Nabokovs Bleistift


Essay
„Gutenbergs Welt“,
Westdeutscher Rundfunk,
3. Oktober 2002.


Als ich zum ersten Mal Vladimir Nabokovs späten Roman Transparent Things aus dem Jahre 1972 las, nahm mich eine knapp drei Seiten lange Liebeserklärung an den Bleistift gefangen. Aus früheren Büchern wusste ich, dass Nabokov gerne Verweise auf dieses unscheinbare Werkzeug, mit dem er seine Werke schrieb, in die Texte einschob. Doch diesmal verfiel ich in etwas, das ich erst im Nachhinein als Trancezustand erkannte. Im dritten Kapitel wird geschildert, wie der Held des Buchs Hugh Person, ein linkischer Lektor um die vierzig, sich mit dem „Mittelfach eines Schreibtischs“ in einem schweizer Hotelzimmer abmüht:

  zunächst verweigerte es jegliche Bewegung; dann schoss es als Antwort auf die Gegenkraft eines zufälligen Zerrens (das unvermeidlich von der kumulierten Energie mehrerer Stöße profitierte) hervor und exmittierte einen Bleistift.
Er war keine sechseckige Schönheit aus Virginischem Wacholder oder afrikanischer Zeder, der der Name des Herstellers in Silberfolie aufgeprägt ist, sondern ein sehr schlichter, runder, technisch gesichtsloser alter Bleistift aus billigem Kiefernholz, das schmuddelig lila gefärbt war. Er war zehn Jahre zuvor von einem Tischler verlegt worden, der die Examinierung, geschweige denn die Reparatur des alten Tisches nie zu Ende führen sollte, da er ein Werkzeug holen gegangen war, das er niemals fand. Jetzt kommt der Akt der Aufmerksamkeit.

