Das Maß eines Fußes


Essays
Originatitel: Vidden av en fot
Übersetzt von Paul Berf
München: Carl Hanser Verlag, 2008,
368 Seiten mit zahlreichen Abbildungen
ISBN: 3-446-23056-4



 

Wappenzeichen

 

In den Teppich, der in seinem Zimmer vor dem Bett lag, waren zwei Initialien eingestickt: A. Einst waren es die seines Großvaters gewesen; nach Art des fahrenden Volks bildeten sie seit geraumer Zeit seine eigenen. Die Buchstaben waren alles, was er sehen musste, wenn er mit dem Kinn zur Bettkante gewandt lag, um zu wissen, dass er einem Nomadenvolk entstammte. Erinnerte der eine nicht an ein Zelt, während der andere aussah wie ein Indianer mit den Händen in den Taschen? Zwar war der linke Buchstabe der Ausgangspunkt von allem, der Anfang, der das Tor zu einer womöglich reicheren, verwirrenderen Welt öffnete. Aber eigentlich interessierte ihn der rechte mehr. Seiner Form nach erinnerte ihn das Zeichen an einen auf einen Souvlakistab gespießten Globus. Wer wollte, konnte es als zwei Zeichen in einem betrachten, sowohl I als auch O, was die Ombudsmänner in Erinnerung rief, mit denen er einige Jahre zuvor gespielt hatte. Ganz gleich, wie er sich aufs Bett legte, mit dem Kopf nach oben oder unten, der Buchstabe sah immer unverändert aus: zugleich einfach und doppelt, zerbrechlich und unerschütterlich. Das entschied die Sache: Es handelte sich um eine Amphore.
Vielleicht war es nicht weiter verwunderlich, dass er ihn zu seinem Wappenzeichen ernannte. Er zeichnete es auf beschlagenes Glas, in den Sand am Strand und manchmal mit einem Kugelschreiber auf den Unterarm. Der Kreis stand für Vollendung, der Strich für Endlichkeit. Wenn er sich an die Brust schlug, wusste er, wo der Buchstabe in Wahrheit zu Hause war: drei Zentimeter unter der Haut. Dort pumpten zwei Kammern kostbare Flüssigkeit durch die Spitzen oben und unten – hinein und hinaus, in einem ewigen Kreislauf, der gleichwohl eines Tages enden würde. Der flüssige Stoff trennte und vereinte ihn mit den übrigen Familienmitgliedern, und jedesmal, wenn er sich schlug oder schnitt, begriff er, genau das war der Körper: ein Behälter. Die Bestätigung erhielt er etwa ein Jahr, nachdem er auch auf Griechisch lesen gelernt hatte. Damals machte die Mutter ein Foto auf der Veranda ihres Hauses. Vor ihr posierten ihre „drei Kerle“, wie sie noch ein paar Monate sagen würde, bis die Familie Zuwachs bekam. Bekleidet mit Seemannsrock und Schiffermütze, weißem T-Shirt, einer brandneuen, umgeschlagenen Jeans und den einzigen Turnschuhen, die er jemals besessen hatte, so weiß wie Schnee, stand der Vater in der Mitte wie eine Kreuzung aus Reeder und Hafenganove. Er reckte dem Betrachter eine Faust entgegen, verbarg die andere an der Seite und gab sein Bestes, um die Rolle ernst zu nehmen. Rechts und links flankierten ihn die Söhne. Beide waren mit Jeans und dunkelblauen Rollkragenpullovern bekleidet. Auf dem Kopf trugen sie Matrosenmützen, die eher an Kuchenformen aus Stoff erinnerten. Durch das Panoramafenster erblickte die Mutter – und später der Betrachter des Fotos – den See, graublau und frühlingshaft, ehe er in Höhe der mittleren Fensterquersprosse in einen milchweißen Himmel überging. Dies waren die Beschützer des Paradieses.
Als der Film entwickelt worden war und sie das Porträt betrachteten, lachten alle, auch er selbst. Der Bruder hatte die gleiche Stellung eingenommen wie sein Vater, die rechte Faust und den rechten Fuß erhoben, und eine Miene anzulegen versucht, die keinerlei Einwände duldete. Gemeinsam schienen sie die Lage unter Kontrolle zu haben. Er selber hatte die Mütze auf Matrosenart angewinkelt und sich sogar ein Lächeln gestattet. Seine Füße steckten in Mokasins – Zeichen dafür, dass er Indianer war und eigentlich festen Boden bevorzugte. Wegen des Verandatischs hatte die Mutter ihre drei Männer nicht frontal ablichten können, weshalb sie nun leicht angewinkelt zum Universum standen.
Trotz dieser Dokumentation eines der ersten Frühlingstage des Jahres 1966 wusste er, die Aufnahme sagte nicht die Wahrheit. Wenn es in der Familie jemanden gab, der gewohnt war, die Fäuste zu ballen, dann war dies weder der Bruder noch der Vater. Empfand er deshalb solches Glück, als er das Bild betrachtete? Hatte er für einen kurzen Moment die Wirklichkeit überlistet? Er vermochte es nicht zu sagen. Unschwer erkennen ließ sich jedoch, dass die drohende Erscheinung des Vaters eine Pose war und der Bruder nur sein Bestes gab, um dem Beispiel des Vaters zu folgen. Oder dass er selbst, verbindlich dem Kameraauge zugewandt und mit den Händen in den Taschen, am ehesten an ein erinnerte.