Neuss, fünf
vor zwölf. Regen in der Luft. Am Bahnhof streiten
sich zwei Penner darüber, wessen Schuld es ist, dass die
letzten Zigaretten, zerbrochen oder zerbröselt, auf der Erde
liegen. Ich gehe zum Ausgang. U. wartet im Auto. Auf der Fahrt
zur Raketenstation Hombroich unterhalten wir uns über die
Zeit seit der Diagnose. „Nur noch ein Wunder kann helfen…“
Nasse Felder, Straßengräben, halbmeterhohes Gras. Es
ist kurz vor Mittag, Mitte März.
Nach einer Viertelstunde taucht die ehemalige amerikanische Militärbasis
auf. Die angebauten Pavillons glänzen feucht. Wir rollen
auf das Areal, das seit Mitte der Neunzigerjahre eine Künstlerkolonie
ist. Hinter ein paar kahlen Obstbäumen sieht man die Baracke,
die früher als Kommandozentrale diente. Heute ist sie Wohnung
und Atelier. Frisch gepflanzte Blumenzwiebeln in dunklen Beeten.
Unter unseren Schuhsohlen knirscht der Kies. In der Küche
sitzt U.s Mutter. Ich höre Thomas im angrenzenden Zimmer
husten.
Extaseinstrument Sprache. Seit Thomas Kling
vor bald dreißig Jahren seine Arbeit als „Zungenhelfer“
begann, ist die deutsche Lyrik nicht mehr wiederzuerkennen. Wie
kaum ein anderer in seiner Generation hat er die Bereitschaft
dafür gesteigert, was Dichtung sein kann. Kling war der Mann
hinter der „Sprachinstallation“, einer Ausdrucksform,
die von der Stimme forderte, was sie immer sein sollte: der schnellste
Weg zwischen Menschen. Eine Kurzdefinition könnte lauten:
Evokation + Konstruktion. Der Begriff gab sein Debüt 1986
auf einem Flyer im finnischen Vaasa. „Die Sprachinstallation“,
schreibt Kling ein Jahrzehnt später, war „gleich dreisprachig,
Schwedisch und Finnisch kamen hinzu.“
Seine Lesungen wurden schnell
berühmt, berüchtigt, nachgeäfft. Die erste Gedichtsammlung
Erprobung herzstärkender Mittel von 1986 zeigt,
wie Slang und Dialekte, Verbrecherjargon und Rotwelsch das Gedicht
aktivieren. Gleichwohl handelt es sich um Texte, die ebenso sehr
dem Gelesenen wie dem Gehörten entstammen. Mit Hilfe antiker
Verse, dem Barock entlehnter Wendungen und stilistischer Tricks,
Zeitungsnotizen aus den 1910ern, Slogans, Jingles und denaturierter
Prosa konstruierte Kling sein eigenes Babel. Der mündliche
Ton war der eines Originals, die rhetorischen Gesten jedoch so
durchdacht wie vielschichtig. Nichts wurde dem Zufall überlassen,
auch wenn sein Auftreten spontan schien. Eine Anzeige, die in
brennstabm aus dem Jahre 1991 als Faksimilé wiedergegeben
wird, formuliert die Methode: „Gehörlose
selbstbewußte Gebärdensprache“.
Zur selbstbewussten Darstellung
auf der Bühne gehörte, umgehend eine passende Antwort
zu geben, wenn sich ein animierter Zuhörer einmischte. Die
Poesie war immer auch eine Frage der Begegnung. („Ich bin
immer für einen Austausch zu haben – mit einem trashigen
Antiphon sozusagen.“) Wenn Kling auftrat, knüpfte er
an den Ursprung der Dichtung in einer vorschriftlichen Kultur
an, die nicht ohne schamanistische Züge war. Die Poesie wurde
zu einem herzstärkenden Mittel, die Steigerung Programm.
Seine Texte waren graphischer Gesang und Wahrnehmungsaggregat,
gemixt von einem orphischen DJ, der fortwährend bemüht
war, das einzige „Extase-Instrument“ zu schärfen,
das er anerkennen wollte: die Sprache. Die ersten Zeilen in geschmacksverstärker
(1989) geben den Ton an:
nachtperformance, leberschäden
schrille klausur
HIER KÖNNEN SIE
ANITA BERBER/VALESKA GERT BESICHTIGEN
MEINE HERREN.. KANN ABER INS AUGE GEHN
stimmts outfit? das ist dein auftritt!
