Nachher schlief sie
immer leicht und traumlos, als wäre sie aus Luft. Er lag
zumeist hinter ihr, ein weiches, massives Volumen mit einem Arm
um ihre Taille und dem Mund warm im Nacken. Dieser Nachmittag
auf dem Sofa aus Kunstleder bildete da keine Ausnahme. Doch aus
irgendeinem Grund konnte sie die Augen nicht schließen.
Wie üblich hatten
sie sich nach dem Mittagessen getroffen. Inzwischen waren einige
Stunden vergangen und die Sonne verschwand allmählich hinter
dem Gewirr aus Fernsehantennen auf dem Nachbarhaus. Der Tag war
auf dem Weg ins laue Halbdunkel, das ihrethalben ewig währen
durfte. Die weißen Florgardinen bewegten sich träge
und schwer, als atmete ein stiller Gott hinter ihnen. Doch der
Körper wollte nicht leicht werden, die Gedanken sich nicht
in Luft auflösen. Sie neigte den Kopf und betrachtete das
kleine braune Loch, das eine seiner unvorsichtigen Zigaretten
in die Gardine gebrannt hatte. Ein ausgefranster Lichtstrahl fiel
hindurch, eine keimende Verwirrung in der perfekten Stille des
Staubs. Ihre Haare, vor Stunden toupiert und gesprayt, waren verschwitzt,
und sie spürte, dass sie durch die Feuchtigkeit ihre Form
verloren hatten. Noch war er in ihr, glatt und geschmeidig, wie
ein Segen. Aber sie wusste, schon bald musste sie sich an ihn
pressen, wenn sie sicher bleiben wollte.
„Setzen Sie
sich“, hatte er bei ihrer Einstellung vor einem halben Jahr
gesagt, mit der unvermeidlichen Zigarette gewedelt und sich auf
seinen Stuhl zurücksinken lassen, während die Rauchkringel
letzte ungeduldige Wirbel beschrieben. Sein Hemd war weiß
und gestärkt gewesen und der Schlips – ein schwarzer,
ausgerollter Schnürsenkel – hatte im Flattern des knarrenden
Ventilators gezittert. Anschließend war er mit der Hand
durch die zurückgekämmten Haare gefahren und hatte seine
Zähne entblößt. Sie war zählend beim dritten
Goldzahn angelangt, ehe sie mit sich wettete: ‚Zwei Wochen.
Dann liegen wir da.‘
Es dauerte vier Tage
und beim ersten Mal standen sie. Kurz vor dem Mittagessen hatte
er die übrigen Angestellten nach Hause geschickt und bei
dem Büro angeklopft, in dem sie hinter einem Aktenberg saß.
Während er die kleinen Tassen mit erstarrtem Kaffeesatz einsammelte,
hatte er gesagt, später würden ein paar Freunde kommen
(man spielte einmal in der Woche Karten), und hinzugefügt,
sie könne gehen, sobald sie mit den Frachtbriefen des Vormonats
fertig sei. Doch statt nun selber zu gehen, hatte er die Tassen
abgestellt und die schwere Uhr herabgeschüttelt, indem er
die erhobene Hand drehte, als hätte er Engel aus der Neonröhre
an der Decke herabrufen wollen. „Kommen Sie“, hatte
er gesagt und seine Zigarette so hastig ausgedrückt, dass
sie in der Mitte brach. „Vielleicht gibt es etwas Passendes
für das Wochenende.“ Es war kurz vor Pfingsten gewesen
und als sie ihm ins Lager gefolgt war, begriff sie, ihre Wette
hatte sie verloren.
Das erste Mal war
kurz und nicht sonderlich zärtlich gewesen, eine Verblüffung
lang. Sie hatte sich mit dem Rücken gegen einen der Kleiderständer
gelehnt, sich an zwei dünnen Bügeln fest gehalten und
versucht, ihm mit Strumpfhose und Slip an den Knöcheln zu
begegnen. Als sie nachher ihren Rock glatt strich, war er bereits
damit beschäftigt gewesen, die Kleidungsstücke aufzusammeln,
die heruntergefallen waren. Er hatte die Hemden über die
Kleiderstange gelegt und ohne sie anzusehen erklärt, sie
könne sich eine der Rayonblusen nehmen. Anschließend
hatte er sich eine neue Zigarette angesteckt, war sich mit der
Zunge über seine Goldzähne gefahren und hatte gefragt,
ob sie sich nicht ein wenig besser kennen lernen könnten.
