In einer Frühlingswoche
gegen Ende der siebziger Jahre besuchte ich zum ersten Mal Berlin.
Ein Dach über dem Kopf fand ich bei einem entfernten Bekannten,
einem griechischen Studenten, der zur Untermiete in Halensee wohnte.
Außer dem Sofa, auf dem ich schlief, enthielt mein Zimmer
nur noch einen schönen, alten Chiffonier. Mein Bekannter
bat mich, mit diesem Möbelstück sorgsam umzugehen: seine
Wirtin hatte verlauten lassen, es sei „kostbar und aus Russland“.
Ich bezweifelte zwar seine Herkunft, aber es war unschwer zu erkennen,
dass es wertvoll war. Am Kostbarsten, dachte ich, mussten dennoch
die vielen Geschichten sein, die er nach einem Jahrhundert in
der Stadt beherbergen dürfte.
Fast alles hatte
sich seit seinen Jugendtagen geändert. Damals waren die Telefonnummern
nur halb so lang und man benötigte einen Koffer voller Geld,
um einen Laib Brot zu kaufen. Verschwunden waren auch die Pferdedroschken
und Litfasssäulen, die Knickerbockerhosen und Bubikopffrisuren.
Zwar konnte man immer noch Russisch auf dem Kurfürstendamm
hören, die Flaneure lasen aber sicherlich nicht Rul‘,
bereiteten sich auch nicht auf eine Heimkehr vor. Allein der milchfarbene
Morgenhimmel, die Mehrzahl der Gebäude natürlich und
die Bürgersteige, breit wie Landstraßen, waren heute
wie damals gleich, ebenso wie das entfernte Geräusch der
S-Bahnzüge, rasselnd wie Rosenkränze in den Händen
von Hertha, der blonden Beschützerin der Stadt.
In diesen ersten
Nächten leisteten mir die Züge Gesellschaft. Ihr fernes
Grollen klang wie unterirdischer Donner, die kreischenden Schienen
schlugen ihre Art von Blitzen. In Preussen, begriff ich, war das
Schattenreich befördert worden. Hier hing es ein paar Meter
über der Erde, in Augenhöhe der belle etage aus
der Gründerzeit. Jede Großstadt hat ihren eigenen Soundtrack,
dies war Berlins. Nachdem ich tagelang in etwas umhergeirrt war,
was mehr und mehr einem Labyrinth zu gleichen schien, fand ich
das Geräusch beruhigend. Es zeugte von Rücksicht auf
einen verwirrten Fremdling: ebenso pünktlich wie verbindlich
wiegten mich die scheppernden Züge in den Schlaf. Die Hände
im Nacken verschränkt lag ich auf dem Sofa, spekulierte über
den Inhalt des Chiffoniers und passte meinen Herzschlag an das
fahrplanmäßige Grollen der Züge an. Beim Einschlafen
ahnte ich dunkel, dass ich vielleicht den Puls der Stadt gefunden
hatte.
Und doch sollten
viele Jahre vergehen, ehe ich meiner Sache sicher war. Zu jener
Zeit befand ich mich auf der anderen Seite der Erdkugel, in Los
Angeles, einer Stadt, in der niemand auf die Idee käme, Lärm
zu vermissen. In einem Antiquariat hatte ich eine englische Ausgabe
von Maschenka, Vladimir Nabokovs Debutroman, gefunden.
Geschrieben 1925, kurz nachdem der Autor Vera Slonim geheiratet
hatte, schildert das Buch das Leben der russischen Emigranten
in Berlin. Schon nach wenigen Seiten stiße ich auf eine
Szene, die Erinnerungen in mir wachrief. Das Fenster im schäbigen
Pensionszimmer der Hauptperson „ging auf die Eisenbahnschienen
hinaus, so daß ihn der Reiz des Abreisenkönnens keinen
Augenblick losließ. Alle fünf Minuten lief ein verhaltenes
Dröhnen durch das Haus, dann wogte eine Rauchwolke vor seinem
Fenster hoch und löschte das weiße Berliner Tageslicht
aus, um langsam wieder zu verfließen, und enthüllte
aus neue den Fächer der Eisenbahngleise, der in der Ferne
immer schmaler wurde und sich zwischen den schwarzen, abgesäbelten
Häuserrücken verlor, und dies unter einem Himmel so
bleich wie Mandelmilch.“
In Kalifornien fuhr
ein S-Bahnzug von anno dazumal geradewegs in mein Herz. Ich begann,
mich nach Berlin zu sehnen, sowohl nach der nervösen Metropole
der zwanziger Jahre, als auch nach der unruhigen Baustelle der
Gegenwart. Einige Jahre musste ich mich noch mit Nabokovs Büchern
begnügen, vor ein einiger Zeit konnte ich aber hierher ziehen.
Vielleicht war es gar nicht so verwunderlich, dass ich an den
Chiffonnier denken musste, als ich anfing, einen Roman mit einer
Berliner Heldin zu schreiben. Die Kapitel würden meine Schubladen
werden, die Handlung hoffentlich ebenso intrikat wie ein Intarsienmuster.
Natürlich konnte ich unmöglich der Versuchung widerstehen,
ein Geheimfach einzubauen. Es trug zwar nicht zu einem tieferen
Verständnis des Textes bei, war aber wichtig, um einen Gruß
verstecken zu können. Als meine Hauptperson, Vera Grund,
an einem Dezembertag 1925 in ihrer Heimatstadt aufbricht, lasse
ich sie deshalb auf dem Bahnsteig in Halensee auf zwei bekannte
Personen stoßen:
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auf dem Weg zum letzten Wagen des Zuges, der soeben in den
nächstgelegenen Bahnhof der Stadtbahn eingefahren war,
kollidierte sie mit einer Frau in ihrem Alter, und als jemand
aus dem Inneren des grünen Wagens „Vera!“
rief, drehten sich beide Frauen gleichzeitig zu der Stimme
um, die das klangvolle r, gefolgt von einem kurzen,
atemlosen a, hervorgerollt hatte. Es zeigte sich,
daß die Stimme einem eleganten jungen Mann gehörte,
auch er gleichaltrig, der einen dunklen Überrock, darunter
etwas, das einem englischen Sportpullover glich, sowie ein
blutrotes Seidentuch, jedoch keinen Hut trug. Sein offenes
Gesicht (dünnes, nach hinten gekämmtes Haar, ein
gleichermaßen stolzer wie spöttischer Mund, ein
kindlicher Daumenabdruck im Kinn) sah zunächst lächelnd
seine Reisegefährtin, dann verwirrt Vera an, kehrte dann
mit einer Mischung aus Ungeduld und Verwunderung wieder zu
der anderen Frau zurück, die sich nun an ein paar zögerlichen
Passagieren vorbei einen Weg bahnte und ihre Hand in seinem
Arm einhängte. Ein Ruck ging durch den Wagen, und der
Zug setzte sich in Bewegung. |
Mein Geheimfach enthielt keine kompromittierende Korrespondenz,
keine verblichenen Fotografien oder getrockneten Blumen. Nur den
Gruß an einen geschätzten Vorgänger und Führer
zu einem gemeinsamen Berlin. Sowie das unterirdische Grollen von
einem S-Bahnzug, unterwegs von einem Buch zu einem anderen.
Aus dem Schwedischen von Paul Berf
© Paul Berf und Aris Fioretos
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