Handelt es sich um
die Einmann-Yacht eines Weltumseglers, gestrandet in Wiens neuntem
Bezirk? Oder um ein U-Boot, getarnt mit in die Jahre gekommenen
persischen Teppichen? Ist es vielleicht die ornamentierte Haut
einer Urzeit-Echse, die zum Trocknen aufgehängt wurde? Oder
eine aus einem Harem entwendete Kostbarkeit – jenes Kleinod,
in dem noch die verbotenen Gedanken sitzen wie Zigarrenrauch in
Kleidern?
Flaubert soll die Couch, auf die er sich zurückzog, um abzuwarten,
dass die Erzählung erneut Fahrt aufnahm, die „Marinade“
genannt haben. Nur ein beruhigendes Stündchen in dieser Salzlake
konnte Ordnung in die widerspenstigen Elemente bringen, die seine
Arbeit blockierten. Hier erweichten fixe Ideen, hier schöpften
schwache Phrasen Kraft. Wenn Flaubert aufstand, enthielt sein
Gehirn keine disparaten, unterschiedlich gewürzten Einfälle
mehr, sondern ein Gewebe aus Verbindungen, durchdrungen von der
gleichen Würze. Das Rätsel einer Erzählung war
immer auch das Rätsel von der Verbindlichkeit der Gedanken.
Für Freud hatte der Diwan
augenscheinlich die entgegengesetzte Bedeutung. „Noch eines,
ehe Sie beginnen“, ermahnt er den Patienten 1890 in einem
Text über Behandlungstechnik: „Während Sie sonst
mit Recht versuchen, in Ihrer Darstellung den Faden des Zusammenhangs
festzuhalten, und alle störenden Einfälle und Nebengedanken
abweisen ..., sollen Sie hier anders vorgehen.“ Während
der Stunde auf dem Diwan durfte nichts als unwichtig oder trivial
aussortiert, nichts als heikel oder unangenehm verbannt werden.
Kritische Einwände hatten hier ebenso wenig zu suchen wie
übertriebene Diskretion. „Sagen Sie also alles, was
Ihnen durch den Sinn geht.“
Flauberts Couch war ein Ort,
an dem Überlegungen in Ruhe gedreht und gewendet wurden.
Die Marinade konservierte die Gedanken vor der langen Segelfahrt
von Autor zu Leser. Freud sah den Diwan eher als den Ort, an dem
die Knäuel der Seele entwirrt wurden. Hier ging es nicht
um eine haltbare Verbindlichkeit, sondern um eine weichere Form
von Verknüpfung: um Assoziation. Es gab keinen Kompass, der
die Richtung des Gesprächs angab, keinen roten Faden, der
Heimathafen und Ziel verband. Das Ruder der alltäglichen
Konversation wurde herausgezogen. Der Patient sollte frei assoziieren,
und weder er noch der Analytiker konnten im Voraus sagen, auf
welchem Breitengrad das Boot am Ende der Séance gesichtet
werden würde. Für Freud wie Flaubert bildete das Säurebad
des Diwans gleichwohl den Ausgangspunkt. Oder besser: den Ursprung.
Denn nur hier gab es das Fluidum, das einer älteren Quelle
entsprang als den vergoldeten Wasserhähnen der Vorsätze.
Es war sicher kein Zufall, dass Freud seine Chaiselongue mit
Teppichen bedeckte. Der Patient sollte sich willkommen und umsorgt,
ja, eingebettet fühlen. Die Textilien ließen das Gefühl
des Kindes wieder lebendig werden, geborgen im Schoß der
Mutter zu ruhen, behütet und verstanden. Der Diwan musste
ja über die bodenlosen Wasser des Unbewussten tragen. Sicher
ruhend, konnte der Analysand alles äußern. Für
Freud war keine Last so schwer, dass sein Mutterschiff sie nicht
hätte tragen können.
Wie alle Eltern wissen, lässt sich ein Kind, das sich gegen
eine Frage wehrt, zu keiner Antwort zwingen. Der einzige Weg,
seine Zunge zu lösen, besteht in Ablenkungsmanövern.
Das „Hm“ des Analytikers ist nichts anderes als die
liebkosende Hand, mit der die festgezogenen Ventile der Seele
gelockert werden. Wie die Geister, die aus Aladins Flasche aufsteigen,
bilden die aufgestauten Gedanken des Patienten Wolken, die nun
frei in der Luft schweben. Da erkennt man plötzlich die Züge
einer Urszene, dort die Konturen eines Traumas. Der Diwan ist
also auch die Bahre, auf der sich die Seele ungestört Vivisektionen
widmen kann, assistiert von einem Analytiker, der unendlich zuvorkommend
ist, sich jedoch niemals einmischt.
Als Typus hat der Psychoanalytiker mehrere Vorbilder. Eine Zeit
lang war es der Hypnotiseur, der den Patienten verzauberte und
die Sprache vom Willen entband. Ein anderes Mal war es der Chirurg,
der seine Nerven sezierte und das kranke Gewebe entblößte.
Und manchmal blieb es dem Beichtvater überlassen, den Bekenntnissen
zu lauschen und eine Kur zu verordnen. Wenn jeglicher Hokuspokus
aus der Requisitenkammer entfernt worden ist, bleibt womöglich
einzig dieses Vorbild zurück: der Ober im Wiener Kaffeehaus.