(„ratinger hof, zettbeh [3]“)
Später im gleichen Gedicht stehen drei Worte, die zwanzig
Jahre später einen anderen Klang bekommen: „Yves-Klein-blau“,
„OP-bläue“, „Phantomschmerzen“…
Ruhender Pistolero. Thomas liegt auf dem Bett
im Arbeitszimmer. Im Bücherregal steht die schwedische Ausgabe
von Der erste Weltkrieg mit der Vorderseite nach außen,
sodass der Blick automatisch zu dem roten Kreuz auf weißem
Grund wandert. Thomas hat die Brille in die Stirn geschoben, auf
seinem Bauch liegen ein paar Blätter. Er trägt einen
Bademantel und sieht aus, wie er es immer getan hat, seit wir
uns kennen. Will sagen: Wie ich mir Billy the Kid als Erwachsenen
vorstelle. Grüßt lebhaft, hustet plötzlich.
Ich habe ein Geschenk mitgebracht: einen Sternenatlas aus den
Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts, herausgegeben von der
Francke’schen Buchhandlung, der die Konstellationen am südlichen
Sternenhimmel zeigt. Die Bilder sehen aus wie Radarschirme oder
vielleicht auch geröntgte Lungen. Ein Lineal aus durchsichtigem
Plastik ermöglicht, die Entfernungen zwischen den Sternen
zu messen. Wir sprechen über Benns „Südwort“.
Ich scherze und verspreche, bei unserem nächsten Wiedersehen
den restlichen Himmel mitzubringen.
Trommlerjunge. Geboren in Georges Heimatstadt
Bingen und während der Achtzigerjahre der Düsseldorfer
Szene, veröffentlichte Kling ein Dutzend Gedichtsammlungen.
Doch auch wenn er mit der Zeit verschlagen bis in die Zungenspitze
werden sollte, hatte er weniger gemeinsam mit Schönsängern
vom Schlage eines Dietrich Fischer-Dieskau als mit David Bennent,
alias dem Trommler Oskar Matzerath. Kling umgab die gleiche Aura
trotziger Verwunderung wie den Helden in Schlöndorffs Verfilmung
von Die Blechtrommel. Es war das Erstaunen des Jungen,
als er von der Erde aufstand, sich den Schmutz von den Knien strich
und erkannte, dass er sich in einer Welt befand, in der Krieg
und Erwachsensein untrennbar verbunden waren. Wie der kleinwüchsige
Oskar schlug auch Kling nur aus unterlegener Position. Seine Gedichte
waren Trotzreaktionen, die mit der List eines enfant terrible
die Trommel für die einzige Art von Gedichten rührte,
die den Namen verdient hat: ein Gedicht, das an der Welt rüttelt.
Bei Kling behielt die Lyrik immer das letzte Wort.
Alchimie du verbe. Thomas ist in erstaunlich
guter Verfassung. Mit heiserer, aber spöttischer Stimme erzählt
er von den Temperaturwechseln im Körper, von den ärztlichen
Untersuchungen und der Chemotherapie, von Auftragsarbeiten und
Lesungen, die er absagen musste. Plötzlich steht U. in der
Tür. Sie erinnert ihn daran, dass er nur für kürzere
Zeit aufrecht sitzen darf. U. sieht mich an, als sie das sagt.
Thomas legt sich eine Strickjacke um die Schultern, die einem
Polarpelz ähnelt. Der synthetische Stoff erinnert an die
Liegeunterlagen im Krankenhaus. „Ja, ja“, grinst er
listig und nickt. Er kommt allmählich auf Touren.
Als U. gegangen ist, fragt
Thomas nach Ekelöf. In den letzten Tagen hat er wieder in
der Werkausgabe gelesen, die in sieben Bänden im Kleinheinrich
Verlag erschienen ist. Besonders ein Gedicht hat es ihm angetan.
Er holt die einzelnen Bände, blättert vor und zurück,
ruft schließlich nach U., um sich von ihr helfen zu lassen.
Die Stimme bricht. „Aber den hast du doch dahin gelegt“,
sagt U., als sie ihm den Band reicht, der auf dem Fenstersims
gelegen hatte. Thomas findet den Text. Es ist „Der Alchimist“
aus der Gedichtsammlung Non serviam.
