Berliner Eklipse


Prosa
Einstein Spaces, hrsg. von Yvonne Leonard,
Berlin: Einstein Forum, 2005, 38-42.
Bilder: E. T. Cottingham, „Seven Photos Trying to Catch
the Sun from the Berlin Ringbahn on May 29, 2005“ (2005)

„Einsteigen!“ Indem er seinen Mund an den klobigen Klotz des Mikrofons setzt, erteilt der Bahnhofsvorsteher das Kommando in einem wirksamen Singsang, kühl und vage verhängnisvoll. Um die Pendler hineinzustoßen, lässt er das harte g des Wortes aus, wobei er den folgenden Vokal mit der Zungenspitze mit kaum einem Hauch berührt, sodass sein Kommando statt mit einem klaren gen, mit einem schwächeren, wenn auch melodiösen ’n endet. Gewöhnlich, obgleich keineswegs immer, geht der Anweisung ein „Bitte“ voraus. Doch heute wird Freundlichkeit wie ein Mundvoll Wasser geschluckt. Ohne sie erhält die Anweisung nicht nur etwas Promptes, sondern Definitives, geradezu Anklagendes, wie ein Tadel für eine vertane Chance. Oder schlicht verlorene Zeit.
Er kann die Türen hinter sich zugleiten hören. Als er sich in dem fast leeren Wagen hingesetzt hat, blickt er hinaus. Die Glasscheibe verzeichnet den gängigen Licht-Schmier und wüste Kratzer, gemacht, wie es scheint, mit einem gereizten Schlüssel. Plötzlich entdeckt er, hinter die Scheibe verbannt, schief und verschwommen, sich selbst im Fenster eines anderen Zugs. Eigenartig, denkt er. Wie wirklich er aussieht. Für einen kurzen Moment hat er das Gefühl, nicht hier zu sitzen, in diesem Zug, sondern dort, im anderen. Soweit er es beurteilen kann, besteht der einzige Unterschied darin, sein Spiegelbild wendet sich auf Grund des Wechselspiels von Licht und Brechung der entgegengesetzten Richtung zu. Da ist ein plötzliches Schaudern, dann ein langsames Ziehen, worauf der Zug, gelassen und gewissenhaft, vorwärts drängt. Er dreht sich um und lehnt sich vor. Nein. Er ist nicht mehr, wo er sich verließ.
Eingestiegen in die Ringbahn am Treptower Park, nicht weit vom alten Observatorium der Stadt, reist er nun gegen den Uhrzeigersinn. Im Moment sollte die Sonne irgendwo hinter den Baumwipfeln sein, die sich so friedlich links über ihm wiegen. Doch wegen der Tageszeit, oder vielleicht auch der Position des Zugs, oder eventuell der Krümmung der Schienen, ist es unmöglich, sicher zu sein. Stattdessen denkt er, müßig hinausblickend, darüber nach, was er zurückgelassen hat. Was immer es war, womöglich bloß eine Version der Welt, ist da in ihrem Schlepptau ein Gestöber aus Grün- und Grautönen, flächiges, metallisches Schimmern, sowie der gelegentliche Glanz der Lampen im Zuginneren.
