wieder so unverständlich geworden
wie sie am Anfang, im Naturzustand, war. Die zweite Natur, unser
Zivilisationsspektakel, wird zum Rätsel, das auch Akribie
immer nur scheinbar löst. „Ergründe die Menschennatur
…“ heißt es einmal bei Kafka, eine sarkastische
Ermunterung, weil jeder Weg nun in die Irre führt. In den
Cantos von Pound gibt es dazu einen salomonischen Spruch.
Während im Westen der Hund seinem Herrn vorausgeht, folgt
er ihm im Osten mit Abstand. Vielleicht war das ein chinesisches
Gleichnis.
Fioretos: Natürlich … In Kafkas Text
geht es auch um die Diziplinierung des Körpers. Zwar sucht
sein Hund „in das Wesen der Hunde einzudringen“, nur
müssen diese Forschungen am eigenen Körper beglaubigt
werden. Zuletzt entzieht sich dieser Gelehrte, der in Paradoxen
so gut beschlagen ist wie ein Talmudist, deswegen der Hundegesellschaft,
geht in die splendid isolation und beginnt zu fasten.
Für Kafka war die Frage des Wissens immer mit der Nahrung
verbunden. Um das Wesen der Hunde ergründen zu können
und nur so kann sein Hund überleben muß
er sich von äußeren Reizen abschirmen. Aus purer Not
fängt der Hund an den eigenen Knochen zu kauen an. Zuletzt
führt seine reductio ad corporem canis zu einer
seltsamen Inversion der Eucharistie. „Das ist der Hunger“,
heißt es, „und wenn ich mir erklärte: ,Das ist
der Hunger‘, so war es eigentlich der Hunger, der sprach
und sich damit über mich lustig machte“.
Grünbein: Hätte der Pawlowsche Hund reden können,
vielleicht hätte er Sätze wie diese gesagt …
Fioretos: Was Kafkas Hund erfährt, ist die
Wahrheit jenes Prinzips, das bei Feuerbach einmal als Gegensatz
sowohl zum Gott wie zum Cogito vorgeschlagen wurde: a ventre
principium nur vom Magen her sind wir. Sein metaphysisches
Tier sucht sozusagen des Pudels Kern … der sich dann in
etwas so seltsam Konkreten wie dem Hunger begründet sieht.
„Ein sehr reelles, weil empfindliches Nichts“, wie
Feuerbach schreibt. Hunger verweist auf die Notwendigkeit von
etwas, das sich außerhalb des Körpers befindet. Wir
existieren nur als Aggregate des Verlangens. Unsere Körper
sind Notanlagen. Im selben Maß wie es die Hunde in der Literatur
gibt, gibt es auch eine Literatur des Hungers. Vielleicht heißt
Schreiben nichts anderes, als Hunger zu artikulieren.
Grünbein: Essen und Schreiben scheinen sich, wenigstens bei
Kafka, in fataler Weise auszuschließen.
Fioretos: Kafka war eine Weile ein Anhänger
von Horace Fletcher, the great masticator, obwohl dessen
„Lehre vom tüchtigen Kauen“, der Fletcherismus,
eigentlich der Gegensatz zur anorektischen Hungerkunst war, wie
sie in Kafkas Werk vorkommt. Unterschiedliche Arten von Nahrung
sollten verschieden oft gekaut werden. Die Speisen wurde tabellarisch
erfaßt: Knödel soundsoviele Male, Schnitzel soundsoviele.
Dementsprechend mechanisiert konnte ein Abendessen durch 2500
Mal Kauen in einer halben Stunde erledigt werden. Für Fletcher
war der Höhepunkt dieser Kautechnik erreicht, wenn das Essen
wieder ausgespuckt wurde. Nur der Geist des Essens, die Nahrung,
sollte erhalten werden, der stumme, immer im Weg stehende Leib
aber nicht. Mit dem Körper konnte Fletcher genau so wenig
anfangen wie Kafka. Ätiologisch gesehen war dies aber eher
eine bulimische Kunstform. Nichts wurde metabolisiert. Alles ging
rein, kam jedoch gleich wieder raus. Bei Kafka sah es anders aus.
