„Einsteigen!“
Indem er seinen Mund an den klobigen Klotz des Mikrofons setzt,
erteilt der Bahnhofsvorsteher das Kommando in einem wirksamen
Singsang, kühl und vage verhängnisvoll. Um die Pendler
hineinzustoßen, lässt er das harte g des Wortes
aus, wobei er den folgenden Vokal mit der Zungenspitze mit kaum
einem Hauch berührt, sodass sein Kommando statt mit einem
klaren gen, mit einem schwächeren, wenn auch melodiösen
’n endet. Gewöhnlich, obgleich keineswegs
immer, geht der Anweisung ein „Bitte“ voraus. Doch
heute wird Freundlichkeit wie ein Mundvoll Wasser geschluckt.
Ohne sie erhält die Anweisung nicht nur etwas Promptes, sondern
Definitives, geradezu Anklagendes, wie ein Tadel für eine
vertane Chance. Oder schlicht verlorene Zeit.
Er kann die Türen
hinter sich zugleiten hören. Als er sich in dem fast leeren
Wagen hingesetzt hat, blickt er hinaus. Die Glasscheibe verzeichnet
den gängigen Licht-Schmier und wüste Kratzer, gemacht,
wie es scheint, mit einem gereizten Schlüssel. Plötzlich
entdeckt er, hinter die Scheibe verbannt, schief und verschwommen,
sich selbst im Fenster eines anderen Zugs. Eigenartig, denkt er.
Wie wirklich er aussieht. Für einen kurzen Moment hat er
das Gefühl, nicht hier zu sitzen, in diesem Zug, sondern
dort, im anderen. Soweit er es beurteilen kann, besteht der einzige
Unterschied darin, sein Spiegelbild wendet sich auf Grund des
Wechselspiels von Licht und Brechung der entgegengesetzten Richtung
zu. Da ist ein plötzliches Schaudern, dann ein langsames
Ziehen, worauf der Zug, gelassen und gewissenhaft, vorwärts
drängt. Er dreht sich um und lehnt sich vor. Nein. Er ist
nicht mehr, wo er sich verließ.
Eingestiegen in die
Ringbahn am Treptower Park, nicht weit vom alten Observatorium
der Stadt, reist er nun gegen den Uhrzeigersinn. Im Moment sollte
die Sonne irgendwo hinter den Baumwipfeln sein, die sich so friedlich
links über ihm wiegen. Doch wegen der Tageszeit, oder vielleicht
auch der Position des Zugs, oder eventuell der Krümmung der
Schienen, ist es unmöglich, sicher zu sein. Stattdessen denkt
er, müßig hinausblickend, darüber nach, was er
zurückgelassen hat. Was immer es war, womöglich bloß
eine Version der Welt, ist da in ihrem Schlepptau ein Gestöber
aus Grün- und Grautönen, flächiges, metallisches
Schimmern, sowie der gelegentliche Glanz der Lampen im Zuginneren.
Unfreiwillig werden
seine Gedanken durch den Lichtschein in Gang gesetzt, der sich
wie ein flachsfarbener Fleck über die Scheibe ausbreitet.
Während einer Phase seiner Kindheit hatte die Sonne ihn in
ihren Bann gezogen. Wenn er morgens aufstand, galt sein erster
Gedanke, noch während er sich vom Schlafanzug befreite, gewöhnlich
der Frage: Ist sie noch
da? Erst wenn er sich vergewissert hatte, dass jenes schräg
durchs Fenster einfallende Licht anzeigte, die Sonne war in der
Tat ungefähr dort, wo sie in der vorigen Woche gewesen war,
und in der Woche davor, obgleich nicht unbedingt in der davor,
rannte er stets die Treppe hinab, durch den Flur und in den Garten
hinaus, mit ausgetreckten Armen, den Mund aufgerissen, dorthin,
wo die Sonne in diesem Moment auf ihrer Bahn zu sein beliebte.