Er ist der Steward auf dem Deck der Seele. Wenn sich der Analytiker
Notizen in seinem Block macht, nimmt er ja kaum mehr entgegen
als Bestellungen. Wunschträume, Zwangsgedanken, sogar Drohungen:
der Patient zeigt an, wonach ihm ist. Noch weiß er nicht,
wie die Gerichte schmecken werden. Mit der Zeit wird es Aufgabe
des Analytikers sein, sie so zu präsentieren, dass sie genießbar
sind. Und wie der Ober darf er nicht im Ungefähren lassen,
was der Besuch kostet. Im Gegenteil. Er sollte von Anfang an entschlossen
sein, „Geldbeziehungen mit der nämlichen selbstverständlichen
Aufrichtigkeit vor dem Patienten zu behandeln, zu der er ihn in
Sachen des Sexuallebens erziehen will“. Der Unterschied
zwischen einer Stunde beim Analytiker und einem Besuch in der
Gaststätte ist ebenso offenbar: es gibt einen prix fixe,
aber keine feste Speisekarte.
Der erste Teppich, den Freud auf seine Chaiselongue legte, soll
ein Geschenk von Moritz gewesen sein, einem entfernten Verwandten,
der später Freuds Schwester Mitzi heiratete. Moritz war Geschäftsmann
in Thessaloniki, der kosmopolitischen Hafenstadt in Makedonien,
und soll den Teppich bei einem Besuch in Izmir erworben haben.
In den folgenden Jahren versah er seinen Verwandten in der Berggasse
mit dessen gesamter Teppich- und Kissensammlung. Die Wandteppiche
und Überzüge waren ein Hauch aus dem Vorderen Orient.
Die Webstücke gemahnten an Tausendundeine Nacht, und es mangelte
ihnen kaum an sexueller Ausstrahlung. Hier wurden immer auch Bettgeschichten
erzählt.
Es fällt schwer, sich
eine geglückte Séance auf einer nackten Couch vorzustellen.
Zwar kritisierte Freud seine prüden Kollegen, die vor einer
psychoanalytischen Technik zurückschreckten, die sie als
allzu direktes Eindringen in das Sexualleben des Patienten empfanden.
„Leben wir denn in der Türkei“, fragte er 1898
in einem Aufsatz, „wo die kranke Frau dem Arzte nur den
Arm durch ein Loch in der Mauer zeigen darf?“ Aber eine
entblößte Couch wäre zu obszön, hätte
zuviel vom Operationstisch. Die satten Farben der Textilien und
die kunstvollen Arabesken störten die Arbeit der Gedanken
nicht, sondern beförderten sie. Bilden sie vielleicht das
versteckte Muster der Psychoanalyse? Die Gedanken des Patienten
sollen sich so frei bewegen wie fliegende Teppiche.
Auch das Wort diwân umweht ein Duft von exotischen
Kräutern, lauen Winden, dunklen Gassen. In persischer Zeit
stand es für einen prachtvollen Raum voller Bücher und
Bücherrollen und Sitzmöbel. Es bedeutete „niedrige
Couch“, aber auch „Schriftsammlung“, ja, sogar
„Minister“. Ist der Analytiker folglich ein Buchhalter
der Seele, der geduldig die Pergamentrollen der Psyche deutet,
die Ligaturen und Lakunen der Gedankenspuren liest, Träume
und Triebe in Erkenntnisse übersetzt? Warum nicht? Wie die
fließenden Arabesken orientalischer Teppiche bilden die
Ornamente der Assoziationen den Rahmen um ein Fenster zu einer
Welt, die nicht direkt abgebildet werden darf. Ist dies nicht
das Fenster zu einer anderen Welt, auf die sich der sehend nicht-sehende
Blick des Patienten richtet? Man denke nur an die leere, von den
Blumengirlanden und Putti des Stucks gesäumte Decke, zu der
er aufblickt. Was könnte besser der weißen Leinwand
entsprechen, auf die seine Seele ihr Theater projiziert?
„Benehmen Sie sich so,
wie zum Beispiel ein Reisender“, schlägt Freud vor,
„der am Fensterplatze des Eisenbahnwagens sitzt und dem
im Inneren Untergebrachten beschreibt, wie sich vor seinen Blicken
die Aussicht verändert.“ In der Psychoanalyse soll
der Patient der Sehende am Fenster, der Analytiker der Blinde
im Inneren sein. Doch nur der Blinde kann sagen, was die vorüberziehenden
Aussichten bedeuten sowie welchen Film der Sehende tatsächlich
erspäht.
Freud wollte, dass der Patient frei assoziierte, während
der Analytiker am Kopfende saß, außer Sicht-, aber
in Hörweite. Auch wenn im Prinzip alles gesagt werden konnte,
sobald man auf der Couch lag, war doch nicht alles machbar. Der
Diwan ist zum Beispiel kein Ort, an dem man ein Solo auf seiner
Luftgitarre zupft. Und wer im Pyjama aufkreuzt, hat nichts verstanden.
Handelt es sich also um business as usual, wenn der Patient
für die Dauer einer Stunde seine körperliche Lage vergisst
und sein Nervenleben untersucht? Wohl kaum. Wer vom Diwan als
die gleiche Person aufsteht, hat nie auf ihm geruht. In sechzig
Minuten um die Seele: Ohne dass sein Boot sich einen Millimeter
bewegt hat, ist der Patient um seine eigene Achse gereist.
Aus dem Schwedischen von Paul Berf
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