Am besten sollte man sich mit etwas so Ausgesuchtem wie einer
Zitronenscheibe begnügen. Denk an den Hungerkünstler,
der den Körper in ein reines leeres Zeichen zu verwandeln
versucht. Das ist die definitive „Verwandlung“. Der
Körper bleibt aber eben ein Zeichen, was folglich heißt,
daß es unmöglich ist, eine Hungerkunst je zu vollenden.
Das Tragische an Kafkas Held ist, daß er das Zeichen dem
Bezeichneten gleichstellt. Denn auch wenn der ideale Zustand erreicht
worden ist, braucht der Hungerkünstler noch seinen Körper
dieses leere Zeichen, die Null um die Vollendung
darzustellen. Seine Kunst erreicht nur ihr Ziel, wenn sie form-
und gegenstandlos geworden, das heißt, endgültig verschwunden
ist.
Knochenkunst
Grünbein: Du hast soetwas wie eine graue
Trilogie geschrieben: Das Buch der Teilung, Das graue Buch
und zuletzt Ein Buch über Phantome. Im ersten geht es
um das Vergessen des Gelebten, des Geliebten, im zweiten um das
Verschwinden, wenn man so will, das Entkörpern. Und im dritten
befaßt du dich mit den bloßen Erscheinungen. Wie aber
kommt es zu dem Schock, zur Erfahrung von Vergeblichkeit und Vergängnis,
wenn der Körper doch längst abhanden gekommen ist?
Fioretos: Erinnerst du dich an Goethes Farbenlehre?
Da gibt es seltsame Stellen, metaphysische Untiefen. Laut Goethe
war das Licht pur und unfaßbar wie der absolute Geist. Um
sichtbar zu werden und Kontur geben zu können, muß
das Licht in die Materie eindringen. Daraus entstehen die Farben
und Formen. Unsere Welt erfordert die Mischung. Der erste benennbare
Farbton, der durch diese gigantische Kopulation geschaffen wurde,
war ein „glänzender Schatten“ in dem Licht und
Finsternis zusammengerührt worden sind. Grau ist dementsprechend
nicht irgendeine Farbe, sondern die Grundfarbe des Mischens überhaupt,
ein Sinnbild des Geschaffenen und somit auch die Farbe der Endlichkeit.
In der „grauen Trias“, der ich die letzten Jahre gewidmet
habe, geht es um die verschiedenen Aspekte dieser Endlichkeit.
Und also durchaus auch um den Körper. Paradoxerweise ist
er ja das Endliche, und nicht etwa das, was mit Geist oder Seele
gemeint ist. Ich weiß nicht so genau, was die Seele ausmacht,
aber mit Ausnahme einiger Knochen und Goldzähne hat der Körper
die Angewohnheit, seinen Betriebszustand nach Jahren aufzugeben.
Er ist Staub, Luft und Zeit, die einen Umriß bekommen haben.
Wir alle sind nur Silhouetten, in denen das Sterben seine Arbeit
verrichtet.
Grünbein: Deine Bücher folgen der guten alten aristotelischen
Ordnung. Nach dem Tableau aller Wissenschaften und Künste
kommen die Bücher der Metaphysik. Was folgt, ist die Spekulation,
die Beschäftigung mit der Trennung, dem Grauen, der Welt
der Phantome. Vermutlich lebst und denkst du gern in Büchern.
Das Danach spielt für dich die größte Rolle. Meinst
du, ideal sei erst der Text, der kein Leben mehr braucht?
Fioretos: Gerade das wollte Das graue Buch
in Zweifel ziehen. Über das Leben zu triumphieren ist eine
Unmöglichkeit (wenn nichts anderes, zeigt Kafkas Hungerkünstler
dies), auch wenn Texte organlos sind, soweit ich weiß. Aber
vielleicht habe ich tatsächlich Nach-Bücher geschrieben,
so wie es Nach-Bilder gibt, Erscheinungen die auf der Netzhaut
weiterflimmern. Möglich sind solche Bücher erst, seit
die Trennungslinien zwischen den Gattungen verwischt sind. Wenigstens
bemühen sie sich nicht mehr sonderlich, zwischen literarischer
und kritischer Sprache sauber zu trennen. Diese Kontamination
ist mir vorgehalten worden. Ich beklage, daß ich kein Purist
bin. Jedoch stelle ich mir vor, man muß „diese Scheiß
Sterblichkeit“ feiern, um eins deiner Gedichte zu zitieren.