„Schatz“, hörte er auf einmal eine Stimme hinter
sich, die vom Tisch im smaragdenen Schatten der Buche kam, auf
dem gerade das Frühstück bereitet wurde, „Du weißt
doch, sie ist nicht verschwunden.“
Bei dieser
Ermahnung blieb er jedes Mal schlagartig stehen und spürte,
wie das Vordrängen seines Verlangens durch seinen Körper
taumelte, der noch ungefähr, nicht wirklich wach war. Die
Bewegung kam einen Herzschlag, oder vielleicht auch zwei, nachdem
seine Aufmerksamkeit gestoppt worden war, zum Stillstand. Aufblickend,
verlegen, in solcher Verwirrung zu sein, war er nie in der Lage
zu entscheiden, was er sich mehr wünschte: weiterzulaufen
um die Ecke des Hauses, zur Schieferfläche des Himmels, blau
wie eine Gasflamme, an der die Sonne, wie er annahm, abgeflacht,
noch immer befestigt sein würde, oder zurückzulaufen
zur frischen
Scheibe Brot, die, wie er wusste, auf dem Gartentisch hinter ihm
liegen würde, voll lockeren Teigs, auf den er gerne den sämigen,
glitzernden, gleichsam grenzenlosen Honig tröpfelte, bis
die Brotscheibe so durchtränkt war, dass sie sich, wenn angehoben,
stets bog, langsam aber liebreizend, und ihr weiches Innenleben
wie durch eine Falltür freisetzte. Die Matsche verhielt sich
immer exakt so wie erwartet und landete mit einem satten, klebrigen
Plumps auf seinem Teller. Wie eine kollabierte Sonne. Die Lippen
ansetzend dachte er: materialisiertes Licht.
Woher kam dieser
sonderbare Wunsch sicherzustellen, dass die Sonne noch da war,
über den Himmel ziehend wie eine brennende Blume? Selbst
als Fünf- oder Sechsjähriger musste er gewusst haben,
ihr Verschwinden war eher unwahrscheinlich. Die Beschleunigung
des Zugs spürend, nimmt er an, es hatte mit etwas zu tun,
das ihm erzählt worden war: Um die Erde zu erreichen, muss
das Licht acht Minuten reisen. Acht Minuten… Das hieß,
er würde erst in der Lage sein festzustellen, ob die Sonne
tatsächlich fort war, wenn es, in gewisser Weise, schon zu
spät war. Ihr Verschwinden würde bereits acht Minuten
alt sein, wenn er es beobachtete.
So sehr er sich auch
bemüht, es will ihm nicht gelingen, sich zu erinnern, warum
diese Zeitspanne ihn so tief beunruhigte. Es ist, als wäre
sein Gedächtnis, in diesem Fall, ausradiert worden, beinahe
als Sicherheitsmaßnahme.
Er nimmt an, es hatte mit der beunruhigenden Aussicht zu tun,
dass sich jemand in der Zwischenzeit an der Sonne zu schaffen
gemacht haben könnte. Aber er weiß es nicht mehr. Er
erinnert sich nur, dass er in einem unangenehmen Maße erregt,
buchstäblich außer sich war. Ihm war natürlich
bewusst gewesen, dass er nicht direkt ins Licht starren konnte
bei seinem Versuch, Anzeichen für das bevorstehende Verschwinden
der Sonne auszumachen. Besser gesagt, er wusste, es war zwar nicht
unmöglich, aber wenn er es versuchte, würden seine Augen
an der Sonne kleben wie das Gelbe eines Eis an einer Bratpfanne.
Binnen Sekunden würde ihre gallertartige Masse erstarren,
und er wäre blind. Seither ist Blindheit für ihn ein
weißer Film, überzogen von einem öligen Glanz,
schwach braun und vage schwarz am Rand, wie die ausgefranste Kante
eines gebratenen Eis.
Die Augen schließend,
kann er das sanfte Ziehen des Zugs spüren, der einen weiteren
Bahnsteig verlässt. Er erinnert sich, dass ihm, so lange
er sich Blindheit dergestalt ausgemalt hat, auch folgende Tatsache
Kopfzerbrechen bereitete: Obwohl die Sonne in den acht Minuten
vor seinem Versuch, ihre Existenz zu bestätigen, möglicherweise
verschwunden war, würde er weiterhin erblinden, wenn er in
etwas hineinsah, das letztlich nicht länger mit der Sonne
gleichzusetzen war, sondern
vielmehr mit verwaistem Licht. Als Kind starrte er nie direkt
in das wilde Glühen, obwohl die Versuchung zuweilen fast
unerträglich groß gewesen war. Stattdessen hatte er
stets versucht, ihrem Umriss zu folgen, um den genauen Punkt festzustellen,
oder, treffender, die exakte Grenze zwischen Schmerz und Vision.
