Mein unterirdischer Donner


Essay
Berliner Morgenpost, 29. Dezember 2000.

In einer Frühlingswoche gegen Ende der siebziger Jahre besuchte ich zum ersten Mal Berlin. Ein Dach über dem Kopf fand ich bei einem entfernten Bekannten, einem griechischen Studenten, der zur Untermiete in Halensee wohnte. Außer dem Sofa, auf dem ich schlief, enthielt mein Zimmer nur noch einen schönen, alten Chiffonier. Mein Bekannter bat mich, mit diesem Möbelstück sorgsam umzugehen: seine Wirtin hatte verlauten lassen, es sei „kostbar und aus Russland“. Ich bezweifelte zwar seine Herkunft, aber es war unschwer zu erkennen, dass es wertvoll war. Am Kostbarsten, dachte ich, mussten dennoch die vielen Geschichten sein, die er nach einem Jahrhundert in der Stadt beherbergen dürfte.
Fast alles hatte sich seit seinen Jugendtagen geändert. Damals waren die Telefonnummern nur halb so lang und man benötigte einen Koffer voller Geld, um einen Laib Brot zu kaufen. Verschwunden waren auch die Pferdedroschken und Litfasssäulen, die Knickerbockerhosen und Bubikopffrisuren. Zwar konnte man immer noch Russisch auf dem Kurfürstendamm hören, die Flaneure lasen aber sicherlich nicht Rul‘, bereiteten sich auch nicht auf eine Heimkehr vor. Allein der milchfarbene Morgenhimmel, die Mehrzahl der Gebäude natürlich und die Bürgersteige, breit wie Landstraßen, waren heute wie damals gleich, ebenso wie das entfernte Geräusch der S-Bahnzüge, rasselnd wie Rosenkränze in den Händen von Hertha, der blonden Beschützerin der Stadt.
In diesen ersten Nächten leisteten mir die Züge Gesellschaft. Ihr fernes Grollen klang wie unterirdischer Donner, die kreischenden Schienen schlugen ihre Art von Blitzen. In Preussen, begriff ich, war das Schattenreich befördert worden. Hier hing es ein paar Meter über der Erde, in Augenhöhe der belle etage aus der Gründerzeit. Jede Großstadt hat ihren eigenen Soundtrack, dies war Berlins. Nachdem ich tagelang in etwas umhergeirrt war, was mehr und mehr einem Labyrinth zu gleichen schien, fand ich das Geräusch beruhigend. Es zeugte von Rücksicht auf einen verwirrten Fremdling: ebenso pünktlich wie verbindlich wiegten mich die scheppernden Züge in den Schlaf. Die Hände im Nacken verschränkt lag ich auf dem Sofa, spekulierte über den Inhalt des Chiffoniers und passte meinen Herzschlag an das fahrplanmäßige Grollen der Züge an. Beim Einschlafen ahnte ich dunkel, dass ich vielleicht den Puls der Stadt gefunden hatte.
Und doch sollten viele Jahre vergehen, ehe ich meiner Sache sicher war. Zu jener Zeit befand ich mich auf der anderen Seite der Erdkugel, in Los Angeles, einer Stadt, in der niemand auf die Idee käme, Lärm zu vermissen. In einem Antiquariat hatte ich eine englische Ausgabe von Maschenka, Vladimir Nabokovs Debutroman, gefunden. Geschrieben 1925, kurz nachdem der Autor Vera Slonim geheiratet hatte, schildert das Buch das Leben der russischen Emigranten in Berlin. Schon nach wenigen Seiten stiße ich auf eine Szene, die Erinnerungen in mir wachrief. Das Fenster im schäbigen Pensionszimmer der Hauptperson „ging auf die Eisenbahnschienen hinaus, so daß ihn der Reiz des Abreisenkönnens keinen Augenblick losließ. Alle fünf Minuten lief ein verhaltenes Dröhnen durch das Haus, dann wogte eine Rauchwolke vor seinem Fenster hoch und löschte das weiße Berliner Tageslicht aus, um langsam wieder zu verfließen, und enthüllte aus neue den Fächer der Eisenbahngleise, der in der Ferne immer schmaler wurde und sich zwischen den schwarzen, abgesäbelten Häuserrücken verlor, und dies unter einem Himmel so bleich wie Mandelmilch.“
In Kalifornien fuhr ein S-Bahnzug von anno dazumal geradewegs in mein Herz. Ich begann, mich nach Berlin zu sehnen, sowohl nach der nervösen Metropole der zwanziger Jahre, als auch nach der unruhigen Baustelle der Gegenwart. Einige Jahre musste ich mich noch mit Nabokovs Büchern begnügen, vor ein einiger Zeit konnte ich aber hierher ziehen. Vielleicht war es gar nicht so verwunderlich, dass ich an den Chiffonnier denken musste, als ich anfing, einen Roman mit einer Berliner Heldin zu schreiben. Die Kapitel würden meine Schubladen werden, die Handlung hoffentlich ebenso intrikat wie ein Intarsienmuster. Natürlich konnte ich unmöglich der Versuchung widerstehen, ein Geheimfach einzubauen. Es trug zwar nicht zu einem tieferen Verständnis des Textes bei, war aber wichtig, um einen Gruß verstecken zu können. Als meine Hauptperson, Vera Grund, an einem Dezembertag 1925 in ihrer Heimatstadt aufbricht, lasse ich sie deshalb auf dem Bahnsteig in Halensee auf zwei bekannte Personen stoßen:

  auf dem Weg zum letzten Wagen des Zuges, der soeben in den nächstgelegenen Bahnhof der Stadtbahn eingefahren war, kollidierte sie mit einer Frau in ihrem Alter, und als jemand aus dem Inneren des grünen Wagens „Vera!“ rief, drehten sich beide Frauen gleichzeitig zu der Stimme um, die das klangvolle r, gefolgt von einem kurzen, atemlosen a, hervorgerollt hatte. Es zeigte sich, daß die Stimme einem eleganten jungen Mann gehörte, auch er gleichaltrig, der einen dunklen Überrock, darunter etwas, das einem englischen Sportpullover glich, sowie ein blutrotes Seidentuch, jedoch keinen Hut trug. Sein offenes Gesicht (dünnes, nach hinten gekämmtes Haar, ein gleichermaßen stolzer wie spöttischer Mund, ein kindlicher Daumenabdruck im Kinn) sah zunächst lächelnd seine Reisegefährtin, dann verwirrt Vera an, kehrte dann mit einer Mischung aus Ungeduld und Verwunderung wieder zu der anderen Frau zurück, die sich nun an ein paar zögerlichen Passagieren vorbei einen Weg bahnte und ihre Hand in seinem Arm einhängte. Ein Ruck ging durch den Wagen, und der Zug setzte sich in Bewegung.

Mein Geheimfach enthielt keine kompromittierende Korrespondenz, keine verblichenen Fotografien oder getrockneten Blumen. Nur den Gruß an einen geschätzten Vorgänger und Führer zu einem gemeinsamen Berlin. Sowie das unterirdische Grollen von einem S-Bahnzug, unterwegs von einem Buch zu einem anderen.

Aus dem Schwedischen von Paul Berf



© Paul Berf und Aris Fioretos