Es klingt paradox, aber wahrscheinlich geht es mir um eine unendliche
Endlichkeit. Das Ende kann ja eigentlich nie aufhören zu
enden. Unser Gedächtnis ist ein riesiges Depot, das die Spuren
einer Vielfalt von Verschwinden aufbewahrt. Stets kommen neue
dahinzu. Und immer zieht der Wind des Vergessens durch die Räume.
Insofern ist es wichtig, daß es sich nicht um eine Trilogie
handelt, sondern um eine Trias. Die drei Bücher sind nicht,
wie etwa bei Aristoteles, Teile einer durchdachten, anatomisch
disponierten Komposition, sondern Elemente einer Konstellation,
die vom Zufall geprägt ist. Ein Konglomerat aus lauter Tics
und Idiosynkrasien. Meine Absicht war nie, etwas zu komponieren.
Für mich waren es sehr einsamme Bücher. Erst mit dem
Buch über Phantome wurde mir klar, daß sie
etwas miteinander zu tun haben könnten. Erst zusammen ergeben
sie eine De-Komposition. Sie sind der Versuch, dem was einen Körper
zum Körper macht, sprachlich nachzugehen. Man spricht oft
vom Text als einem Corpus, was vielleicht stimmt, aber er ist
eben nie lebendig gewesen wenigstens nicht so wie wir
es gewesen sind. Als Begriff um Geschriebenes zu charakterisieren
bleibt „Lebendigkeit“ eine bloße Metapher. Die
einzige Verkörperung eines Textes, die ich mir sozusagen
leibhaftig machen kann, ist die, die in der Figur Lazarus wiederkehrt.
Was mit ihm geschieht diese ungeheure Herausforderung,Veni
foras, Lazare … beim Lesen wird sie wiederholt.
Lazarus steht nicht zu einem neuen Leben auf, sondern er ist einer,
der den Tod ins Leben einführt. Er ist der gestaltgewordene
Tod. Wenn Das graue Buch irgendwo zu Hause ist, dann
vielleicht zuletzt in einem siècle lazaréen.
Grünbein: Dann gibt es also nicht einmal den idealen Abstieg
innerhalb eines Textes?
Fioretos: Ich gehöre wahrscheinlich zu denen,
die sich an den Gitterstangen ihrer grauen Zelle festklammern,
ungefähr so wie in Kafkas Urteil der Hauptfigur
sich am Geländer „wie ein Hungriger die Nahrung“
festhält. Danach läßt er sich fallen. Soweit bin
ich nicht gekommen. Aber auch bei mir gibt es ein gnawing
to be gone, um mit Beckett zu sprechen.
Grünbein: Das kann schon etwas sehr komisches haben. Ist
Schreiben nicht eigentlich Slapstick?
Fioretos: Und was für einer. Als würde diese Zelle Freiheit
beinhalten. Mein geheimer Wunsch ist, eine Literatur schreiben
zu können, die wie Buster Keaton agiert. Tödlicher Ernst,
verbunden mit dem Wissen um die lächerlich grandiose Zufälligkeit
der Existenz. Aber gewiß bleibt dieser Wunsch ein Traum.
Grünbein: Wenn ich es richtig verstehe, sind deine Bücher
auch der Versuch, einen schwebenden Augenblick festzuhalten, eine
Intervention gegen den Fortgang in der Zeit.
Fioretos: Natürlich ist es ein Klischée dieser
Augenblick, in dem ein ganzes Leben angeblich Revue passieren
soll. Mir ging es darum, die räumliche Tasche eines gewissen
Jetzt zu erforschen und das zu verzeichnen, was die retinalen
Revenants auf den Innenseiten meiner Augenlieder austrugen. Natürlich
machte es Spaß, die Fragmente, die auftauchten und gleich
wieder verschwinden zu drehen, zu verdrehen, ihnen stets neue
Perspektiven abzugewinnen. Es war eine Art Spektralanalyse. Nur
so kann ich mir die Metaphern und Denkbilder, die da wiederholt
werden, erklären, Einfälle, die an der Küste eines
anonymen Bewußtseins sich brechen, um auf weiße Blätter
gespült zu werden, wo ihre schäbigen Muster dann mit
gelassener Gleichgültigkeit irgendwann ausgewischt werden.