Wir diskutieren Gedicht, Buch,
Werk. Thomas ist unzufrieden mit der deutschen Übersetzung,
die Ekelöf seiner Meinung nach stellenweise allzu harmlos
macht. Nach zwei Besuchen in Schweden und einem längeren
Aufenthalt in Finnland in den Achtzigerjahren hat er das Gefühl,
geschriebenes Schwedisch recht gut zu verstehen. („wi wa
/ das noch“, heißt es in einem Gedicht in brennstabm:
„ja: HÖSTEN ÄR FIN I SKÄRGÅRDEN.“)
Und wenn er das Gedicht selber übersetzen würde?
Thomas denkt nach. Er will
mehr über Ekelöfs Verhältnis zu Rimbaud erfahren
– diesem „durchglühten Erz-Punk der Moderne“,
wie er ihn, wie ich später entdecken werde, in einer Rezension
der Kleinheinrich-Ausgabe genannt hat. Ich erzähle von der
Rolle der Luzifergestalt in Non serviam und auch von
Ekelöfs Essay über Rimbaud aus dem Jahre 1935. Wir spekulieren
darüber, ob die Abkürzung „ecr. l’inf.“
(„écrasez l’infâmie“, Voltaires
Slogan im Kampf gegen die unterdrückende Orthodoxie im vorrevolutionären
Frankreich) nicht auch als „écrire l’infini“
oder „l’infinitif“ gedeutet werden
könnte – als wäre die Schrift ein beharrlich wiederholter
Versuch, die Niederträchtigkeiten der Rechtgläubigkeit
zu parieren. Wir sprechen über Katzengold und Dreck, über
den Fall als Figur und Zustand, über den Handel der Toten
und der Lebenden, über die Träume des Alchimisten, Außenseiterdasein
und corpus hermeticum…
Thomas kommt in Fahrt. Mehrfach entfährt ihm ein „Geil,
geil!“ Jedes Mal streckt er die Zunge heraus und spielt
mit ihr – tierisch, sexuell. (Heißt: aufgegeilt von
Sprache.) Und jedes Mal wird er von einem Hustenanfall übermannt.
Röntgen der Sprache. Nach den hitzigen
Zuständen und der fahrigen Gestik der ersten Bücher,
verdichteten Schriftbildern und orthographischen Eigenheiten,
werden die Schnitte in Klings Dichtung weniger abrupt, der Ton
beruhigt sich. In nacht.sicht.gerät von 1993 öffnen
sich „sprachräume“ zum zögerlichen Einwirken
der Vergangenheit auf die Gegenwart und Verschiebungen zwischen
Oberfläche und Hintergrund. Die Technik, die er benutzt –
„WIR BEVOR- / ZUGN DAS KALTGESCHLEUDERTE GEDICHT“
– erinnert an ein Röntgen der Sprache, bei dem Schichten
gelagert oder abgedeckt werden, Doppelbelichtungen die Aussagen
kalibrieren und große Entfernungen in Zeit und Raum zwischen
die Zeilen gepackt werden, manchmal sogar in einzelne Silben.
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drift
schnittwundn abschiede schnitt.
und starr aufs test-, aufs textbilt
gestarrt. bildtest wiederum ausge-
falln. so passiert zungenentfernung.
märzmorgende fiepend; diarien ab-
geflämmt, verflogene stundnbücher.
ein aufgehn in rauch, in schaum. zei-
len di sich hervorschiem, -zwägn etwas
wi ”ausgetriebene engeldämonen”: DAS REI-
NE WOHNZIMMER-VOODOO, in einzel in bilt,
in einzelbildschaltung; di ganzn bildver-
einzelungen!
kontinente in zungenentfernung. wir
driftn auseinander. so.
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Botenstoffe. Um die Ausdauer des stimmverschworenen
Gedichts zu bezeugen, das zu Klings Markenzeichen wurde, veröffentlichte
er vor ein paar Jahren einen Bericht von Reisen in die abgelegeneren
Regionen des Alphabets. Botenstoffe wird von einer Kameralinse
geziert, in deren Fokus Worte wie „Instantpulver“,
„Wirklichkeitsmixer“ und „Präzisionsinstrument“
in unterschiedlicher Entfernung vom Auge schweben. Aber die Linse
ähnelt auch dem Deckel zu einem Container von der Art, in
denen man gemeinhin Stoffe mit einer hohen Halbwertzeit aufbewahrt.