Unfreiwillig werden seine Gedanken durch den Lichtschein in Gang gesetzt, der sich wie ein flachsfarbener Fleck über die Scheibe ausbreitet. Während einer Phase seiner Kindheit hatte die Sonne ihn in ihren Bann gezogen. Wenn er morgens aufstand, galt sein erster Gedanke, noch während er sich vom Schlafanzug befreite, gewöhnlich der Frage: Ist sie noch da? Erst wenn er sich vergewissert hatte, dass jenes schräg durchs Fenster einfallende Licht anzeigte, die Sonne war in der Tat ungefähr dort, wo sie in der vorigen Woche gewesen war, und in der Woche davor, obgleich nicht unbedingt in der davor, rannte er stets die Treppe hinab, durch den Flur und in den Garten hinaus, mit ausgetreckten Armen, den Mund aufgerissen, dorthin, wo die Sonne in diesem Moment auf ihrer Bahn zu sein beliebte. „Schatz“, hörte er auf einmal eine Stimme hinter sich, die vom Tisch im smaragdenen Schatten der Buche kam, auf dem gerade das Frühstück bereitet wurde, „Du weißt doch, sie ist nicht verschwunden.“
Bei dieser Ermahnung blieb er jedes Mal schlagartig stehen und spürte, wie das Vordrängen seines Verlangens durch seinen Körper taumelte, der noch ungefähr, nicht wirklich wach war. Die Bewegung kam einen Herzschlag, oder vielleicht auch zwei, nachdem seine Aufmerksamkeit gestoppt worden war, zum Stillstand. Aufblickend, verlegen, in solcher Verwirrung zu sein, war er nie in der Lage zu entscheiden, was er sich mehr wünschte: weiterzulaufen um die Ecke des Hauses, zur Schieferfläche des Himmels, blau wie eine Gasflamme, an der die Sonne, wie er annahm, abgeflacht, noch immer befestigt sein würde, oder zurückzulaufen zur frischen Scheibe Brot, die, wie er wusste, auf dem Gartentisch hinter ihm liegen würde, voll lockeren Teigs, auf den er gerne den sämigen, glitzernden, gleichsam grenzenlosen Honig tröpfelte, bis die Brotscheibe so durchtränkt war, dass sie sich, wenn angehoben, stets bog, langsam aber liebreizend, und ihr weiches Innenleben wie durch eine Falltür freisetzte. Die Matsche verhielt sich immer exakt so wie erwartet und landete mit einem satten, klebrigen Plumps auf seinem Teller. Wie eine kollabierte Sonne. Die Lippen ansetzend dachte er: materialisiertes Licht.
Woher kam dieser sonderbare Wunsch sicherzustellen, dass die Sonne noch da war, über den Himmel ziehend wie eine brennende Blume? Selbst als Fünf- oder Sechsjähriger musste er gewusst haben, ihr Verschwinden war eher unwahrscheinlich. Die Beschleunigung des Zugs spürend, nimmt er an, es hatte mit etwas zu tun, das ihm erzählt worden war: Um die Erde zu erreichen, muss das Licht acht Minuten reisen. Acht Minuten… Das hieß, er würde erst in der Lage sein festzustellen, ob die Sonne tatsächlich fort war, wenn es, in gewisser Weise, schon zu spät war. Ihr Verschwinden würde bereits acht Minuten alt sein, wenn er es beobachtete.
So sehr er sich auch bemüht, es will ihm nicht gelingen, sich zu erinnern, warum diese Zeitspanne ihn so tief beunruhigte. Es ist, als wäre sein Gedächtnis, in diesem Fall, ausradiert worden, beinahe als Sicherheitsmaßnahme. Er nimmt an, es hatte mit der beunruhigenden Aussicht zu tun, dass sich jemand in der Zwischenzeit an der Sonne zu schaffen gemacht haben könnte. Aber er weiß es nicht mehr. Er erinnert sich nur, dass er in einem unangenehmen Maße erregt, buchstäblich außer sich war. Ihm war natürlich bewusst gewesen, dass er nicht direkt ins Licht starren konnte bei seinem Versuch, Anzeichen für das bevorstehende Verschwinden der Sonne auszumachen. Besser gesagt, er wusste, es war zwar nicht unmöglich, aber wenn er es versuchte, würden seine Augen an der Sonne kleben wie das Gelbe eines Eis an einer Bratpfanne. Binnen Sekunden würde ihre gallertartige Masse erstarren, und er wäre blind. Seither ist Blindheit für ihn ein weißer Film, überzogen von einem öligen Glanz, schwach braun und vage schwarz am Rand, wie die ausgefranste Kante eines gebratenen Eis.