Grünbein: Du arbeitest gern mit syntaktischen Drehungen und
baust Sätze, die in viele Richtungen führen können.
Deine Texte folgen den gegenläufigen Gedanken oft in kurzen
Sprüngen.
Fioretos: Meine Reflexe sind durchaus bedingt. Wiederholung als
solche interessiert mich wenig. Früher oder später wird
sie eine Angelegenheit für die Ordnungspolizisten der Literatur,
die Formalisten. Es klingt meschugge, aber vermutlich hat es damit
zu tun, daß ich nie eine einzige Idee gehabt habe. Einfälle,
Impressionen, sogar Eingebungen … all das ja, sogar oft.
Aber Ideen? Der Ausgangspunkt ist für mich immer ein staubiges
Fast-Nichts, in dem ich ein Muster zu erblicken versuche.
Grünbein: In Dantes Hölle gibt es Positionen, die sich
so beschreiben ließen. Es sind gewisse Todeslagen, in denen
die früheren Lebenslagen gespiegelt werden.
Fioretos: Wenn ich ehrlich damit umgehe, was
natürlich selten passiert, bin ich immer mit einem aschigen
Etwas konfrontiert. Ich sehe darin weder ein Vergnügen noch
einen Abgrund. Es ist eher ein neutraler, eben endlicher Zustand.
Vielleicht ist es eine Wand vor mir. Ich kann es nicht sagen.
Erst im Moment, wo ich mich umdrehe, fängt das Schreiben
an. Um entstehen zu können, muß die Schrift eben diese
Wand vergessen, eine Wand, an die sie sich aber stets zu erinnern
versucht. Im besten Fall kann sie bleigraues Licht über dies
und jenes werfen. Timofey Pnin nannte es einmal das grayboard.
Vielleicht besteht meine wirkliche Sehnsucht aber darin, mich
zuletzt nicht umzudrehen. Eine fabulöse, indifferente Verweigerung.
Ungefähr wie bei Melvilles Bartleby: I would prefer not
to … All dies liegt jedoch in der Vergangenheit. Seit
einiger Zeit arbeite ich mit etwas ganz anderem. Es scheint ein
Text ohne Grautöne zu werden. So weit ich es beurteilen kann,
gibt es keine einzige Grisaille-Effekte. Die Schwärze scheint
so kapital zu sein, daß sie sogar Billigung bei Metallica
finden könnte. Aber … nein, das ist eine andere Geschichte.
Grünbein: Die graue Region, von der du sprichst, könnte
vielleicht so etwas wie ein Gehirnareal sein. Das Gehirn als Topos
nimmt heute langsam dieselbe Bedeutungsfülle an wie das,
was in früheren Epochen mit Seele bezeichnet wurde. Was war
das, die Seele? Ein Steuerorgan vielleicht. Das Gehirn wird nunmehr
als neue Zentraleinheit betrachtet, ein unbekanntes Zentrum, durch
das alles hindurchmuß. Zugleich ist es auch eine Lichtung.
Das meine ich, wenn ich „Gehirnhelligkeit“ sage.
Fioretos: Könnte die Seele nicht als organisierender Systemfehler
betrachtet werden. Ein Punkt, immer springend, immer unerreichbar,
von dem aus der Körper sich organisieren läßt?
Celan sprach einmal von einem „Seelen-Realismus“.
Wenn man die Ohren genug spitzt, kann man immer ein Rauschen im
Innern der Texte hören. Es ist ein Rest, der nicht in bestimmten
Mustern aufgeht. Die totale Mobilmachung der Sprache in der Literatur
scheint mir wenigstens unmöglich. Für den Seelenrealisten
könnte die Aufgabe darin bestehen, dieses Rauschen zu protokollieren,
die aphatische Lichtungen aufzusuchen.