Das Bild suggeriert einen Schriftsteller, der sowohl Sternendeuter
als auch Wirklichkeitspathologe, Poesiepusher, Spracharchäologe
und Bergmann sein will. Unter Klings alter egos finden sich nicht
nur ketzerische Himmelsstürmer wie Orpheus, Hermes und Oskar,
sondern auch Pandora. Wer seine Essaysammlung aufschlägt,
muss damit rechnen, sowohl begeistert als auch bestrahlt zu werden.
Möglich, dass sich der Segen, den Kling in Aussicht stellte,
bezweifeln lässt, eins aber war klar: Botenstoffe wollte
kein Gefäß sein, das man als der gleiche Leser öffnete
und wieder schloss.
„Stegreif-Künstler“. Als Essayist
sprach Kling stets auch in eigener Sache. Bücher wie Itinerar
(1997), Botenstoffe oder sein letztes, Auswertungen
der Flugdaten (2005), das neben Gedichten mehrere Aufsätze
umfasst, enthalten nur wenige Zeilen, die Stoffen anderer Provenienz
gewidmet sind als der seiner eigenen Dichtung. Eine andere Art,
diese Einseitigkeit auszudrücken, wäre, Klings kritische
Texte als Insidertips zu bezeichnen. Hier schreibt nicht nur ein
Freund und Kollege, sondern ein Komplize und Schildknappe. Seine
Kumpane waren, was er „Stegreif-Künstler“
nannte – „Stegreif, das alte Wort für Steigbügel;
Künstler, die etwa gleich nach dem Absitzen, oder ohne den
Steigbügel benutzen zu müssen, um hochzukommen, loslegen
können“. Zu diesen Wahlverwandtschaften – „schlagfertig
reagierende Vortragende in Sprache, Musik, Gesang“ –
zählte er Catull und Dante, Abraham a Sancta Clara und den
Barockdichter Moscherosch, frühe Modernisten wie Krauss,
Ball und Benn, aber auch späte Nachfahren wie Konrad Bayer,
Friederike Mayröcker und H. C. Artmann, allesamt geschliffene
Zungenartisten, deren Texte „den oralen, den rhetorischen
Komponentensatz ins Literale zu transferieren“ suchten.
Orpheus in der Unterwelt. Während unseres
Gesprächs bekommt Thomas einmal einen solch heftigen Hustenanfall,
dass er den Ekelöf-Band fortlegen muss. Hinterher blickt
er misstrauisch in sein Taschentuch. Dann faltet er es zusammen
und stopft es sich in die Manteltasche. „Der reinste Raubbau.“
Diebschatz der Sprachen. Bei Kling ist die Entfernung
zwischen Himmel und Grube selten größer als eine Verszeile,
was heißt, die Dichtung bleibt eine horizontale Angelegenheit.
Wie der Stammvater Orpheus nähert er sich „liebend
den Sprachen“, ohne sie untereinander ihrem Rang nach zu
ordnen – mit anderen Worten waagerecht wie die Fläche,
auf der die Glieder des Sängers verstreut werden sollten.
Selten hört man seine Gedichte mit jener andächtigen
Stimme sprechen, die allein vertikal kommuniziert – in dem
hohen Ton „der ja nur in homöopathischen Dosen dem
menschlichen Gehirn zumutbar ist“. Als Agent für den
Freistaat Babel, vermischte Kling im Gegenteil gierig Sprachen,
Stile und Tonlagen. Er sprach sich wärmstens für eine
„offene Hermetik“ aus, bei welcher der Dichter ein
„Verwalter des Diebschatzes der Sprachen“ ist. Zu
dieser Poetik gehörte der leichtfüßige Slang der
Straße und das Vokabular der Kriminellen, aber auch Fach-
und Sondersprachen – ein „Gewirr von Dialekten und
Argots, die überspült werden von Ausrufersprüchen
und -liedern (Werbe-Jingles), die sitzen“. Nur so konnten
das Eigene und das Fremde „in kreative Konkurrenz“
treten und „gestenreich und histrionisch sich beweisendes
Wort – ganz Stimme, ganz bildreich verkörperte Sprache“
sein. Das Gedicht war ein Tagebau. Seine Art aufzutreten: intensiv.