„Was ist geschehen?“, fragte ich verwundert, als ich nach drei Seiten und einer Ewigkeit aus der Trance herausfiel, in die Nabokov mich versetzt hatte. Es kann nicht die bescheidene Handlung der Szene gewesen sein, die mich packte, ebenso wenig ihre Moral. Mal ehrlich: Wie spannend ist schon ein Bleistift? Und welche Lehren kann der Leser aus ihm ziehen? Als es mir gelang, das Ereignis mit etwas Distanz zu betrachten, erkannte ich, dass es die Liebe des Textes zum Detail gewesen sein musste, die mich so gebannt hatte. Nabokov begnügte sich nicht damit, das Aussehen eines Bleistifts zu beschreiben, sondern schilderte darüber hinaus seine Geschichte – von „Shakespeares Geburtsjahr, als die Graphitmiene entdeckt wurde“, bis zu dem Augenblick, in dem Hugh Person den Stiftstummel aufhebt, den ein Tischler zufällig in seinem Hotelzimmer vergessen hat. Dies war Literatur als Involution: Plötzlich schuf die Schilderung eines scheinbar unansehnlichen Gegenstands eine innere Ausdehnung in der Zeit, in der sich „das gesamte kleine Drama vom kristallisierten Kohlenstoff und der gefällten Kiefer bis zu diesem bescheidenen Schreibgerät, diesem durchsichtigen Ding“ abspielen konnte. Auf diese Weise entstand der seltsame Zustand, durchsichtig und dinghaft zugleich, in den allein Erinnerungen, die von der Sprache sorgsam gehütet worden sind, ihre Leser versetzen. „Ich erfreue mich sinnlich an Zeit“, bekannte Nabokov einmal, „ihrem Stoff und ihrer Ausdehnung, ihrem Faltenwurf, an der Unfühlbarkeit ihrer graufarbenen Gaze, an der Kühle ihres Kontinuums. Ich möchte daraus etwas machen; mich einem Schein von Besitz hingeben.“ Besessen von der Zeit: eine mögliche Definition von Literatur.
Dank Dieter E. Zimmer kostet es seit ein paar Wochen nicht mehr als dreißig Euro, in Trance zu fallen. Er hat Durchsichtige Dinge übersetzt und den Roman soeben zusammen mit Nabokovs letztem Buch, Sieh doch die Harlekine! aus dem Jahre 1974, als Band 12 in der im Rowohlt-Verlag erscheinenden Ausgabe der Gesammelten Werke herausgegeben. Die Handlung des Textes ist banal, beinahe kitschig. Im Mittelpunkt steht Hugh Person, in dessen Namen sich eine diskrete Anrede an den Leser des Romans kaum überhören lässt (zumindest in meinen Ohren klingt Hugh Person dem englischen you person verdächtig ähnlich). Auf einer Zugreise in das erfundene Versex in der Schweiz, wo er mit dem exzentrischen Autor R. ein Manuskript diskutieren soll, begegnet Nabokovs Antiheld einer gewissen Armande Chamar – „schlank, sportlich, tödlich“. Sie teilen sich ein Coupé und es zeigt sich bald, dass die unbekannte Frau zufällig ein Buch liest, das nicht nur in Hughs Verlag erschienen ist, sondern außerdem noch aus der Feder des Schriftstellers, den er gerade besuchen will. Hugh verliebt sich hoffnungslos in Armande und nach einer ganzen Reihe von Demütigungen gelingt es ihm, sie einer Gruppe sonnengebräunter Jünglinge zu entreißen und mit seiner schwierigen Braut nach New York zurückzukehren. Wenige Monate später erdrosselt er sie versehentlich in einem grausamen und absurden Albtraum, in dem er versucht sie vor einer Feuersbrunst zu retten.
Aber eigentlich ist es nicht das, wovon Nabokovs Roman handelt. Seine wirklichen Themen sind vielmehr Erinnerung, Leidenschaft und Aufmerksamkeit – oder exakter: die sanften, gleichsam hypnotischen Pulsschläge, die vernehmbar werden, als Hugh den Bleistiftstummel aufhebt, und die andeuten, dass die Literatur den Geheimnissen der Zeit auf der Spur ist. „Wenn wir uns auf einen materiellen Gegenstand konzentrieren“, heißt es zu Anfang des Buchs, „wo auch immer er sich befindet, so kann der bloße Akt der Aufmerksamkeit dazu führen, dass wir unwillkürlich in die Geschichte dieses Gegenstands versinken. Novizen müssen lernen, über die Materie dahinzugleiten, wollen sie, dass die Materie genau auf der Höhe des Augenblicks bleibt“. Und einige Abschnitte später: „Ein dünnes Furnier unmittelbarer Realität ist über die natürliche und künstliche Materie gebreitet, und wer in der Gegenwart, bei der Gegenwart, auf der Gegenwart zu bleiben wünscht, der sollte ihre Spannungsschicht besser nicht beschädigen. Sonst nämlich wird der unerfahrene Wundermann feststellen, dass er nicht länger auf dem Wasser wandelt, sondern aufrecht inmitten starrender Fische versinkt“.
Kann man die Literatur als einen Versuch sehen, auf dem Wasser zu wandeln? Nabokov ging es um nichts Geringeres. In Durchsichtige Dinge schimmern so viele Ebenen aus Zeit, so viele Schichten aus Taum, Ahnung und Gefühl, dass der Text, trotz seines alles andere als spärlichen Aufgebots an Katastrophen, nur als glücklich betrachtet werden kann. Wie kaum ein anderer beherrschte sein Autor die Kunst, auf dem Wasser zu wandeln. Und wie alle Wundertäter wusste er, dass wirkliche Literatur ihre Leser weder in die unergründlichen Tiefen der Vergangenheit transportiert, noch in die sauerstoffarmen Räume der Zukunft emporschickt, sondern immer zu der einzigen, dünnen, aber vielschichtigen Dimension zurückführt, die etwas zu bedeuten hat: dem Jetzt.
Doch wie kann man dieses eigentümliche Jetzt einfangen, ohne gleichzeitig verloren zu gehen? Indem man es in Schrift wieder auferstehen lässt. Möglicherweise ist die Erinnerung an ein solches Jetzt – „auf der Höhe des Augenblicks“ – das wahre Geschenk des Zauberers Nabokov an den Leser. Und der Bleistift? Er muss sein Zauberstab sein.

Aus dem Schwedischen von Paul Berf



© Paul Berf
und Aris Fioretos