Um Zeit zu gewinnen hatte sie versucht, die Bügel wieder
gerade zu biegen. Als sie das krumme Resultat hochhielt, mussten
sie beide lachen, und in dem Moment hatte sie verstanden, dass
sie gegen seinen Vorschlag nichts einzuwenden hatte.
Beim zweiten Mal
hatte er gesessen, beim dritten Mal auch, aber vom vierten Mal
an hatten sie beide gelegen. Einen Monat später konnte sie
sich ein Leben ohne ihre Nachmittage eine Etage höher nicht
mehr vorstellen. Der Lauf der Sonne hinter den Gardinen, die atmeten,
die Ikone mit dem rußigen Docht in einem Trinkglas mit Öl
und das Foto von einem der Obristen an der gegenüberliegenden
Wand, das als Pfeilzielscheibe benutzt worden war, dann der Stuhl,
den er stets vor die Tür stellte … Ihre Welt bestand
aus vier Wänden, war jedoch weiter als jeder Himmel.
Auf der zweiten Herbstreise
in den Norden – mit jeder Kollektion, die sie verkaufen
konnten, war er immer großzügiger geworden, während
sie immer weniger gegessen hatte – breitete er die Arme
aus und meinte, es sei an der Zeit, etwas an der „Situation“
zu verändern. Anfangs hatte sie ihn missverstanden, doch
als sie erkannte, was er meinte, hatte sie gespürt, wie sich
Wärme in Leisten und Achseln ausbreitete; ihr Herz war vor
Freude fast wild geworden. Am Abend hatte er mehrere Telefonate
geführt. Als sie sich vor dem Spiegel zurechtmachte, hatte
er jedoch angeklopft, sich auf den Rand der Badewanne gesetzt
und mit harten, schwarzen Augen gesagt, wie schwierig alles war.
Sie hatten sich geliebt, schweigend und erbärmlich, und als
sie am folgenden Morgen aufwachte, tat ihr der ganze Körper
weh. Sie nahm den 12-Uhr-Zug nach Hause.
Als er einige Tage
später zurückkehrte, waren sie stillschweigend dazu
übergegangen, sich einmal in der Woche zu treffen, immer
donnerstags, und sie hätte diese Begegnungen als eine Art
Sitzung betrachtet, wenn er nicht darauf beharrt hätte, über
die Zukunft sprechen zu wollen. Jedes Mal hatte sie einen tapferen
Finger auf seine Lippen gepresst, als wollte sie sagen, Worte
seien nicht nötig, was ihn in einen hungrigen Mund und unerwartete
Händen verwandelt hatte. Am Ende war in ihr dennoch etwas
gestorben. Alles ging in ihn, nichts kehrte mehr zu ihr zurück.
Als sie an diesem späten Nachmittag im November 1972 nicht
einschlafen konnte, begriff sie, dass sie sich schon entschieden
hatte.
„Weißt
du“, sagte sie, unerwartet laut, während sie den trägen
Staub betrachtete, der in den Lichtstrahlen rotierte. Eine Weile
hatte sie versucht, mit dem Blick einem bestimmten Partikel zu
folgen – still, fast lethargisch hatte er sich aus dem Licht
bewegt, in die grobe Dunkelheit hinein. Als sie ihn nun aus den
Augen verlor, drehte sie sich auf dem jammernden Sofa um und stieß
ihn in die Seite. „Weißt du“, sagte sie und
senkte die Stimme, „ich kann so nicht …“ Schlief
er etwa wirklich? Erneut versetzte sie ihm einen Stoß –
diesmal etwas unsanfter, so dass man das Kreuz durch die gekräuselten
Haare auf seiner Brust leise rascheln hörte. „Ich kann
so nicht weitermachen, habe ich gesagt. Und im Übrigen …“
Es dauerte ein paar
Augenblicke, bis sie verstand, dass er nicht die Absicht hatte
zu antworten, weitere, bis sie erkannte, dass er aufgehört
hatte zu atmen. Eine halbe Stunde später erklärten die
Rettungssanitäter, Stavros Fioretos, 48 Jahre alt und Kleiderfabrikant
aus Athen, sei an einem Herzinfarkt gestorben.
Aus dem Schwedischen von Paul Berf
© Paul Berf und Aris
Fioretos
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