Riposte. Als „wunderbare Rampensau“
erkannte Kling, dass man nicht ungestraft Schabernack trieb mit
der Macht und den Medien. Damit die Dichtung mit heiler Haut davonkam,
musste sie hart und präzise zuschlagen. Kurzum: Nur wenn
die Aussagen vernichtend waren, konnte man als Zungenartist davon
ausgehen, das Gedicht würde überleben. Noch kürzer:
Kling ließ die Hand nicht gerade auf dem Colt liegen. Durchaus
reizbar und mit mehr als einer Prise Selbstbehauptungswillen begabt,
wusste er, es galt, am schnellsten zu ziehen. Und dass die Munition
für den geborenen Dichter nur „der gute, die Polemik
führende gesprochene Satz“, „die drastische Ansage,
der warnend-paßgenaue Satz, der über den gut bis reichlich
eingeschütteten, gern breitschultrigen Inhalt hinaus im Timing
perfekten Sitz haben muss“ sein konnte. Denn allein die
gute Riposte konnte „nicht gewechselt werden“.
Kling und Klang. Es sagt sich von selbst, dass
eine solche Einstellung zum poetischen Auftrag etwas von Männersache
hat. Dichtung war Duell. Kling plädierte für Frechheit.
Seine Gedichte wollten stark auftreten. „Die Zunge, Dörrfleisch,
wird immer geschmeidiger, geiler: das ist der Dichter aus Stylit.“
In einem Gespräch kehrt er zu der Figur zurück, die
ihm hier vorschwebt. Er erklärt, das Gedicht sei etwas, das
„zwischen zwei Hörakte gespannt ist“: den des
Schreibenden und den des Lesenden. Letzten Endes war die Poesie
nicht anderes als ein „Rausch-im-Ohr“. In Gedichten
wie Essays untersuchte er diese „Gehörhalluzination“,
will sagen: „wie Welt angreift, wie etwas wie die Welt als
Ungestaltetes auf das Ohr des Schreibenden eintrifft, einprasselt,
durchaus in einem aggressiven Angriff“, um anschließend
– übersetzt und verwandelt in gedichtete Sprache –
im aufgekratzten Ohr des Lesers wiederholt zu werden. In dieser
Penetration des ständig offenen, ständig rezeptiven
Gehörorgans war „der sexuelle Aspekt“ kaum wegzudenken.
Im Gegenteil, dessen Doppelung war „sehr wichtig“:
„Die Sprachen meinen und von der Sprache gemeint werden.“
Ich frage, ob das alphabetische
Emblem für diese Figur nicht der Buchstabe I sein
könnte. Wir fangen an, über ein Zeichen zu sprechen,
das für sich selbst steht, standhaft und allein, und dem
bereits Platon einen gründlichen Charakter attestierte. Wie
kein anderes Schriftzeichen findet es listig seinen Weg in und
durch alles. Ich erinnere an den Titel von Thomas’ erstem
Essayband, Itinerar, der dieses Verhältnis ja beschreibt,
und verweise darauf, dass die Gedichtsammlung Fernhandel
von 1999 den Dichter einen „Klinger, Singer“ nennt.
Sagt es sich nicht von selbst, dass eine solche Gestalt, angegriffen
von der Welt, selber die Aggression wiederholt? Thomas antwortet
nicht. Aber in Botenstoffe kommt die Replik: „Phallischer
geht’s gar nicht mehr“.
Frenetisch. Der „Rausch-im-Ohr“
ist das High-Gefühl, das die Sprachinstallation erstrebt.
In seinem letzten Buch wertet Kling dessen Flugdaten aus. Nun
zeigt sich, die Steigerung hat noch eine andere Seite. („Man
kann“, wie Hölderlin meinte, „auch in die Höhe
fallen.“) Das „Yves-Klein-blau“, das in der
frühen Dichtung heraufbeschworen wird, ist nicht allein die
Farbe des Himmels und des Absoluten. Dem erregten, zeitweilig
aggressiven Ton steht das frenetische ich-will-es-nicht-glauben
gegenüber:
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sonne strahlt arnika, trotzdem: frantic,
reichlich alles. die im blauen kranz,
herzkranz austobt sich, protuberanzen.
schraffuren erzeugend im blau –
yves-klein-pigment? sei’s drum.
wenn diagnose steht erstma’ – frantic.