Wenn er dies tat, und er tat es instinktiv, nie wirklich denkend,
versicherte er sich, er wusste, wo die Sonne war, obwohl er keine
Gewissheit haben konnte, dass sie noch existierte. So tauchte
sie vor ihm auf: als die Kontur ihres eigenen Ausschlusses.
Wäre es möglich,
fragt er sich nun, als er die Augen öffnet und die Leitungen
bemerkt, die, entlang der Schienen verlaufend, mit nervenhaftem
Flattern das sture Stampfen des Zugs begleiten, sich die Vergangenheit
als eine Art Sonne vorzustellen? Keinesfalls direkt betrachtbar,
eine Energiequelle jenseits unmittelbarer Reichweite, ist sie
verfinstert durch Zeit, dennoch verfügbar in Gestalt ihrer
eigenen Auslassung. Will sagen: als Erinnerung. Ja, nehmen wir
an, die Vergangenheit strahlt aus, grübelt er, plötzlich
durchgerüttelt, nehmen wir an, sie hat Kraft, und nehmen
wir weiterhin an, Erinnerung entspricht Erinnerung nur, so lange
sie diese verzögerte
Energie enthält. Dann wäre der Stoß, den er als
Kind erfahren hatte, als er durch den Garten rannte, bevor er
abrupt stehenblieb, möglicherweise noch in seinem Inneren
gelagert, ein unerfülltes Versprechen. Obwohl seit langem
verschwunden, könnte es nun seinen Körper verlassen,
wie ein seltsamer innerer Druck, der sich durch Knochen und Haut,
durch das Fenster und die Luft, bis hin zur Sonne fortsetzt, wenn
er denn dorthin zu gehen wünschte.
Entsprachen Erinnerungen,
die ausradiert waren, vielleicht solch seltsam verzögerter
Energie? Während dicke Klötze Beton vorbeisausen und
der Zug allmählich wieder langsamer wird, erkennt er, um
dies herauszufinden, würde er seine Aufmerksamkeit auf genau
den Moment richten müssen, in dem das Erlöschen der
Erinnerung eintrifft. Zu bemerken, wie sich eine Erinnerung verschiebt
und fortschwenkt, würde ein wenig sein, als sähe man
eine Gestalt, halb Körper, halb Verschwommenheit, die fortsirrt
wie die Straßenlaterne, die der Zug soeben passiert hat.
Oder eigentlich nicht wie eine Straßenlaterne, überlegt
er, da sie steht, während die Erinnerung in Bewegung sein
würde. Aber ein Zug? Ja, vielleicht ein Zug. Wie der vor
einer Stunde. Oder vielmehr, berichtigt er sich, nicht dieser
Zug, weil auch er offenbar gestanden hatte, sondern ein Zug in
Bewegung, wie der, welcher in diesem Moment, neben seinem eigenen,
in den Bahnhof einfährt, sanft wie ein Schatten.
Als sich die Entfernung
zwischen den beiden Zügen verringert, ist es fast, als würde
er in der Zeit zum Punkt seiner Abreise zurückkehren, sodass
er in Wirklichkeit kurz davor ist, eine Erinnerung in ihrer Entstehung
zu beobachten. Seine Reise auslassend, würde es jedoch eine
exzentrische
Erinnerung sein, eine, die… Er kann den Gedanken nicht zu
Ende führen, denn plötzlich ist da ein metallisches
Kreischen, gefolgt von einem sachten Schaudern und einem Stoppen,
worauf die Türen aufgleiten. Er bemerkt nicht das Gesicht,
das sich im Fenster des anderen Zugs spiegelt, vertraut, aber
misstrauisch, sich schräg von ihm entfernend. Dennoch versteht
er, der Kreis hat sich geschlossen. Dann hört er die Stimme
in das blecherne Mikrofon rufen. „Einstei’n!“
Er steigt aus, seine Welt, irgendwie, unwiederbringlich verschoben.
Aus dem Amerikanischen von Paul Berf
© Paul Berf und Aris Fioretos
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