Die Augen schließend, kann er das sanfte Ziehen des Zugs spüren, der einen weiteren Bahnsteig verlässt. Er erinnert sich, dass ihm, so lange er sich Blindheit dergestalt ausgemalt hat, auch folgende Tatsache Kopfzerbrechen bereitete: Obwohl die Sonne in den acht Minuten vor seinem Versuch, ihre Existenz zu bestätigen, möglicherweise verschwunden war, würde er weiterhin erblinden, wenn er in etwas hineinsah, das letztlich nicht länger mit der Sonne gleichzusetzen war, sondern vielmehr mit verwaistem Licht. Als Kind starrte er nie direkt in das wilde Glühen, obwohl die Versuchung zuweilen fast unerträglich groß gewesen war. Stattdessen hatte er stets versucht, ihrem Umriss zu folgen, um den genauen Punkt festzustellen, oder, treffender, die exakte Grenze zwischen Schmerz und Vision. Wenn er dies tat, und er tat es instinktiv, nie wirklich denkend, versicherte er sich, er wusste, wo die Sonne war, obwohl er keine Gewissheit haben konnte, dass sie noch existierte. So tauchte sie vor ihm auf: als die Kontur ihres eigenen Ausschlusses.
Wäre es möglich, fragt er sich nun, als er die Augen öffnet und die Leitungen bemerkt, die, entlang der Schienen verlaufend, mit nervenhaftem Flattern das sture Stampfen des Zugs begleiten, sich die Vergangenheit als eine Art Sonne vorzustellen? Keinesfalls direkt betrachtbar, eine Energiequelle jenseits unmittelbarer Reichweite, ist sie verfinstert durch Zeit, dennoch verfügbar in Gestalt ihrer eigenen Auslassung. Will sagen: als Erinnerung. Ja, nehmen wir an, die Vergangenheit strahlt aus, grübelt er, plötzlich durchgerüttelt, nehmen wir an, sie hat Kraft, und nehmen wir weiterhin an, Erinnerung entspricht Erinnerung nur, so lange sie diese verzögerte Energie enthält. Dann wäre der Stoß, den er als Kind erfahren hatte, als er durch den Garten rannte, bevor er abrupt stehenblieb, möglicherweise noch in seinem Inneren gelagert, ein unerfülltes Versprechen. Obwohl seit langem verschwunden, könnte es nun seinen Körper verlassen, wie ein seltsamer innerer Druck, der sich durch Knochen und Haut, durch das Fenster und die Luft, bis hin zur Sonne fortsetzt, wenn er denn dorthin zu gehen wünschte.
Entsprachen Erinnerungen, die ausradiert waren, vielleicht solch seltsam verzögerter Energie? Während dicke Klötze Beton vorbeisausen und der Zug allmählich wieder langsamer wird, erkennt er, um dies herauszufinden, würde er seine Aufmerksamkeit auf genau den Moment richten müssen, in dem das Erlöschen der Erinnerung eintrifft. Zu bemerken, wie sich eine Erinnerung verschiebt und fortschwenkt, würde ein wenig sein, als sähe man eine Gestalt, halb Körper, halb Verschwommenheit, die fortsirrt wie die Straßenlaterne, die der Zug soeben passiert hat. Oder eigentlich nicht wie eine Straßenlaterne, überlegt er, da sie steht, während die Erinnerung in Bewegung sein würde. Aber ein Zug? Ja, vielleicht ein Zug. Wie der vor einer Stunde. Oder vielmehr, berichtigt er sich, nicht dieser Zug, weil auch er offenbar gestanden hatte, sondern ein Zug in Bewegung, wie der, welcher in diesem Moment, neben seinem eigenen, in den Bahnhof einfährt, sanft wie ein Schatten.
Als sich die Entfernung zwischen den beiden Zügen verringert, ist es fast, als würde er in der Zeit zum Punkt seiner Abreise zurückkehren, sodass er in Wirklichkeit kurz davor ist, eine Erinnerung in ihrer Entstehung zu beobachten. Seine Reise auslassend, würde es jedoch eine exzentrische Erinnerung sein, eine, die… Er kann den Gedanken nicht zu Ende führen, denn plötzlich ist da ein metallisches Kreischen, gefolgt von einem sachten Schaudern und einem Stoppen, worauf die Türen aufgleiten. Er bemerkt nicht das Gesicht, das sich im Fenster des anderen Zugs spiegelt, vertraut, aber misstrauisch, sich schräg von ihm entfernend. Dennoch versteht er, der Kreis hat sich geschlossen. Dann hört er die Stimme in das blecherne Mikrofon rufen. „Einstei’n!“ Er steigt aus, seine Welt, irgendwie, unwiederbringlich verschoben.

Aus dem Amerikanischen von Paul Berf



© Paul Berf und Aris Fioretos