Grünbein: Erstaunlich, wenn man die Seele
als etwas Immaterielles denkt … Als ihr äußerstes
Gegenstück habe ich immer den Knochen gesehen. Der Knochen
als Artefakt, als physiologischer und physiognomischer Rest wandert
durch viele meiner Zeilen. Zum einen gibt er das Ziel an, die
Reduktion. Zum andern hat er mit einer Ästhetik des Sarkastischen
zu tun, mit der Austreibung des Expressionismus, der so tief in
den deutschen Knochen steckt. Das Wort kommt vom griechischen
sarkazein, „das Fleisch von den Knochen zu trennen“.
In den frühen Epen, etwa bei Homer, wird geschildert, wie
der Hauptheld bei Tisch das Amt des Vorschneiders innehatte. So
wie er löst der Sarkast das Fleisch von den Knochen, trennt
die Bedeutungen von den Gegenständen und diese von den Gefühlen.
Denn der Knochen, das ist der Rest, was vom Körper übrigbleibt,
nach Jahrhunderten ein Geschenk für den Paläontologen.
Nichts vom Gewebe, den Eingeweiden, den Nerven bleibt wirklich
erhalten. Dabei ist es aus unserer Sicht das Wichtigste, das Sichtbare
des Körpers. Sentimentalisiert werden die Weichteile, die
Schleimhäute, sie haben ihre Geschichte, ihren Kult, ihre
Literatur. Dagegen glaube ich, daß Dichtung den Knochenbau
skandiert, sie erkundet den Schädel von innen. Im Labyrinth
des Gehörgangs ist sie zu Hause, Paukenhöhle und Cochlea
sind ihre Echoräume. Für Hegel war der Schädelknochen
„Wirklichkeit und Dasein des Menschen“, wie es in
der Phänomenologie heißt. Das Sein des Geistes
ist ein Knochen: zu diesem Schluß kommt er im Kapitel über
Physiognomik und Schädellehre. Und nicht zu vergessen die
uralte Geschichte von Hund und Knochen. Der domestizierte Hund
ist das Tier, das am ausgiebigsten mit den Knochen spielt. Ich
habe es oft mit Faszination beobachtet, wie Hunde am Knochen arbeiten,
bis zuletzt nichts mehr dran ist. Der ideale Knochen ist demnach
von Fleisch völlig befreit, nicht einmal ein Geruch bleibt,
nur die Erinnerung. Immer wieder wird er beleckt und versteckt.
Gnawing to be gone. Der Hund wird zum Metaphysiker in
dem Moment, wo er mit dem Knochen spielt. Es gibt dieses Spiel,
das die Hunde unermüdlich spielen können. Sie zeigen
dem Herrn ihren Knochen, bevor sie ihn verstecken. Den Knochen
vergraben, nur um ihn Tage später mit einer Miene der Überraschung
zufällig wiederzuentdecken …
Fioretos: Die Auferstehung des Knochens beim Wiederentdecken …
Vielleicht gibt es soetwas wie einen Messianismus für Hunde?
Grünbein: Wo sind die Knochen in deinen Texten versteckt?
Fioretos: Wenn ich das wüßte. Ich neige dazu, den Körper
erst wahrzunehmen, wenn ich mit einem Kater aufwache und das Gehirn
in der knochigen Wiege meines Schädels schmerzhaft geschaukelt
wird. Was allerdings oft passiert … Die Körper der
andern beschäftigen mich viel mehr. All Schreiben ist sozusagen
Hundearbeit: ein Umgehen mit den Knochen der Abwesenheit. In dem
wenigen Literarischen, was ich mir bis heute vom Mund abgespart
habe, ging es mir um die Körperlichkeit der Sprache. Aus
irgendeinem Grund zieht mich das an, was nicht der Semantik zuzuordnen
ist, die Materialität der Sprache ihre Eigenheiten
und Defekte. Ihre Knochigkeit, wenn du so willst. „Ich habe
wie jeder Hund den Drang zu schweigen“, heißt es bei
Kafka. Ich denke, man spielt nur mit den Knochen aus Mangel an
Eßbarem … Und man schreibt, weil man nicht sprechen
kann.
Berlin
Dezember 1995.
© Aris Fioretos, Durs Grünbein und Akzente
|
|