(„Arnikabläue“)
|
Blauer Atem. Nach dem Mittagessen sind Thomas’
Kräfte erschöpft. Es wird Zeit zu gehen. Er beobachtet
micht, während ich meinen Mantel anziehe. Unmittelbar bevor
wir uns verabschieden, zeigt er auf meinen blaugestreiften Schal.
„Der ist schön…“, hustet er. Ich frage
ihn, ob er ihn haben möchte. Er nickt stumm, legt ihn sich
um den Hals.
Einen Monat später schickt U. den Schal mit folgendem Gruß
zurück: „Deinen Schal hat Thomas ein paar mal im Bett
getragen. Er hat sich sehr darüber gefreut.“ Der gleichen
Sendung fügt sie seine neue Nachdichtung von Ekelöfs
„Der Alchimist“ bei – einer der letzten Texte,
den er vollendete. Beim Lesen merke ich, dass einige der Zeilen
eine andere Bedeutung annehmen, als von Ekelöf beabsichtigt:
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Ich suche: wertloses gold –
gold: das gold wirklich wertlos
macht und zwar: alles gold!
Mit verkohlten händn halt ich den branziegel beim herd.
Erde, wasser, luft, feuer!
Blauer atem bläst den balg über blutigen rinderstall:
die vier reiter galoppieren durch die nacht
und all’ die totn marschieren vorbei
mit dem rasseln der ketten dieser rückrollenden jahre
der jahrhunderte asseln die vorrennen unter beiseitegeschobenem
fels
wo sich scheintote hinstemmen – dagegen: gegen deckel
bollern;
sich drehn. ihre exkremente verzehren.
und ihr wasser trinken.
Erst wenn tote und lebende sich begegnen:
wird enthüllt: Der Große Fehler –
teufelsgesichter glimmen wie schreckenschuß auf;
flatternd mit den rockschößen: der Bischof von
Stockholm
hingemacht in hohläugigkeit –
Écr. l’inf.
ein letztes mit brechenden nägeln gescharr:
und auf den ring wirst du treffen
du: dem leib und seele man geraubt hat!
ein letzter griff mit dem kuhfuß
und du wirst dein eisen unter dem deckel ansetzen:
du – der du doch katzengold suchtest!
|
Der Stab. Auf dem Umschlag zu seinem letzten
Buch steht Thomas auf einer Säule. Die eine Hand breitet
er in einer einladenden Geste aus, die andere hebt er, als wollte
er gerade den Taktstock schlagen. Als wir Abschied nahmen, erzählte
er, das Foto sei in Südtirol entstanden, unweit der Pizzeria,
in der wir vor so vielen Gedichten Freunde wurden. Zwei Wochen
später ist er tot, 48 Jahre alt, gestorben an der Krankheit,
die ihn attackierte, wo der „Zungenhilfer“ am schutzlosesten
war.
Ich mustere das Foto, auf
dem Thomas auftritt wie ein später Nachfahre von Symeon Stylites.
Es ist unmöglich, nicht an Itinerar zu denken, wo
er erläutert, das Einzige, was der Dichter zu seiner Hilfe
benötige, sei der „Stab (Buchstab? Brennstab?)“
des Diebesgotts Hermes. Mit ihm steckte er seinen Weg durch die
Welt ab, mit ihm lotete er die Abgründe der Sprache aus,
mit ihm wurde mehr als ein Fenster eingeschlagen. Für Thomas
war der Stab zugleich gezügelter Blitz und Echolot, Schreibwerkzeug,
Geschlecht und Zunge. Aber zunächst und zuletzt war er wohl
Ausrufezeichen. So möchte ich mich jedenfalls an ihn erinnern:
als die ausdrücklichste Verbindung zwischen Urgestein und
Klang, Grubenschacht und Äther in der deutschen Dichtung.
So war er, der unvergleichliche Thomas Kl!ng.
August 2005
Dieser Essay wurde als Einleitung zu einer
Anthologie zeitgenössischer deutscher Lyrik geschrieben,
die Thomas Kling und Aris Fioretos für die schwedische Literaturzeitschrift
OEI (2005, Nr. 24) zusammengestellt haben. Einzelne Abschnitte
sind zuvor bereits in Literaturen, 2001, Nr. 7-8, 108-110
erschienen.
Aus dem Schwedischen von Paul Berf
© Paul Berf und Aris Fioretos
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